2.1 Was ist eigentlich deutsch?

Typisch deutsch!?

Typisch deutsch!?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Typisch deutsch!, Header Mentalität und Kultur
CC 4.0 BY-SA

Manchmal hört man Leute Sätze wie diesen sagen: 'Deutscher kann man nicht werden. Deutscher ist man oder man ist es nicht.' Mit dem Erwerb der deutschen Staatsbürgerschaft ist man in den Augen vieler alteingesessener Deutscher noch lange kein richtiger Deutscher. Das kann man auch an Fragen wie: 'Aber wo kommst du eigentlich her?', oder an dem Begriff 'Deutscher mit Migrationshintergrund' erkennen.
Man braucht also mehr als einen deutschen Pass, um als 'deutsch' zu gelten. Was sind das für Dinge, die zu einem 'echten Deutschen' gehören? Und warum fällt es vielen Deutschen so schwer zu akzeptieren, dass aus Einwanderern und ihren Kindern echte Deutsche werden können?

1. Vorstellungen und Vorurteile

Im Folgenden sind ein paar Vorstellungen und Vorurteile zusammengestellt, die in den Köpfen vieler Deutscher über das Deutschsein existieren. Ich möchte nicht behaupten, dass alle diese Vorurteile von allen Deutschen geteilt werden. Aber es gibt sie, und Menschen, die irgendwie anders aussehen, klingen oder wirken, werden regelmäßig mit ihnen konfrontiert.

Text 1

Vorurteile: Deutscher ist, wer deutsche Vorfahren hat.

Hinweis: Die folgenden Ansichten sind fiktiv. Sie stellen also nicht die Meinung des Autors dar. Der Autor beschreibt mit seinen Worten die Vorurteile, die es in der Gesellschaft manchmal gibt.

Die Deutschen sind eine Abstammungsgemeinschaft. Deutsche werden geboren und zwar von deutschen Eltern. Seit 1999 werden zwar von deutschen Behörden deutsche Pässe an Ausländer ausgestellt, aber dadurch werden diese Menschen doch nicht zu echten Deutschen. Deutsch kann man nicht von einer Behörde gemacht werden.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Text 2

Vorurteile: Deutsch ist, wer deutsch aussieht.

Hinweis: Die folgenden Ansichten sind fiktiv. Sie stellen also nicht die Meinung des Autors dar. Der Autor beschreibt mit seinen Worten die Vorurteile, die es in der Gesellschaft manchmal gibt.

Er muss ja nicht unbedingt blond und blauäugig sein, aber ein echter Deutscher hat keine dunkle Haut oder schmale Augen. Wenn die Haare zu kraus und die Wangenknochen zu hoch sind, dann habe ich keinen Deutschen, sondern einen Ausländer vor mir – ganz gleich, was in seinem Pass steht.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen
Unser Karikaturist hat sich beim Zeichnen folgende Frage gestellt:
Kann jemand tatsächlich deutscher aussehen als der andere?
Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Karikatur Klischee-Deutsche
CC 4.0 BY-SA

 

 

Text 3

Vorurteile: Deutsch ist, wer einen deutschen Namen hat

Hinweis: Die folgenden Ansichten sind fiktiv. Sie stellen also nicht die Meinung des Autors dar. Der Autor beschreibt mit seinen Worten die Vorurteile, die es in der Gesellschaft manchmal gibt.

Es gibt Ausnahmen: Nicht jeder muss Christian Schmidt oder Anja Lehmann heißen. Bei Vornamen geht auch ein Kevin oder eine Chantalle, bei Nachnamen ein de Maiziére oder ein Kuschinsky. Aber bei bestimmten Namen ist dann Schluss: Bülent oder Fereshda, Yücel oder M´Boko – wer so heißt, der kann kein wirklicher Deutscher sein.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen
Ein typisches Klingelschild in einer deutschen Großstadt. Welche Namen sind denn nun typisch deutsch?

Text 4

Vorurteile: Deutsch ist, wer ein anständiges Deutsch spricht!

