34.9 Gedenken, erinnern oder vergessen

Das Vergessen ist der endgültige Tod?

Das Vergessen ist der endgültige Tod?

Warum erinnern sich Menschen eigentlich an die Toten eines Krieges? In allen Ländern, die Teil des Ersten Weltkriegs gewesen waren, baute man Denkmäler für die gefallenen Soldaten. Entlang der Schlachtfelder wurden Soldatenfriedhöfe eingerichtet, und sie werden bis heute gepflegt.
Was ist mit dem Erinnern verbunden? Trauer über den Verlust von lieben Angehörigen? Rachegedanken? Vergebung? Das Wachhalten des Hasses? Du siehst, dass die Erinnerung an den Krieg auch gefährlich sein kann. Sie kann dazu genutzt werden, einen neuen Krieg vorzubereiten. Aber sicher gibt es auch eine Erinnerung an den Krieg, die sich für den Frieden einsetzt. Ich möchte dir Beispiele für das Gedenken an den Ersten Weltkrieg zeigen. 

1. Nationales Gedenken und Geschichtskult an den Schlachtfeldern

Fast 100 Jahre liegt das Ende des Ersten Weltkriegs jetzt zurück. Wie gedenkt man eines solchen Krieges? Bis heute gibt es z.B. in Belgien und Frankreich viele Friedhöfe und Denkmäler. Wenn man nach Flandern (Belgien) reist, kann man dort etwa Soldatenfriedhöfe belgischer, deutscher, britischer, kanadischer und italienischer Soldaten besuchen. Ich habe eine solche Reise unternommen. Und ich hatte den Eindruck, dass immer noch jede Nation getrennt von den anderen der 'eigenen' Gefallenen gedenkt. Sollten die Menschen aus den europäischen Ländern heute gemeinsam an die Zeit des Krieges erinnern? Wie siehst du das?

Darstellung 1

Kriegsgedenken in Belgien

http://commons.wikimedia.org/wiki/File:RemembrancePoppies.jpg
Galerie: Öffentlicher Umgang mit der Geschichte des Ersten Weltkriegs
Solipsist
RemembrancePoppies.jpg
Stand: 29.04.2014
CC 2.0 BY-SA

In Belgien befanden sich einige der grausamsten Schlachtfelder des Ersten Weltkriegs. Im sogenannten Ypernbogen wurden schwere Kämpfe ausgetragen. Rund um die flämischen Städte Ypern, Diksmuide oder Kortrijk sind noch heute Reste der Schlachten zu sehen: Besucher können Schützengräben, Bunkeranlagen oder andere Befestigungen besichtigen. Etwa 150 Friedhöfe für Soldaten der Entente-Mächte und ihrer Verbündeten werden unterhalten. Es gibt auch vier zentrale Friedhöfe für deutsche Soldaten. Unmittelbar nach Kriegsende 1918 hatte es allein für die gefallenen deutschen Soldaten 670 Begräbnisstätten gegeben. In den ehemaligen Kampfgebieten Flanderns kann man auch zahlreiche Museen, Denkmäler und Ausstellungen besuchen. Jedes Jahr reisen viele Geschichtsinteressierte in die Gegend der belgischen Schlachtfelder. Darunter sind auch die Nachfahren gefallener Soldaten. Sie legen Blumen auf die Gräber der Soldaten und lesen auf den Gedenktafeln die Namen der Gefallenen. Neben Gedenkenden kann man aber auch auf Souvenirhändler, Militärfans und Touristen treffen.

