3.5 Kleider machen Leute?

Was sagt meine Kleidung über mich aus?

Was sagt meine Kleidung über mich aus?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Header: Kleider machen Leute
CC 4.0 BY-SA

Im Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte bekomme ich spontan die Möglichkeit, auf Zeitreise zu gehen. In der Sammlung gibt es einen großen Fundus an Originalkleidung, aus dem ich mich bedienen und in eine Russlanddeutsche verwandeln darf. Was haben die Deutschen, die vor über 250 Jahren nach Russland ausgewandert sind, wohl angehabt? Haben sie ihre eigenen regionalen Trachten mitgenommen oder eher versucht, sich unauffällig an ihre neuen Nachbarn anzupassen? Und was zieht man überhaupt an, wenn es im Winter -25° kalt und im Sommer 35° warm wird? Die verschiedenen Outfits aus unterschiedlichen Zeiten faszinieren mich. Ich entdecke neue Muster und Farbenkombinationen, die Stoffe fühlen sich anders an. Aber schnell vermisse ich die Hosen, die ich sonst immer trage. Stimmt es also doch nicht, was man gemeinhin sagt: "Kleider machen Leute?!"   

1. Kleidung erfüllt einen Zweck

Galerie: Sinn und Zweck von Kleidung
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PD

Von der komplett verschleiernden Burka bis zum Bikini haben sich Menschen die unterschiedlichsten Bekleidungsstücke ausgedacht. Grundlegend waren dafür natürlich die verschiedenen Materialien, die ihnen zur Verfügung standen und das jeweilige Klima, in dem sie getragen werden. Schließlich schützt Kleidung vor Kälte und dem Erfrieren ebenso wie vor Hitze und einem Sonnenbrand.
Außerdem kann das Getragene auch sehr nützlich sein, zum Beispiel eine Schürze mit vielen großen Taschen, dicke Stiefel mit einem hohen Schaft oder eine auffällige Jacke, damit man im Dunkeln gut gesehen werden kann.

Quelle 1

Der Dichter Heinrich Heine (1797-1856) über Mensch und Kleidung

Wenn wir es recht überdenken, so stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern.

Heinrich Heine, Reisebilder, Norderney, zitiert nach: https://de.wikiquote.org/wiki/Kleidung [15.11.2015].

Aufgabe 1

Gruppenversuch

  1. Eine bis drei Personen verlassen kurzzeitig den Raum.
  2. In der übrigen Gruppe tauschen alle ein paar Kleidungsstücke miteinander. Motto: Nicht zu offensichtlich.
  3. Die Personen von draußen werden einzeln hereingerufen. Sie sollen nun schildern, welche 'Unstimmigkeiten' an den Gruppenmitgliedern ihnen auffallen.
  4. Diskutiert in einem abschließenden Gruppengespräch folgende Frage: Steckt hinter Kleidung vielleicht mehr, als man denkt?

2. Leute machen Kleider – machen Kleider Leute?

Galerie: Kleidung 'spricht'

Die extremen Gegenbeispiele Burka und Bikini deuten es bereits an: Was man anzieht, sagt auch etwas über die eigene Identität aus. Kleidung ist wie eine Sammlung von Zeichen. Sie ist wie eine Sprache aus Bildern, die man am eigenen Körper trägt. Welche Fußballmannschaft ich unterstütze oder welche Musikgruppe ich gerne höre, kann ich durch ein Trikot oder T-Shirt zeigen. Aber auch Religion, Herkunft, Familienstand oder sozialer Status lassen sich über die Kleidung mitteilen. 

Kleidung kann Identität verkörpern und, wie im Falle vieler Russlanddeutscher, ein Stück Erinnerung an die verlorene Heimat sein. Etwas, dass man nicht bereit ist aufzugeben. Außerdem ist jeder Mensch die herkömmliche Kleidung seiner Umgebung gewöhnt. Sie fühlt sich vertraut an. Neue oder fremde Mode verändert auch ihren Träger. Man muss diese neuen Zeichen daher regelrecht entschlüsseln und dazu baucht man Spezialwissen: Zum Beispiel können Mitteleuropäer nur anhand der Kleidung meistens keine sicheren Aussagen über den sozialen Stand von Personen in Lateinamerika oder Zentralasien treffen, wenn es diese traditionelle Kleidung tragen.

Aufgabe 2

Was zieh' ich an? Und warum?

  1. Untersuche die Galerie "Kleidung spricht'". Notiere anhand der Bilder mindestens zehn unterschiedliche Funktionen von Kleidung.
  2. Vergleiche die gefundenen Funktionen von Kleidung miteinander in einer Partnerarbeit.
  3. Findet übergeordnete Gruppen für diese Funktionen.

