34.6 Der Krieg betrifft alle – auch Kinder und Jugendliche

Und wenn das Ding in der Mitte explodiert?

Und wenn das Ding in der Mitte explodiert?

Erwachsene führen Krieg. Und was passiert dann mit den Kindern? Geht ein Krieg an den Kindern vorbei? Erfahren sie etwas vom Leid und den Schrecken des Krieges?
Um diese Frage zu beantworten, ist der Erste Weltkrieg ein gutes Beispiel. Der Krieg geht nämlich an Kindern und Jugendlichen in deinem Alter ganz und gar nicht vorbei. Oftmals bleiben Menschen ihr Leben lang von den Erfahrungen geprägt, die sie als Kinder in Kriegszeiten machen müssen.

1. Kinder als Opfer des Krieges

Die Versorgungsengpässe während des Krieges betrafen vor allem auch Kinder. Für sie wurden Notspeisungen eingerichtet, wie auf dieser Zeichnung einer Kindervolksküche aus dem Jahr 1915.

Kinder und Jugendliche waren in allen kriegführenden Ländern direkt vom Krieg betroffen. Sie kämpften zwar nicht an den Fronten, viele starben jedoch aus anderen Gründen in den Kriegsjahren. Durch Unterernährung und mangelnde Hygiene wurden sie anfällig für Seuchen. Weil es kaum noch Seife oder andere Reinigungsmittel gab, lebten viele ärmere Kinder ständig im Dreck. Sie mussten auch mit abgenutzter und durchlöcherter Kleidung auskommen. Viele Kinder hatten keine richtigen Schuhe.
Zwischen 1913 und 1918 stieg die Kindersterblichkeit in Deutschland um mehr als das Doppelte an. Da die Väter als Soldaten an der Front, gefangen oder verwundet waren, konnten sie sich nicht um ihre Kinder kümmern. In Deutschland mussten die Mütter außerdem seit 1916 in den Fabriken arbeiten, um dort die Männer zu ersetzen. Damit blieben viele Kinder sich selbst überlassen oder wurden nur unzureichend von älteren Geschwistern betreut. Das führte zu einem Anstieg der Kriminalität von Kindern und Jugendlichen. Viele Kinder stahlen Lebensmittel, verübten aus Hunger Einbrüche oder schlossen sich zu kriminellen Jugendbanden zusammen.

Quelle 1

Eine junge Dresdnerin beschreibt in ihrem Tagebuch die Krankheit ihrer Mutter während des Krieges

15.1.1918: Der Herr Doktor war wieder da und sagte, dass Mama die Krisis überstanden hat. Die Entzündung geht zurück und heute möchte sie gerne ein Ei. Ich und Klaus liefen zwei Stunden lang herum, bei allen Bekannten bat ich um ein Ei, bekam aber leider kein einziges Stück.

Gert Soltau, Kriegskind 1918, München 1989, S. 5.

Darstellung 1

Kann man Papier anziehen? Kinder hatten keine Kleider mehr

Großer Mangel herrschte auch an Stoffen. Die Altkleidersammelstellen erbrachten nicht genügend Rohstoffe, so dass Papier als Ersatz dienen musste: Im Ruhrgebiet trugen Kommunionkinder am Weißen Sonntag 1917 einen Anzug aus Papier, dazu Papierschuhe mit Holzsohlen.

Erich und Hildegard Bulitta, Kinder – Opfer der Kriege bis 1945. Pädagogische Handreichung – Arbeit für den Frieden, hg. vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., München 2011, S. 14.

Quelle 2

Kinder als Opfer des Krieges: Aus einer hessischen Schulchronik (1916/1917)

Der Winter 1916/17 war leider ein sehr strenger Herr. Im Januar 1917 setzte eine fürchterliche Kälte ein. Tiefer Schnee bedeckte die Erde. Fast drei Monate hat diese große Kälte angehalten. 20 bis 23° C. Bei dieser anhaltenden Kälte stellte sich Holz- und Kohlenmangel ein. In Stadt und Land mussten die Schulen geschlossen werden, weil es an Holz und Kohlen mangelte.

Heinrich Carl Zölzer, Schulchronik von Buchenau (1914-1919), Abschnitt 11: Holz- und Kartoffelmangel, Kältewinter 1916/17, in: Hessische Quellen zum Ersten Weltkrieg (www.lagis-hessen.de/de/purl/resolve/subject/qhg/id/20-11 [27.07.2016]).

Darstellung 2

Kinder waren vielfach bedroht.

