34.2 Entsteht Krieg einfach so oder wird er von Menschen ausgelöst?

'Wächst' Krieg von selbst, oder wird er 'gezüchtet'?

'Wächst' Krieg von selbst, oder wird er 'gezüchtet'?

Hast du mal beobachtet, wie Kriege heute begründet werden? Man kann das in den Nachrichten sehen oder hören. Politiker sprechen dann zum Beispiel davon, dass das Land angegriffen worden sei oder es keine andere Möglichkeit gab, als anzugreifen. Es gab dann angeblich keinen anderen Weg.
Politiker wollen damit die Leute überzeugen, in den Krieg zu ziehen. Das war zu Beginn des Ersten Weltkriegs auch nicht anders. Verschiedene Strategien zur Überzeugung von Menschen werden dabei eingesetzt: Angst machen, drohen, mit Gewinnen locken. Diese Strategien zu kennen, ist wichtig, um den Beginn des Ersten Weltkriegs zu verstehen, heutige Kriegsanfänge zu erkennen und auch für den Umgang mit Konflikten im alltäglichen Leben.
Die Beschäftigung mit dem Anfang des Ersten Weltkriegs kann dir helfen, faire und friedliche von gewaltsamen und unfairen Mitteln zur Beeinflussung von Menschen zu unterscheiden. Und dann hast du auch die Möglichkeit, in deinem Leben friedliche Mittel der Auseinandersetzung zu finden.

1. Die europäischen Staaten kurz vor Beginn des Ersten Weltkriegs

Weil die Rivalität unter den imperialistischen Staaten Europas immer größer wurde, wuchs auch die Gefahr kleiner und großer Kriege immer weiter. Es war wie in einem Dampfkessel: Der Druck stieg immer weiter an. Die traditionellen Kolonialmächte Frankreich und Großbritannien wollten ihre Macht ausbauen. Das Deutsche Reich wollte ebenfalls Kolonien erwerben und sich zur stärksten Macht des Kontinents entwickeln.
Auch zwischen den Staaten wandelten sich die Machtverhältnisse: Das Deutsche Reich wurde wirtschaftlich immer stärker, vor dem großen Russland hatten viele kleinere Staaten Angst, Österreich-Ungarn wurde als schwach angesehen. Die sich wandelnden Machtverhältnisse zwischen den Staaten führten zu Erwartungen eines Aufstiegs oder Abstiegs und heizten die Konfliktbereitschaft zusätzlich an. Bei der Verbesserung der eigenen Machtsituation hatten die politischen und wirtschaftlichen Führer der europäischen Macht jeweils eigene Probleme und Interessen im Blick:

Erkundung: Interessen und Probleme der europäischen Mächte 1914
Maix, bearbeitet von Tobias Arendt
Blank map of Europe
Stand: 06.07.2016
PD

Deutsches Kaiserreich

Das Deutsche Kaiserreich wollte Weltmacht werden. In einem kommenden Krieg sollten die Konkurrenten Frankreich, Großbritannien und Russland besiegt werden.

Frankreich

Frankreich wollte Rache für die Niederlage im Krieg gegen Deutschland 1870-1871. In einem kommenden Krieg wollte es den 'Erbfeind Deutschland' besiegen.

Großbritannien

Großbritannien war bereits Weltmacht. Es wollte seine Vormachtstellung bewahren und ausbauen. Es sah sich durch die deutsche Aufrüstung als Kolonialmacht bedroht.

Österreich-Ungarn

Österreich-Ungarn wollte den Balkan beherrschen. Daher kämpfte es gegen alle möglichen Konkurrenten wie z.B. Serbien.

Russland

Russland sah sich als Schutzmacht aller slawischen Völker. Diese sollten ihre nationale und kulturelle Eigenständigkeit verwirklichen. Durch das enge Bündnis mit Serbien wollte Russland seinen politischen Einfluss auf dem Balkan stärken.

Tabelle 1: Rüstungswettlauf – einsatzfähige Kriegsschiffe der europäischen Mächte 1905

LinienschiffePanzerkreuzer
England5235
Deutschland248
Frankreich2024
Russland (Ostsee)179
Manfred Görtemaker, Deutschland im 19. Jahrhundert, Opladen 1994, S. 369.