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Darstellung 2

Eine Gedenkfeierlichkeit in Ypern (Belgien) heute

Dieses YouTube-Video gibt einen Eindruck in die Gedenkfeierlichkeiten zum Ersten Weltkrieg, die im belgischen Ypern regelmäßig stattfinden.

https://www.youtube.com/watch?v=4DDOGaLxSxA&feature=youtu.be

Darstellung 3

Eine Gedenkfeierlichkeit in Verdun (Frankreich) heute

In Verdun fand im Jahr 2016 eine Weltkriegsgedenkfeier statt. Anlass war die Schlacht von Verdun, die hundert Jahre zuvor stattgefunden hatte. Von diesem Gedenken kannst du hier einen Eindruck gewinnen. 

https://www.youtube.com/watch?v=hG2jHzfNnD4&feature=youtu.be

Aufgabe 1

  1. Arbeite die Bildergalerie 'Öffentlicher Umgang mit der Geschichte des Ersten Weltkriegs' (Darstellung 1) durch und schildere deine Eindrücke. 
  2. Ich behaupte, dass der öffentliche Umgang mit dem Ersten Weltkrieg in Flandern heutzutage vor allem von der Ankurbelung des Tourismus beherrscht wird. Andenkenkitsch wird verkauft, Militaria-Sammler gehen ihrem Hobby nach und die 'normalen' Belgientouristen haben oftmals gar keinen Bezug zur Geschichte.
    Bilde dir eine Meinung zu dieser Aussage und nimm zu ihr Stellung.

2. Opfergedenken – das Kriegerdenkmal im Münchner Hofgarten

Kriegerdenkmal der Stadt München für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs (errichtet 1924)

Im Jahre 1924 wurde in München ein sogenanntes Kriegerdenkmal eingeweiht. Es besteht aus viereckigen Pfeilern und ist halb in den Boden eingelassen. Für den Bau wurden die Gesteine Muschelkalk und Travertin verwendet. Im Inneren befindet sich eine begehbare Gruft. In dieser liegt ein überlebensgroße Figur eines toten Soldaten. Das Denkmal wurde 1924 in Anwesenheit des ehemaligen Kronprinzen Rupprecht von Bayern eingeweiht. Rupprecht war als Angehöriger der bayerischen Königsfamilie selbst deutscher Heerführer im Ersten Weltkrieg gewesen.

In das Denkmal sind folgende Sätze eingelassen:

"Sie werden auferstehen" und "Unseren Gefallenen".
"Erbaut / vom Obmannsbezirk / München-Stadt / des Bayr. Kriegerbundes / den / 13.000 / gefallenen Heldensöhnen / der Stadt München / 1914-1918"
Auf dem Sockel der Soldatenfigur steht:
"Bayerns Heer / seinen Toten".
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde im Inneren folgender Text hinzugefügt: 
"Zum Gedenken / an die 22.000 Gefallenen / 11.000 Vermissten / 6.600 Opfer des Luftkrieges / der Stadt München / 1939-1945".

Das Denkmal steht am Rande des Hofgartens, vor dem Gebäude der Bayerischen Staatskanzlei, die 1905 als bayerisches Armeemuseum errichtet wurde. Unweit befindet sich auch das Denkmal zur Erinnerung an den Widerstand gegen die NS-Diktatur, das im Jahr 1996 errichtet wurde.
Bis heute finden an diesem Denkmal auch Gedenkveranstaltungen statt. Dabei gibt es manchmal jedoch auch Auseinandersetzungen. Nationalistische Gruppen versuchen immer wieder, es für ihre Interessen zu nutzen. Sie verehren die gefallenen Soldaten als 'Helden' und weigern sich, den Krieg vollständig zu verurteilen.

Erkundung: Der Hofgarten in München
Maximilian Dörrbecker
Luftbild München
Stand: 30.06.2016
CC 2.5 BY-SA

Kriegerdenkmal zum Gedenken an die Verstorbenen des Ersten Weltkriegs

 Denkmal zur Erinnerung an den Widerstand gegen die NS-Diktatur

Bayerische Staatskanzlei, früher stand hier das Gebäude des bayerischen Armeemuseums. Dieses wurde 1905 errichtet und nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 zur bayerischen Staatskanzlei erklärt. Diese Staatskanzlei hatte damals jedoch nur wenig Macht.

