34.1 Im Frieden versteckt sich der Krieg?

Wie dünn ist die Fassade der Zivilisation?

Wie dünn ist die Fassade der Zivilisation?

Wer kann sich schon vorstellen, dass bald ein wirklicher Krieg ausbricht, wenn man mitten im Frieden lebt? Historiker legen immer genau Daten fest, zu denen ein Krieg begann. Meistens nennen sie dann den Tag der Kriegserklärung oder eines militärischen Überfalls.
Ich frage mich aber, wie eine ganze Gesellschaft dann auf einmal in den Kriegszustand kommt. Da müssen doch viele Dinge schon vorher passieren: Menschen müssen doch bereit sein, einen Krieg mitzumachen. Und wie schnell kann man denn Armeen ausrüsten und losmarschieren lassen?
Im folgenden Kapitel gehe ich einigen Hintergründen des Ersten Weltkriegs nach, weil ich glaube, dass ein Krieg immer schon in der Zeit des Friedens beginnt. Wie ich das meine? Lies das folgende Kapitel und versuche, Hintergründe für den Kriegsausbruch zu finden.

1. Schneller Fortschritt und großes Wirtschaftswachstum – bereitet sich dadurch ein Krieg vor?

Werbelithografie für die Internationale Elektrotechnische Ausstellung in Frankfurt am Main, 1891

Lauffen-Frankfurt 1891d.jpg
Stand: 26.07.2016
PD

Nach seiner Gründung im Jahr 1871 hatte sich das Deutsche Kaiserreich stürmisch entwickelt. Der Glaube an immer neue Fabriken und Produkte beherrschte die Zeit: Das Eisenbahnnetz wuchs unaufhörlich, Telegraphenleitungen verbanden das ganze Land. Neben der Eisen- und Stahlproduktion entwickelte sich auch der Maschinenbau, die chemische Industrie entstand. Nach 1900 begann man, das Land zu elektrifizieren. Die Städte wurden zu Zentren der Gesellschaft. Hunderttausende Menschen lebten und arbeiteten in ihnen. Sie alle wollten am Fortschritt teilhaben, besser wohnen und Besitz erwerben. Auch die Gesamtbevölkerungszahl stieg immer weiter. Im Deutschen Reich lebten 1910 ein Viertel mehr Menschen als zur Zeit der Reichsgründung im Jahr 1871. Unmittelbar vor dem Ersten Weltkriegs waren mehr als 13 Millionen Menschen in den neuen Wirtschaftszweigen beschäftigt: Sie arbeiteten zum Beispiel als Arbeiter, Verwaltungsangestellte und Beamte – bei den neuen Verkehrsunternehmen, in Fabriken, bei der Post, bei Banken und Versicherungen, den Zeitungen oder auch im Gastgewerbe.

