2.4 Kulturelle Beziehungen zwischen Russen und Deutschen

Vielleicht lässt sich eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Deutschen und Russen ja auch darüber erklären, dass beide in der Vergangenheit viel miteinander zu tun hatten. Die Beziehung zwischen Deutschland und Russland ist jahrhundertealt, zeitweise hatten beide Länder gemeinsame Grenzen. Das schafft eine gewisse Nähe und Verbundenheit. Aber wie sahen die deutsch-russischen Verbindungen in der Vergangenheit aus? Ich werde das in diesem und dem nächsten Kapitel anhand von einzelnen Personen und Ereignissen beschreiben. In diesem Kapitel beginne ich mit russischen Künstlern, die auch in Deutschland einflussreich waren und das kulturelle Leben mit prägten.  

Hinweis für Lehrinnen/Lehrer

Erarbeitung des Kapitels in Kleingruppen

Das Kapitel 2.4 ist für eine Bearbeitung in Expertengruppen mit anschließender Präsentationsphase besonders geeignet. Dazu muss die Gesamtgruppe auf folgende Kleingruppen verteilt werden:

Gruppe 1: Literatur – Fjodor Dostojewski
Gruppe 2: Musik – Pjotr Iljitsch Tschaikowski
Gruppe 3: Malerei – Marianne von Werefkin

Die jeweiligen Aufgaben finden sich in den entsprechenden Unterkapiteln.

1. Der Schriftsteller Fjodor Dostojewski

Galerie: Dostojewskij
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PD

Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski (1821-1881) gilt als einer der großen Autoren der Weltliteratur. Seine berühmten Romane wie 'Schuld und Sühne' (in der Neuübersetzung 'Verbrechen und Strafe'), 'Der Idiot' oder 'Die Brüder Karamasow' sind in über hundert Sprachen übersetzt worden. Dostojewskis Bücher handeln viel von den inneren Konflikten ihrer Hauptfiguren, aber auch von den großen philosophischen Fragen seiner Zeit: 'Kann der Mensch allein durch die Vernunft eine bessere Welt schaffen?' oder 'Ist die Religion die Grundlage oder der Feind des menschlichen Glücks?'. In Deutschland wurden Dostojewskis Bücher schnell bekannt und hochgelobt. Viele deutsche Schriftsteller und Denker fühlten sich von Dostojewski stark beeinflusst.

Ein Fenster zur russischen Seele?

Für viele Deutsche war und ist Dostojewski aber nicht nur ein großer Schriftsteller und Psychologe, sondern ein Darsteller und Erklärer der russischen Seele. Viele Leser sehen in den Romanfiguren Dostojewskis typische Russen: Voll von inneren Widersprüchlichkeiten, auf der Suche nach Gott, nachdenklich, überdreht, ausgestattet mit einer Neigung zu Exzess und Ausschweifung und gleichzeitige mit tiefer Reue über diese Neigung.

Somit wäre Dostojewski auch eine Art Übersetzer, der seinen ausländischen Leser 'die Russen' dadurch erklärt, dass er sie in sie hineinschauen und all die verworrenen russischen Gedanken und Gefühle erblicken lässt..     

Aufgabe 1

  1. Stelle einen übersichtlichen Steckbrief mit den interessantesten Lebensereignissen in Dostojewskis Leben zusammen.
  2. Erarbeite die Unterschiede zwischen Dostojewskis russischer Figur Dimitrij (Quelle 1) und der Beschreibung der Deutschen aus einem anderen seiner Romane in Quelle 2.
  3. Beurteile anhand des gesamten Materials die Dostojewski zugeschrieben Rolle als 'Erklärer der russischen Seele'.

Darstellung 1

Lobeshymnen auf Dostojewski

Friedrich Nietzsche (1844-1900), deutscher Philosoph:

Kennen Sie Dostojewski? Außer Stendhal hat niemand mir so viel Vergnügen und Überraschung gemacht: ein Psychologe, mit dem ich mich verstehe.