Quelle 1

Deutsche Kriegsziele zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Herbst 1914

Frankreich: Abtretung des Erzbeckens von Briey [...]. Ein Handelsvertrag, der Frankreich in wirtschaftliche Abhängigkeit von Deutschland bringt […].
Belgien: [...] jedenfalls muß ganz Belgien, wenn es auch als Staat äußerlich bestehen bleibt, zu einem Vasallenstaat herabsinken, […] wirtschaftlich zu einer deutschen Provinz werden.
Luxemburg wird deutscher Bundesstaat [...].
Es ist zu erreichen die Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsverbandes durch gemeinsame Zollabmachungen, unter Einschluss von Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn und eventl. Italien, Schweden und Norwegen. Dieser Verband [...] unter deutscher Führung, muß die wirtschaftliche Vorherrschaft Deutschlands über Mitteleuropa stabilisieren.
Die Frage der kolonialen Erwerbungen, unter denen in erster Linie die Schaffung eines zusammenhängenden mittelafrikanischen Kolonialreichs anzustreben ist, desgleichen die Rußland gegenüber zu erreichenden Ziele werden später geprüft […].
Holland. Es wird zu erwägen sein, durch welche Mittel und Maßnahmen Holland in ein engeres Verhältnis zu dem Deutschen Reiche gebracht werden kann […].

Ulrich Cartarius (Hg.), Deutschland im Ersten Weltkrieg. Texte und Dokumente 1914–1918, München 1982, S. 181f.

Darstellung 1

Deutsche Kriegsziele zu Beginn des Ersten Weltkriegs im Herbst 1914

  1. Frankreich sollte besiegt werden und seine im Norden gelegenen Rohstofflagerstätten an Deutschland abtreten. Nach dem Friedensschluss sollte Frankreich durch einen Handelsvertrag in Abhängigkeit von Deutschland gebracht werden. 
  2. Belgien sollte politisch und wirtschaftlich vollständig von Deutschland kontrolliert werden. Seine Staatlichkeit sollte aber als Fassade erhalten bleiben. 
  3. Luxemburg sollte seine Unabhängigkeit verlieren und in das Deutsche Reich eingegliedert werden. 
  4. Mit der Gründung eines mitteleuropäischen Wirtschaftsraums unter deutscher Führung sollte Deutschland zur führenden Wirtschaftsmacht in Europa werden. Damit sollten langfristig auch solche Staaten von Deutschland abhängig werden, die jetzt nicht mit Deutschland verfeindet waren. Der Wirtschaftsraum sollte z.B. durch Zollvereinbarungen geschaffen werden. Folgende Staaten sollten einbezogen werden: Frankreich, Belgien, Holland, Dänemark, Österreich-Ungarn, Italien, Schweden und Norwegen, dazu Frankreich und Belgien
  5. Schaffung eines großen deutschen Kolonialreichs im mittleren Afrika 
  6. Die Ziele gegenüber Russland sollten später formuliert werden. 
  7. Außerdem war geplant, auch Holland mit noch zu bestimmenden Mitteln enger an Deutschland zu binden. 

Diese Kriegsziele wurden durch den deutschen Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg (1856-1921) im Herbst 1914 entworfen ('Septemberprogramm').

Ulrich Cartarius (Hg.), Deutschland im Ersten Weltkrieg. Texte und Dokumente 1914–1918, München 1982, S. 181f. Vereinfacht Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen.

Aufgabe 1

Die deutschen Kriegsziele findest du in der Quelle 1 und in der Darstellung 1. Die Darstellung basiert auf der Quelle und versucht, sie leichter lesbar zu machen.

  1. Fasse die in Quelle 1 aufgeführten Kriegsziele Deutschlands mit eigenen Worten zusammen.
  2. Markiere in Quelle 1 Passagen, die du unverständlich findest und versuche, sie mithilfe der Darstellung 1 zu verstehen.
  3. Stell dir vor, diese Kriegsziele wären Wirklichkeit geworden. Beschreibe die Auswirkungen auf Europa.

