4.3 Exkurs: Die Deutsch-Balten – die 'anderen' Russlanddeutschen

Zwischen den Ideologien aufgerieben?

Zwischen den Ideologien aufgerieben?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Header: Die Deutsch-Balten - die 'anderen' Russlanddeustchen
CC 4.0 BY-SA

Auch wenn die Deutschritter am Peipussee geschlagen wurden, der von ihnen geschaffene Ordensstaat bestand noch über 300 Jahre. In dieser Zeit herrschten die Deutschen Ritter im Gebiet der heutigen Länder Estland und Lettland. Sie bauten Städte und Klöster. Sie teilten das Land untereinander auf, bewirtschafteten und beherrschten es. Und sie holten viele weitere deutsche Adelige, Bürger und Kaufleute ins Land. Als dann im 18. Jahrhundert das gesamte Baltikum von Russland erobert wurde, lebten die Nachfahren der deutschen Einwanderer immer noch hier und wurden damit zur anderen großen Gruppe der Deutschen in Russland: den Deutsch-Balten. Was verband die deutschen Kaufleute im Baltikum mit den deutschen Kolonisten an der Wolga? Und was unterschied sie? 

In Lüneburg befindet sich in einem Haus der deutsch-baltischen Kulturstiftung dieses Glasfenster. Im Zentrum ist noch das Wappen des Deutschen Ritterordens zu sehen.

1. Entwicklungsschub im Baltikum

Ähnlich wie an der Wolga setzte die Ankunft der Deutschen im Baltikum einen Entwicklungsschub für die Region in Gang. Aber im Baltikum bauten die Deutschen nicht Dörfer und Schulen – sie bauten Städte, Burgen und Klöster. Die Hauptstädte von Lettland und Estland, Riga und Tallinn (damals: Reval) wurden im 13. Jahrhundert von Deutschen gegründet. Sie entwickelten sich schnell zu blühenden Handelsknoten und traten bald der Hanse bei. Auch hier spielte der Handel mit Russland und Nowgorod eine wichtige Rolle. Über die baltischen Hafenstädte wurde im späten Mittelalter ein großer Teil der russischen Luxusprodukte Pelze und Wachs weiterverkauft.

Im Landesinneren errichteten die Deutschritter Burgen. Dafür brauchten sie Steine, die es in der Gegend aber nicht in ausreichendem Maße gab. Also bauten die Deutschen Ziegeleien, in denen sie die Backsteine für ihre Burgen herstellten. Von ihren Burgen aus beherrschten sie das Land nicht nur, sie verwalteten es auch wirtschaftlich.
Nach Auffassung der Ordensritter gehörte das Land ihnen. Sie teilten es untereinander auf oder verliehen es an andere, aus dem Heiligen Römischen Reich (Deutschland) nachkommende Adelige. Um nun Reichtum aus dem Land ziehen zu können, ließen sie Wälder roden und Sümpfe trocken legen und bauten vor allem Getreide und Flachs an. Diese Produkte konnten sie dann wieder über den Ostseehandel weiterverkaufen.

Darstellung 1

Ein Schriftsteller und Historiker beschreibt die Ankunft der Deutschen im Baltikum

Im Frühsommer des Jahres 1200 segelt eine aus 23 Schiffen bestehende Flotte die Ostseeküste entlang, um schließlich in die Mündung der Düna einzulaufen. An Bord der Koggen befinden sich aber nicht wie sonst Kaufleute mit ihren Handelswaren, sondern Kreuzfahrer mit ihren Waffen und Kriegsgerät.

Der Anführer des Kreuzfahrerheeres ist Albert von Buxhörden, der neue Bischof von Livland. Nicht im bischöflichen Ornat, sondern in einer Ritterrüstung steht er auf der Schanze des Führungsschiffes. Sein Blick gleitet über die hohen Dünen, die verschilften Niederungen und das Hügelland, das mit dichtem Nadelwald bedeckt ist. Das ist es also, sein Bistum, das ihm sein Oheim, der Erzbischof von Bremen, übertragen hat. Er wird es sich freilich erst erobern müssen, denn die Liven und alle anderen baltischen Völkerschaften sind samt und sonders verstockte Heiden.