In diesen langgezogenen Gebäuden (Arkadengänge) mit den roten Dächern befindet sich das Deutsche Theatermuseum. Die Nationalsozialisten hielten darin die Propagandaausstellung "Entartete Kunst" ab, in der sie Werke von Künstlern, die nicht ihrer Meinung waren verspotteten.

Aufgabe 2

  1. Untersuche die Aussage des Münchner Kriegerdenkmals. Nutze dabei die Methodenseite Denkmal.
  2. Untersuche die räumliche Umgebung des Kriegerdenkmals. 
    • Stelle fest, welche weiteren Gebäude, Denkmäler und Landschaftsgestaltungen sich in der Umgebung des Denkmals befinden.
    • Informiere dich über die Geschichte dieser Gebäude, Denkmäler und Landschaftsgestaltungen.
    • Beschreibe die Änderungen, die an diesen Gebäuden, Denkmälern und Landschaftsgestaltungen vorgenommen wurden.
    • Nutze dabei auch die Erkundung 'Der Hofgarten in München'.
    • Beantworte folgende Frage: Welche Botschaft vermittelt die ganze Anlage von Denkmal und Umgebung des Denkmals?
  3. Suche in deinem Heimatort nach einem Kriegerdenkmal zur Erinnerung an den Ersten Weltkrieg.
  4. Untersuche dieses Denkmal ebenfalls mit der Methodenseite Denkmal.
  5. Stelle deine Ergebnisse bei einem Projekttag 'Gedenken an den Ersten Weltkrieg' vor. 

3. Diskussion: Gab es im Sommer 1914 wirklich eine Kriegsbegeisterung?

Bis heute kann man in Büchern lesen, dass es zu Beginn des Ersten Weltkriegs unter den Menschen eine große Begeisterung für den Krieg gegeben habe. Die Menschen hätten überall auf den Straßen und Plätzen gestanden und den vorbeiziehenden Soldaten zugejubelt. Diese Hochstimmung wurde von Propagandisten 'das Augusterlebnis' genannt. Auch Historiker nutzten diese Begeisterung, um zu erklären, warum die Männer so bereitwillig in die Schlachten zogen und warum es später eine so große Enttäuschung über die Niederlagen gab.
Aber stimmt es eigentlich, dass es eine große Kriegsbegeisterung gab? Heutige Historiker zweifeln an dieser kollektiven Begeisterung. Zu diesem Thema habe ich unterschiedliche Quellen aus dem Sommer 1914 ausgewählt. Untersuche und beurteile sie.

Quelle 1

Ein deutscher Soldat berichtet über den Kriegsanfang

Der 20-jährige Soldat Gotthard Dentler stammte aus Remagen. Er schrieb Anfang August: 
Liebe Eltern, [...] An den Eisenbahnwagen hatten wir allerhand Ulk angemalt, so 'auf nach Paris zum Bundesschießen', 'morgen gibt's Goulasch mit Rothosen', 'Franzosen, Belgier, Serben, Ihr alle müsst jetzt sterben' usw. Auf der ganzen Fahrt haben wir gesungen, was nur die Kehle hergab. Überall, wo wir auf der Fahrt durchkamen, wurden wir aufgemuntert, feste zuzuhauen, aber auch so manches Mütterlein stand an der Bahn mit Tränen in den Augen.

Rothosen: Die Soldaten der französischen Armee trugen zu diesem Zeitpunkt noch die roten Uniformhosen des Krieges von 1870/71.

Feldpostbriefe – Lettres de poilus, "... wer fällt, der stirbt den Heldentod", Deutschlandradio, http://www.dradio.de/dlf/sendungen/feldpost/981102.html [17.07.2013].

Quelle 2

Bericht eines französischen Soldaten zum Kriegsbeginn

Am 10. August 1914 schrieb der 22 Jahre alte Maurice Maréchal an seine Mutter. Er war Musiker und wurde nach dem Krieg einer der bedeutendsten Cellisten Frankreichs:
Während der ganzen Fahrt gestern haben die Leute unterwegs oder auf den Bahnhöfen nicht aufgehört uns anzufeuern, die Frauen schickten uns Küsse, die Männer stimmten mit uns die Marseillaise […] an. [...] Warum muss mir eine dumpfe Angst das Herz zuschnüren – wenn das eine Truppenübung wäre, dann wäre das sehr unterhaltsam; doch übermorgen oder in drei Tagen wird der Kugelhagel einsetzen und wer weiß?

