34.8 Es ist nicht Frieden, weil kein Krieg mehr ist

Und plötzlich ist einfach so Frieden?

Und plötzlich ist einfach so Frieden?

Ein Krieg beginnt nicht  einfach so, und er endet auch nicht einfach so. Zunächst kehren nach Kriegsende die Truppen von den Schlachtfeldern nach Hause zurück – wenn sie überhaupt noch ein Zuhause haben. Auch zerstörte Städte und Dörfer müssen wieder aufgebaut werden. Das dauert sehr lange. Die Familien trauern um ihre Toten. Flüchtlinge suchen nach einem neuen Ort, wo sie leben und arbeiten können. Das dauert noch viel länger. In jedem Land machen die Menschen dabei andere Erfahrungen, denn es gibt Sieger und Verlierer: Manche Menschen haben alles verloren und andere haben am Krieg sehr gut verdient.
Ich möchte dir mehrere Beispiele für das Kriegsende in Europa zeigen. Warum? Weil ich glaube, dass die Menschen aus den unterschiedlichen europäischen Ländern die Sichtweisen der Nachbarvölker kennen müssen, um friedlich miteinander umgehen zu können. Das ist wie bei einem Streit zwischen zwei Cliquen auf dem Schulhof: Wenn man weiß, was die Anderen eigentlich wollen und warum sie es wollen, hat man eine Chance, den Streit zu beenden.

1. Unvorstellbare Verwüstungen

Zerschossene Landschaft an der Front zwischen Deutschland und Frankreich
Veröffentlicht in: "Die Große Zeit. Illustrierte Kriegsgeschichte". Zweiter Band. Berlin 1920. S. 212.
Am Fuße der Höhe 304 (bei Malancourt-Haucourt), 1916
Stand: 27.07.2016
PD

Der Erste Weltkrieg hinterließ gewaltige Schäden. Insgesamt kamen etwa zehn Millionen Soldaten um, 20 Millionen waren verwundet worden. Als Körperbeschädigte waren die ehemaligen Soldaten sehr oft gezwungen, ein Leben im Elend zu führen. Entweder hatte Giftgas sie erblinden lassen oder sie hatten im Bombenhagel Gliedmaßen verloren. Auch seelische Schäden waren sehr häufig.
Unter den in der Heimat Gebliebenen waren mindestens sieben Millionen Menschen an Hunger und Krankheiten gestorben.
Der Krieg hatte außerdem ganze Landschaften verwüstet. Unzählige Granateinschläge hatten die Wälder und Felder entlang der Frontlinien in zerfurchte Mondlandschaften verwandelt. In diesen ragten nur noch kahle Baumstümpfe in den Himmel. Viele Dörfer und Städte waren dem Erdboden gleichgemacht worden. Entlang der deutschen Westfront wurde die Zerstörung in verschiedene Stufen unterteilt. In Belgien und Frankreich nannte man die Zone mit einer fast vollständigen Verwüstung die "zone rouge" (rote Zone). Die Fläche dieser roten Zone war etwa so groß wie 250.000 Fussballfelder.

Diagramm 1: Gefallene Soldaten des Ersten Weltkriegs

Zusammengestellt nach: Spencer Tucker (Hg.), The Encyclopedia of World War I. A Political, Social and MIlitary History, Santa Barbara 2005, S. 273.
Karte der zerstörten Gebiete in Frankreich entlang der ehemaligen Frontlinie zwischen Frankreich, Deutschland und Belgien:
Furfur
Red Zone Map
Stand: 29.06.2016
CC 2.5 BY-SA
http://en.wikipedia.org/wiki/File:Ieper_WWI_devestation.jpg
Galerie: Kriegszerstörungen