Hugo von Hoffmannsthal (1874-1929), österreichischer Schriftsteller:

Für die aber, die jemals hundert Seiten von Dostojewskij gelesen haben [...] für die sage ich nichts Befremdliches, wenn ich ihnen von diesem Erlebnis spreche als von dem religiösen Erlebnis, dem einzigen religiösen Erlebnis vielleicht, das ihnen je bewußt geworden ist. Aber dies Erlebnis ist unzerlegbar und unbeschreiblich.

Alfred Döblin (1878-1957), deutscher Schriftsteller:

Was Tolstoj und Dostojewskij geschrieben und hinterlassen haben, stellt meinem Gefühl nach ganze Klassizitäten anderer Völker in Schatten; an Vehemenz und Tiefe des Gefühls, der seelischen Durchdringung und einfachen Mitteilung, nimmt es, wie ich seit Jahren glaube, kein Deutscher, kein Franzose und Engländer, auch kein Skandinavier des letzten Jahrhunderts mit ihnen auf.

Norbert Franz (*1951), deutscher Slawist:

Wenn sie erst Dostojewski lesen und dann den Zauberberg von Thomas Mann, dann fragen sie sich: Was hat der Mann eigentlich selbst gemacht?

Yogi Wurzler, Username eines Käufers der 'Brüder Karamasow' in einer Kundenrezension:

Dostojewskij ist brillant!
Mir geht es darum zu betonen, dass ich dieses Buch für grandios halte. Eine Übertreibung ist m.E. ein Ding der Unmöglichkeit. Bis auf wenige Ausnahmen liebe ich Dostojewskijs Bücher sowieso, aber die Brüder Karamasow ist eine Klasse für sich. [...] Dostojewskij vermag es in der Folge mit diesem Werk einiges an Weltliteratur aussehen zu lassen wie Groschenromane. Nach meinem Dafürhalten kann man an diesem Buch rein gar nichts bemängeln, wenn man es bis zum Schluss gelesen und nicht etwas vollkommen anderes erwartet hat. [...]

Josef Rattner, Nietzsche: Leben – Werk – Wirkung, Würzburg 2000, S. 76.
Rudolf Hirsch (Hg.), Hugo von Hofmannsthal: Ausgewählte Werke in zwei Bänden, Bd. 2, Frankfurt M. 1957, S. 462.
Alfred Döblin, Schriften zur Politik und Gesellschaft, Freiburg 1972, S. 28.
Burkhard Fraune, Botschafter der «russischen Seele» – Dostojewski und die Deutschen, Mitteldeutsche Zeitung, 02.02.2006.
Yogi Wurzler, Rezension auf Amazon, http://www.amazon.de/Br%C3%BCder-Karamasow-Roman-Teilen-Epilog/dp/3866474776/ref=sr_1_2?ie=UTF8&qid=1443427750&sr=8-2&keywords=dostojewski [20-09.2016].

Quelle 1

Ein typischer Russe? Leseprobe aus 'Die Brüder Karamasow'

Eine der Hauptfiguren des Romans, der verzweifelte und impulsive Dimitrij Karamasow, überrascht seinen Bruder Aljoscha auf dem Nachhauseweg, indem er ihn unvermittelt aus dem Gebüsch heraus anspringt und 'Geld oder Leben!' brüllt. Auf dessen überraschte Reaktion erklär er sich:
   
Moment. Siehst du die Nacht: Siehst du, wie finster sie ist, diese Wolken und dann dieser Wind! Ich bin in Deckung gegangen unter der Weide, warte auf dich und denke plötzlich (ich schwör´s bei Gott!): Warum soll ich noch länger zappeln, worauf noch warten? Hier ist eine Weide; ich habe ein Taschentuch, ich habe ein Hemd, man kann ohne weiteres einen Strick drehen, die Hosenträger als Reserve – und ich fall der Erde nicht länger zur Last, entehre sie nicht durch meine gemeine Gegenwart! Und da höre ich, daß du kommst – mein Gott, es war, als schwebte plötzlich etwas auf mich herab: Dann gibt es also einen Menschen, den ich liebe, da kommt er, dieses Menschenkind, mein geliebtes Brüderchen, den ich mehr als alles andere auf der Welt liebe und der der einzige ist, den ich liebe! Und so groß war meine Liebe zu dir, so sehr habe ich dich in dieser Minute geliebt, daß ich dachte: Ich will ihm auf der Stelle um den Halls fallen! Aber da kam mir der dumme Einfall: "Ich will ihn zum Lachen bringen und ihn erschrecken!" Und da habe ich Dummkopf gebrüllt: 'Geld!' Entschuldige den Quatsch – das ist alles belanglos, aber auch in meinem Herzen ... herrscht Anstand ... 

