4.1 Nowgorod und die Hanse

Luxus für alle!

Luxus für alle!

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Header: Nowgorod und die Hanse
CC 4.0 BY-SA

Erste andauernde Kontakte zwischen Russen und Deutschen begannen zum Beispiel vor knapp eintausend Jahren in der nordwestrussischen Stadt Nowgorod. Im 12. Jahrhundert ließen sich Händler der deutschen Hanse dort nieder und gründeten einen eigenen Handelshof. Sie blieben etwa 400 Jahre und reisten regelmäßig zwischen ihren deutschen Herkunftsstädten und Nowgorod hin und her. Was waren das für Händler? Was veranlasste sie, regelmäßig diese weite und gefährliche Reise zu unternehmen? Und hatte ihr Kontakt mit den Nowgoroder Russen Auswirkungen auf Russland und ihre deutsche Heimat?

1. Nowgorod im Mittelalter

Galerie: Nowgorod im Mittelalter
Дизайн: Керносов А
1150 years of Veliki Novgorod (souvenir sheet)
PD

Im frühen Mittelalter war Nowgorod Teil eines von Kiew aus regierten russischen Großreiches. Dieses zerbrach aber im 12. Jahrhundert und die Nowgoroder blieben sich selbst überlassen. Das bekam ihnen nicht schlecht: von Nowgorod aus beherrschten sie große Teile des heutigen Nordwestrusslands und ihre Hauptstadt blühte auf.

Gegen Ende des Mittelalters, im 15. Jahrhundert, lebten in Nowgorod 25.000 bis 30.000 Menschen. Die Stadt selbst hatte zwar einen Fürsten, wurde aber tatsächlich von den Bojaren, den örtlichen Großgrundbesitzern, regiert. Diese hatten großen Landbesitz außerhalb der Stadt und waren dementsprechend reich.

Zudem hatten sie als angesehene Bürger einer mittelalterlichen Großstadt ein Bedürfnis nach Luxusprodukten wie feinem Tuch, Wein, Glas und Schmuck. Von diesen Produkten wurden jedoch nicht viele in der russischen Nachbarschaft hergestellt. Was es in der Umgebung auch nicht gab, war Silber. Dieses wurde aber während des Mittelalters in Russland als Zahlungsmittel immer wichtiger. Gleichzeitig war Nowgorod als Zentrum eines großen Reichs Umschlagplatz für besondere russische Waren, vor allem Pelze, Honig und Wachs. Diese galten wiederum im westlichen Europa als Luxusprodukte. Gerade die Pelze aus dem nördlichen Russland waren besonders dicht und deshalb besonders begehrt.
Dies alles machte es für deutsche Händler interessant, die lange Fahrt nach Nowgorod auf sich zu nehmen und dabei gutes Geld zu verdienen.

Darstellung 1

Ein Historiker über den Handel mit Nowgorod als Handel mit Luxuswaren

Um das einmal real auszudrücken: im Westen brauchte man Wachs, weil die Wachslichter einen so angenehmen Duft beim Brennen verbreiteten, nicht nach Öl, ranzigen Fett oder Tran rochen – oder nach dem, was man sonst in den althergebrachten Metalllämpchen verwendete. Eine feierliche Sitzung ohne Wachskerzenbeleuchtung schien undenkbar, besonders aber wollte die Kirche nicht auf Wachslichter im Gottesdienst verzichten. [...]

Ähnlich lag es mit den Pelzen [...] Das Klima in Westeuropa war damals nicht etwa kälter als heute, so dass kein dringender Grund für die Verwendung von viel Fell für Pelzmäntel und Pelzbesatz vorlag, sondern es handelte sich um eine Geschmacksrichtung und Modefrage [...] Ein vornehmer Mann ohne Biberkragen, Luchsfell oder schönes Eichhörnchenfutter oder Marderbesatz auf Umhang und Mantel war damals undenkbar [...]

Die "Verbraucherlage" im Osten war vergleichsweise ähnlich. Dort hatte man an groben Wollstoff genug [...]. Aber die [...] niederdeutschen Kaufleute boten den Einheimischen die wunderbar feinen, glattgeschorenen und prächtig blau, weiß oder scharlach- und purpurrot gefärbten flandrischen, nordfranzösischen oder westdeutschen Wolltuche an. Dieser Versuchung konnten die Wohlhabenden unter den Ostleuten nicht widerstehen.

Paul Johansen, Der hansische Rußlandhandel, in: Ahasver von Brandt u.a. (Hgg.), Die Deutsche Hanse als Mittler zwischen Ost und West, Köln 1963, S. 41f.