Ieper WWI devestation.jpg
Stand: 24.01.2014
PD

Darstellung 1

Die lange Wirkung von Kriegs­ver­let­zun­gen

Der Tod bedrohte Frontsoldaten nicht nur durch tödliche Schüsse aus Gewehren und Kanonen. Splitterverletzungen, Explosionsdruckwellen oder Verätzungen durch Gas hinterließen oftmals furchtbare Verstümmelungen: Ehemalige Soldaten mussten ohne Arme und Beine weiterleben, viele waren taub und blind oder litten am 'Kriegszittern', einer psychischen Störung, bei der die Betroffenen dauernd mit dem Körper wackelten. Viele Soldaten hatten auch lange nach dem Krieg noch ständig Angst und wurden von Albträumen geplagt. 56 Prozent aller deutschen Frontsoldaten wurden verwundet. Von denen, die in den Gräben kämpften, war es fast jeder. Nur ein Prozent aller Soldaten mit Bauchschuss überlebten. Amerikanische Ärzte stellten fest, dass 44 Prozent aller US-Soldaten starben, die nach einer Schussverletzung eine Infektion ('Wundbrand') bekommen hatten. Da es noch keine Medikamente gab, die Infektionen verhinderten (Antibiotika), starben Soldaten durch Wundinfektionen einen grausamen und schmerzhaften Tod. Die Ärzte waren machtlos.Aber auch andere Infektionskrankheiten wie Ruhr und Typhus breiteten sich in den Stellungsgräben aus. Weil diese schnell voll Wasser liefen und es keine regulären Toiletten gab, waren sie Brutstätten für Krankheiten aller Art. Die serbische Armee verlor allein im Jahr 1915 13.500 Soldaten  wegen Typhusinfektionen.

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen
Institut für digitales Lernen
Es ist nur dann möglich, die Bilder von schwer verwundeten und verstümmelten Soldaten anzusehen, wenn du deine Lehrerin/deinen Lehrer überzeugen kannst. Siehe dazu die darunterstehende Aufgabe.
Institut für digitales Lernen
Vorsicht Bilder können Folgen haben
Stand: 24.01.2014
IDL

Nachdenken

Granatsplitter, Gewehrkugeln und Giftgase lösten schwerste Verletzungen bei den betroffenen Soldaten aus. 

  1. Viele Soldaten überlebten die schweren Verletzungen des Krieges. Wenn sie medizinisch halbwegs versorgt waren, hatten sie oftmals ein furchterregendes Aussehen.
    Wie sollte die Gesellschaft mit diesen Menschen umgehen?
  2. Dein Lehrer hat in seinem Lehrerhandbuch eine Galerie mit verwundeten und stark veränderten Soldatengesichtern.
    Findest du es sinnvoll, die Bilder anzusehen? Diskutiert diese Frage in der Gruppe und kommt zu einer begründeten Entscheidung.

2. Hohe Kriegskosten und ihre Folgen

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Bundesarchiv_Bild_146-1972-062-01,_Berlin,_bettelnder_Kriegsinvalide.jpg
Bettelnder Kriegsinvalide in Berlin (1923)

Die Kosten des jahrelangen Krieges überstiegen die Vorstellungskraft der meisten Menschen. In deutscher Währung gerechnet, hatte der Krieg etwa eine Billion Goldmark gekostet. Umgerechnet in die heutige Währung entspricht das etwa fünf Billionen Euro. Zum Vergleich: Für diese Summe könnte man heute etwa 333 Millionen Kleinwagen kaufen.
Von allen Kriegskosten entfielen auf Deutschland etwa 20 Prozent. Die gewaltigen Kosten des Krieges hatte die deutsche Regierung jedoch vor allem über Verschuldung aufgebracht. Viele Deutsche hatten sich zum Beispiel überreden lassen, sogenannte Kriegsanleihen zu kaufen (vgl. 'Galerie: Kriegsfinanzierung' in diesem Kapitel). Sie hatten also dem Staat ihr Erspartes gegeben und dafür einen Schuldschein erhalten, der die Rückzahlung versprach. Nach dem Krieg wurden diese Kredite oftmals nicht zurückgezahlt. Die Menschen verloren dadurch ihre Ersparnisse und viele gerieten in bittere Armut.