Fjodor Dostojewskij, Die Brüder Karamasow – Neu übersetzt von Swetlana Geier, Frankfurt am Main 2008, S. 242f.

Darstellung 2

Der nationalistische deutsche Kulturhistoriker Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925) über Dostojewski und die Russen

In der Mitte der russischen Dichtung steht Dostojewski. Wenn die russische Dichtung das größte Russische ist, so ist Dostojewski der größte Russe. Er ist das zentrale Genie Rußlands: Genie im allerhöchsten schöpferischen Sinne eines Mannes, der nie vor ihm Dagewesenes aus dem Boden schlägt. In Dostojewski ist der russische Volkscharakter zum ersten Male zur verkörperten Weltanschauung, zu Wort und Sprache und als ganzes Lebenswerk zu einem einzigen großen Epos geworden. [...]

Dostojewski ist der Ausdruck des russischen Wahnsinns, der Tragödie im Russentum, der Fleischwerdung all seiner mystischen Verinnerlichung und hektischen Geladenheit. Dostojewski hat wie Tolstoi das Epos des russischen Lebens geschaffen, aber er hat es weit großartiger getan: er hat dieses russische Leben nicht nur ausgestattet mit einem unerhörten Gestaltenreichtum, der ganz Rußland, der das ganze Slaventum in all seinen verschiedenen Nationalitäten, Kasten und Typen, vom simplen Muschik bis zum Petersburger Aristokraten, vom Nihilisten bis zum Bureaukraten, vom Verbrecher bis zum Heiligen in tausend Nuancen umgreift – Dostojewski hat noch mehr getan und ihm auch die Offenbarung einer bewußten russischen Weltanschauung zu Grunde gelegt.

Muschnik: ein russischer Bauer
Nihilist: Einer, der an nichts glaubt (von lat.: nihil = nichts). Nihilismus war zur Zeit Dostojewskis eine philosophisch-politische Strömung, die Kirche, Staat und alle ordnenden Instanzen abschaffen wollte.
Bureaukrat: Bürokrat

Arthur Moeller van den Bruck, Bemerkungen über Dostojewski, in: Fjodor Dostojewski, Die Dämonen. Roman in zwei Teilen. Übertragen von E. K. Rahsin. Mit einer Einleitung von Moeller van den Bruck. Leipzig 1906.

Darstellung 3

Vielleicht doch nicht so russisch? Der russische Schriftsteller Oleg Jurjew kritisiert die Vorstellung von einer russischen Seele in Dostojewskis Büchern

Kurzum: die einzige Seele, die er [Dostojewski] gut kannte, war seine eigene leidenschaftliche, melancholische, krankhaft romantische, aber auf keinen Fall geduldige Persönlichkeit, die er auf die Protagonisten seiner Bücher verteilte. […] All das lässt vermuten, daß die 'russische Seele', wie sie heute als allgemeingebräuchliches Bild im Westen ebenso wie in Rußland existiert, die Seele eines einzigen, und zwar sehr untypischen Russen ist: die Fjodor Dostojewskis.

Oleg Jurjew, Zwanzig Facetten der russischen Natur, Frankfurt 2008, S. 50.