Darstellung 2

Die schwierige Reise nach Nowgorod (bearbeitet)

Die Schiffe und Kaufleute, welche von Gotland kamen, versammelten sich an der Mündung der Neva auf der Insel Kotlin (Kronstadt). Dort ging die Wahl des Oldermanns vor sich, der während der Reise an der Spitze der Genossenschaft stand, und gewöhnlich wurden dort die Waren auf leichtere Schiffe verladen. Von russischen Lotsen übernommen, fuhren die deutschen Schiffe, von karelischen oder schwedischen Räubern bedroht die einsame Neva hinauf. Sie liefen in den Ladogasee ein und machten im Hafen von Ladoga fest, in dessen Nähe sie eine Kirche und einen Friedhof besaßen. Dort war wegen der Volchov-Stromschnellen eine weitere Umladung der Waren nötig. Diese wurde mit Hilfe einer Korporation von Treidlern (vorschkerlen) überwunden, und schließlich gelangte man nach Novgorod.

Gotland: Insel in der Ostsee, erster Sammelpunkt der Nowgorod-Fahrer
Genossenschaft: ein Zusammenschluss von mehreren Personen, die gemeinsam etwas erwerben, einen Betrieb führen oder eine Immobilie bauen
Karelien: historische Landschaft (es gibt sie also nicht mehr) zwischen den heutigen Staaten Russland und Finnland
Treideln: das Ziehen von Schiffen auf Wasserwegen durch Menschen oder Zugtiere

Philippe Dollinger, Die Hanse, Stuttgart 1989, S.44f. Bearbeitet von Johannes Grapentin, Institut für digitales Lernen.

Darstellung 3

Die schwierige Reise nach Nowgorod (unbearbeitet)

Die älteste, nach der Mitte des 13. Jahrhunderts entstandene Hofordnung des Peterhofs vermittelt einige Klarheit über die erste Organisation des Kontors und die Schwierigkeiten der Reise.Die Schiffe und Kaufleute, welche von Gotland [Insel in der Ostsee, erster Sammelpunkt der Nowgorod-Fahrer] kamen, versammelten sich an der Mündung der Neva auf der Insel Kotlin (Kronstadt). Dort ging die Wahl des Oldermanns vor sich, der während der Reise an der Spitze der Genossenschaft stand, und gewöhnlich wurden dort die Waren auf leichtere Schiffe verladen. Von russischen Lotsen übernommen, fuhren die deutschen Schiffe, von karelischen oder schwedischen Räubern bedroht die einsame Neva hinauf. Sie liefen in den Ladogasee ein und machten im Hafen von Ladoga fest, in dessen Nähe sie eine Kirche und einen Friedhof besaßen. Dort war wegen der Volchov-Stromschnellen eine weitere Umladung der Waren nötig. Diese wurde mit Hilfe einer Korporation von Treidlern (vorschkerlen) überwunden, und schließlich gelangte man nach Novgorod.

Philippe Dollinger, Die Hanse, Stuttgart 1989, S.44f.
Galerie: Wo liegt Nowgorod?

Darstellung 4

Eine Achterbahnfahrt nach Nowgorod

Im Freizeitpark 'Hansapark' bei Lübeck wird die Geschichte der Hanse mit verschiedenen Fahrbetrieben und Attraktionen nachgestellt. Seit 2010 gibt es auch eine Achterbahn mit dem Namen 'Fluch von Nowgorod'. Über diesen Link findest du ein Video der Achterbahnfahrt.
Die Achterbahnbetreiber liefern aber auch eine Hintergrundgeschichte zum Thema der Bahn, zusammen mit kleinen Filmschnipseln. Diese kannst du dir auf der Seite des Hansaparks ansehen. Dazu musst du links auf das Buch mit der Aufschrift 'Die Geschichte beginnt' klicken.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 1

  1. Sieh dir das Video der Achterbahnfahrt an. Erstelle eine Liste aller Elemente, also von Gebäuden, Dekorationen, Ausstattungen, dargestellten Szenen usw., die mit der Geschichte Russlands/Nowgorods zusammenhängen.
  2. Lies nun die Hintergrundgeschichte auf der Homepage des Hansaparks (links auf 'die Geschichte beginnt' klicken) und sieh dir die dortigen Videos an.
  3. Erstelle eine zweispaltige Tabelle. In die eine Spalte schreibst du alle Elemente der Geschichte, die dir historisch überzeugend erscheinen, in die andere Spalte alle Elemente, die dir wie Fantasieprodukte vorkommen.
    Diskutiere deine Ergebnisse in der Gruppe.
  4. Entscheide begründet, ob die Achterbahn und die Hintergrundgeschichte russische Stereotype (siehe Kapitel 2.2) bedienen.