Kogge: ein kleines, leichtes Handelsschiff zu Zeiten der Hanse
Livland: historischer Name von Estland und Lettland
Oheim: altes Wort für 'Onkel'

Herbert Mühlstädt, Erzählte Geschichte(n), Berlin 2005, S. 141.

2. Kontrolle und Ausbeutung

Galerie: Estnische Bauern
Elizabeth Rigby
Estonian peasant
PD

Anders als an der Wolga erwirtschafteten die Deutschen im Baltikum ihren Reichtum nicht nur durch harte Arbeit und Disziplin, sondern auch durch die Kontrolle des Handels und der landwirtschaftlichen Produktion. Auf den Flachs- und Getreidefeldern arbeiteten überwiegend keine Deutschen, sondern die lettischen und estnischen Einheimischen. Diese hatten gar keine andere Möglichkeit, denn das Land gehörte ihnen ja nicht mehr, seit sie vom Deutschen Orden erobert worden waren. Auch des Ergreifen anderer Berufe wie Kaufmann oder Handwerker in den Städten war den Einheimischen zunächst verboten. Letten und Esten waren daher oftmals gezwungen, auf den Landgütern der Deutschen zu arbeiten.
Viele der in den Städten lebenden Deutschen gehörten jedoch auch nicht zur reicheren Oberschicht. Sie lebten und arbeiteten als Handwerker, Lehrer oder Ärzte.

Die gesellschaftlich bestimmende Gruppe im Baltikum war bis ins 19. Jahrhundert hinein eine kleine, wohlhabende Oberschicht. Sie bestand aus Adeligen und Kaufleuten. Das Land entwickelte sich, die Anbauflächen und Ernteerträge wurden stetig größer, der Handel florierte – aber die, die am härtesten dafür arbeiteten, bekamen von dem erwirtschafteten Reichtum kaum etwas ab.

Nun war diese Wirtschaftsordnung im Mittelalter und der Frühen Neuzeit allgemein verbreitet: Die Bauern waren von denjenigen abhängig, denen das Land gehörte. Im Baltikum gab es aber eine Besonderheit: Wohlhabende und Ärmere gehörten nicht nur unterschiedlichen Ständen an (Adel und Bauern), sie gehörten auch unterschiedlichen Volksgruppen an. Sie waren Deutsche und 'Undeutsche', wie man damals sagte.

Quelle 1

Der Pastor August Wilhelm Hupel berichtet im 18. Jahrhundert über die Einteilung der Bevölkerung im Baltikum

Ohne auf die verschiedenen Stände zu sehen, theilt man des Landes Einwohner in zwo Hauptklassen, in Deutsche und in Undeutsche. Unter den letzten versteht man alle Erbleute, oder mit einem Wort die Bauern. Wer nicht Bauer ist, heißt ein Deutscher, wenn er auch kein deutsches Wort sprechen kann, z. B. Russen, Engländer [...]. Zu dieser Klasse gehören der Adel, die Gelehrten, Bürger, Amtleute, freygeboren Bediensteten, auch sogar Freygelassene, sobald sie ihre vorige Kleidung mit der deutschen verwechseln.

August Wilhelm Hupel, Topographische Nachrichten von Lief- und Ehstland, Bd. 1, Riga 1774, S. 140f.

Darstellung 2

Der Blick der Letten auf ihre Vergangenheit 'unter den Deutschen'

Aus den sechs Jahrhunderten [der deutschen Herrschaft im Baltikum] wurde nach 1918, als die einstigen Undeutschen [die Esten und Letten] auf der europäischen Staatenbühne sichtbar und hörbar wurden, im Munde der Esten und Letten die Wendung von den "700 Jahren Sklaverei". Jeder weiß, dass die Dinge in Wahrheit viel komplizierter liegen. Dennoch hört man sie häufig, oft auch mit angenehm selbstironischem Unterton.