3. Was trugen die Russlanddeutschen?

Galerie: Kleidung im Verlauf der Zeit und unter bestimmten Lebensumständen
unbekannt
RDK

Anfangs ähnelt sich die Mode

Die Kleidung der nach Russland ausgewanderten Deutschen unterschied sich zunächst nicht besonders von der ihrer Landsleute in Deutschland. Üblich war der Besitz von Alltagskleidung und Sonntagskleidung, die für besondere Anlässe reserviert war. Die meisten Auswanderer waren Protestanten und verließen aufgrund von religiösen Verfolgungen ihre alte Heimat. Die protestantischen Kirchen hatten traditionell Gefallen an Schlichtheit und Einfachheit – Prunk und (Kirchen-)Schmuck hatten sie an der katholischen Kirche katholischen Kirche stets kritisiert. Der protestantische Ethos schlug sich daher in der Kleidung der Russlanddeutschen nieder. Auch sie hatte schmucklos und einfach zu sein.

Interaktive Überprüfung: Kleidung im Detail
Florian Sochatzy, Institut für digitales Lernen
Johanna in russlanddeutscher Alltagskleidung
IDL

Das Kopftuch hat sich bei verheirateten russlanddeutschen Frauen aus freikirchlichen Gemeinden ab ca. den 1950er Jahren in der Sowjetunion durchgesetzt. Es wurde sowohl im Alltag als auch zum Gottesdienst getragen. Das Kopftuch wurde in der Sowjetunion aber auch von Frauen anderer Kultur oder Volkszugehörigkeit getragen. Manche trugen und tragen es aus religiösen Gründen (orthodoxe Kirche, Islam), oftmals wird es aber auch deshalb getragen, weil es vor Staub und Wettereinflüssen schützt.

Johanna trägt ein knielanges, dunkelblaues Sommerkleid mit Blumenmuster und kurzen Ärmeln. Das Kleid wurde von der Mutter oder Großmutter der ursprünglichen Besitzerin selber genäht. Im Vergleich zu gekaufter Kleidung war das Selbernähen damals günstiger.

Die bunt karierte Schürze mit Quadratmuster und aufgesetzten Taschen wurde vor der Übersiedlung von Russland nach Deutschland genäht. Sie war für den Gebrauch in Deutschland gedacht. Der Brustlatz ist abnehmbar und mit zwei Knöpfen am unteren Teil befestigt.

Ein Paar schwarzfarbener Pantoffeln aus Wolle mit Gummisohle. Sie wurden entweder im Haus oder bei der Stallarbeit getragen.

Aufgabe 3

ANZIEHEND? – Fragen zur Mode

  1. Beschreibe die Auswahl der Kleidung der Russlanddeutschen.
  2. Würdest du die Kleidung selbst tragen und zu welchem Anlass? Begründe deine Antwort.
  3. Vergleiche die heutige Kleidung mit den historischen Kleidungsstücken der Russlanddeutschen. Nenne Unterschiede und Gemeinsamkeiten.  
    Nutze dabei in der Galerie "Kommt 'Mode' von 'modern'?" auch die Bilder, auf denen die Alltagskleidung der Autoren dieses Kapitels gezeigt wird.

Mode geht nicht immer mit der Zeit

Galerie: Kommt 'Mode' von 'modern'?
Florian Sochatzy, Johanna Horst, Institut für digitales Lernen
russlanddeutsche Kleidung 19 Jhd.
CC 4.0 BY-SA

Weil es die politische Situation in der Sowjetunion nicht zuließ, bildeten sich kaum Subgruppen und Gegenkulturen, die sich vom Mainstream auch über Kleidung absetzten konnten, wie in der Bundesrepublik beispielsweise die Popper, Hippies oder Punker. Außerdem standen den Menschen nur begrenzt Materialien zur Verfügung. Mode blieb also vor allem praktisch und auch weitestgehend einheitlich. Stattdessen nähten viele Frauen die Kleidung für die gesamte Familie selbst.

Viele Russlanddeutsche nahmen ihre gesamte Kleidung mit, als sie nach Deutschland aussiedelten und hüteten sie lange wie Schätze. Schließlich wurden die einzelnen Kleidungsstücke zu Erinnerungen an eine prägende Zeit, ein vergangenes Leben, das sich so nie wieder zurückbringen ließ. In Deutschland allerdings fielen die Spätaussiedler durch ihre andersartigen Kleidungsgewohnheiten auf und unterschieden sich von den Einheimischen.

Vertiefung 1

Trachten

Trachten bezeichnen traditionelle Kleidungsstücke einer bestimmten Volksgruppe, Region oder eines sozialen Standes. Auch einzelne Berufsgruppen können eine typische Kleiderordnung haben, wie die Zunfttracht der walzenden Handwerker (siehe die Bildergalerie "Kleidung spricht").

Trachten werden oft mit Rückständigkeit und Bauerntum in Verbindung gebracht. Auch wenn diese Einstellung gegenüber Trachten nicht richtig ist, sind sie weltweit auf dem Rückzug. Die Ursache dafür ist sicher auch, dass heute oftmals pflegeleichtere und preiswerte Materialien für die Bekleidung zur Verfügung stehen.
Als gegenläufiger Trend lässt sich jedoch die Entwicklung einer Trachtenmode beobachten: In Deutschland tragen junge Leute zu besonderen Gelegenheiten zum Beispiel wieder Dirndl und Lederhosen. Historische Genauigkeit ist dabei nachrangig, zumal Mode sich immer im Wandel befindet. Die Orientierungsfunktion bestimmter Kleidungsstücke steht bei den heutigen Trägern offenbar im Vordergrund: Durch Tracht drückt der Träger seine Herkunft und Identität in einer sich ständig wandelnden Welt aus.