Quelle 2

Eine Romanfigur Dostojewskis über die Deutschen

Die deutsche Art, Reichtümer zusammenzuscharren. Ich bin noch nicht lange hier; aber was ich bemerkt und beobachtet habe, erregt mein tatarisches Blut. Bei Gott, solche Tugenden wünsche ich mir nicht! Ich bin hier gestern zehn Werst weil umhergegangen: es ist ganz ebenso wie in den moralischen deutschen Bilderbüchern. Überall, in jedem Hause, gibt es hier einen Hausvater, der furchtbar tugendhaft und außerordentlich redlich ist, schon so redlich, daß man sich fürchten muß, ihm näherzutreten. Ich kann solche redlichen Leute nicht ausstehen, denen näherzutreten man sich fürchten muß. Jeder derartige Hausvater hat eine Familie, und abends lesen alle einander laut belehrende Bücher vor. [...] Nun also, so lebt hier jede solche Familie beim Hausvater in vollständiger Knechtschaft und Untertänigkeit. Alle arbeiten wie die Ochsen, und alle scharren Geld zusammen wie die Juden. [...]

Nach etwa fünfzig oder siebzig Jahren besitzt der Enkel des ersten Vaters wirklich schon ein ansehnliches Kapital und übergibt es seinem Sohn, dieser dem seinigen, der wieder dem seinigen, und nach fünf oder sechs Generationen ist das Resultat so ein Baron Rothschild oder Hoppe & Co. oder etwas Ähnliches. Nun, ist das nicht ein erhebendes Schauspiel: hundert- oder zweihundertjährige sich vererbende Arbeit, Geduld, Klugheit, Redlichkeit, Charakterfestigkeit, Ausdauer, Sparsamkeit, der Storch auf dem Dach! Was wollen Sie noch weiter? Etwas Höheres als dies gibt es ja nicht, und in dieser Überzeugung sitzen die Deutschen selbst über die ganze Welt zu Gericht, und wer da schuldig befunden wird, das heißt ihnen irgendwie unähnlich ist, über den fällen sie sofort ein Verdammungsurteil. Also, wovon wir sprachen: ich ziehe es vor, auf russische Manier ein ausschweifendes Leben zu führen oder meine Vermögensverhältnisse beim Roulett aufzubessern; ich will nicht nach fünf Generationen Hoppe & Co. sein. Geld brauche ich für mich selbst; ich bin mir Selbstzweck und nicht nur ein zur Kapitalbeschaffung notwendiger Apparat. Ich weiß, daß ich viel törichtes Zeug zusammengeredet habe; aber wenn auch, das ist nun einmal meine Überzeugung.

Baron Rothschild oder Hoppe & Co.: Die Familie Rothschild steht für eine einflussreiche Bankiersdynastie, Hoppe und Co. war eine besonders wohlhabende deutsche Industriellen-Familie des 19. Jahrhunderts.

Fjodor Dostojewski, Der Spieler – Übersetzung von Hermann Röhl, Berlin 2015, S. 27ff.

Quelle 3

Eine Romanfigur Dostojewskis über die Deutschen (vereinfacht und gekürzt)

Die Deutschen haben eine ganz bestimmte Art, Geld anzuhäufen, die mich wütend macht. In jeder deutschen Familie gibt es einen furchtbar braven und anständigen Familienvater. Der Vater herrscht über die Familie und alle müssen tun, was er sagt. Die Familie muss den ganzen Tag arbeiten und das verdiente Geld dürfen sie nie ausgeben. Jeder Vater übergibt dann seinem Sohn das angesparte Geld als Erbe. Bei jeder Vererbung ist es mehr Geld als bei der letzten. Irgendwann ist das Ergebnis dann eines dieser steinreichen deutschen Familienunternehmen. Ist das nicht eine wunderbare Sache: zweihundert Jahre vererbte Arbeit, Geduld, Fleiß und Sparsamkeit. Etwas Besseres als das gibt es nicht – davon sind die Deutschen überzeugt. Und mit dieser Überzeugung verurteilen sie jeden, der weniger geduldig, fleißig und sparsam ist als sie.

Nein, da bin ich doch lieber Russe und verdiene mein Geld beim Roulette. Ich will mich nicht für meine Familie aufopfern, ich will mein Geld selber ausgeben. Ich weiß, dass ihnen das dumm vorkommt, aber so sehe ich die Sache eben.

Fjodoer Dostojewski, Der Spieler – Übersetung von Hermann Röhl, zitiert nach: http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-spieler-2097/4 [29.09.2016]. Bearbeitet von Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen.

2. Der Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski

Galerie: Tschaikowsky

Der russische Komponist Pjotr Iljitsch Tschaikowski (1840-1893) gelangte noch zu seinen Lebzeiten zu Weltruhm. Er gilt bis heute als einer der wichtigsten Komponisten der Romantik. In seinen Werken vereinigen sich russische Einflüsse mit europäischer Kompositionstechnik. Tschaikowski komponierte mehrere Ballette, darunter die weltberühmten 'Der Nussknacker' und 'Schwanensee'. Das Ballett – also die Kombination aus klassischer Musik und Tanz – war und ist wohl nirgends so populär wie in Russland. Und schon dadurch, dass er sich so stark um das Ballett bemüht hat und es mit seinen Werken entscheidend prägte, kann man Tschaikowski eindeutig als russischen Komponisten erkennen. Seine russischen Kollegen sahen das bisweilen anders und warfen ihm vor, 'zu europäisch' zu komponieren.

In Europa und vor allem in Deutschland, wohin Tschaikowski mehrere Konzertreisen unternahm, war man anderer Meinung. Hier wurde er als ein großer Romantiker gefeiert, dessen Musik das Publikum mit einer Wucht und Innigkeit ergriff, wie es vielleicht wirklich nur einem 'echten Russen' gelingen konnte.

Aufgabe 2

  1. Stelle einen übersichtlichen Steckbrief mit den interessantesten Lebensereignissen in Tschaikowskis Leben zusammen
  2. Finde ein Hörbeispiel, das deiner Meinung nach auf besondere Art und Weise etwas von der 'russischen Seele' transportiert und erläutere deine Auswahl.
  3. Tschaikowski wurde in seiner Heimat manchmal als zu europäisch kritisiert, in Deutschland jedoch als 'typisch russisch' gefeiert. Erläutere diesen Widerspruch. 

Darstellung 4

Tschaikowski in der Popkultur

Auch wenn du bis jetzt von Tschaikowski noch gar nichts wusstest, so hast du höchstwahrscheinlich schon einmal seine Musik gehört. Tschaikowskis Werke werden noch heute vielfältig verwendet.

In Hollywood-Filmen:

  • Eine Inszenierung von Tschaikowskis Ballett 'Schwanensee' in New York bildet die Rahmenhandlung im Film 'Black Swan' von 2010.
  • In seinem Film 'Dornröschen' verwendet Walt Disney einen Walzer aus dem gleichnamigen Ballett von Tschaikowski.

In der Werbung:

  • Diese Joghurtwerbung benutzt den Anfang von Tschaikowskis 1. Klavierkonzert.
  • Diese Werbung für einen Sahnelikör benutzt einen Remix aus Tschaikowskis 'Tanz der Zuckerfee' in seinem Ballett 'Der Nussknacker'.
  • Diese Werbung eines Gasanbieters nutzt gleich zwei Tschaikowski-Themen: Das Eröffnungsthema aus dem Nussknacker und ebenfalls das 1. Klavierkonzert.

Als Remix/Cover in (mehr oder weniger) aktueller Musik:

  • Der Schlager 'Bianca' von Freddy Breck übernimmt ziemlich direkt eine Melodie aus Tschaikowskis 'Capriccio Italiano' (ab Min. 4:40). 
  • Ob im Metal, im Electro, oder im Hip Hop, Tschaikowski-Themen werden immer wieder in aktueller Musik verwendet. Bei den ersten beiden Beispielen stammen diese Themen aus 'Schwanensee', beim letzten aus Tschaikowskis Violinkonzert.

