2.3 Woher kommen diese Deutschen in Russland eigentlich?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
CC 4.0 BY-SA

Heute sind Russlanddeutsche Menschen, die vor einiger Zeit von Russland nach Deutschland ausgewandert sind. Aber das erklärt den Namen 'Russlanddeutsche' noch nicht. Warum heißen diese Menschen dann nicht 'Russen' oder 'russische Migranten'. Russlanddeutsche heißen Russlanddeutsche, weil sie Deutsche sind, die aus Russland nach Deutschland ausgewandert sind. Das wirft ein paar Fragen auf: Was machten diese Deutschen in Russland? Wie kamen sie dorthin? Wann sind sie nach Russland ausgewandert und warum? In diesem Kapitel schauen wir uns an, wie die Russlanddeutschen überhaupt zu Russlanddeutschen wurden.

1. Eine 250 Jahre alte Einladung

Galerie: Katharina
Vigilius Eriksen
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PD

Am 22. Juli 1763 unterzeichnete die russische Zarin Katharina die Große ein wichtiges Schriftstück. Es gelangte auch nach Deutschland und war eigentlich ein Angebot: Auswärtige Siedler wurden eingeladen, nach Russland zu kommen. So sollten ins Russische Reich ziehen können, sich dort niederlassen und bisher unbebautes Land besiedeln. Diesem Ruf folgten auch deutsche Bauern und Handwerker.

Damit auch Leute kamen, machte Katharina den zukünftigen Siedlern weitreichende Versprechungen. Jeder sollte eine größere Fläche Land erhalten, von der Steuer und vom Militärdienst befreit sein. Außerdem sollten die Siedler sich selbst verwalten dürfen und das Recht haben, ihre Religion ungestört auszuüben. Das war in der damaligen Zeit in Europa ein sehr verlockendes Angebot: Landbesitz war eine wichtige und zuverlässige Grundlage für Reichtum, die Steuern waren hoch, der Militärdienst lang und wegen der vielen Kriege gefährlich, und Religionsfreiheit war unüblich.

Quelle 1

Auszüge aus Katharinas Manifest vom 22. Juli 1763

Das Uns der weite Umfang der Länder Unseres Reiches zur Genüge bekannt, so nahmen Wir unter anderem wahr, daß keine geringe Zahl solcher Gegenden noch unbebaut liege, die mit vorteilhafter Bequemlichkeit zur Bevölkerung und Bewohnung des menschlichen Geschlechtes nutzbarlichst könnte angewendet werden [...]. [Also] Verstatten Wir allen Ausländern, in Unser Reich zu kommen, um sich in allen Gouvernements, wo es einem jeden gefällig, häuslich niederzulassen. [...] Gestatten Wir allen in Unser Reich ankommenden Ausländern unverhindert die freie Religions-Übung nach ihren Kirchen-Satzungen und Gebräuchen; [...] [auch] erteilen Wir die Freyheit, Kirchen und Glocken-Türme zu bauen und dabey nöthige Anzahl Priester und Kirchendiener zu unterhalten [...] [Es] Soll keiner unter solchen zur häuslichen Niederlassung nach Rußland gekommene Ausländer an unsere Cassa die geringsten Abgaben zu entrichten, und weder gewöhnliche oder außerordentliche Dienste zu leisten gezwungen, noch Einquartierung zu tragen verbunden, sondern mit einem Worte, es soll ein jeder von aller Steuer und Auflagen folgendermaßen frey sein [...]

Darstellung 1

Es gab schon Deutsche in Russland

Die Deutsche Vorstadt in Moskau, Darstellung aus dem 17. Jahrhundert

Viele Siedler kamen. Die deutschen Siedler waren nicht die ersten Deutschen, die nach Russland gezogen waren, um dort ihr Glück zu machen. Seit dem Mittelalter waren in mehrern russischen Städten deutsche Händler zu finden (siehe Kapitel 4.1). Und schon Katharinas Vorgängern, insbesondere Peter der Große (1642-1725), hatten deutsche Handwerker, Ärzte und andere Fachleute ins Land geholt. In Moskau gab es seit dem 16. Jahrhundert einen eigenen Stadtteil mit Namen 'Deutsche Vorstadt' (rus. 'Nemezkaja Sloboda'), wo man die ausländischen Gewerbetreiber angesiedelt hatte. 1725 lebten hier bereits 2.500 Deutsche.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen
Text: Lukas Kneser, Sprecher: Florian Lange Animation & Sound: Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Video: Katharinas Einlad
CC 4.0 BY-SA

Video: Katharinas Einladung und ihre Folgen

 

Aufgabe 1

  1. Nenne die Beweggründe, die Katharina veranlassten, Siedlern Privilegien einzuräumen.
  2. Erörtere mögliche Folgen für das Zusammenleben deutscher und russischer Bauern.