Diagramm 1: Bevölkerungswachstum im Ruhrgebiet

Wachstum der Industrieproduktion: immer mehr Stahl von Krupp

Galerie: Krupp um 1900

KruppWerkstatt1900.jpg
Stand: 26.07.2016
PD

Die Firma Krupp aus Essen hatte sich im Laufe des 19. Jahrhunderts zu einem der größten deutschen Industrieunternehmen entwickelt: Sie produzierte Eisen und Stahl und verarbeitete diese Rohprodukte weiter. Ihre Warenpalette reichte dabei von mechanischen Werkzeugen bis zu großen Panzerplatten für den Kriegsschiffbau.
Seit 1893 plante der Firmenchef Friedrich Alfred Krupp den Bau eines weiteren großen Hüttenwerks. Es entstand in Duisburg-Rheinhausen. Bis 1913 wurden 10 Hochöfen zur Rohstahlherstellung errichtet, dazu Anlagen zur Stahlproduktion, ein Walzwerk sowie Anlagen zur Weiterverarbeitung. Das Betriebsgelände hatte eine Größe von fast 400 Hektar. Bis kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs wurde fast das Vierfache der ursprünglich geplanten Stahlmenge produziert. 1913 waren es 1,138 Mio. Tonnen. Rheinhausen war schließlich das größte Stahlwerk Europas.
Der Bau von Stahlwerken ist sehr teuer. Gewinne müssen daher langfristig geplant werden. Die Firma Krupp stellte bald so viel Stahl her, dass neue Produkte und Märkte gefunden werden mussten, um diesen Stahl verkaufen zu können. Die Firma Krupp pflegte wie viele andere große Industrieunternehmen Kontakte zur Reichsregierung, um ihre Interessen durchsetzen zu können. Aus ihrer Sicht war die Ausweitung der Rüstung eine Möglichkeit, Stahl zu verkaufen. Der zunehmenden Aggressivität des Kaiserreichs traten die Stahlproduzenten daher nicht entgegen. Und durch den Bau großer Schiffe für die deutsche Kriegsmarine verdienten sie viel Geld. Die Panzerplatten für Schlachtschiffe waren schwer, aber recht einfach herzustellen. Sie erbrachten leichte und große Gewinne.

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Galerie: Mit Rüstungsprodukten verdiente die Firma Krupp sehr viel Geld.
Basierend auf: Lothar Gall, Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums, Berlin 2000, S. 270/71.

Stand: 15.07.2014
IDL

Aufgabe 1

  1. Sieh dir die Grafiken in der Bildergalerie an. 
  2. Beschreibe und beurteile die Entwicklung der Firma Krupp vor dem Ersten Weltkrieg.
  3. Sieh dir die Erlöse der Firma Krupp genauer an und versetze dich in die Lage der Firmenchefs. Welchen Produktionsbereich hättest du ausgebaut? 

Tabelle 1: Kriegsgewinne deutscher Firmen

Die folgende Tabelle gibt die Dividenden (= Gewinne) auf die Aktien der Firmen an. Die Angaben erfolgen in Prozent.

Industrie insgesamtEisen- und Stahlindustriechemische Industrie
1913/147,968,335,94
1914/155,005,695,43
1915/165,9010,009,69
1916/176,5214,5811,81
1917/185,419,6010,88

Beispielrechnung:
Wenn jemand 100 Aktien von Firmen der Eisen- und Stahlindustrie im Wert von 1.000 Reichsmark besitzt, so erhält er im Jahr 1915/16 eine Gewinnausschüttung von 10 % auf diese Aktien. Er hat also nunmehr 1.100 Reichsmark.

Zusammengestellt aus: Lothar Gall, Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums, Berlin 2000, S. 269 und Mommsen, Wolfgang J., Bürgerstolz und Weltmachtstreben. Deutschland unter Wilhelm II. 1890 bis 1918., Berlin 1995.

Darstellung 1

Die Verbindung von wirtschaftlicher Macht und Politik: Ein Historiker urteilt über Friedrich Alfred Krupp (1854 – 1902).

[Es ging um] den Zusammenhang von Flottenrüstung, Weltpolitik, Erhaltung des innenpolitischen Status quo und Sicherung der Konjunktur. […]
Friedrich Alfred Krupp verband die Interessen des Unternehmens stärker als je zuvor mit einer bestimmten Politik und einer bestimmten politischen Richtung und brachte sie in immer größere Abhängigkeit von dieser. Friedrich Alfred Krupp verstand sich in diesem Sinne in zunehmendem Maße als einer der Paladine des Kaisers […].

Status quo: Beibehaltung eines bestehenden Zustands
Paladine: Ritter, hier: treu ergebener Mann

Lothar Gall, Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums, Berlin 2000, S. 269.

