3.1 Über Identität

Wer bin ich denn überhaupt?

Wer bin ich denn überhaupt?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Header Ich-Identität
CC 4.0 BY-SA

"Wer bist du?" – Eigentlich eine sehr einfache Frage, die dennoch nicht leicht zu beantworten ist. Ich habe das Gefühl, immer wieder jemand ganz anderes zu sein. Ich gebe auf die Frage unterschiedliche Antworten. Je nachdem, ob sie mir in einem Bewerbungsgespräch oder auf einer Party gestellt wird. Wenn ich sie mir selber stelle, bin ich je nach Gefühlslage, einmal ein jämmerlicher Versager und in einem anderen Fall ein toller Typ. Hinzu kommt, dass andere Menschen mich in meiner Meinung auch sehr stark beeinflussen: Ein Lob oder eine Beleidigung können die Art, wie ich mich sehe, verändern.
Ich glaube daher, dass Identität etwas sehr Vielfältiges und Wandelbares ist. Sie verändert sich, weil ich und andere Menschen sozusagen ständig an ihr herumbasteln. Was ich damit meine, will ich in diesem Kapitel zeigen.

Darstellung 1

Was ist Identität? Eine Sammlung

  • Über diesen Link findest du einen Film, in dem sich der deutsche Philosoph Richard David Precht Gedanken über Identität macht.
  • Über diesen Link kommst du zu einem Titel der deutschen Hip Hop-Formation K.I.Z über Identität.

In Filmen geht es sehr oft um Identität. Ich habe Filmszenen ausgesucht, die das Thema behandeln:

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 1

Such dir eine der in Darstellung 1 verlinkten Filmszenen aus.

  1. Beschreibe die Handlung der Szene in eigenen Worten.
  2. Erläutere den Zusammenhang zwischen dem Inhalt der Szene und dem Thema Identität.

1. Wer bin ich?

Galerie: Wer bin ich?
Bundesrepublik Deutschland, Bundesministerium des Innern
Original file
PD

Ein Blick in meinen Ausweis (der in anderen Ländern ja auch 'identity document' oder 'carte d´identité' heißt) genügt, schon wissen alle, wer ich bin. Name, Größe, Augenfarbe, Nationalität, Geburtstag und Geburtsort: Diese Angaben definieren mich und machen mich in ihrer Kombination einzigartig und unterscheidbar von allen anderen Menschen.

Ein Blick auf mein Facebook-Profil genügt, schon wissen alle, wer ich bin. Meine Interessen, meine Freunde, meine Reisen, die Musik, die ich mag, die Filme, die ich toll finde, die Parties, auf die ich gehe: Diese Angaben definieren mich und machen mich in ihrer Kombination einzigartig und unterscheidbar von allen anderen Menschen.
Das Beispiel zeigt: Unsere Identität setzt sich aus unglaublich vielen Einzelaspekten zusammen. Wir sind also gar nicht in der Lage, auf die Frage "Wer bist du?" umfassend zu antworten. Wird uns diese Frage gestellt, fangen wir an zu basteln. Wir wählen aus den möglichen Antworten auf die Frage diejenigen aus, die für unseren Gegenüber wahrscheinlich von Interesse sind – und solche, die uns selbst in einem guten Licht erscheinen lassen. Dafür muss uns übrigens gar keine direkte Frage gestellt werden. Wir treffen ständig ungefragt Aussagen über unsere Identität. Ein Tweet, ein Youtube-Kommentar, meine Kleidung, das Buch, das ich in der Bahn lese: All das kann eine Botschaft an meine Umwelt sein. Und diese Botschaft lautet: "So bin ich."

Darstellung 2

Identität – feststehend oder konstruiert?

Eine der größten Streitpunkte in den Wissenschaften, die sich mit persönlicher Identität beschäftigen ist: "Hat man eine Identität oder schafft man sich eine Identität?"

  • Manche behaupten, dass die Identität etwas Feststehendes ist, dass sie den Menschen, der sie hat, prägt und sein Handeln bestimmt. 
  • Andere sagen, dass Identitäten von einem Menschen selbst geschaffen werden. Menschen haben also keine vorgefertigte Identität, sondern sie konstruieren sich die für sie passende.