Quelle 1

Bezahlung der Kriegs­kos­ten: Vorstellungen eines deutschen Politikers zu Beginn des Krieges

Meine Herren, wie die Dinge liegen, bleibt also vorläufig nur der Weg, die endgültige Regelung der Kriegskosten durch das Mittel des Kredits auf die Zukunft zu verschieben, auf den Friedensschluss und auf die Friedenszeit. Und dabei möchte ich auch heute wieder betonen: Wenn Gott uns den Sieg verleiht und damit die Möglichkeit, den Frieden nach unseren Bedürfnissen und nach unseren Lebensnotwendigkeiten zu gestalten, dann wollen und dürfen wir neben allem anderen auch die Kostenfrage nicht vergessen; [lebhafte Zustimmung] das sind wir der Zukunft unseres Volkes schuldig. [‚Sehr wahr!‘-Rufe] Die ganze künftige Lebenshaltung unseres Volkes muss, soweit es irgend möglich ist, von der ungeheuren Bürde befreit bleiben und entlastet werden, die der Krieg anwachsen lässt. [weitere ‚Sehr wahr!‘-Rufe] Das Bleigewicht der Milliarden haben die Anstifter dieses Krieges verdient; [‚Sehr richtig!‘-Rufe] sie mögen es durch die Jahrzehnte schleppen, nicht wir. [‚Sehr gut!‘-Rufe]

Hinweis: Karl Helfferich (1872-1924) war ein konservativer Politiker. Er unterstützte die Kriegspolitik des Kaisers. Im Februar 1915 wurde er Staatssekretär im Reichsschatzamt, der obersten Finanzbehörde im Deutschen Reich. Die in eckige Klammern gesetzten 'Rufe' lassen sich so erklären: Helfferich erklärte seine Vorstellungen während einer Rede im Reichstag. Mitarbeiter des Reichstags, die die Schnellschreibsprache Stenografie beherrschten, hatten die Aufgabe, die Reden mitzuschreiben. Dazu gehörten auch die Zurufe anderer Abgeordneter während der Rede. Diese Zurufe setzten die Stenografen in eckige Klammern. Man bekommt mit dieser Quelle also auch Informationen über die Stimmung unter den Abgeordneten. Bei Parlamentsdebatten im Bundestag und in den Landtagen werden die Reden auch heute noch stenografiert.

Reichstagsprotokolle Band 306, 20. August 1915, S. 224, http://www.reichstagsprotokolle.de/Blatt_k13_bsb00003402_00235.html [24.1.2017].

Aufgabe 1

  1. Lies die Quelle 1 über die Bezahlung der Kriegskosten. Fasse die in der Quelle genannten Vorstellungen stichwortartig zusammen.
  2. Das Deutsche Reich bezahlte die Kriegskosten tatsächlich zu einem großem Teil mit Kriegsanleihen (Krediten von den Bürgern).
    Was hätten die Rückzahlungsvorstellungen Helfferichs nach dem Ende des Krieges für die Kreditgeber (also die Bürger, die Kriegsanleihen gekauft hatten) bedeutet?

3. Die 'Spanische Grippe' forderte Opfer: Sterben nach dem Krieg

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:1918_flu_in_Oakland.jpg
Galerie: Spanische Grippe
Edward A. "Doc" Rogers
1918 flu in Oakland.jpg
Stand: 24.01.2014
PD

Viele Menschen waren nach dem Krieg durch Hunger und Krankheiten geschwächt. Zu den militärischen kamen daher viele zivile Opfer, die nach dem Krieg an Krankheiten starben. Die medizinische Versorgung konnte dieses Sterben auch nach Ende der Kampfhandlungen nicht aufhalten. Besonders unter alten Menschen und Kindern waren viele Opfer zu beklagen.
Gegen Kriegsende raffte die sogenannte Spanische Grippe (eine Grippe-Epidemie) in Europa Millionen Menschen dahin. Auch in kriegsbetroffenen Gebieten außerhalb Europas, insbesondere in Nordamerika, Zentral- und Ostafrika, gab es viele Grippetote.
Auch andere Krankheiten verbreiteten sich sehr schnell. Das kam beispielsweise daher, dass Millionen Soldaten von den Fronten nach Hause zurückkehrten und überall Krankheitserreger einschleppten. Wirksame Medikamente aber gab es nicht. Die Spanische Grippe konnten die damaligen Mediziner nicht effektiv bekämpfen.