Feldpostbriefe – Lettres de poilus, "... wer fällt, der stirbt den Heldentod", Deutschlandradiohttp://www.dradio.de/dlf/sendungen/feldpost/981102.html [17.07.2013].

Quelle 3

Bericht des Berliner Polizeipräsidenten: Sozialdemokraten demonstrierten gegen den drohenden Krieg (Sommer 1914)

Zu den gestrigen Protestversammlungen der Sozialdemokratie war der Zuzug namentlich im Norden und Osten der Stadt außerordentlich stark [...]. Allgemein waren namentlich die von den Massenzügen Abgedrängten bestrebt, nach der Straße Unter den Linden zu gelangen. [...] Diese Trupps erreichten allmählich eine Stärke, dass geschlossene Züge, die 'Internationale' und andere Arbeiterlieder singend, sich auf der Mittelpromenade und an anderen Stellen bewegten.

Fritz Klein, Deutschland von 1897/98 bis 1917, Berlin, 1977, S. 269f.

Quelle 4

Der SPD-Vorsitzende über den Beginn des Krieges in einer Reichstagsrede (1914)

Wir denken auch an die Mütter, die ihre Söhne hergeben müssen, an die Frauen und die Kinder. [...] Wir fühlen uns im Einklang mit der Internationalen, die das Recht jedes Volkes auf nationale Selbständigkeit jederzeit anerkannt hat, und verurteilen jeden Eroberungskrieg. Wir fordern, dass der Krieg zu einem sofortigen Ende gebracht wird, wenn das Ziel der Sicherung erreicht und wenn die Gegner bereit sind, Frieden zu machen.

Verhandlungen des Reichstags, XIII. Legislaturperiode, II. Session, Bd. 306, Stenographische Berichte, Berlin, 1916, S. 8f.

Quelle 5

Ein Reisender, der im Sommer 1914 von Frankreich nach Deutschland fuhr, berichtete über die Kriegsbegeisterung in Deutschland.

Mir blieb der Verstand stehen. Ich glaubte, ich sei auf ein Schützenfest geraten. Glockenläuten, Girlanden, Freibier, Juhu und Hurra – ein großer Rummelplatz war meine Heimat, und von dem Krieg, in den sie da ging, hatte sie nicht die leiseste Vorstellung.

Kurt Tucholsky, Die Weltbühne, 07.08.1924, Nr. 32, S. 204.

Darstellung 4

Filmausschnitt 'Im Westen nichts Neues'

Unter dem Stichwort 'Kriegsbegeisterung Im Westen nichts Neues' findest du den gleichnamigen Film aus dem Jahr 1930 auf YouTube. Ein Thema des Films ist die Kriegsbegeisterung im Sommer 1914.

Kriegsbegeisterung Im Westen nicht Neues

Deutscher Truppentransport im August 1914. Solche Bilder entstanden zu Kriegsbeginn in großen Mengen. Sie müssen immer kritisch untersucht werden.

Aufgabe 3

  1. Stell dir vor, dass sehr viele Menschen vom Kriegsbeginn nicht begeistert waren. Weshalb?
    • Auch Männer hatten Angst.
    • Sie wollten sich nicht von ihren Familien trennen. 
    • Die Bauern waren mitten in der Ernte und wollten ihre Felder nicht im Stich lassen.
    • Viele Arbeiter wollten nicht für einen Staat kämpfen, den sie ablehnten.
  2. Überlege, mit welchen Mitteln und unter welchen Umständen Bilder von jubelnden Soldaten entstanden sein könnten. 
  3. Arbeite die Gründe für den Protest der Sozialdemokraten gegen den drohenden Krieg heraus.