Beide Seiten können für ihre Sicht gute Argumente vorbringen:

  • Es ist unbestreitbar, dass wir von Dingen beeinflusst werden, die wir nicht selbst geschaffen haben. Unsere Erbanlagen, unser Elternhaus, unsere Erziehung usw. erschaffen, bestimmen und beeinflussen uns. Vielleicht sind wir ja so von den äußeren Einflüssen geprägt, dass wir wie ein programmierter Roboter nur das tun, was diese Prägung uns 'befiehlt'.
  • Andererseits haben wir aber auch selbst Einfluss auf unser Leben. Was wir tun, was wir sagen, wie wir auf andere wirken - das können wir mitbestimmen. Wir nutzen dafür verschiedene Identitäten, die wir selbst gestalten. Manchmal kann ich ein gut erzogener und höflicher Mensch sein, manchmal auch vorlaut und oberflächlich. Ich habe also mehrere Identitäten und kann diese nach meinem Willen und zu meinem Nutzen einsetzen. 
Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

2. Und die Anderen?

Nun wird es noch etwas komplizierter. Denn wir basteln uns unsere Identität ja nicht völlig allein und unabhängig. Die Menschen um uns herum, unsere Freunde, Bekannten und Feinde haben daran auch einen großen Anteil. Und zwar auf zwei Arten:

Erstens, indem sie uns zeigen, wie sie uns sehen. Urteile von Anderen (Beispiel: "Ich finde dich total toll/süß/doof/nervig.") beeinflussen, wie wir uns selbst sehen. Manchmal ist der Blick von Anderen sogar schärfer und zutreffender als unser eigener. Unsere Sicht auf uns selbst wird nämlich oft von unseren Gefühlen beeinflusst.

Zweitens brauchen wir die Anderen, um uns von ihnen abzugrenzen. Identität kann nur dadurch entwickelt werden, dass wir einen Unterschied zwischen uns selbst und Anderen feststellen. Ich kann mich selbst nur als schön empfinden, wenn ich erfahre und sehe, dass es auch Menschen gibt, die ich weniger schön finde als mich. Das bedeutet auch, dass eine Aussage über Andere oft  eine Aussage über mich selbst ist: "Der ist ja saudoof" heißt eben auch: "Ich bin viel klüger".

Darstellung 3

Ein Zeitungsartikel über einen Berliner Identitätsstreit

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) hat das alltägliche Zusammenleben mit zugezogenen Schwaben in dem Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg als mitunter "strapaziös" bezeichnet. "Ich wünsche mir, dass die Schwaben begreifen, dass sie jetzt in Berlin sind - und nicht mehr in ihrer Kleinstadt mit Kehrwoche". Die Schwaben kämen nach Berlin, weil dort alles so bunt, abenteuerlich und quirlig sei, aber wenn sie eine gewisse Zeit da waren, dann wollen sie es wieder so haben wie zu Hause", bemängelte der Politiker, der bereits zu DDR-Zeiten in dem Stadtteil wohnte. [...] 

Thierse konkretisierte, er ärgere sich, wenn er etwa beim Bäcker erfahre, dass es keine Schrippen gebe, sondern Wecken. "Da sage ich: In Berlin sagt man Schrippen, daran könnten sich selbst Schwaben gewöhnen." [...]

Ebenso störe es ihn, wenn ihm in Geschäften "Pflaumendatschi" angeboten würden. "Was soll das? In Berlin heißt es Pflaumenkuchen", sagte Thierse der Zeitung. Angesichts dieser Zustände werde er "wirklich zum Verteidiger des berlinerischen Deutsch."

Aufgabe 2

  1. Fasse die Identitätsmerkmale zusammen, die Herr Thierse den Schwaben zuschreibt.
  2. Arbeite die Aussagen heraus, die Herr Thierse damit über seine eigene Identität trifft.
  3. Stell dir vor, du bist ein Schwabe in Berlin. Welche Auswirkungen könnten Herrn Thierses Äußerungen auf die Art haben, wie du dich selbst siehst?

Darstellung 4

Wir sind Helden: Soundso

Das Lied 'Soundso' der Gruppe 'Wir sind Helden' befasst sich mit dem Einfluss, den Andere auf die eigene Identität haben. Hier findest du einen Link zu einem Videomitschnitt auf YouTube.

Soundso

Sie wissen genau wer du bist
Du bist uns so einer
Sie sagen es so wie es ist
So gut kennt dich keiner
Und zwar bist du vom Wesen soundso
Soundso so irgendwie
Verstehen sie dich, das macht sie froh
So einer ändert sich nie [Chorus:]
Aber nichts davon bestimmt dich, weißt du
Nichts davon verglimmt nicht mit der Zeit
Nur du bestimmt nicht, weißt du
Nichts davon, ist wirklich nichts davon
Soundso und sowieso bleibt nichts davon
Soundso und sowieso ist nichts davon
Soundso
Glaub mir nichts davon bist du
 
Soundso warst du schon immer
Genauso, nur kleiner
Im Alter wird sowas nur schlimmer
Genauso, nur alleiner
Wie gut wenn man beliebt wird, wie man ist
Soundso, und so allein
So wie du warst, so wie du bist
Bist das du, musst du das sein?

