4.2 Die Schlacht auf dem Peipussee – Alexander Newski und die deutschen Kreuzritter

Historische Feinde?

Historische Feinde?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Header: Die Schlacht auf dem Peipussee – Alexander Newski und die deutschen Kreuzritter
CC 4.0 BY-SA

Ein anderes frühes Aufeinandertreffen von Deutschen und Russen verlief weniger friedlich als der Nowgoroder Hansehandel. Für viele Russen ist es aber bis heute von großer Bedeutung. Im Frühjahr 1242 besiegte ein russisches Heer aus Nowgorod auf dem zugefrorenen Peipussee, an der heutigen Grenze zwischen Russland und Estland, ein deutsches Ritterheer. Wie kam es dazu? Was machten deutsche Ritter in Nordrussland? Und warum ist die Schlacht bis heute für viele Russen so wichtig?

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Ein Historiker über die Bedeutung der Schlacht in Russland

Der Nikolskoye Friedhof und dahinter das Alexander-Newski Kloster.

Während die Schlacht und ihr siegreicher Feldherr [Alexander Newskij] in Deutschland weitgehend vergessen und nur den Spezialisten bekannt sind, sind Personen und Ereignisse in Rußland jedermann geläufig. Die Lebensader der alten Hauptstadt St. Petersburg ist der Nevskij-Prospekt, benannt nach dem Fluss, dem auch Aleksandr seinen Beinamen für den Sieg über die Schweden im Jahre 1240 verdankt. Am Ende der Hauptstraße liegt das Aleksandr Nevskij-Kloster mit einem der berühmtesten Friedhöfe des Landes.

dem Fluss: Bei diesem Fluss handelt es sich um die Newa, oder Neva. Sie mündet bei St. Petersburg in die Ostsee. An ihrem Ufer schlugen die von Alexander geführten Russen 1240 ein schwedisches Eroberungsheer. Nach diesem Sieg nahm Alexander den Titel Newski (russ. Nevskij = von der Newa) an.

Dittmar Dahlmann, Der russische Sieg über die „teutonischen Ritter“, in: Gerd Krumeich, Susanne Brandt (Hgg.), Schlachtenmythen; Ereignis – Erzählung – Erinnerung, Köln 2003, S. 64.

1. Der Deutschritterorden

Galerie: Der Deutsche Ritterorden

Der Deutschritterorden war ein Kreuzfahrerorden. Er wurde Ende des 12. Jahrhunderts in Akkon im heutigen Israel von deutschen Kreuzrittern gegründet. Sein offizielles Ziel war die Verbreitung des christlichen Glaubens und der Schutz des 'Heiligen Landes', das die Kreuzritter hundert Jahre früher von den Muslimen erobert hatten. Daneben wollte der Ordens die eigenen Mitglieder durch Eroberung mit Land und Reichtum versorgen.

Konkurrenz bekamen Deutschritter dabei jedoch auch von anderen Ritterorden, wie den Tempelrittern. Weil die Muslime im Heiligen Land während des 12. Jahrhunderts wieder die Oberhand gewannen, sahen sich die Deutschritter nach anderen Aktionsmöglichkeiten um. Sie fanden diese in Nordost-Europa. An der polnischen Ostseeküste und im Baltikum lebten im 13. Jahrhundert noch 'wilde Stämme', die heidnische Religion praktizierten und sich nicht zum Christentum bekehren lassen wollten. Diese Stämme waren ihren christlichen Nachbarn, den Deutschen und Polen, ein Ärgernis, da sie deren Grenzen durch ständige Überfälle unsicher machten.

Der deutsche Kaiser und die polnischen Herzöge beauftragten nun die Ritter des Deutschen Ordens damit, diese Stämme zu missionieren. Das bedeutete damals: 'Entweder ihr bekehrt euch zum Christentum, oder wir schlagen euch tot!'
Als Gegenleistung sollte der Orden in den von ihm missionierten Gebieten seinen eigenen Ordensstaat aufbauen und beherrschen dürfen. Im Jahr 1231 überschritten die Deutschritter im heutigen Polen die Weichsel und gründeten ihre erste Burg bei Toruń (deutsch: Thorn). Dann machten sie sich ans Erobern und Missionieren. Nur 11 Jahre später tauchten sie an der 1.000 Kilometer entfernten Grenze des Nowgoroder Reiches auf. Die Ritter hatten vor, einfach weiter nach Osten vorzudringen. Dass ihnen dort jedoch russisch-orthodoxe Christen und keine Heiden gegenüberstanden, hinderte sie nicht. Aber anders als bei den schlecht organisierten Stämmen, waren sie mit Nowgorod an einen ernstzunehmenden Gegner geraten.