Darstellung 2

Die Firmenstrategie Friedrich Alfred Krupps nach 1887

Und er war mehr denn je entschlossen, […] auf dem bisherigen Weg ständiger Expansion mit vollem Risiko weiterzuschreiten. Dieser Weg hatte die innere mit der äußeren Expansion des Unternehmens verbunden, war mit gewaltigen finanziellen Aufwendungen und Investitionen verbunden und führte zu einem starken Anwachsen der Zahl der Arbeiter und Angestellten der Firma. […]
Ab 1895 wurde auf der linken Rheinseite gegenüber von Duisburg, in der Nähe eines unbedeutenden Dorfes mit dem Namen Rheinhausen, ein direkt am Wasser gelegener gewaltiger Grundstückskomplex von über eintausend Morgen erworben, auf dem schon bald mit dem Bau ausgedehnter Werksanlagen begonnen wurde. 1897 wurden im Zeichen einer nun mächtig einsetzenden neuen Konjunkturwelle die ersten beiden von fünf geplanten Hochöfen in Betrieb genommen, ein Jahr später der dritte mit einer Tageskapazität von je rund 200 Tonnen, was einer maximalen Jahresproduktion von 180.000 Tonnen entsprach.

Expansion: Ausdehnung, Ausweitung
Investitionen: Einsatz von Geld oder anderen Gütern
Morgen:
 Bis 1900 verwendetes Flächenmaß (etwa 2500 bis 3500 m2)
Konjunkturwelle: Wirtschaftsaufschwung
Hochöfen: technische Anlagen zur Herstellung von Roheisen

Lothar Gall, Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums, Berlin 2000, S. 255f., 262, 269.

Quelle 1

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. (1859–1941 ) über seine politischen Pläne

Zu Großem sind wir noch bestimmt, und herrlichen Tagen führe ich Euch noch entgegen.

Peter Köhler, Die besten Zitate der Politiker: Mehr als 1.000 prägnante Sprüche. Geistreich und kurios. Hannover, 2008, S. 176.

Quelle 2

Kaiser Wilhelm II. über die Notwendigkeit einer deutschen Kriegsflotte (1908).

Deutschland ist ein junges und wachsendes Reich. Es hat einen weltweiten, sich rasch ausbreitenden Welthandel. Ein berechtigter Ehrgeiz verbietet es allen vaterländisch denkenden Deutschen, diesem irgendwelche Grenzen zu setzen. Deutschland muß eine machtvolle Flotte haben, um seinen Handel und seine mannigfachen Interessen auch in den fernsten Meeren zu beschützen. Es erwartet, daß diese Interessen wachsen, und es muß fähig sein, sie machtvoll in jedem Viertel des Erdballs zu schützen. Deutschland blickt vorwärts, sein Horizont erstreckt sich weit, es muß gerüstet sein für alle Möglichkeiten [...].

Die Große Politik der Europäischen Kabinette 1871-1914. Sammlung der Diplomatischen Akten des Auswärtigen Amtes, im Auftrage des Auswärtigen Amtes herausgegeben von Johann Lepsius, Albrecht Mendelssohn Bartholdy und Friedrich Thimme, Bd. 24: Deutschland und die Westmächte 1907-1908, Nr. 8251, Anlage, S. 170-174

Aufgabe 2

  1. Beschreibe die Verbindung zwischen der Firma Krupp und der Politik des Kaisers. Beziehe dabei alle vier Darstellungs- und Quellentexte über dieser Aufgabe mit ein.
  2. Äußere dich zu folgender Behauptung: "Firmen wie Krupp sind schuld am Ersten Weltkrieg."
  3. Äußere dich zu folgender Forderung: "Rüstungsfirmen müssen verboten werden, denn sie stellen immer eine Bedrohung für den Frieden dar."