[Chorus]

Dein Vater ist froh,
Weil er weiß,
Du bist soundso!
Und Mutter ist froh,
Weil sie weiß,
Du bist soundso!
Dein Haustier ist froh,
Weil es weiß,
Du bist soundso!
Dein Lehrer ist froh,
Weil er weiß,
Du bist soundso!
Die Freunde sind froh,
Alles klar,
Du bist soundso!
Auf Arbeit alle froh,
Alles klar,
Du bist soundso!
Zuhause alle froh,
Alles klar,
Alles soundso!

Du gehst K.O.,
Weil du weißt,
Du bist soundso!
(5x)

Wirklich nichts davon...
Soundso und sowieso
Bleibt nichts davon!
Soundso und sowieso
Ist nichts davon!
Soundso glaub mir nichts davon... bist du!

Judith Holofernes, Soundso, Freudenhaus Musikverlag Patrik Majer, Wintrup Musikverlag Walter Holzbaur.
https://www.youtube.com/watch?v=YTjF-AotBq4 [13.10.2016]

3. Ich bin viele – du aber nicht!

Selbst- und Fremdwahrnehmung: "Ich bin viele - du aber nicht!"
Martin Bartl, Institut für digitales Lernen
Karikatur: ein Mensch, zwei Gedanken
CC 4.0 BY-SA

Dass es oft sinnvoller ist, von 'Identitäten' statt von 'einer Identität' zu sprechen, habe ich weiter oben schon angedeutet. Wir wechseln unsere Identitäten häufig und machen es von unserem Gegenüber und der Situation abhängig, wer wir gerade sind. Wir können also durchaus mehr als Einer oder Eine sein.

Interessanterweise billigen wir diese Vielfalt unseren Mitmenschen eher nicht zu. Werden wir Zeuge, wie ein uns scheinbar bekannter Mensch eine neue Facette seiner Identität zeigt, reagieren wir oft verwirrt oder gar verärgert. Wenn bei einer Party eine sonst zurückhaltende Frau nach dem zweiten Glas Wein komische Witz erzählt, empfinden wir das vielleicht als peinlich. Wenn wir den schüchternen Mitschüler wild tanzend in einer Disko beobachten, halten wir das eventuell für lächerlich. Wenn ein konservativer Politiker beim Betreten eines Nachtclubs fotografiert wird, ist das ein Skandal.

Der Grund für unsere Verwirrung ist, dass wir gar nicht in der Lage sind, andere Menschen in ihrer ganzen Vielfalt wahrzunehmen. Der einzige Mensch, bei dem wir das können, sind wir selbst. Andere Menschen müssen wir immer auch als bestimmte Typen wahrnehmen. Wir 'stecken' sie sozusagen 'in eine Schublade'. Verlässt dieser Mensch dann seine Schublade, verwirrt uns das.

Quelle 1

Der Soziologe Alfred Schütz (1899-1959) über unsere Sicht auf die Mitmenschen

In der Ihreinstellung zur sozialen Mitwelt habe ich also nicht Individuen, in ihrem leibhaftigen Selbst, sondern "Leute wie ihr", "Menschen euresgleichen", kurz Typen zu Partnern. [...]

Das Du in der Mitwelt wird niemals als ein Selbst erfahren und niemals völlig unvoreingenommen. Vielmehr ist jede Erfahrung von der Mitwelt eine wertende, die sich urteilend in der Auslegung meines Erfahrungsvorrates von der Sozialwelt überhaupt (wenn auch in ganz verschiedenen Klarheitsstufen und Vagheitsgraden) vollzieht.

Ihreinstellung: nach Schütz der Blick eines Menschen auf Gruppen von Mitmenschen
soziale Mitwelt: Der Teil meiner Mitmenschen, die ich nicht persönlich kenne

Alfred Schütz, Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt. Eine Einleitung in die verstehende Soziologie (Alfred Schütz Werkausgabe II). Hg. v. Martin Endreß/Joachim Renn, Konstanz 2004, S. 341 und 344. Bearbeitet von Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen.

Quelle 2

Der Text von Alfred Schütz übertragen in Alltagssprache

Wenn ich andere Menschen beobachte, dann sehe ich diese Menschen nicht als Individuen, sondern als "Leute wie ihr", "Menschen euresgleichen", kurz als Typen.

Ich kann andere Menschen nicht so umfassend und genau wahrnehmen, wie ich mich selbst wahrnehme. Und ich kann anderen Menschen gegenüber auch nie völlig unvoreingenommen sein. Alles, was ich von meine Mitmenschen wahrnehme, bewerte ich auch. Meine Bewertung hängt dabei von meinen Erfahrungen ab, die ich bisher mit anderen Menschen gemacht habe.

Martin Endreß (Hg.), Alfred Schütz: Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt, Konstanz 2004, S.341 und 344. Bearbeitet von Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen.