1.1 Aussiedler, Einwanderer, Flüchtlinge – Warum begeben sich Menschen an andere Orte?

Der Weg ist das Ziel?

Der Weg ist das Ziel?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
CC 4.0 BY-SA

Aussiedler, Einwanderer, Flüchtlinge – es gibt im Deutschen eine Menge Begriffe für Menschen, die ihren Geburtsort verlassen, um an einem anderen Ort zu leben. Der Sammelbegriff für diese Menschen ist Migranten. Aber was bedeutet das eigentlich, wer ist Migrant und wie wird man Migrant? Aus welchen Gründen wandern Menschen aus bzw. ein? In diesem Kapitel geht es mir vor allem darum, einige Begriffe zu klären, die im Zusammenhang mit wandernden Menschen wichtig sind.

Hier sehen Sie einen als amerikanischen Astronaut verkleideten Russland-Deutschen
Galerie: Berühmte Wanderer und Wanderungen
NASA / Neil A. Armstrong
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Darstellung 1

Der Migrationsforscher Klaus Bade über den Menschen als Wanderer

Das Wandern ist ein wesentlicher Bestandteil der menschlichen Lebensbedingungen wie Geburt, Vermehrung, Krankheit und Tod. Dabei ist die Geschichte der Wanderungen so alt wie die Menschheitsgeschichte, weil sich der Homo sapiens als Homo migrans über die Welt ausgebreitet hat.

Klaus J. Bade u.a. (Hgg), Enzyklopädie Migration in Europa. Vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Paderborn 2007, S.19. Bearbeitet von Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen.

1. Die Wanderlust steckt in unserer Kultur

In Geschichten, Filmen und Liedern: überall taucht die menschliche Wanderlust auf. Ob auf der Flucht vor enttäuschter Liebe, aus Abenteuerlust und Entdeckerdrang oder um fremde Länder zu erobern – ständig wird in den wirklich spannenden Erzählungen gewandert. Klar, denn zu Hause passiert ja meistens nicht so viel Aufregendes. 

Darstellung 2

Musikalische Beispiele

Wandern und Reisen ist ein häufig auftauchendes Thema in der Musik, hier einige Beispiele:

Darstellung 3

Beispiele im Film

Viele Filme beschäftigen sich mit dem Thema Reisen. Und es gibt einige Filme, deren ganze Handlung aus einer Reise besteht. 'Roadmovie' heißen solche Filme: die Reise steht darin meist als Metapher für die Suche nach der eigenen Identität oder Freiheit. Hier einige Beispiele: (Sollten die Links nicht funktionieren, suche auf YouTube nach den Titeln)

2. Die Wanderlust steckt in unserem Wissen

Galerie: Wanderndes Wissen
United States Department of Energy
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Heute erscheint es uns zum Beispiel ganz normal, dass das in Kalifornien erfundene Smartphone wenig später auch in Deutschland oder China gekauft werden kann. Als es aber noch kein Fernsehen, kein Internet und keine international tätigen Firmen gab, verbreiteten sich wissenschaftliche und technische Neuerungen nicht so rasend schnell über die Welt wie heute. Damals brauchte es noch reisende Menschen, um eine Entdeckung, die irgendwo gemacht wurde, um die Welt zu tragen. 

3. Was ist Migration?

Was bedeutet eigentlich Migration? Der Begriff leitet sich vom lateinischen Wort migrare ab, das wandern, aus- oder wegziehen bedeutet. Es wird im Zusammenhang von ein- und auswandernden Menschen ständig verwendet. Und irgendwie haben wir alle das Gefühl, dasselbe zu meinen, wenn wir Migration sagen.