2. Planungen für den großen Krieg: Der Schnellste gewinnt!?

Unter den europäischen Großmächten begann ein immer schnellerer Rüstungswettlauf. Neue Waffen wurden für Kämpfe auf dem Land, auf der See und sogar für die Luft entwickelt und gekauft. Ursache dafür war das immer rücksichtslosere Machtdenken der Regierenden.
Die Waffen und die Kriegsstrategien veränderten sich nach 1871 stark. Führende Generäle nahmen an, dass einen zukünftigen Krieg nur diejenige Armee gewinnen werde, die schnelle und übermächtige Angriffe gegen den Feind ausführen könnte. Solche Angriffe sollten unmittelbar nach Beginn des Krieges erfolgen.
Jedes Land wollte daher schneller als seine möglichen Gegner sein. Deutschland hatte aus diesem Grund im Jahr 1905 den sogenannten Schlieffen-Plan entwickelt. Der deutsche Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen (1833-1913) hatte diesen Plan entworfen und darin den kommenden großen Krieg geplant: Ein deutscher Angriff auf Frankreich sollte über das neutrale Belgien erfolgen. Das bedeutete die Verletzung von internationalem Recht. Folglich musste der Plan geheim gehalten werden. Eine offene Bündnispolitik (siehe die folgende Animation über die Bündnissysteme Bismarcks) war also nicht mehr möglich. Die deutsche Diplomatie war immer weniger in der Lage und willens, die ständigen internationalen Krisen mit friedlichen Mitteln beizulegen.

Institut für digitales Lernen
Bündnissysteme
Stand: 23.01.2014
IDL

Aufgabe 2

  1. Notiere die Veränderungen in den deutschen Bündnissen nach der Regierungszeit Bismarcks.
  2. Beschreibe die daraus resultierende Veränderung des Kräftegleichgewichts.
Institut für digitales Lernen, Sprecher: Stephan Lina
Schlieffenplan
Stand: 23.01.2014
IDL

Aufgabe 3

  1. Warum wollten die deutschen Militärs Frankreich nicht direkt angreifen?
  2. Auf welche Weise wollten sie den gefürchteten Zweifrontenkrieg verhindern?
  3. Notiere die Stelle in der Animation, die die Hauptüberlegung des Plans verdeutlicht (Achte dazu auf die Laufzeit der Animation: mm.ss)
  4. Welche Gefahren konnten sich für ein Gelingen des Plans ergeben?

3. Der Anschlag eines serbischen Nationalisten – Anlass für einen Weltkrieg?

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Beltrame_Sarajevo.jpg
Das Titelbild der italienischen Wochenzeitung Domenica del Corriere.
Achille Beltrame
DC-1914-27-d-Sarajevo.jpg
Stand: 23.01.2014
PD

Besonders auf dem Balkan spitzten sich die Interessenkonflikte der europäischen Mächte zu. Österreich-Ungarn und Russland betrachteten dieses Gebiet im Südosten Europas als ihren Einflussbereich. Diese Spannungen brauchten nur einen Anlass zur Entladung.
Als der österreichisch-ungarische Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 zu einem Besuch in die bosnische Hauptstadt Sarajevo kam, wurde er Opfer eines Attentats. Der 19-jährige Student Gavrilo Princip erschoss den Thronfolger und seine Frau. Princip war ein glühender Anhänger des serbischen und panslawischen Nationalismus. Er hasste die österreichische Herrschaft auf dem Balkan. Sarajevo, die Hauptstadt Bosniens, war ein Symbol dieser Herrschaft. Erst 1908 hatten Österreich-Ungarn Bosnien unter Zwang seinem Staatsgebiet angegliedert (annektiert).
Die deutsche Regierung unterstützte nach dem Attentat die Politik Österreich-Ungarns bedingungslos. Die Regierung in Wien strebte aus Rache einen Krieg gegen Serbien an. Das Deutsche Reich und Österreich-Ungarn (als 'Mittelmächte' miteinander verbündet) nahmen die Gefahr eines dadurch ausgelösten großen europäischen Kriegs in Kauf: Serbien war mit Russland verbündet und Russland wiederum mit Frankreich und Großbritannien. 

Quelle 2

Deutschland erteilt Österreich-Ungarn nach dem Attentat eine 'Blankovollmacht'.