2. Steckt der Krieg nach außen in den inneren Spannungen der Gesellschaft?

Galerie: Streiks
Mihály Munkácsy
Sztrájk (Streik)
Stand: 26.07.2016
PD

In den Ländern Europas herrschte vor dem Ersten Weltkrieg keineswegs Frieden. Wenn Länder sich nicht in einem Krieg gegen andere Länder befinden, bedeutet das ja noch nicht, dass das Leben in diesen Ländern friedlich ist.
Der Kampf der Arbeiter um höhere Löhne, bessere Arbeitsbedingungen und ein besseres Leben war ein großer gesellschaftlicher Konflikt. In Deutschland gab es daher immer wieder große Streiks. Der Bergarbeiterstreik von 1889 war der erste organisierte Massenstreik des Ruhrgebiets. Fast 100.000 Arbeiter befanden sich schließlich im Arbeitskampf. 1905 und 1912 folgten weitere Arbeitsniederlegungen. Auch aus politischen Gründen wurde gestreikt: 1906 protestierten in Hamburg rund 80.000 Arbeiter gegen die Einschränkung ihres Wahlrechts.
Die SPD wurde zu einer starken Partei, der sich viele einfache Arbeiter und Angestellte anschlossen. Sie trat für eine reformierte Gesellschaft ein, in der der erwirtschaftetet Gewinn auch gerecht an alle Menschen verteilt werden sollte. Die Sozialdemokraten kämpften für eine demokratische Gesellschaft gleichberechtigter Bürger. Das hätte aber die Macht des Adels und der reichen Fabrikbesitzer bedroht. Diese lehnten solche Forderungen folglich ab. Sie hatten Angst vor der steigenden Macht von SPD und Gewerkschaften. Während des Bergarbeiterstreiks von 1912 verlangte Kaiser Wilhelm II. von seinem Innenminister, dass er mit Gewalt gegen Streikende vorgehen sollte: "Scharfschießen!" Vier Arbeiter kamen schließlich bei Zusammenstößen mit Militär und Polizei ums Leben, Tausende wurden verhaftet und vor Gericht gestellt.
Für die zunehmenden Konflikte innerhalb der Gesellschaft musste eine Lösung gefunden werden. Die deutschen Machthaber betrieben eine aggressive Politik gegen andere Länder und wollten Kolonien erobern. Die unzufriedenen Menschen sollten gegen andere Länder aufgehetzt werden, statt daheim für ihre Ziele zu kämpfen.

Darstellung 3

Streiks zeigen den Unfrieden in der Industriegesellschaft.

In der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg traten in den europäischen Staaten immer mehr Arbeiterinnen und Arbeiter in den Streik. Etwa 1 Million Arbeitende waren in den Jahren von 1896 bis 1904 in Deutschland an Arbeitsniederlegungen beteiligt, zwischen 1905 und 1914 waren es schon über zwei Millionen. Dabei kam es auch oft zu Gewalt, wenn zum Beispiel streikende Arbeiter ausgesperrt (entlassen) wurden und die Polizei versuchte, die Streiks zu beenden.
So streikten 1903 in der sächsischen Industriestadt Crimmitschau etwa 8.000 Textilarbeiter für kürzere Arbeitszeiten und Lohnerhöhungen. Mehr als 50 % der Streikenden waren Frauen. Die Behörden verhängten den sogenannten kleinen Belagerungszustand. Streikposten wurden verhaftet, Versammlungen verboten. Nach mehreren Wochen endete der Streik ohne Erfolg. Die öffentliche Meinung aber war für die Streikenden. Solche Arbeitskämpfe führten oft zu einer Spaltung der Gesellschaft: in diejenigen, die für die Streikenden Partei ergriffen und jene, die gegen sie waren.