Hinweis: Die folgenden Ansichten sind fiktiv. Sie stellen also nicht die Meinung des Autors dar. Der Autor beschreibt mit seinen Worten die Vorurteile, die es in der Gesellschaft manchmal gibt.

Gleich vorweg: Mit anständigem Deutsch ist kein Dialekt gemeint. Man trifft in Bayern, Sachsen oder Hessen viele Leute, die nur wenig Hochdeutsch können. Aber diese Leute sprechen ihren Heimatdialekt und sind dadurch besonders deutsch. Wenn ich aber jemanden bei häufigen Grammatikfehlern, bei seltsamen Betonungen oder einem untypisch rollenden R erwische, dann weiß ich, dass der kein richtiger Deutscher sein kann.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen
Galerie: Anständiges Deutsch?

Text 5

Vorurteile: Deutsch ist, wer sich an deutsche Regeln hält

Hinweis: Die folgenden Ansichten sind fiktiv. Sie stellen also nicht die Meinung des Autors dar. Der Autor beschreibt mit seinen Worten die Vorurteile, die es in der Gesellschaft manchmal gibt.

Wir haben hier in Deutschland ein paar Regeln, an die sich jeder halten muss, damit das Zusammenleben gut funktioniert: Wir halten die Mittagsruhe ein, trennen den Müll, pflegen unseren Garten, fegen den Gehweg und die Treppe. Wer sich daran nicht hält, macht nicht nur Probleme, sondern steht auch im Verdacht, nicht wirklich dazuzugehören.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 1

Umgang mit Vorurteilen

  1. Recherchiere im Netz nach der Funktion von Vorurteilen im Denken und Handeln von Menschen. Du kannst dich zum Beispiel hier über Vorurteile informieren.
  2. Notiere stichpunktartig die Schwächen und Stärken von Vorurteilen in einer Tabelle.
  3. Suche aus den Texten 1-5 mindestens zwei aus, auf die du diese Schwächen und Stärken beziehst.
    Notiere deine Ergebnisse wiederum in einer Tabelle.

2. Die Sache mit der Leitkultur

Immer wieder, wenn in Medien und Politik das Thema Integration diskutiert wird, taucht der Begriff 'Leitkultur' auf. Dabei geht es meistens um die Frage, was es benötigt, um in Deutschland richtig dazu zu gehören. Und dabei wird sehr oft dargelegt, dass es nicht genüge, die deutsche Staatsbürgerschaft zu haben, deutsch zu sprechen und sich an die deutschen Gesetze zu halten. Um wirklich integriert zu sein, müsse man sich auch an eine deutsche Leitkultur anpassen. Aber was ist das eigentlich, eine deutsche Leitkultur?

Galerie: Leitkultur?

Quelle 1

Der CDU-Politiker Jörg Schönbohm zu Integration und Leitkultur

Wer zu uns kommt, muss die deutsche Leitkultur übernehmen. Unsere Geschichte hat sich in über tausend Jahren entwickelt. Wir haben nicht nur eine gemeinsame Sprache, sondern auch kulturelle Umgangsformen und Gesetze. Wir dürfen nicht zulassen, dass diese Basis der Gemeinsamkeit von Ausländern zerstört wird.

Der Spiegel, Nr.48, 2004, Leitkultur übernehmen, zitiert nach: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-37494646.html [].

Darstellung 1

Der Sozialwissenschaftler Werner Schiffauer zum Problem mit dem Begriff 'Leitkultur'

Schiffauer weist darauf hin, dass in einer Gesellschaft nie alle Menschen die gleiche Meinung zu wichtigen Fragen haben. Solche Fragen können sein: Wie sollen die Kinder erzogen werden? Wie soll der gesellschaftliche Reichtum verteilt werden? Usw.

Jedes Mal, wenn man etwas benennt – etwa die [...] Ordnungsliebe oder ein starkes Bewusstsein von Verteilungsgerechtigkeit – wird man wesentliche Gruppen in der Gesellschaft bezeichnen können, die diesen spezifischen Wert nicht teilen, die gegen ihn rebellieren oder denen er gleichgültig ist.