Der deutsche Kaiser Wilhelm II. an Kaiser Franz Joseph von Österreich:

Durch Deinen [...] Botschafter wird Dir meine Versicherung übermittelt worden sein, dass Du auch in den Stunden des Ernstes mich und mein Reich in vollem Einklang mit unserer altbewährten Freundschaft und unseren Bundespflichten treu an Euerer Seite finden wirst. [...] Ich verschließe mich auch nicht der ernsten Gefahr, die Deinen Ländern und in der Folgewirkung dem Dreibund aus der von russischen und serbischen Panslawisten betriebenen Agitation droht, und erkenne die Notwendigkeit an, die südlichen Grenzen Deiner Staaten von diesem schweren Druck zu befreien.

Johannes Hohlfeld (Hg.), Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte von 1848 bis zur Gegenwart, Bd. 2: Das Zeitalter Wilhelms II. 1890-1918, Berlin 1952, S. 278ff.

Quelle 3

Der österreichisch-ungarische Botschafter in Berlin an den österreichisch-ungarischen Außenminister in Wien über militärische Aktionen gegen Serbien (5. Juli 1914)

Nach seiner [Kaiser Wilhelms] Meinung muß aber mit dieser Aktion nicht zugewartet werden. [...] und sollte es sogar zu einem Krieg zwischen Österreich-Ungarn und Rußland kommen, so könnten wir davon überzeugt sein, daß Deutschland in gewohnter Bundestreue an unserer Seite stehen werde. Rußland sei übrigens, wie die Dinge heute stünden, noch keineswegs kriegsbereit. 

Winfried Baumgart (Hg.), Die Julikrise und der Ausbruch des Ersten Weltkrieges, Darmstadt 1983, Nr. 24.

Aufgabe 4

  1. Später beurteilten Historiker die Politik des deutschen Kaisers Wilhelm zu Beginn des Ersten Weltkriegs sehr kritisch: Der Krieg hätte verhindert werden können, wenn der deutsche Kaiser dem österreichisch-ungarischen Kaiser, seinem Verbündeten, keine 'Blankovollmacht' ausgestellt hätte. 
    Arbeite anhand des Autorentexts und der Quellen des Unterkapitels 3. heraus, was unter dem Begriff 'Blankovollmacht' zu verstehen ist. 
  2. Entwirf eine Botschaft des deutschen Kaisers an den österreichisch-ungarischen Kaiser, die keine 'Blankovollmacht' gewesen wäre.

4. Krieg! Und wie wurde er begründet?

Galerie: Wie konnte Europa im Krieg versinken?
Maix, bearbeitet durch Tobias Arendt
Blank map of Europe 1914.svg
Stand: 06.07.2016
PD

Aufgabe 5

Trage die Daten und Ereignisse, die den Beginn des Ersten Weltkriegs markieren, aus den Karten oben in die Tabelle unten ein. 

Tabelle 2: Der Erste Weltkrieg beginnt

Datum Ereignis
#bla# #bla#
#bla# #bla#
#bla# #bla#
#bla# #bla#
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#bla# #bla#

Quelle 4

Be­deu­tet Mo­bil­ma­chung schon Krieg? Der fran­zö­si­sche Prä­si­dent Ray­mond Poin­caré hatte dazu am 2. Au­gust 1914 fol­gen­de Mei­nung:

Mobilisierung [der Truppen] bedeutet nicht Krieg. Im Gegenteil, unter den gegenwärtigen Umständen erscheint sie das geeignetste Mittel zu sein, einen ehrenvollen Frieden zu gewährleisten.

Jacques Tardis und Jean Pierre Verny, Elender Krieg 1914-1915-1916, Bd. 1, Brüssel 2008, S. 3.
Audio: Der deutsche Kaiser Wilhelm II. verkündet den Kriegsbeginn. Diese Aufnahme ist nicht live, sondern wurde erst im Jahr 1915 aufgezeichnet. Der Kaiser hat seine Rede also noch einmal für die Tonaufnahme gesprochen. Hier wurde die Tonspur zu einer Bildergalerie mit Wilhelm II. hinzugefügt.
https://www.youtube.com/watch?v=yzwahY0wsvA

Quelle 5

Kai­ser Wil­helm II. be­grün­det den Ein­tritt Deutsch­lands in den Krieg (6. Au­gust 1914)

An das deutsche Volk!