Vor ein paar Jahren trafen wir in der Stadt eine gute Bekannte, zweisprachig aufgewachsen im Münster der 1950er und 1960er Jahre in einer Familie von Exilletten, die 1944 vor dem Stalinschen Terrorregime nach Westen geflohen waren, Schriftstellerin in beiden Sprachen und Übersetzerin in beide Richtungen. Im Fernsehen hatte sie eine Partie Eishockey verfolgt, den Nationalsport des Landes: Lettland gegen Deutschland. Nun schrie sie vor Freude über den ganzen Platz, im Riesenschatten des Rigaer Doms, dem Sinnbild deutscher Macht, auf Deutsch: "Wir haben es ihnen gezeigt! Gewonnen, endlich! Sieben zu null! Für jedes Jahrhundert ein Tor!"

Thomas Taterka, Zu Bauernsklaven befreit – 700 Jahre deutsche Kolonialgeschichte im Baltikum, in: Edition le monde diplomatique, Auf den Ruinen der Imperien. Geschichte und Gegenwart des Kolonialismus, Nr. 18, 2016, S. 61.

3. Neue Herrscher, alte Eliten

Galerie: Neue Herrscher, alte Eliten

Im 16. Jahrhundert ging es schließlich mit dem Ordensstaat zu Ende. Die Nachbarn Russland, Schweden, Dänemark, Polen und Litauen hatten alle das Ziel, ihren Einfluss im Ostseeraum auszubauen. Opfer dieser Pläne wurde der damals schon geschwächte Ordensstaat. Dessen baltische Gebiete wurden zunächst zwischen Schweden, Dänemark und Polen aufgeteilt. Im 18. Jahrhundert wurde dann das gesamte Baltikum von Russland erobert.

Die Deutschen im Baltikum kamen mit den Veränderungen dieser Zeit erstaunlich gut zurecht. Zwar wurden sie nicht mehr von einem deutschen Ritter-Großmeister regiert, sondern vom schwedischen König oder russischen Zar – aber ihrer privilegierten Stellung in der Gesellschaft und ihren Wirtschaftsunternehmen schadete das nicht. Auch unter den neuen Herrschern bildete die deutsche Minderheit den Hauptteil der baltischen Oberschicht. Aus ihrer Sicht kamen nur einige Schweden und Russen dazu. Die Esten und Letten aber hatten weiterhin nichts zu sagen.

Ein Beispiel für die bestehende Wichtigkeit der Deutschen im Baltikum ist die Universität Tartu (damals Dorpat) im heutigen Estland. Diese wurde 1632 auf Betreiben des schwedischen Königs gegründet. An dieser Universität wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts nur auf Deutsch gelehrt. Studenten und Dozenten waren größtenteils Deutsche. Die Universität lag nie in einem von Deutschen beherrschten Gebiet, aber sie bildete die Elite einer Gesellschaft aus, in der Deutsch die Sprache der Oberschicht war und blieb.

Aufgabe 1

Erläutere mit eigenen Worten die Gründe dafür, dass die Deutsch-Balten über so lange Zeit eine gesellschaftliche Führungsschicht bilden konnten.
Bereite dazu einen Schülervortrag vor.

4. Von zwei Nationalismen bedrängt

Galerie: Unabhängigkeit

Ähnlich wie den Deutschen an der Wolga, so wurde den Baltendeutschen gegen Ende des 19. Jahrhunderts der erwachende Nationalismus gefährlich.
Zunächst möchte ich etwas über den russischen Nationalismus sagen: Mit dem Beginn der Reformen Alexanders II. setzte eine Russifizierungspolitik im Zarenreich ein. Deren Ziel war auch ein Abbau der Privilegien von Minderheiten wie etwa der Baltendeutschen. 1887 wurde im Baltikum Russisch als Amtssprache verordnet. An der Universität Dorpat durfte ab jetzt nur noch in russischer Sprache gelehrt werden. Dies stellte viele Baltendeutsche vor große Probleme, da sie die Sprache nur schlecht beherrschten. Sie verloren deshalb oft ihre Posten im Bildungs- und Beamtenwesen. Auch förderte das Zarenreich den Zuzug von Russen in die baltischen Städte. Hier waren die Deutschen bisher noch in der Mehrheit gewesen, was sich nun änderte.