2. Wer waren die deutschen Händler?

Galerie: Die Hanse und Nowgorord

Bei den Deutschen in Nowgorod handelte es sich um Fernhändler aus Norddeutschland und dem Rheinland. Seit dem 11. Jahrhundert wuchsen in Europa durch Bevölkerungs- und Städtewachstum die Möglichkeiten und Gewinnchancen für den Handel über weite Entfernungen. Für die Fernhändler begann ein Zeit mit guten Gewinnmöglichkeiten. Deutsche Händler knüpften Verbindungen nach Flandern, England, Skandinavien und eben Russland. Ihre Schiffe befuhren die Nord- und Ostsee.

Um sich besser vor den Gefahren der Reisen zu schützen und gegenüber den örtlichen Fürsten größere Macht zu haben, schlossen sich diese Händler zu einer Organisation zusammen, die sie Hanse nannten. Das hatte für sie mehrere Vorteile: Innerhalb der Hanse konnten sie große Handelsfahrten mit mehreren beteiligten Kaufleuten zusammenstellen. Das verringerte das Risiko, unterwegs überfallen und getötet zu werden. Und sie konnten ihre Interessen gegenüber anderen Händlern und Fürsten vor Ort besser durchsetzen, denn mit der mächtigen Hanse legten sich die Fürsten nur ungern an. Sie riskierten in solchen Konflikten nämlich, dass ein Großteil des Handels vor Ort zusammenbrach und lebenswichtige Waren nicht mehr geliefert wurden.

An ihren wichtigsten Handelsknoten außerhalb Deutschlands gründete die Hanse Kontore: in Brügge, Bergen, London und Nowgorod. Dort konnten die Händler in einer abgeschlossenen Gemeinschaft ihren Geschäften nachgehen und unterstanden nur den Gesetzen der Hanse.

Zusammenfassung 1

Was war die Hanse für eine Organisation?

Die Hanse bestand aus:

  • Kaufleuten aus Norddeutschland und dem Rheinland
  • etwa 200 Städten

Die Ziele der Hanse waren:

  • gegenseitiger Schutz, Sicherung von Handelszügen
  • stärkeres Auftreten gegenüber Fürsten, Städten und anderen Händlern

Das Gebiet der Hanse reichte etwa von:

  • Holland im Westen bis zum Baltikum im Osten
  • Südschweden im Norden bis Köln im Süden
Zusammengefasst von Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen, u.a. auf Grundlage von: Rolf Hammel-Kiesow, Die Hanse, München 2000.

3. Der Petershof – das Hansekontor in Nowgorod

Das Hansekontor in Nowgorod hieß Petershof. Er war nach der Kirche St. Peter benannt, die das Zentrum des Handelshofes bildete. Diese Kirche war nicht nur von religiöser Bedeutung für die römisch-christlichen deutschen Kaufleute im russisch-orthodoxen Nowgorod, sie war auch der wichtigste und sicherste Lagerraum für ihre Waren in der Stadt. Denn die Kirche war aus Stein errichtet und deshalb ein guter Schutz vor der Brandgefahr, die in Nowgorod immer herrschte. Die Stadt war ansonsten weitgehend aus Holz gebaut.

Um die Kirche herum lag der nach außen durch eine Holzpalisade und ein bewachtes Tor geschützte Handelshof. Hier errichteten die Kaufleute ihre Wohnhäuser, Lagerschuppen, Läden und ihr Gefängnis. Denn um Rechtsbrüche und Bestrafungen untereinander kümmerten sich die Händler selbst. Während der Blüte des Petershofs im Spätmittelalter lebten etwa 600 bis 800 Menschen dort. Von diesen waren ca. 200 Händler. Diese hatten dann jeweils noch ihre Knechte und Bedienstete.

Die Händler misstrauten einerseits ihren russischen Nachbarn. So war es verboten, den Schlüssel zur Kirche einem Russen auch nur zu zeigen. Andererseits trauten sie auch ihren deutschen Kaufmannskollegen nicht über den Weg: Jede Nacht musste die Kirche als wichtigster Lagerraum und Aufbewahrungsort der Kontorskasse von zwei Kirchenschläfern (kerkenslepern) bewacht werden. Diese mussten immer Diener unterschiedlicher Kaufleute sein.