Gravierende Auswirkungen hat der Krieg auf die Kindersterblichkeit. Die Todesfälle nehmen bei den ersten Versorgungskrisen leicht zu. Erschreckend ist der Anstieg ab 1917: Hungerwinter, Grippeepidemien, Tuberkulose, Blutarmut, fehlende Medikamente und mangelnde Hygiene sind die Ursachen.

Tuberkulose: schwere Lungenentzündung
Blutarmut: Mangel an roten Blutkörperchen oder rotem Blutfarbstoff. Dies kann sich unter anderem durch Blässe, Müdigkeit oder Leistungsschwäche äußern.

Erich und Hildegard Bulitta, Kinder – Opfer des Krieges bis 1945. Pädagogische Handreichung hg. vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge e.V., München 2011, S. 15.
http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Daddy_in_the_great_war.jpg
Kinder leiden nicht nur im Krieg, sie werden auch dazu benutzt, die Erwachsenen für den Krieg zu begeistern.
Savile Lumley
Daddy in the great war
Stand: 24.01.2014
PD

Konflikte als Folge des Krieges

Kinder erfuhren erst mit Ausbruch des Krieges, dass der Krieg ganz anders war, als viele Lehrer und Eltern ihnen immer gesagt hatten. Daraus folgten Konflikte in den Familien und in der Gesellschaft. Diese Konflikte wurden auch lange nach Ende des Krieges noch ausgetragen. Nach dem Ersten Weltkrieg mussten sich Kinder und Jugendliche außerdem neu im Leben orientieren. Die politischen und gesellschaftlichen Werte und Überzeugungen der Erwachsenen waren nach dem Krieg nicht mehr gültig: Das Kaiserreich war untergegangen, der Glaube an die alten Obrigkeiten war damit sinnlos geworden. In vielen Ländern gab es am Ende des Krieges oder danach einschneidende Veränderungen. Die Kriegsverluste und Zerstörungen führten zu großen politischen und gesellschaftlichen Erschütterungen: In Russland fegte eine Revolution das Zarenreich hinweg, die Monarchie in Österreich-Ungarn zerbrach, und es entstanden viele neue Nationalstaaten in Europa. In zahlreichen Ländern gab es innere Unruhen, Streiks oder Demonstrationen. Besonders in Europa fragten sich die Menschen, wie die Nachkriegswelt aussehen sollte. Wie sollte es weitergehen?
Auch viele Künstler und Wissenschaftler dachten nach dem Ersten Weltkrieg darüber nach, warum sie sich in den Krieg hatten treiben lassen. Welche Folgen würde diese Verführung für das weitere Leben junger Menschen haben?

Quelle 3

Der Schriftsteller Erich Kästner (1899-1974), der vor dem Ersten Weltkrieg Schüler gewesen war, rechnet in einem Gedicht mit den Lehrern und der Schule seiner Zeit ab.

Misstrauensvotum

Ihr sagt, ihr könntet in uns lesen. 
Und nickt dazu. Und macht euch klein. 
Ihr sagt, auch ihr wärt jung gewesen. 
Es kann ja sein.

Ihr tragt Konfetti in den Bärten
und sagt, wir wären nicht allein
und fänden in euch Weggefährten. 
Es kann ja sein.

Ihr hüpft wie Lämmer durch die Auen
und tanzt mit Kindern Ringelreihn. 
Ihr sagt, wir dürfen euch vertrauen. 
Es kann ja sein.

Ihr mögt uns lieben oder hassen – 
Ihr treibt dergleichen nur aus Pflicht. 
Wir sollen uns auf euch verlassen? 
Ach, lieber nicht!

Erich Kästner, Wieso Warum? Ausgewählte Gedicht 1928-1955, Berlin und Weimar 1965, S. 105.

Aufgabe 1

  1. Suche an deiner Schule nach Mitschülern, die aus heutigen Kriegsregionen nach Deutschland gekommen sind.
  2. Lass dir ihre Erlebnisse berichten und vergleiche sie mit denen der Weltkriegskinder von 1914-1918.
  3. Verfasse dazu einen Artikel für die Schülerzeitung deiner Schule unter dem Titel: 'Kinder im Krieg – heute und vor 100 Jahren'.
Institut für digitales Lernen, Sprecher: Dominic Possoch, Grafik: Cendra Polsner
Maxi im Krieg
Stand: 31.01.2014
IDL

2. Kriegspropaganda: Kinder wurden belogen und verführt.

Institut für digitales Lernen
Sogenannte Wohlfahrtspostkarte aus dem Jahre 1916. Mit solchen Postkarten wurde dafür geworben, für Kinder, die ihre Eltern im Krieg verloren hatten (Kriegswaisen), zu spenden.