Versucht man jedoch, genau zu beschreiben, was Migration ausmacht (und was nicht), wird die Sache sehr viel schwieriger. Denn nicht jeder Mensch, der sich an einem anderen Ort aufhält als dem, an dem er geboren und aufgewachsen ist, ist ein Migrant. Menschen begeben sich

  • aus unterschiedlichen Gründen, 
  • unter sehr unterschiedlichen Bedingungen und 
  • mit unterschiedlichen Zielen 

an einen anderen Ort. Ob wir eine bestimmte Form dieser Bewegungen als Migration bezeichnen, hängt von all diesen Gründen, Bedingungen und Zielen ab.

Quelle 1

Eine Definition von Migration des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge

Von Migration spricht man, wenn eine Person ihren Lebensmittelpunkt räumlich verlegt, von internationaler Migration, wenn dies über Staatsgrenzen hinweg geschieht.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, Migrationsbericht 2011, S.12,
http://www.bamf.de/SharedDocs/Anlagen/DE/Publikationen/Migrationsberichte/migrationsbericht-2011.pdf?__blob=publicationFile [15.11.2015].

Quelle 2

Eine Definition von Migranten aus der deutschen Wikipedia

Menschen, die einzeln oder in Gruppen ihre bisherigen Wohnorte verlassen, um sich an anderen Orten dauerhaft oder zumindest für längere Zeit niederzulassen, werden als Migranten bezeichnet.

Aufgabe 1

Hier musst du selbst entscheiden, ob es sich um Migration handelt oder nicht.

  1. Lies dir die beiden Quellen durch und schau dir danach die Galerie: Migration? an.
  2. Entscheide, welches der Beispiele in der Galerie Migration, bzw. Migranten darstellt

    • nach der Definition des Bundesamtes?
    • nach der Definition der Wikipedia?

  3. Welche der beiden Definitionen findest du besser? Begründe deine Antwort. 

4. Gründe zu gehen, Gründe zu kommen

Galerie: Ein Beispiel für Push- und Pull-Faktoren
published in Harper’s Weekly, (New York) November 7, 1874, upload: Rjesen
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Ein Mittel, Migration besser verstehen und untersuchen zu können, ist das Push-Pull-Modell. Dieses Modell geht davon aus, dass es Umstände gibt, die Menschen von dem Ort, an dem sie leben, 'wegdrücken' – die Push-Faktoren (engl. push = drücken). Solche Push-Faktoren müssen also Umstände sein, die das Leben der Menschen verschlechtern oder gefährden, wie etwa Arbeitslosigkeit, Krieg oder Verfolgung.
Daneben gibt es Umstände, die Menschen zu einem anderen Ort 'hinziehen' – die Pull-Faktoren (engl. pull = ziehen). Solche Pull-Faktoren stellen also Verbesserungen oder zumindest die Hoffnung auf Verbesserung im Leben der Menschen dar. Beispiele für Pull-Faktoren sind Sicherheit, Arbeitsplätze oder Wohlstand.

Wenn diese Push- und Pull-Faktoren stark genug werden, entsteht Migration. Um zu erklären, warum Menschen zu einem bestimmten Zeitpunkt von einem bestimmten Ort zu einem anderen migrieren, muss man also die auf diese Menschen wirkenden Push- und Pull-Faktoren finden. 

Darstellung 4

Marias Migrationsgeschichte (erfundene Geschichte)

Maria lebt in Lissabon. 2011 schließt sie ihr Ingenieursstudium an der Universität ab. Zu dieser Zeit herrscht in Portugal eine Wirtschaftskrise und deshalb hohe Arbeitslosigkeit. Jahrelang versucht Maria, eine Anstellung als Ingenieurin zu finden, bleibt aber erfolglos. 2014 beschließt sie, nach Deutschland zu ziehen, da dort die wirtschaftliche Situation besser ist und es viele freie Ingenieursstellen geben soll. Sie zieht nach Stuttgart, wo ihr Onkel als Facharbeiter in der Automobilindustrie arbeitet. Aber auch in Deutschland findet Maria wegen ihren schlechten Deutschkenntnissen zunächst keine Anstellung als Ingenieurin. Sie bleibt dennoch in Deutschland, schlägt sich als Kellnerin durch und besucht mehrere Deutschkurse, weil sie die Hoffnung hat, irgendwann eine Stelle als Ingenieurin zu bekommen.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Darstellung 5