Darstellung 5

Alltag und Ablenkung im Petershof

Das Leben im Petershof: Auch der Kaufmann kann nicht dauernd Handel treiben; er braucht nicht nur Abwechslung, sondern auch Hilfsmittel, um die Langeweile zu überbrücken, die in den Zeiten, da kein Geschäftsverkehr möglich ist [...] zum Leben des Kaufmanns gehörte. Schach wurde gespielt, sicherlich auch andere Brettspiele; aber über diese geben die archäologischen Funde ebensowenig Aufschlüsse wie über Kartenspiele, denn Karten überdauern ebensowenig die Zeiten wie die geringwertigeren Spielsteine des Tricktrack. Vor allem dürfte die Jagd, wenn wir das Kirchengestühl der Novgorod-Fahrer in Stralsund richtig deuten, zu den Vergnügungen der Kaufleute gehört haben. Natürlich verfügte das Kontor auch über eine eigene Badestube, in der, wie eine Zufallsnachricht von 1416 überliefert, die Kaufleute mit russischen Frauen "spielten".

Ernst Schubert, Novgorod, Brügge, Bergen und London: Die Kontore der Hanse, Concilium medii aevi 5 (2002) 1-50, https://cma.gbv.de/dr,cma,005,2002,a,01.pdf [09.11.2016].

4. Eine mittelalterliche Bronzetür aus Deutschland

Galerie: Bronzetür

Wer heute die Sophienkathedrale im Nowgoroder Kreml besucht, dem fällt an der Westseite der Kirche ein beeindruckendes Bronzetor auf. Es ist nicht unbedingt die Größe, die an diesem Tor auffällt, sondern vielmehr seine detailverliebte Ausgestaltung. Die sogenannte 'Bronzetür aus Płock' besteht aus 24 quadratischen Platten. Diese zeigen fein ausgearbeitete Darstellungen biblischer Szenen, umrankt von Pflanzenornamenten. Die Tür wurde Mitte des 12. Jahrhunderts gegossen, aber nicht in Nowgorod, sondern im deutschen Magdeburg.

Magdeburg war zu dieser Zeit Großstadt, Bischofssitz und Handelszentrum. Nicht weit entfernt liegt das Harz-Gebirge mit reichen Kupfervorkommen. Diese benötigt man zur Bronzeherstellung. Magdeburg war also ein idealer Ort, um eine gewinnbringende Bronzegießerwerkstatt zu betreiben. Eine solche Werkstatt erhielt wohl um 1150 vom Magdeburger Erzbischof den Auftrag, die Nowgoroder Bronzetür herzustellen. Gedacht war die Tür als Geschenk für den Bischof der polnischen Stadt Płock. Von dort wanderte die Tür im 15. Jahrhundert dann weiter nach Nowgorod - wiederum als Geschenk. Der dortige Erzbischof bekam sie. Er war ein großer Freund westlicher Kunst und Architektur.

Die 'Bronzetür von Płock' ist also kein Beispiel für den Hansehandel mit Nowgorod, denn sie kam nicht mit einer Kogge über die Ostsee dorthin. Sie zeigt uns aber, dass durch diesen Handel Vorstellungen von mitteleuropäischer Kunst und Architektur in die russische Stadt gelangten und dort Spuren hinterließen.

Darstellung 6

Russland im Mittelalter: Zwischen Byzanz und Europa

Das mittelalterliche Russland wurde über Jahrhunderte kulturell vor allem aus dem Süden geprägt. Über das Schwarze Meer und die dort mündenden russischen Ströme Dnepr und Don hatte Russland Kontakt zum Oströmischen Reich und dessen Hauptstadt Byzanz (oder Konstantinopel), dem heutigen Istanbul. Dass dieses Reich starken Einfluss auf die russische Kultur hatte, sieht man besonders an der Religion: Russland wurde von Byzanz aus christianisiert. Und über Jahrhunderte wurde die russisch-orthodoxe Kirche von Byzanz aus geführt. Auch die Bauart russischer Kirchen orientiert sich stark am byzantinisch-romanischen Stil, insbesondere an der Hagia Sophia. Sie war die byzantinische Hauptkirche und während des gesamten Mittelalters auch die größte Kirche der Welt.

Im späteren Mittelalter änderte sich das aber. Im 13. Jahrhundert fielen die Mongolen in Russland ein, plünderten die Städte und unterwarfen die meisten der russischen Reiche. Das nördliche Russland (auch das Nowgoroder Reich) konnte den Mongolen widerstehen. Es erkaufte sich sein Überleben durch Tributzahlungen, aber die Verbindungen nach Süden waren gekappt. Dadurch wurden die Verbindungen nach Mitteleuropa (vor allem der Hansehandel) wichtiger. Gegen Ende des Mittelalters tauchten im nördlichen Russland nicht nur vermehrt deutsche Waren und Münzen auf, sondern es hielten auch Baustile wie die norddeutsche Backsteingotik Einzug.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