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Tabelle 2: Das Erstarken der SPD in den Reichstagswahlen zwischen 1871 und 1912

Jahrabsolute StimmenzahlStimmenanteil
1871101.9273,2%
1874351.6706,8%
1877493.4479,1%
1878437.1587,6%
1881311.9616,1%
1884549,9909,7%
1887763.12810,1%
18901.427.29819,8%
18931.786.73823,3%
18982.107.07627,2%
19033.010.77131,7%
19073.259.02028,9%
19124.250.39934,8%

Aufgabe 3

  1. Manche Historiker behaupten, Deutschland habe bis 1914 so viele innenpolitische und gesellschaftliche Probleme angehäuft, dass die Politiker einen großen Krieg als Lösung aller Probleme ansahen und ihn deshalb anstrebten.
    • Sammle im obigen Text Argumente für eine solche Behauptung.
    • Finde in den anderen Autorentexten und Quellen Argumente gegen eine solche Behauptung.
    • Erläutere beide Sichtweisen deinen Mitschülern in einem Kurzvortrag.
  2. Erarbeite eine eigene Definition der Begriffe Gewalt und Krieg und notiere diese in dein mBook.

3. Steckt in großen Museen und Theatern der Krieg?

Galerie: Vor dem Weltkrieg werden überall pompöse Theater gebaut

In den modernen Gesellschaften der Zeit um 1900 begann eine Zweiteilung des täglichen Lebens der Menschen: Die meiste Zeit des Tages arbeiteten sie, die restliche Zeit konnten sie jedoch als Freizeit nutzen. Da die Arbeitszeiten langsam zurückgingen und die Löhne stiegen, konnten immer mehr Menschen in den Städten Geld für Unterhaltung ausgeben.
So gab es in vielen Ländern Europas einen großen Museums- und Theaterboom. In den Städten wurden große Theaterhäuser gebaut. In Köln eröffnete 1902 ein neues Schauspielhaus, das mehr als 1.800 Menschen Platz bot und fast 4 Millionen Reichsmark gekostet hatte – damals eine ungeheure Summe. 
Mit großen Theatern, Museen und anderen prunkvollen Bauten wollten die reichen und mächtigen Bürger in den europäischen Ländern zeigen, dass sie zu bedeutenden kulturellen Leistungen in der Lage waren. Das war für sie ein Symbol für ihrer Fortschrittlichkeit. Sie verglichen sehr oft ihre Kultur mit der anderer Länder und suchten nach Belegen für ihre eigene Überlegenheit. Diese 'kulturelle Konkurrenz' wurde immer aggressiver: Es ging nicht mehr nur darum, die Kunst zu genießen, sondern zu zeigen, wer die 'beste' Kunst hatte. 

Darstellung 4

Die Menschen haben mehr Freizeit und suchen nach Entspannung und Unterhaltung.

Vom Rückgang der wöchentlichen Arbeitszeit – sie sank von 72 Stunden 1872 auf 57 Stunden im Jahr 1913 – profitierte nicht nur das Vereinswesen. Tanzvergnügungen, Varietés und das Schaustellerwesen entwickelten sich explosionsartig. Es ging um Abwechslung, Ablenkung und Zerstreuung. Der Belehrungs- und Bildungsaspekt der bürgerlichen und politischen Arbeiterkultur fehlte hier ganz. Kirmes und Vergnügungsparks boten mit Karussells und allgegenwärtiger Musik ein grelles Sinnerlebnis und damit einen Gegenpol zum Arbeitsalltag.

Frank Kerner, Lebensformen, in: Ulrich Borsdorf und Heinrich Theodor Grütter (Hg.), Ruhr Museum. Natur - Kultur - Geschichte, Essen 2010, S. 330-334, hier S. 332.
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dresden_Br%C3%BChlsche_Terrasse_1900.jpg
Galerie: Freizeitangebote um 1900