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Eine Dokumentation über den Deutschen Ritterorden

Unter diesem Link findest du eine Dokumentation über die Geschichte des Deutschen Ritterordens. Ab Minute 15:21 geht es darin um die Eroberungen in Osteuropa.

2. Russland in Not

Galerie: Russland in Not

Die Russen hatten Mitte des 13. Jahrhunderts gerade eine schreckliche Katastrophe hinter sich: 1237 waren die Mongolen aus dem Osten in die russischen Fürstentümer eingefallen. Den riesigen und unglaublich schnellen Reiterarmeen der Mongolen hatten die Russen wenig entgegenzusetzen. Viele ihrer wichtigen Städte, so etwa Susdal oder Wladimir, wurden erobert und geplündert.

Die Nowgoroder fürchteten wohl, als nächstes an der Reihe zu sein. Jedoch bog die mongolische Armee im Frühjahr 1238 nach Süden ab. Statt Nowgorod war nun das reiche Kiew ihr Ziel, welches im Jahr 1240 eingenommen wurde. 

Den Nowgorodern verschaffte dies eine Atempause. Sie nahmen Verhandlungen mit den Mongolen auf, sicherten ihnen enorme Tributzahlungen zu und erkannten ihre Herrschaft über Russland an. Im Gegenzug wurde Nowgorod nicht erobert und konnte als relativ unabhängiges Fürstentum weiterexistieren. Nun sammelten sich aber die anderen Nachbarn des Nowgoroder Reiches – der Deutsche Orden und die Schweden – um sich zu holen, was die Mongolen übrig gelassen hatten: das reiche Nowgorod.

3. Alexander Newski – russischer Nationalheld und Heiliger

Galerie: Alexander Newski
Russian Post, Publishing and Trade Centre "Marka" (ИТЦ «Марка»). The design of the stamp by O. N. Ivanova.
The Monument to Alexander Nevsky by Aleksey Ignatov
PD

In dieser Stunde der Not wandten die Nowgoroder sich an einen Fürstensohn aus Wladimir. Er hieß Alexander Jaroslawowitsch (Sohn des Jaroslaw). Dieser sollte sie vor den anrückenden Eroberern retten. Alexander übernahm das Kommando über die Nowgoroder Truppen und zog zuerst nach Norden gegen die Schweden. An der Newamündung, nahe der Stelle, wo heute St. Petersburg liegt, schlug er 1240 die schwedischen Truppen. Das trug ihm den Ehrennamen 'Newski' ein.

Bei seiner Rückkehr nach Nowgorod zerstritt er sich aber mit den dortigen Großgrundbesitzern, den Bojaren. Diese wollten ihre Unabhängigkeit bewahren und hatten kein Interesse daran, sich in Friedenszeiten von einem Kriegerfürsten aus dem Süden regieren zu lassen. Newski verließ die Stadt. Kurze Zeit später stießen jedoch die deutschen Kreuzritter aus dem Westen vor. Sie eroberten die russische Stadt Pskow (deutsch: Pleskau) und bedrohten Nowgorod. Nun mussten sich die dortigen Machthaber reumütig wieder an Newski wenden. Der kehrte zurück, schlug die Kreuzritter 1242 auf dem Peipussee und machte sich nun zum Fürsten von Nowgorod.

Durch kluge Diplomatie erreichte Newski, dass die Mongolen ihn noch zum Großfürsten von Wladimir und Kiew ernannten. Er unterdrückte die russischen Bestrebungen, sich gegen die übermächtigen Mongolen aufzulehnen und sorgte so für das Weiterbestehen der russischen Fürstentümer – allerdings unter mongolischer Herrschaft.

In Russland wird Alexander Newski dafür als Nationalheld verehrt: Er schlug die Gegner, die schlagbar waren. Und er verhandelte klug mit den unbesiegbaren Mongolen.  So sicherte er das Überleben Russlands. 1547 wurde er von der russisch-orthodoxe Kirche heilig gesprochen.

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Alexander Newski überzeugt seine Landsleute, die Mongolenherrschaft zu akzeptieren

Im selben Jahr [1258] kamen die [mongolischen] Zähler nach Wolodimir [...] um die Bewohner von Nowgorod zu zählen und zu besteuern. Diese empörten sich wider die Zumuthung mongolischer Besteuerung und schlugen ihren Posadnik [Bürgermeister] todt. Alexander Jaroslawitsch [Newski], der Grossfürst von Wolodimir, besänftigte mit Mühe die aufgebrachten Gemüther, und die Zähler wurden mit Geschenken im Frieden entlassen. Im folgenden Jahr erschienen die mongolischen Steuerbeamten Berkai und Kassadschik mit grossem Gefolge an den Ufern des Wolchow. Die Einwohner Nowgorods erklärten, lieber sterben, als sich der Zählung unterwerfen zu wollen, doch fügten sie sich endlich der Nothwendigkeit, von Alexander Jaroslawowitsch durch die Drohung, dass er sie dem Zorne des Chans [des Königs der Mongolen] Preis geben wolle, hierzu gebracht. [...]

Um seinem Vaterlande nach Kräften das Joch der Mongolen zu erleichtern, ging Alexander Newski zum vierten Male ins Lager, zum Chan Berke, wo er überwinterte, erkrankte und auf seiner Rückreise starb. Ein ebenso politischer wie tapferer Fürst, welcher aber vielleicht zu schmiegsam sich ins tatarische [mongolische] Joch fügte.

Josef Hammer-Purgstall, Die Geschichte der Goldenen Horde in Kiptschak, Pesth 1840, S.152f.

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Alexander Newski überzeugt seine Landsleute, die Mongolenherrschaft zu akzeptieren (vereinfachter Text)

Im Jahr 1258 kam ein mongolischer Steuereintreiber nach Wolodimir, um die Bewohner von Nowgorod zu zählen und dann zu besteuern. Die Bürger waren wütend über die Besteuerung durch die mongolischen Besatzer. In ihrer Erregung schlugen sie ihren Bürgermeister tot. Alexander Newski, der Großfürst von Wolodimir, beruhigte sie mühsam. Der Steuereintreiber wurde in Frieden gelassen und durfte weiterziehen.

Im nächsten Jahr erschienen die mongolischen Steuerbeamten Berkai und Kassadschik in der Nähe der Stadt. Sie wurden von vielen Soldaten begleitet. Die Einwohner Nowgorods wollten lieber sterben, als sich der Steuerzählung durch die fremden Herren zu unterwerfen. Doch Alexander Newski überzeugte sie und drohte, die Stadt an den Herrscher der Mongolen zu geben, wenn sie nicht verhandlungsbereit seien.

Um für sein Land bessere Bedingungen auszuhandeln, besuchte Alexander Newski den Heerführer Berke in seinem Lager. Im Winter erkrankter er dort und starb auf der Rückreise. Er war ein tapferer Fürst. Sein Land überließ er vielleicht jedoch zu einfach den Mongolen.

Josef Hammer-Purgstall, Die Geschichte der Goldenen Horde in Kiptschak, Pesth 1840, S.152f. Bearbeitet und vereinfacht von Johanna Horst, Institut für digitales Lernen.
Galerie: Schlacht auf dem Peipussee

Quelle 1

Die Ende des 13. Jahrhunderts verfasste 'Vita des heiligen Alexander' berichtet über die Schlacht auf dem Peipussee