Darstellung 5

Wichtige Deutsche in Tschaikowskis Leben

Von der Arbeit seiner deutschen Komponisten-Kollegen hielt Tschaikowski nicht allzuviel. Die Werke großer Zeitgenossen wie Johannes Brahms (1833-1897) und Richard Wagner (1813-1883) wurden von ihm eher negativ beurteilt. Nichtsdestotrotz haben Deutsche in Tschaikowskys Leben und bei der Entstehung seiner Musik immer wieder eine wichtige Rolle gespielt. Drei Beispiele:

Rudolf Kündiger

Bei dem nach Russland ausgewanderten Deutschen hatte Tschaikowski ab 1855 Klavierunterricht. Zu dieser Zeit wurde Tschaikowski in St. Petersburg noch zum einem Justizbeamten ausgebildet. Er sollte nach dem Willen seiner Eltern eigentlich Beamter werden. Kündinger war vor allem von den Improvisationsfähigkeiten seines Schülers beeindruckt. Von einer Karriere als Musiker riet er Tschaikowski trotzdem ab.

Hans von Bülow

1874 komponierte Tschaikowski sein 1. Klavierkonzert und präsentierte es seinem damaligen Lehrer Nikolai Rubinstein. Dieser war mit dem Werk sehr unzufrieden und riet Tschaikowski, es komplett umzuschreiben. Tschaikowski tat das nicht, sondern schickte die Noten an den damals berühmten deutschen Pianisten und Dirigenten Hans von Bülow. Dem gefiel das Konzert. Er nahm es mit auf seine USA-Tournee und führte es dort mehrfach mit großem Erfolg auf. Heute ist das 1. Klavierkonzert eine der berühmtesten Kompositionen Tschaikowskis.

Gustav Mahler

Anfang 1892 war Tschaikowski in Hamburg, um dort seine Oper 'Eugen Onegin' aufzuführen. Eigentlich hätte Tschaikowski selbst die Premiere dirigieren sollen, doch er war mit der deutschen Übersetzung überfordert und hatte Probleme im Umgang mit Orchester und Sängern. Für ihn sprang dann der Hamburger Kapellmeister und Komponist Gustav Mahler ein und rettete die deutsche Erstaufführung. Tschaikowski lobte die Arbeit seines deutschen Kollegen in den höchsten Tönen.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Quelle 4

Das Russische in Tschaikowskis Musik: der Journalist und Pädagoge Emil Krause in einem Nachruf

Der jähe Tod Tschaikowsky's hat alle Gemüther der Musikwelt aufs Tiefste erschüttert. [...] Tschaikowsky war als schaffender Künstler ein ganzer Mann, er wußte genau, was er wollte und war ein echter Patriot. Seine vielen, den verschiedenen Gebieten der Tonkunst angehörenden Werke sind durchaus Nationalmusik, denn ihr inneres geistiges Leben ist aus der unwandelbaren Liebe zum Vaterlande hervorgegangen. Wenn wir Ausländer Manches in der Musik Tschaikowsky's nicht sofort verstehen konnten, so beruht Dies meistens in unserm der slavischen Nationalität oft entgegengesetzten Denken und Empfinden. Der Hang zur Originalität, die Sucht nach Neugestaltungen führten Tschaikowsky bisweilen in Steppen und Wüsten, deren musicalische Widerspiegelung uns fremd bleiben mußte. Hatte sich aber der Geist frei zu machen gewußt von dem uns wenig anheimelnden Ernst und der düsteren, fast undurchdringlichen Melancholie, so entquoll der Brust des Gottbegnadeten jenes reine, schöne Lied von Lenz und Liebe, das seine Vorfahren im Reich der Töne so oft besungen. [...]

Hamburger Fremdenblatt, Nr. 262, 7.11.1893, zitiert nach: Peter Fedddersen, Tschaikowsky in Hamburg, Mainz 2006, S. 151.

3. Die Malerin Marianne von Werefkin

Galerie: Werefkin
Marianne von Werefkin
Selbstporträt
PD

Die Malerin Marianne von Werefkin (1860-1938) gilt als eine der bedeutendsten russischen Künstlerinnen und gleichzeitig als eine der wichtigsten Impulsgeber für den deutschen Expressionismus.