4. Menschen nehmen an, dass der Krieg alle Probleme löst

Deutschland hatte 1870/71 den letzten großen Krieg geführt – gegen Frankreich. Im Jahr 1914 lag dieses Kriegserlebnis fast 45 Jahre zurück. Die jüngeren Menschen in Deutschland kannten den Krieg also nicht aus eigenem Erleben. Ihre Väter und Großväter erzählten ihnen Geschichten vom letzten Krieg. Da dieser aber auch für sie schon lange zurücklag und sie letztlich ja überlebt hatten, klangen ihre Berichte wie Abenteuergeschichten – die unzähligen Toten konnten ihre Geschichten nicht mehr erzählen. Insbesondere die jüngeren Männer wollten auch einmal ein Abenteuer erleben, Helden sein und etwas wirklich Sinnvolles für ihr Vaterland tun. Vom Leiden im Krieg wussten sie wenig und hielten ihn daher für keine schlechte Sache.
Einige Menschen ahnten in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg bereits, dass es zu einem großen Krieg zwischen den europäischen Staaten kommen könnte. Die Konflikte zwischen den Staaten nahmen ständig zu und die Politiker waren immer seltener bereit, nachzugeben.
Der ungebremste Fortschritt führte bei großen Teilen der Bevölkerung zu Überheblichkeit gegenüber Menschen anderer Länder. Zugleich breiteten sich Ängste und Unsicherheiten aus. Würde das schnelle Leben immer so weitergehen? Was würde die Zukunft bringen? Ließen sich die inneren Spannungen in der Gesellschaft lösen?
Viele Menschen aber verdrängten ihre Ängste und Unsicherheiten. Sie wollten über einen kommenden Krieg nicht länger nachdenken. Es war eine offene Zeit. Was das bedeutet? Alles schien möglich: noch mehr Wirtschaftswachstum oder Wirtschaftskrise, Revolution oder keine Revolution, Krieg oder Frieden.

Quelle 3

Wie sehen die Menschen kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs ihre Welt?

Ein Schriftsteller beschreibt die Gedanken seines Romanhelden:

War eigentlich Balkankrieg? Irgendeine Intervention fand wohl statt; aber ob das Krieg war, er wußte es nicht genau. Es bewegten so viele Dinge die Menschheit. Der Höhenflugrekord war wieder eingestellt worden; eine stolze Sache. Wenn er sich nicht irrte, stand er jetzt auf 3700 m, und der Mann hieß Jouhoux. Ein Negerboxer hatte den weißen Champion geschlagen und die Weltmeisterschaft erobert; Johnson hieß er. Der Präsident von Frankreich fuhr nach Rußland; man sprach von Gefährdung des Weltfriedens. Ein neuentdeckter Tenor verdiente in Südamerika Unsummen, die selbst in Nordamerika noch nie dagewesen waren. Ein fürchterliches Erdbeben hatte Japan heimgesucht; die armen Japaner. Mit einem Wort, es geschah viel, es war eine bewegte Zeit, die um 1913 und Anfang 1914.

Balkankrieg: Die Balkankriege fanden in den Jahren 1912 und 1913 in Südosteuropa (Balkan) statt. Die Staaten Griechenland, Bulgarien, Serbien, Rumänien und Montenegro kämpften gegen das Osmanische Reich, um dessen europäische Gebiete (auf dem Balkan) zu erobern. Später kämpften sie auch gegeneinander. Die europäischen Großmächte (z.B. Russland und Österreich-Ungarn) nahmen auf diese Kriege Einfluss. Ihre Konflikte verschärften sich dabei.
Intervention: Eingreifen, militärische Einmischung
Höhenflugrekord: Die ersten Flugzeuge konnten noch nicht sehr hoch fliegen. Weil sie technisch immer besser wurden, erhöhte sich auch ihre Fähigkeit, hoch aufzusteigen. Dies war wichtig für Langstreckenflüge, bei denen hohe Gebirge, z.B. die Alpen, überflogen werden mussten.
Tenor: männlicher Sänger mit Stimme in höherer Tonlage 
Johnson: John Arthur Johnson (1878-
1946), amerikanischer Boxer, erster schwarzer Weltmeister im Schwergewichtsboxen

Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften. Roman, Neu durchgesehen und verb. Auflage, Reinbek bei Hamburg 1981, S. 359.