Martins Migrationsgeschichte (erfundene Geschichte)

Martin kommt aus einem Dorf im Münsterland. In der zehnten Klasse verliebt er sich in einen Mitschüler. Da er Angst vor der Reaktion seiner Eltern hat (mit denen er sich eigentlich gut versteht), traut sich Martin nicht, ihnen zu erzählen, dass er homosexuell ist. Im Dorf gibt es keine offen homosexuell lebenden Männer. Mit 18 geht Martin bei einem Wochenendausflug nach Köln zum ersten Mal in eine Schwulenbar. Die Männer, die er dort trifft, erzählen ihm von der Größe und Vielfalt der Kölner Schwulenszene. Martin bricht seine Ausbildung zum Industriemechaniker ab und zieht nach Köln. Seinen Eltern sagt er, dass er dort "irgendwas mit Medien" machen will.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 2

  1. Lies dir die Darstellungen 4 und 5 durch und erstelle eine Liste der Push- und Pull-Faktoren, die in den Geschichten zur Migration führen.
  2. Sucht gemeinsam in der Gruppe nach weiteren Push- und Pull-Faktoren, die Menschen zur Migration bewegen können.

5. Wie bekommt man einen Migrationshintergrund?

'Geh' gefälligst dahin, wo du herkommst!' - Karikatur des Künstlers Tom Körner zum Thema Migration.

Man kann in Deutschland nicht nur Migrant sein, man kann auch einen Migrationshintergrund haben. Einen Migrationshintergrund hat man (nach der Definition des statistischen Bundesamtes), wenn man entweder selber nach Deutschland eingewandert ist oder Eltern hat, die in den letzten 70 Jahren nach Deutschland eingewandert sind. 

Das heißt also, es gibt Menschen, die in Deutschland geboren wurden, die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen, von Geburt an Deutsch als Muttersprache sprechen und nie irgendwohin migriert sind – und dennoch haben diese Menschen einen Migrationshintergrund, wenn ihr Vater oder ihre Mutter nach Deutschland eingewandert sind.

Daran sieht man das Problem mit dem Begriff Migrationshintergrund: Er klingt irgendwie nach Einwanderung und Ausländern, bezeichnet aber oft Menschen, die überhaupt nicht eingewandert sind und sich selbst zu Recht als Deutsche betrachten. Dennoch wird dieser Begriff verwendet, in der Politik, in den Medien, in der Gesellschaft. Deshalb sollten wir ihn uns etwas genauer anschauen und uns dabei fragen, welchem Zweck dieser Begriff dienen kann.

Darstellung 6

Kritik am Begriff 'Migrationshintergrund'

Wer stellt eigentlich in Deutschland fest, wer einen Migrationshintergrund hat?

Seit 2005 wird in Deutschland eine neue Zahl erhoben, nämlich die der Personen mit sogenanntem Migrationshintergrund. Zwar hat das Statistische Bundesamt diesen lustigen Begriff nicht erfunden, aber parallel zu den entsprechenden Erhebungen hat er Eingang im allgemeinen Sprachgebrauch gefunden. [...]

Jedenfalls weisen demnach die aktuell veröffentlichten Zahlen 19 Prozent der Bevölkerung als Personen mit Migrationshintergrund aus. Wohlgemerkt: von diesen 15,6 Millionen Menschen sind 8,3 Millionen deutsche Staatsbürger und nur die verbleibenden 7,3 Millionen Menschen Ausländer im juristischen Sinne. Genau darin aber liegt der verborgene Sinn einer solchen Begriffsbildung: Es bedarf einer derartigen Definition, um in der Statistik alle die Menschen, die längst Deutsche geworden sind, noch irgendwie gesondert zu erfassen. [...]

Und welchen Sinn hat der Begriff Migrationshintergrund?