5. Prokop von Ustjug: Ein deutscher Hansekaufmann wird russischer Heiliger

Galerie: Prokop von Ustjug

Auch die deutschen Kaufleute in Nowgorod blieben nicht unberührt von russischen Einflüssen, wie die Geschichte des Prokop von Ustjug zeigt. Dieser lebte im 13. Jahrhundert und war ursprünglich ein Hansekaufmann aus Lübeck. Er reiste nach Nowgorod, um mit Pelzhandel reich zu werden. Dort wurde er aber offenbar vom russischen Glauben so beeindruckt, dass er zur russisch-orthodoxen Kirche übertrat. Schon dieser Schritt sorgte bei seinen deutschen Kollegen sicher für Befremden. Aber Prokop, der damals noch seinen deutschen Namen (wahrscheinlich Jacob) trug, ging noch einen Schritt weiter. Der Legende nach verkaufte er aus religiöser Überzeugung all seine Besitz. Er spendete das Geld den Armen und führte fortan das Leben eines 'Jurodiwy', eines 'Narren in Christo'.

Solche Jurodiwy gab es in der orthodoxen Kirche immer wieder. Sie lebten als Obdachlose und Bettler nur von dem, was die Gläubigen ihnen als Almosen gaben. Sie wanderten umher und verbrachten ihre Tage mit Fasten und Beten. Von anderen Bettler unterschieden sich die Jurodiwy zum Beispiel dadurch, dass sie unter den russischen Gläubigen sehr geachtet waren. Die Menschen erkannten an, dass die Jurodiwy für ihren Glauben große Opfer brachten.

Prokop verließ schließlich Nowgorod und wanderte nach Osten. Er ging bis in die Stadt Ustjug, wo er 1303 starb. Er soll mehrere Wunder bewirkt haben. Das wichtigste davon war angeblich, dass er die Stadt durch sein Beten vor einem Meteoriteneinschlag bewahrte. Der Legende nach soll der Meteor 30 Kilometer entfernt von der Stadt eingeschlagen sein.

Darstellung 7

Eine Nacherzählung des 'Wunders von Ustjug'

Einmal begann aber der sonst ruhige und schweigsame Prokopij emotionale Predigten zu halten und Menschen zur Buße aufzurufen. Die Ustjuger wollten jedoch nicht auf den aufdringlichen Narren in Christo hören: Es bleibt ja keine Zeit für eine Buße im kurzen nordischen Sommer! Das Unheil kam unerwartet. An einem heißen und windstillen Julitag zog über Ustjug eine riesige schwarze Wolke auf. Die Ustjuger rechneten mit einem Gewitter oder mit einem Regenschauer, aber es kam kein Regen. Im Gegenteil, obwohl die Sonne nicht zu sehen war, wurde es immer heißer und die Menschen fingen an, zu ersticken. Aber die glühende Wolke sank immer tiefer, plötzlich donnerte es in der toten Stille, so, als ob Tausende von Steinen in einen Abgrund stürzten. Die Ustjuger hoben ihre Augen und verstanden alles: Die Wolke war aus Stein. In Panik rannten die Menschen in die Kirchen, und bald waren die Straßen menschenleer. Nur Prokopij suchte keine Zuflucht. Er streckte die Hände zum Himmel aus und begann zu beten. Niemand weiß, wie Prokopij betete, aber innerhalb weniger Stunden wehte schon ein ruhiger kühler Wind, und die Wolke fing langsam an, von der Stadt abzuziehen. Später erzählten Wanderer, sie hätten nicht weit von Ustjug eine riesige tote Waldfläche gesehen, die vom glühenden Steinhagel vernichtet worden wäre. Dieses Schicksal war eigentlich für die Stadt bestimmt, aber die innigen Gebete des frommen Mannes habe sie gerettet.

Tabelle 1

Eintrag auf der Webseite der 'Meteoritical Society' zum Ustjug-Meteorit

Name:

Velikoi-Ustyug

Das ist KEIN offizieller Name: Zweifelhafter Meteorit.

Beobachteter Fall:

Ja

Jahr des Falls:

1250

Land: 

Russland

International Society for Meteoritics and Planetary Service, The Meteoritical Bulletin, übersetzt von Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen, http://www.lpi.usra.edu/meteor/metbull.php?code=24156 [09.11.2016].

Aufgabe 2

Bereitet in Partnerarbeit eine Präsentation zur Bedeutung Nowgorods für die russisch-deutsche Geschichte vor.
Geht dabei auf folgende Stichworte ein:

  • Handel
  • kultureller Austausch
  • Lebensweise der Kaufleute
  • christlicher Glauben