Seit der Reichsgründung ist es durch 43 Jahre Mein und Meiner Vorfahren heißes Bemühen gewesen, der Welt den Frieden zu erhalten und im Frieden unsere kraftvolle Entwicklung zu fördern. Aber die Gegner neiden uns den Erfolg unserer Arbeit. [...] Nun aber will man uns demütigen. Man verlangt, daß wir mit verschränkten Armen zusehen, wie unsere Feinde sich zu tückischem Überfall rüsten, man will nicht dulden, daß wir in entschlossener Treue zu unserem Bundesgenossen stehen, der um sein Ansehen als Großmacht kämpft und mit dessen Erniedrigung auch unsere Macht und Ehre verloren ist. So muß denn das Schwert entscheiden. Mitten im Frieden überfällt uns der Feind. Darum auf! zu den Waffen! Jedes Schwanken, jedes Zögern wäre Verrat am Vaterlande. [...] Wir werden uns wehren bis zum letzten Hauch von Mann und Roß. Und wir werden diesen Kampf bestehen auch gegen eine Welt von Feinden. Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war. Vorwärts mit Gott, der mit uns sein wird, wie er mit den Vätern war.

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_183-S32538,_Berlin,_Extrablatt.jpg?uselang=de
Galerie: Kriegsbeginn
Bundesarchiv, Bild 183-S32538
Berlin, Extrablatt
Stand: 23.01.2014
CC 3.0 BY-SA

Aufgabe 6

  1. Notiere die von Kaiser Wilhelm genannten Gründe für den Krieg. Vergleiche diese Gründe mit deinem Wissen über den Ausbruch des Kriegs.
  2. Bewerte die Rede des Kaisers.

5. Kunst und Krieg: Der Schriftsteller Erich Mühsam entlarvt die europäischen Gesellschaften zu Beginn des Ersten Weltkriegs.

Quelle 6

Erich Mühsam - Entlarvung

Entlarvung

Europa hat sich abgeschminkt.
Befreit von Rouge und Puder,
steht eklig da das Luder
und faucht und stinkt.
Den Schnürleib sittlicher Kultur
warf sie zum Kunstkorsette.
Statt Rippen Bajonette
hält feil die Hur.
Europa, mach das Hemde zu!
Der Anblick deiner Nacktheit
ist Gift und Abgeschmackheit.
Krepiere, du!

Rouge: Gesichtsfarbe (Kosmetik)
Schnürleib:  auch Korsett genannt: Viele Frauen und Männer trugen eines 
Korsette: Kleiderstück mit Stangen und Schnüren, das um Bauch und Rippen getragen wird. Es sollte eine gute Figur formen.
Bajonette: Hieb- und Stichwaffe, die Soldaten auf den Lauf ihres Gewehrs aufstecken konnten. Mit Bajonetten gingen sie in den Kampf Mann gegen Mann.

Erich Mühsam, Der Bürgergarten. Zeitgedichte, Berlin und Weimar 1982, S. 79.
Erich Mühsam, Der Bürgergarten. Zeitgedichte, Berlin und Weimar 1982, S. 79.

Stand: 23.01.2014
IDL

Erich Mühsam, Entlarvung, 1914 (1. Version)

 

Sprecher: Dominic Possoch
Der Bürgergarten
Stand: 23.01.2014
IDL

Erich Mühsam, Entlarvung, 1914 (2. Version)

 

Aufgabe 7

  1. Das Gedicht Entlarvung von Erich Mühsam stammt aus dem Jahr 1914. Es wird hier von einem Sprecher in zwei Versionen vorgetragen. Er betont den Text jeweils ganz unterschiedlich.
    • Beschreibe die Unterschiede in der Tonlage, der Geschwindigkeit des Vortrags und der Betonung beider Gedichte.
    • Fasse die Stimmung beider Gedichte in einem Begriff zusammen. Wähle dazu aus folgenden Begriffen den deiner Meinung nach passenden aus: Hass, Verzweiflung, Abscheu, Begeisterung, Mut, Resignation, Trauer.
  2. Ich behaupte, dass Menschen des Jahres 1914 bei Kriegsausbruch nicht nur mit Stimmungen beschäftigt waren. Überlege, was Menschen noch beeinflusst haben könnte.