Die Bezeichnung Migrationshintergrund kommt politisch korrekt daher, klingt nicht so prollig wie "Ausländer", meint aber trotzdem: "Der ist eigentlich gar kein Deutscher!" Diese Zuweisung verhindert auch, dass jeder in Deutschland lebende Mensch sich selbst definieren kann.

www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2010-02/migrationshintergrund-koeluemne [29.7.2015].

Quelle 3

Das statistische Bundesamt zum Begriff 'Migrationshintergrund'

Wir versuchen, das Phänomen Migration durch das Konzept der "Bevölkerung mit Migrationshintergrund" leichter fassbar zu machen. Dieser Begriff ist in Wissenschaft und Politik seit langem verbreitet und wird trotz seiner Sperrigkeit auch im der Alltagssprache immer öfter verwendet. Er drückt aus, dass zu den Betroffenen nicht nur die Zuwanderer selbst – d.h. die eigentlichen Migranten – gehören sollen, sondern auch bestimmte ihrer in Deutschland geborenen Nachkommen. [...]

In unserer Studie kann der Migrationshintergrund ohnehin nur künstlich, also als von den Forschern definierter Begriff bestimmt werden, da es aus naheliegenden Gründen nicht möglich war, den Betroffenen die Frage zu stellen "Haben Sie einen Migrationshintergrund, und wenn ja, welche Ausprägungsform?"

www.destatis.de/DE/Publikationen/Thematisch/Bevoelkerung/MigrationIntegration/Migrationshintergrund2010220057004.pdf;jsessionid=9811B804922F758811806FA05258A738.cae3?__blob=publicationFile [09.11.2016]. Bearbeitet von Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen.

Aufgabe 3

In Quelle 3 wird behauptet, dass man Menschen aus "naheliegenden" Gründen nicht danach fragen kann, ob sie "einen Migrationshintergrund" haben und in welcher "Ausprägungsform".

  1. Stelle Überlegungen zu den "naheliegenden" Gründe an. Welche könnten gemeint sein?
  2. Diskutiert in der Gruppe die möglichen Gründe dafür, dass man diese Fragen nicht stellen kann?

Tabelle 1

Wer hat in Deutschland einen Migrationshintergrund?

Gruppedeutsche StaatsbürgerschaftAnteil
Direkt zugewanderte AusländerNein36%
In Deutschland geborene AusländerNein11%
SpätaussiedlerJa12%
Eingebürgerte, zugewanderte AusländerJa20%
In Deutschland geborene Deutsche mit mindestens einem Elternteil mit ausländischer StaatsangehörigkeitJa21%
Carsten Wippermann, Berthold Bodo Flaig, Lebenswelten von Migrantinnen und Migranten. In: Aus Politik und Zeitgeschichte. Heft 5/2009 vom 26. Januar 2009, S. 4.

6. Was hat das alles mit Russlanddeutschen zu tun?

In diesem Buch geht es um Russlanddeutsche. Russlanddeutsche sind Deutsche. Sie besitzen die deutsche Staatsangehörigkeit und dennoch beginne ich dieses Buch mit einem Kapitel über Migranten. Warum?

  • Erstens ist die Geschichte der Russlanddeutschen auch eine Geschichte der Wanderung. Aus ganz unterschiedlichen Gründen haben Russlanddeutsche immer wieder ihren Wohnort verlassen (manchmal freiwillig, manchmal gezwungenermaßen), um an einem anderen Ort zu leben. Um diese Geschichte zu verstehen, brauchen wir die Begriffe, die ich in diesem Kapitel vorgestellt habe. 
  • Zweitens sind die Russlanddeutschen heute in Deutschland oft in Situationen, in denen sie sich mit dem Begriff 'Migrationshintergrund' auseinandersetzen müssen. Sie müssen oft einen Kampf darum führen, als 'richtige Deutsche' akzeptiert zu werden. Diese Erlebnisse teilen sie mit den Nachkommen von Migranten, die seit ihrer Geburt in Deutschland leben.