2. Wer kam?

Diese Übersichtskarte zeigt die deutschen Siedlungsgebiete (grüne Flächen) an der Schwarzmeerküste und der unteren Wolga.
Martin Bartl, Institut für digitales Lernen
Übersichtskarte Schwarzes Meer
CC 4.0 BY-SA

1763 hatte Mitteleuropa gerade einen langen und zermürbenden Krieg hinter sich. Im Siebenjährigen Krieg hatten sich unter anderem Preußen, Österreich und Frankreich erbittert bekämpft und dabei große Teile Deutschlands verheert und die dortige Bevölkerung verarmen lassen.

In den nicht vom Krieg betroffenen Regionen herrschte hingegen ein starker Bevölkerungsdruck. Da das zur Verfügung stehende Land weitgehend verteilt war, die Bevölkerung aber weiter wuchs, gab es viele Bauern mit zu wenig Land, um sich selbst und ihre Familien ernähren zu können.

Zudem herrschte im damaligen Europa noch eine starke religiöse Unterdrückung. Menschen, die einer anderen Konfession als der ihres Landesfürsten anhingen, wurden häufig verfolgt. Das war vor allem für verschiedene kleinere evangelische Religionsgruppen ein Problem. Die Mennoniten beispielsweise hingen einem starken christlichen Pazifismus an und lehnten jede Art von Militärdienst radikal ab. Das machte sie bei ihren jeweiligen Fürsten unbeliebt. Um so verlockender war für sie das Versprechen Katharinas von freier Religionsausübung und Befreiung vom Wehrdienst.

Quelle 2

Die Probleme der Siedler: das russische Wetter

Wir hatten kein Dach über dem Kopf und bei unserer Ankunft fiel ein starker Regen, der alle unsere Kleider durchnässte. Dies zwang uns dazu, gleich mit dem Bau von Erdhütten zu beginnen. Da der erste Winter ziemlich hart war mit viel Schnee, ist es nicht schwer sich vorzustellen mit welchem Kummer jeder von uns an die liebe Heimat zurückdachte. Zwei unserer Kolonisten, die nach Topowka um Lebensmittel fuhren, erfroren unterwegs, und erst im Frühjahr, als der Schnee taute, wurden ihre Körper gefunden.

Hinweis: Bei diesem Text handelt es sich um einen Bericht eines Siedlers.

Gyögy Dalos, Geschichte der Russlanddeutschen, München 2014, S. 18.

Darstellung 2

Die Probleme der Siedler: fehlendes landwirtschaftliches Wissen

Hinweis: Der folgende Bericht wurde von Ch. Gottlob Züge verfasst. Dieser war selber 1766 ausgewandert und kam nach mehreren Jahren zurück nach Deutschland. Er hinterließ einen Bericht über seine Reise nach Russland als Kolonist.

Schon aus dem hier kürzlich Erwähnten ergiebt sich, dass die deutschen Colonien für das Ganze nicht den Nutzen haben konnten, den sich die große Catharina wahrscheinlich davon versprach [...]. Selbst in Deutschland würden die wenigsten dieser Menschen zum Landbau brauchbar gewesen sein, vielweniger hier, wo es darauf ankam, wüste Steppen urbar zu machen, und zu versuchen, welche Art der Landescultur dem Clima und dem Boden am angemeßensten sei. Wie war dieß aber von Künstlern und Handwerkern, die in ganz anderer Absicht nach Russland kamen, oder von verunglückten Kaufleuten und Gelehrten zu erwarten? [...] Der Gelehrten, Kaufleute und Künstler bedurften wir in Russland in unsern Dörfern gar nicht, und selbst die Handwerker fanden bei uns wenig oder nichts zu thun, weil alles, was sie uns hätten machen können, von den Russen zwar schlechter, aber auch weit wohlfeiler zu erhalten war.

ergiebt: ergibt
Landescultur: landwirtschaftliche Bewirtschaftung
Clima: Klima
verunglückten: ehemaligen und erfolglosen

Ch. Gottlob Züge, Der russische Colonist oder Christian Gottlob Züge’s Leben in Russland, Bremen 2. Auflage 1992, S. 103.

Aufgabe 2

Rollenspiel

Die Gruppe wird in zwei Hälften geteilt.
Gruppe 1 versetzt sich in die Lage von jungen Leuten, die darüber nachdenken, nach Russland auszuwandern. Sie sind jung und sehen keine Perspektiven zu Hause.
Gruppe 2 versetzt sich in die Lage ihrer Eltern. Sie möchten nicht, dass ihre Kinder die gefährliche Reise in das unbekannte Land antreten. Sie selbst sind viel zu alt für die Reise.

  1. Erarbeitet mit Hilfe der Quellentexte Argumente für eure jeweilige Rolle.
  2. Diskutiert anschließend in euren Rollen die Positionen der jungen Leute und der Eltern.