Quelle 4

Ein deutscher Offizier über die Un­wirk­lich­keit des dro­hen­den Krie­ges im Som­mer 1914

Abends im Kasino erfuhren wir, dass der Erzherzog wirklich ermordet war. Der dicke Welck hob sein Glas. "Da gibt es Krieg! Wir kriegen mehr Geld und können unsre Schulden bezahlen!" […] Trotz der internationalen Spannung fuhren wir zum Regiments- und Brigadeexerzieren nach dem Truppenübungsplatz Jüterbog. Das erschien uns als sicheres Zeichen, dass man von deutscher Seite aus keinen Krieg wollte.
An den Abenden füllten wir Offiziere lärmend das Kasino und tranken reichlich. Dabei sprach man wieder darüber, was wir alles zum zweihundertfünfzigsten Jubiläum unsres Regiments tun wollten.

Arnold Friedrich Vieth von Golßenau diente im Leibregiment des sächsischen Königs und wandte sich nach dem Ersten Weltkrieg den Kommunisten zu. Er wurde Schriftsteller und nannte sich Ludwig Renn.

Ludwig Renn, Adel im Untergang, Berlin und Weimar 1987, S. 29.

Quelle 5

Der Dichter Thomas Mann fand den Frieden unerträglich.

Wir kannten sie ja, diese Welt des Friedens [...] Wimmelte sie nicht von den Ungeziefern des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation? […] Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler, nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so übersatt hatte? Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.

Gor: selten verwendete Vergangenheitsform des Verbs gären

Thomas Mann, Gedanken im Kriege, in: Für das neue Deutschland. 1919-1925. Essays Bd. 2, hrsg. von Hermann Kurzke, Frankfurt am Main, 1993, S. 31.

Darstellung 5

Militarismus im deutschen Alltag: Die Verehrung der Armee

Der Stolz eines jeden Deutschen ist die Armee, die Blüthe des Volkes. Deutschlands Heer - Deutschlands Ehr! Der ausgezeichnetste Theil aber, die Elite des Heeres, ist das Offizierkorps. "Der Geist des Heeres sitzt in seinen Offiziers", sagt General v. Rüchel mit Recht. Sie sind die untrüglichen Werthmesser für die Brauchbarkeit und Tüchtigkeit der Armee; die Träger des moralischen Elements und all' jener idealen, ethischen Güter, die allein einen dauernden kriegerischen Erfolgs verbürgen, und ohne welche ein Heer seinen hohen Beruf als Schützer des Thrones und des Vaterlandes in schwerer Zeit nicht erfüllen kann. [...]
Beide, der bürgerliche sowohl wie der adlige Offizier, vertreten das gleiche Prinzip, die aristokratische Weltanschauung gegen die demokratische.
Der junge Offizier aus bürgerlicher Familie bekundet durch Wahl des Offizierberufes, daß er nach Erziehung und Anschauung sich zur Aristokratie des Geistes und der Gesinnung rechnet, welche den Offizier beseelen muß; daß er der modernen Ritterschaft angehören will, die Se. Majestät von Seinen Offizieren verlangt.

Der Offizier. I. Das moderne Ritterthum, in: Militär-Wochenblatt, Jg. 74/62, 1889, S. 131f.

Aufgabe 4

  1. Denk über das, was du eben gelernt hast, nach. Weshalb wollten Menschen den Krieg? Notiere deine Erklärungen.
  2. Der noch heute geachtete Dichter Thomas Mann (Quelle 5) bezeichnete die Friedenszeit bei Kriegsausbruch als unerträglich. Was könnte ihn zu einer solchen Meinung gebracht haben? 
  3. Was findest du in deinem Leben unerträglich? Welche Lösungen fallen dir für deine Probleme ein?
  4. Die Menschheit lebt im Wechsel von Krieg und Frieden. Leite aus dem eben Gelernten Ideen zur Sicherung eines dauerhaften Friedens ab. Wie müsste eine Gesellschaft sein, die immer friedlich ist?