6. Kriege brauchen Begründungen. Ist das auch in der Gegenwart so?

Um einen Krieg beginnen zu können, benötigt man in modernen Gesellschaften eine gute Begründung für die Öffentlichkeit. Ich frage mich, warum das so ist. Und frage mich, was sich an solchen Begründungen in der Gegenwart geändert hat.

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:War_on_Terror_montage1.png?uselang=de
Galerie: Begründung des Irakkriegs
Poxnar
War on Terror montage1.png
Stand: 23.01.2014
PD

Die USA begannen im Jahr 2003 einen Krieg gegen den Irak. Diesem Feldzug schlossen sich eine Reihe von Ländern an. Das Kriegsbündnis gegen den Irak nannte sich 'Koalition der Willigen'. Der Irak wurde zu jener Zeit von einem Diktator regiert, der gegen Nachbarstaaten Krieg geführt hatte und die Bürger seines Landes gewaltsam unterdrückte. Die USA warfen ihm vor, den weltweiten Terrorismus zu unterstützen und den Weltfrieden zu bedrohen. Angeblich sollte der Irak Massenvernichtungswaffen besitzen und an den Anschlägen vom 11. September 2001 auf das Welthandelszentrum in New York beteiligt gewesen zu sein. Diese Vorwürfe glaubte die Weltöffentlichkeit zunächst nicht. Auch die Menschen in den USA waren skeptisch. Daher versuchte die US-Regierung, die öffentliche Meinung im eigenen Land sowie in den anderen Staaten der Welt davon zu überzeugen, dass ein Feldzug gegen den Irak nötig sei.

Darstellung 2

Ver­tie­fung: Krieg und Öf­fent­lich­keit

Die Menschen in den entwickelten Ländern der Welt haben heute ein viel größeres Selbstbewusstsein als diejenigen zu Beginn des Ersten Weltkriegs. Sie wissen mehr von der Welt, entscheiden viele Dinge eigenständig und sind besser gebildet. Sie lassen sich nicht mehr von Herrschern einfach so in Kriege treiben. Folglich müssen Regierungen, die einen Krieg führen wollen, Menschen überzeugen können. Denn sie brauchen die Menschen als begeisterte Soldaten und als Unterstützer in der Heimat.

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Quelle 7

Auszüge aus der Rede des US-Prä­si­den­ten Ge­or­ge W. Bush vom 29. Ja­nu­ar 2003 über den be­vor­ste­hen­den Krieg gegen den Irak

Und heute habe ich eine Botschaft für die tapferen und unterdrückten Menschen im Irak: Euer Feind umzingelt nicht euer Land – euer Feind regiert euer Land. Und der Tag, an dem er und sein Regime entmachtet werden, wird der Tag eurer Befreiung sein.

Die Welt hat zwölf Jahre lang darauf gewartet, dass der Irak abrüstet. Amerika wird eine immer ernster werdende Bedrohung für unser Land und unsere Freunde und Alliierten nicht akzeptieren. Die Vereinigten Staaten werden den UN-Sicherheitsrat darum bitten, am 5. Februar zusammenzutreten, um die Tatsachen der ständigen irakischen Herausforderung gegenüber der Welt zu beratschlagen. Außenminister Powell wird Geheimdienstinformationen über das legale – das illegale Waffenprogramm des Irak, seine Versuche, diese vor den Waffeninspektoren zu verstecken, und seine Verbindungen zu terroristischen Gruppen präsentieren.

Wir werden uns beraten. Aber es darf kein Missverständnis geben: Wenn Saddam nicht völlig abrüstet, für die Sicherheit unserer Menschen und den Frieden auf der Welt, werden wir eine Koalition anführen, die ihn entwaffnet.

https://en.wikisource.org/wiki/George_W._Bush%27s_Third_State_of_the_Union_Address [17.07.2013]. Übersetzung ins Deutsche von Florian Sochatzy, Institut für digitales Lernen.

Quelle 8

Aus­zü­ge aus der Rede des US-Prä­si­den­ten Ge­or­ge W. Bush vom 29. Ja­nu­ar 2003 über den be­vor­ste­hen­den Krieg gegen den Irak im eng­li­schen Ori­gi­nal

And tonight I have a message for the brave and oppressed people of Iraq: Your enemy is not surrounding your country – your enemy is ruling your country. And the day he and his regime are removed from power will be the day of your liberation.