Ihr Vater war ein reicher russischer Adeliger, ihre Mutter Malerin. So wurde das künstlerische Talent der jungen Werefkin schon früh entdeckt und gefördert und sie erhielt Privatunterricht bei einem der berühmtesten russischen Maler ihrer Zeit, Ilja Repin. Schon bald machte sie sich selbst einen Namen als Malerin naturalistischer Gemälde und galt gar als 'der russische Rembrandt'.

Nach dem Tod ihres Vaters zog sie 1896 nach München. Dort widmete sie sich eine Zeit lang völlig der künstlerischen Ausbildung ihres Ehemanns Alexei Jawlensky und malte zunächst selber gar nicht mehr. Sie hatte in dieser Zeit allerdings regen Kontakt zu anderen russischen und deutschen Künstlern in München. 1906 begann Werefkin dann wieder zu malen, allerdings wandte sie sich von ihrem alten, naturalistischen Stil ab und begann, mit neuen Maltechniken zu experimentieren.

Mit anderen russischen und deutschen Malern tat sie sich 1911 zur Künstlervereinigung 'Der Blaue Reiter' zusammen, deren Ausstellungen weltweites Aufsehen erregten und die als stilbildend für den Expressionismus (siehe Darstellung 6) gilt. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges 1914 musste Werefkin als Russin Deutschland verlassen. Sie zog in die Schweiz, gründete dort eine weitere Künstlergruppe, 'Der Große Bär' und starb 1938 in Ascona.

Aufgabe 3

  1. Stelle einen übersichtlichen Steckbrief mit den interessantesten Ereignissen im Leben Marianne von Werefkins zusammen.
    Gehe dabei auch kurz auf die Künstlervereinigung 'Der Blaue Reiter' ein und erkläre deren Bedeutung.
  2. Der Philosoph Julius Schmidthauser (Quelle 5) entdeckt etwas Russisches in von Werefkins Bildern.
    Erkläre seine Position anhand von zwei ausgewählten Bildbeispielen.
  3. Beurteile einen möglichen Zusammenhang zwischen dem aufkommenden Expressionismus und dem sich anbahnenden Ersten Weltkrieg.

Darstellung 6

Was ist Expressionismus?

Der Expressionismus ist eine künstlerische Stilrichtung, die sich Ende des 19. Jahrhunderts entwickelte. Im Expressionismus sollten Gemälde die Dinge nicht darstellen, wie sie waren, sondern so, wie der Künstler sie empfand.
Die Gemälde sollten Ausdruck (lat.: expressio) des Innenlebens ihrer Schöpfer sein. Um mit der bestehenden Kunstauffassung zu brechen, veränderten die Expressionisten Farben und Formen in den Abbildungen. Ein Himmel konnte grün sein und ein Pferd blau. Sie vermieden sanfte Übergänge, malten großflächig und mit harten Brüchen. Ein Gesicht konnte eine einheitliche Farbfläche sein und ein Mensch ein schwarzer verzerrter Schattenriss. Mit dieser künstlerischen Veränderung wirkte der Expressionismus auf fast alle Stilrichtungen der modernen Kunst des 20. Jahrhunderts.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Quelle 5

Der Philosoph und Schriftsteller Julius Schmidhauser über das Russische in Werefkins Bildern

In der barbarischen Wucht dieser Liebe [zu "aller lebendigen Kreatur"] und ihrem archaischen Zwang war noch ein letztes Leben von 'Mütterchen Russland'. Die Gewalt der russischen Seele ist in die Bilder der Werefkin eingegangen. Die Farbigkeit ihrer Bilder ist nicht nur eine solche des Kolorits. In ihr lebt die russische Freude an der Intensität, ja der Ekstase der Sprache der Welt.

archaisch: aus einer ganz alten Zeit stammend; ursprünglich
Kolorit
: die Farbgebung eines Bildes

Ottilie W. Roederstein, Marianne von Werefkin, Raoul Domenjoz, Albert Locca in der Kunsthalle Bern. Ausstellungskatalog. Mit einem Beitrag von Julius Schmidhauser. Bern 1938, S. 15.