Was Kultur ist, wird aber von solchen Fragen und den Antworten auf diese Frage bestimmt. Und deshalb ist es für Schiffauer nicht möglich, dass alle Leute in einem Land einheitliche Ansichten über Kultur - also eine Leitkultur - haben. Es zeige sich: 

Das – über ein Bekenntnis zum Rechtsstaat und zu den Prinzipien der Verfassung hinausgehende – 'Mehr' kann, [...] nicht positiv benannt werden.

Hinweis: Sozialwissenschaften untersuchen das Zusammenleben von Menschen in einer Gesellschaft.

Werner Schiffauer, Parallelgesellschaften – wie viel Wertekonsens braucht unsere Gesellschaft? Für eine kluge Politik der Differenz, Bielefeld 2008, S. 113 und S. 137.

Darstellung 2

Der aus Russland stammende deutsche Schriftsteller Wladimir Kaminer schreibt, was für ihn typisch deutsch ist

Sollte ich jemals gefragt werden, was für mich typisch deutsch sei, würde ich sagen: mit einem Gasbrenner unsichtbare Unkrautwurzeln verkohlen, mit Helm Fahrrad fahren und eine Vollkaskoversicherung fürs Leben anstreben, das ist typisch deutsch. Und natürlich Rhabarber essen.

Wladimir Kaminer, Mein Leben im Schrebergarten, München 2007, S. 43.

3. Ist Deutschland ein Nationalstaat?

Was braucht es, um wirklich deutsch zu sein?

Manchmal werden bei uns Eigenschaften und Verhaltensweisen für das Dazugehören von Menschen zur deutschen Gesellschaft gefordert, die gar nicht so gut zu einem modernen Nationalstaat passen. Da geht es dann etwa um die Kleidung von Menschen, ihre Lebensweisen und Religionen.
Die Bürger eines modernen Nationalstaats definieren sich jedoch über ihre Staatsbürgerschaft und über ihr Bekenntnis zur Verfassung. In Deutschland scheint es bei Diskussionen über das, was unser Zusammenleben ausmacht, aber mitunter mehr um die persönliche Abstammung von Menschen und um ein Bekenntnis zu einer bestimmten kulturellen Tradition zu gehen.

Darstellung 3

Der Soziologe Friedrich Heckmann über die Deutschen als Nation

Das traditionelle Konzept von Nation in Deutschland wurde schon immer hauptsächlich durch die Idee einer ethnischen Gemeinschaft bestimmt. Ethnischer Nationalismus steht für eine gemeinsame ethnische Zugehörigkeit als Basis für staatliche Organisation. Ethnische und staatliche Grenzen sollen identisch sein.

ethnischen Gemeinschaft: Eine ethnische Gemeinschaft ist eine Gruppe von Menschen die sich durch vor allem durch gemeinsame Abstammung und geteilte Kultur als zusammengehörig empfinden.

Hinweis: Ein Soziologe untersucht das soziale Verhalten von Menschen. Das bedeutet, er befasst sich mit den Ursachen des Verhaltens von Menschen, schaut sich an, was sie genau tun, wenn sie mit anderen sprechen und handeln und er untersucht auf die Folgen diese Verhaltens.

Friedrich Heckmann, The integration of immigrants in European societies – national differences and trends of convergence, Stuttgart 2003, S.55, übersetzt aus dem Englischen von Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen.

Aufgabe 2

  1. In dem Bild 'Was braucht es, um wirklich deutsch zu sein?' hat unser Grafiker drei Möglichkeiten dargestellt, wie man Deutsch-Sein begründen kann. Formuliere für jedes der dargestellten Männchen einen Satz: "Ich bin deutsch, weil ich ..."
  2. Finde weitere Sätze, mit denen man das eigene Deutsch-Sein begründen kann.
  3. Welche Begründung erscheint dir am besten. Begründe deine Antwort und diskutiere sie in der Klasse.