Es war damals ein Sonnabend; als die Sonne aufging, trafen beide Seiten aufeinander, und es war ein böses Gemetzel und Krachen und Brechen der Lanzen und Klang vom Schwertstreich, als ob das gefrorene Meer in Bewegung geraten sollte. Kein Eis war mehr zu sehen; mit Blut hatte es sich bedeckt. Das habe ich von einem Augenzeugen gehört, der sagte: "Wir sahen die Heerscharen Gottes in der Luft, wie sie Aleksandr Jarolsavič [Newski] zu Hilfe kamen." Und er besiegte sie mit Gottes Hilfe, und die Feinde kehrten den Rücken. Jene aber schlugen sie und verfolgten sie wie durch die Luft; sie hatten nichts, wohin sie fliehen konnten. Hier aber verherrlichte Gott den Großfürsten Aleksandr Jarolsavič vor allen Heerhaufen, wie den Josua zu Jericho. [...] Von da an fand sich kein Schlachtengegner mehr für ihn. Und der Fürst Aleksandr Jarolsavič kehrte nach diesem Sieg mit großem Ruhm zurück. Es war eine große Menge Gefangener in seinem Heer, neben ihren Pferden führten sie jene, die sich Ritter nannten.

Vita des Heiligen Aleksandr Nevskij, in: Ernst Benz (Hg.), Russische Heiligenlegenden, Zürich 1987, S. 261.

4. Sergej Eisensteins 'Alexander Newski' – Filmkunst oder Propaganda?

Galerie: Alexander Newski – der Film
Sergey Eisenstein
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PD

700 Jahre nach der Schlacht auf dem Peipussee sah sich Russland wieder einer deutschen Bedrohung aus dem Westen gegenüber: den Nationalsozialisten und ihren Eroberungsplänen in Osteuropa.
In Zeiten der Bedrohung denken Menschen oft an die großen Taten der Vergangenheit, um Mut und Vertrauen in die eigene Kraft zu finden. Deshalb beauftragte der sowjetische Diktator Josef Stalin in den 1930er Jahren den Regisseur Sergej Eisenstein damit, einen Film über das Leben Alexander Newskis und die Schlacht auf dem Peipussee zu drehen. Es wurden keine Kosten gescheut: Massen an Schauspielern und Komparsen, lange Schlachtszenen, teure Kulissen und Kostüme und ein eindringlicher Soundtrack zeichneten den Film aus. Der Komponist der Filmmusik war der berühmten Sergej Prokofiew. Der Film wurde 1938 fertig, und er setzte in der damaligen Zeit Standards.

Die Wirkungsabsicht des Films war eindeutig: Er zeigt die Ordensritter als teuflische Mörder. Ein hinterlistiger Bischof und ein brutaler Großmeister ziehen die Fäden bei Verrat und Verbrechen. Die Russen bilden jedoch ein tapferes Heer. Es besteht größtenteils aus freiwilligen Bauern, die ihr Land verteidigen. Die Kaufleute von Novgorod hingegen werden als ein zerstrittener Haufen von Krämern dargestellt. Newski muss sie an ihre patriotische Pflicht als Russen erinnern.

Darstellung 5

Ausschnitte aus Eisensteins Film 'Alexander Newski'

Unter diesem Link findest du Eisensteins Film über Alexander Newski.

Quelle 2

Eisenstein über seinen Film 'Alexander Newski'

Das Thema des Patriotismus und der nationalen Abfuhr des Aggressors durchdringt unseren Film. Wir haben eine historische Episode aus dem 13. Jahrhundert gewählt, als die Vorläufer der heutigen Faschisten – die Livländischen und Teutonischen Ritter – einen systematischen Kampf zur Eroberung und Invasion des Ostens unternahmen, um die Slaven und andere Völker auf die gleiche Weise zu unterjochen, wie es das gegenwärtige faschistische Deutschland gleichermaßen zu tun versucht, mit den gleichen wahnsinnigen Parolen, mit dem gleichen Fanatismus.

Dittmar Dahlmann, Der russische Sieg über die „teutonischen Ritter“, in: Gerd Krumeich, Susanne Brandt (Hgg.), Schlachtenmythen; Ereignis – Erzählung – Erinnerung, Köln 2003, S. 69.

Aufgabe 1

  1. Setze dich mit dem Film Eisensteins über Alexander Newski auseinander. Nutze dabei auch die Methodenseite Film.
  2. Beantworte die Frage des Autors zu diesem Film: Handelt es sich um Filmkunst oder Propaganda?
    Beziehe dabei auch die Informationen der Kapitel 6.2 bis 6.4 ein.