Johanna Horst, Institut für digitales Lernen

Quelle 2

Ein Schulleiter berichtet über Integrationsprobleme durch Kleidung

Ein besonderes Problem hat (Schulleiter) Schmitt mit den Kindern von Mennoniten und Baptisten. Beide Religionsgemeinschaften haben sich im 16. und 17. Jahrhundert von der evangelischen Kirche abgespalten, ihre Mitglieder leben nach strengen biblischen Regeln. Baptisten-Mädchen sind schon von weitem auf dem Schulhof zu erkennen, sie tragen Zöpfe und knöchellange Röcke. Make-up ist genauso verboten wie Fernsehen, Rauchen oder Alkohol. "Eine Integration dieser Kinder ist fast unmöglich", sagt Schmitt, "sie isolieren sich und bleiben immer unter sich". Ihretwegen finden in der Hauptschule keine Klassenfahrten mehr statt, die strenggläubigen Eltern verbieten die Teilnahme, weil sie "sexuelle Exzesse" befürchten.

Barbara Schmidt, Alles ist besser als Kasachstan, Spiegel Online, 8.2.1999, www.spiegel.de/spiegel/print/d-8608165.html [18.02.2016].

Quelle 3

Die Autoren Olga und Wladimir Kaminer über Klischees und aggressiven Kleidungsstil

Hinweis: Der deutsche Autor mit russischen Wurzeln Wladimir Kaminer ist hier im Interview mit seiner Ehefrau Olga Kaminer. Diese ist ebenfalls eine deutsche Autorin russischer Herkunft. Sie hat ein Buch über russische Frauen geschrieben, in dem sie westlichen Klischees über russische Frauen nachgeht. Beide nutzen in ihren Aussagen sehr oft Satire und Ironie.

Wladimir Kaminer: Die russischen Frauen werden oft in Europa auf der Strasse erkannt, wegen ihres aggressiven Anziehstils. 

Olga Kaminer: Sie wollen gesehen werden. In Deutschland setzen Frauen Akzent auf ihre inneren Werte, sie ziehen sich extra unauffällig an, damit diese inneren Werte besser sichtbar werden. In einer Stadt wie Berlin gibt es auch viele kleine Kneipen und Klubs, wo man eigene innere Werte zum Vorschein bringen kann. Russland ist aber ein ländliches Land. Eine endlose Steppe. Versuchen sie dort aus einer zwei Kilometer Entfernung ihre inneren Werte zu demonstrieren. Sie sieht keiner. Deswegen ziehen sich die russischen Frauen bunt an, um aus der Ferne gesehen zu werden.

Wladimir Kaminer: Und russische Männer, stehen sie auf besonders aufgepeppte Frauen?

Olga Kaminer: Die russischen Männer wissen selbst nicht, worauf sie stehen. Die ganze unglückliche Geschichte unserer Heimat im letzten Jahrhundert, zwei Weltkriege, Terror, Revolution, hat in erster Linie die Männer vernichtet. Frauen bilden eine Mehrheit in Russland. Zurzeit steht es 65% zu 35%. Wenn man von den 35% alle Teenager, Rentner, Kranke, Gestörte, Orthodoxe, Schwule und Alkoholiker abzieht, kommt man höchstens auf 15 %. Wenig Auswahl um einen Prinzen zu finden. Die bunte Kleidung der Frauen ist ein SOS-Signal.

blog.wladimirkaminer.de/post/44785192164/das-interview-das-ich-zum-8-m%C3%A4rz-mit-meiner [18.02.2016].

Aufgabe 4

  1. In Quelle 2 geht es um den Zusammenhang von Kleidung und Integration. Lies dir den Textausschnitt aufmerksam durch.
  2. Bereitet ein Streitgespräch vor.

    • Teilt euch dazu in zwei Gruppen auf und bestimmt einen oder zwei Moderatoren. 
    • Jede Gruppe bekommt eine der folgenden Positionen zugeteilt und Zeit um Argumente zu sammeln

      • Schüler sollten sich kleiden können, wie sie wollen. Ob besonders freizügig oder besonders fromm: Religionsfreiheit und Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit machen es möglich.
      • Schüler sollten sich an Regeln halten, bauchfreie Oberteile lenken ab, Kopftücher verhindern die Integration und extreme oder fremde Kleidungsstile sorgen nur für Gruppenbildung.

  3. Diskutiert nun miteinander. Die Moderatoren halten die wichtigsten Punkte für alle sichtbar fest.

Aufgabe 5

  1. Informiere dich über die Wirkung von Satire in Texten.
  2. Setze dich mit den Aussagen in der Quelle 3 auseinander. Beziehe dabei die Informationen über Satire ein.
  3. Erläutere die in der Quelle 3 angesprochenen Funktionen von Kleidung bei deutschen und russischen Frauen.