Schneidiger Junge, was? Denkt an unsere Kriegswaisen!
Stand: 24.01.2014
PD

Kinder und Jugendliche wurden im Krieg von Lehrern und Politikern sehr oft als die nachfolgende Kämpfergeneration gesehen. Sie wurden deshalb so erzogen, dass sie Krieg als die Normalität einer Nation betrachteten. Sie sollten es als ehrenvoll empfinden, selbst für das Vaterland zu kämpfen. Viele Jugendliche wollten sich im Ersten Weltkrieg zum Beispiel freiwillig für den Dienst in der deutschen Kriegsmarine melden.
Viele Kinderbücher, -spiele und -lieder stellten Krieg als lustiges Abenteuer dar, werteten die Gegner ab und verherrlichten das Militär. Dass dieser Krieg sehr grausam war, dass er die Männer aus den Familien riss und Elend und Not verursachte, wurde verschwiegen.
Da Kinder Erwachsenen vertrauen, merkten sie nur selten, dass sie für die Ziele eines kriegslüsternen Staates missbraucht wurden. Die Folgen waren tiefgreifend und prägten die Kinder und Jugendlichen mitunter ihr ganzes Leben: Sie waren von Misstrauen und Hass beeinflusst. Nicht selten ließen sich die jungen Leute des Ersten Weltkriegs später für die erneute Hass- und Kriegspropaganda der Nationalsozialisten ausnutzen.

Institut für digitales Lernen
Hurra Germania
Stand: 24.01.2014
IDL

"Hurra Germania" war ein Lied, das Kinder in der Schule auf Elternabenden sangen Die Aufnahme des Kinderchors stammt aus dem Jahr 2013. Damit wollten wir euch zeigen, wie sich das Lied wohl damals angehört hat.

Quelle 4

Text zum Lied 'Hurra Ger­ma­nia!'

Hurra, du stolzes schönes Weib,
hurra Germania!
Wie kühn mit vorgebeugtem Leib
am Rheine stehst du da.
Im vollen Brand der Juliglut,
wie ziehst du frisch dein Schwert!
Wie trittst du zornig frohgemut
zum Schutz vor deinen Herd!
Hurra Germania!

Hinweis:
Das Lied war Programm von Elternabenden, zum Beispiel in der Volksschule Nievenheim (Rheinland) am 14. März 1915.

Ferdinand Freiligrath, Hurra, Germania! (25. Juli 1870), in: Freiligraths Werke, hg. von Paul
Zaunert, neubearbeitet und erweitert, Auflage, 2 Bde. Leipzig und Wien 1912, Bd. 2, S. 146-148

Quelle 5

Text eines Ta­ge­buch­ein­trags "Gruss an Frankreich"

Ich grüße dich, du schönes Land Frankreich
Ich grüße dich, o du mein anmutiges Vaterland
Ich grüße dich, du allein kannst mein Herz fesseln 
Ich grüße dich, du vom Unglück heimgesuchtes Frankreich 

Ich grüße deinen bewundernswerten Mut 
Ich grüße dich, Frankreich, durch deine Milde ermutigst du uns

Zu unseren Opfern für dich 
Ich grüße deine Stimme
Die uns zur Pflicht ermahnt
Ich grüße die sanfte Freude, dich wiederzusehen
Ich grüße deine Felder, deine Blumen
Ich grüße dich, denn un unserem Unglück
Erfreust du uns mit einem Strahl des Glücks
Ich grüße dich und deine unübertreffliche Tatkraft 
Wir sind deine Kinder, geliebtes Frankreich
Dich hüten wollen wir, ach lass es zu!
Unseren Wunsch zu erfüllen
Gib uns deinen Mut
Den Ruhm wirst du davontragen.

Anaïs Nin, Das Kindertagebuch. 1914-1919, München 1995, S. 92.


Stand: 24.01.2014

Aufgabe 2

  1. Hör und sieh dir die 'lustige Schützengrabengeschichte' genau an.
    Für welches Land stehen Hans und Pierre und wie werden sie dargestellt?
  2. Notiere Stellen, an denen der Autor lügt, wenn er das Kriegsgeschehen beschreibt.
  3. Beschreibe die dargestellte Beziehung zwischen der Front und der Heimat.