The world has waited 12 years for Iraq to disarm. America will not accept a serious and mounting threat to our country, and our friends and our allies. The United States will ask the U.N. Security Council to convene on February the 5th to consider the facts of Iraq's ongoing defiance of the world. Secretary of State Powell will present information and intelligence about Iraq's legal – Iraq's illegal weapons programs, its attempt to hide those weapons from inspectors, and its links to terrorist groups.

We will consult. But let there be no misunderstanding: If Saddam Hussein does not fully disarm, for the safety of our people and for the peace of the world, we will lead a coalition to disarm him.

en.wikisource.org/wiki/George_W._Bush%27s_Third_State_of_the_Union_Address [27.06.2016]

Quelle 9

Aus­zü­ge aus der Rede des US-Au­ßen­mi­nis­ters Colin Powell vor dem UN-Si­cher­heits­rat am 5. Fe­bru­ar 2003.

Das Material, das ich Ihnen heute vorlege, stammt aus unterschiedlichen Quellen. Es sind zum Teil amerikanische Quellen, zum Teil Quellen anderer Länder. Einige der Quellen sind technischer Art, wie die abgehörten Telefongespräche und die Satellitenfotos. Andere Quellen sind Menschen, die ihr Leben riskiert haben, damit die Welt erfährt, was Saddam Hussein wirklich vorhat.

Ich kann Ihnen nicht alles sagen, was wir wissen, aber was ich Ihnen mitteilen kann, ist – zusammen mit dem, was wir alle über die Jahre hinweg erfahren haben – zutiefst beunruhigend. Was Sie sehen werden, ist eine Anhäufung von Fakten und beunruhigenden Verhaltensmustern. Die Fakten und das Verhalten des Irak beweisen, dass Saddam Hussein und sein Regime keinerlei Anstrengungen zur Entwaffnung unternommen haben, wie sie die internationale Gemeinschaft fordert. In der Tat belegen die Fakten und das Verhalten des Irak, dass Saddam Hussein und sein Regime ihre Bestrebungen zur Herstellung von weiteren Massenvernichtungswaffen verschleiern. […] 

Die Vereinigten Staaten können und werden dieses Risiko für das amerikanische Volk nicht eingehen. Saddam Hussein weitere Monate oder Jahre im Besitz von Massenvernichtungswaffen zu lassen, ist keine Option – nicht in einer Welt nach dem 11. September. [...]

Wir dürfen nicht vor dem zurückschrecken, was vor uns liegt. Wir dürfen unsere Pflicht und Verantwortung gegenüber den Bürgern der Länder nicht vernachlässigen, die von diesem Gremium vertreten werden.

www.ag-friedensforschung.de/regionen/Irak/powell3.html [26.07.2016]

Darstellung 3

Begründung des Irakkriegs 2003

Unter den Stichworten 'Lüge Colin Powell Uno 2003' findest du bei YouTube eine Dokumentation zur Begründung des Irakkriegs durch die US-Regierung.

Ein gefallener Soldat der US-Armee wird im Jahr 2009 in einer feierlichen Zeremonie aus dem Irak zurück in sein Heimatland gebracht. Sein Sarg ist mit der US-Fahne bedeckt, andere Soldaten salutieren. Was hat das mit der Begründung von Kriegen zu tun?

Aufgabe 8

  1. Arbeite die von amerikanischen Regierungsmitgliedern vorgetragenen Argumente für einen Kriegseinsatz heraus.
  2. Für wen waren die Argumente des US-Präsidenten George W. Bush und des Außenministers Colin Powell bestimmt? Begründe deine Ansicht.
  3. Die meisten der in der Kriegsbegründung vorgebrachten Vorwürfe gegen den Diktator des Irak, Saddam Hussein, waren falsch. Weshalb hatte die US-Regierung keine Angst, dass ihre Lügen irgendwann aufgedeckt werden könnten?

Aufgabe 9

  1. Ich behaupte: "Kriege sind niemals unausweichlich". Beurteile und bewerte die Gründe, die für den Ersten Weltkrieg angeführt wurden.
  2. Erstelle eine Tabelle, in der du die in den Kriegsbegründungen zum Ersten Weltkrieg enthaltenen Argumente und ihre Ziele darstellst. Vergleiche diese mit der Begründung des Irakkriegs.