Quelle 6

Aus­zug aus dem Kin­der­buch 'Nest­häk­chen und der Welt­krieg'

"Wenn ich groß wäre, würde ich bestimmt auch Opfer für unser Vaterland bringen", meinte Annemarie schließlich ungewöhnlich nachdenklich. "Dann würde ich Schwester werden und die Verwundeten pflegen wie Tante Lenchen. Ach, Großmuttchen, das wäre schön! Denk mal, dann hätte ich mich nicht gleich wieder von Vati [...] trennen müssen! Mit ihm wäre ich zusammen in den Krieg gezogen – au fein wäre das!" Die strahlenden Augen der Kleinen blitzten unternehmungslustig. 
"Es ist nicht nötig, mein liebes Kind, dass man groß ist und Großes leistet in dieser gewaltigen Zeit der Erhebung Deutschlands. Auch die Kinder können im kleinen Opfer bringen und ihr Scherflein dazu steuern. Nichts ist zu gering, auch das winzigste Steinchen, das man zu dem großen Bau der Kriegsarbeit beiträgt ist von Wert. [...] Unser eigenes Ich müssen wir jetzt hintenan setzen, nur an das Wohl unseres Vaterlands und seiner braven Verteidiger dürfen wir denken. Sonst ist es kein richtiges Opfer."

Schwester: Gemeint ist hier eine Krankenschwester, die in einem Feldkrankenhaus an der Front (Lazarett) die verwundeten Soldaten behandelt.
Scherflein: kleiner Beitrag, kleine Spende
hintenan: zurück, nach hinten

Hinweis:
Das Buch 'Nesthäkchen' erzählt die Geschichte des kleinen Mädchens Annemarie. Annemarie lebt in einer bürgerlichen Berliner Familie. Ihr Vater ist als Arzt ein angesehener Mann. Sie hat ältere Brüder. Ihr Vater geht mit Beginn des Ersten Weltkriegs als Militärarzt an die Front. Nesthäkchen ist die Bezeichnung für das Kind in einer Familie, das zuletzt geboren wurde.

Else Ury, Nesthäkchen und der Weltkrieg, Bd. 4: Eine Erzählung für Mädchen von 8-12 Jahren, Berlin 2015, S. 5.

Aufgabe 3

  1. Wie stellt sich Annemarie den Krieg vor?
  2. Was möchte die Großmutter Annemaries mit ihrer Antwort erreichen? Beziehe dich dabei auf die Aussage: "Unser eigenes Ich müssen wir jetzt hintenan setzen [...]."
Arpad Schmidhammer, Die Geschichte vom General Hindenburg, Mainz, 1914.
Galerie: Kinderbuch 'Die Geschichte vom General Hindenburg' (1915)
Arpad Schmidhammer
Die Geschichte vom General Hindenburg, Mainz [1915]
Stand: 23.01.2014
PD
http://digital.staatsbibliothek-berlin.de/dms/werkansicht/?PPN=PPN73207312X&PHYSID=PHYS_0001
Galerie: Kinderbuch 'Lieb Vaterland magst ruhig sein!' (1914)
Arpad Schmidhammer
Lieb Vaterland magst ruhig sein
Stand: 23.01.2014
PD

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Alte Schrift lesen

Hier findest du eine Übersicht, die dir zeigt, wie man die Handschrift auf dem Titel des Kinderbuchs lesen kann. Die Schrift heißt übrigens Sütterlin.

Aufgabe 4

  1. Das zweite Kinderbilderbuch trägt den Titel aus der Refrainzeile eines der bekanntesten deutschen Lieder jener Zeit: 'Die Wacht am Rhein'. Jeder in Deutschland kannte es.
    Vermute, warum der Autor des Kinderbuchs diese Zeile als Buchtitel ausgewählt hat.
  2. Für welche Länder stehen die Namen
    • Michl und Seppl
    • Lausewitsch und Nikolaus
    • Jacques und John
    • Japs?
  3. Notiere, wie die Jungen im Buch beschrieben werden, und beurteile diese Beschreibungen.
  4. Wer ist im Kinderbuch schuld am Krieg?
  5. Welchen Eindruck vom Krieg möchte der Autor erwecken?

Darstellung 3

Ein Dokumentarfilm über die Rolle der Kinder im Krieg

Bei Youtube kannst du unter dem Titel "Der Krieg der Medien - Kinder im Krieg" einen Film aus dem Jahr 2004 finden. Dieser Film zeigt die Rolle von Kindern und Jugendlichen im Ersten Weltkrieg. Er geht auf das Leben von Kindern und Jugendlichen in mehreren Ländern ein.

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 5

  1. Sieh dir den Film "Krieg der Medien - Kinder im Krieg" an.
  2. Erarbeite ein Poster, auf dem du die Situation der Kinder im Krieg darstellst. Nutze dazu alle Informationen des Kapitels 'Der Krieg betrifft alle – auch Kinder und Jugendliche'.