Aber auch bei den Letten und Esten erwachte das Nationalgefühl. Die im 19. Jahrhundert aufkommende Idee, dass jedes Volk einen eigenen Staat verdiene und benötige, fand im Baltikum viele Anhänger. Jahrhundertelang hatten Einheimische auf deutschen Landgütern geschuftet. Sie hatten aber nie die Möglichkeit gehabt, politische und wirtschaftliche Machtpositionen zu erringen. Das wollten viele Esten und Letten nun schleunigst ändern.

Nach dem Ersten Weltkrieg sahen sie ihre Chance: Russland war in Revolution und Bürgerkrieg verstrickt. So erklärten sich Lettland und Estland Anfang 1918 unabhängig. Sie mussten für diese Unabhängigkeit aber noch zwei Jahre kämpfen (siehe dazu Darstellung 3). In den neu gegründeten Republiken Estland und Lettland war es mit der deutschen Vormachtstellung endgültig vorbei. Denn eine Bevölkerung, die zu über 90% aus Esten oder Letten bestand, wählte sich natürlich keine deutsche Regierung. Die politische Führung wurde von Esten und Letten übernommen und die deutschbaltischen Landgüter wurden in Landreformen aufgeteilt und an lettische und estnische Bauern verteilt.

Darstellung 3

Hoch gepokert und verloren: der deutsche Putschversuch im lettischen Unabhängigkeitskrieg

Als sich Estland und Lettland Anfang 1918 unabhängig erklärten, wollte Sowjetrussland das nicht akzeptieren und marschierte im Baltikum ein. Das führte zunächst zu einem großen Durcheinander, denn zu diesem Zeitpunkt befanden sich dort noch Truppen des Deutschen Reiches, die das Baltikum gegen Ende des Erste Weltkriegs besetzt hatten. Esten und Letten, deutsche Truppen und die Deutschbalten nahmen den Widerstand gegen die Sowjetunion auf. Sie hatten dabei aber unterschiedliche Ziele: Esten und Letten wollten ihre Regierungen verteidigen, die Deutschen aber wollten das Baltikum an das Deutsche Reich anschließen, oder zumindest eine von Deutschbalten geführte Regierung durchsetzen.

Am 16. April 1919 besetzten deutschbaltische Truppen die Stadt Libau, den Sitz der lettischen Regierung. Sie fielen also den Letten in den Rücken. Die Deutschbalten stellten eine eigene Regierung auf und versuchten, den lettischen Ministerpräsidenten Karlis Ulmanis, der auf ein Schiff im Hafen geflohen war, dazu zu zwingen, diese anzuerkennen. Der weigerte sich. Ab diesem Zeitpunkt gab es im lettischen Unabhängigkeitskrieg drei Parteien: die Sowjets, die Letten und die Baltendeutschen. Sie alle kämpften gegeneinander.

Im Sommer 1919 wurden die baltendeutschen Truppen von den Letten mit Unterstützung der zu Hilfe geeilten estnischen Armee in der Schlacht bei Cesis (deutsch: Wenden) geschlagen. Der deutsche Putschversuch war gescheitert. Als dann Anfang 1920 die erschöpften sowjetischen Truppen einen Waffenstillstand unterzeichneten, war der Weg zur lettischen Unabhängigkeit frei.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 2

  1. Lies dir die Darstellung 3 durch. Suche nach Gründen für das Verhalten der Baltendeutschen. Warum kämpften sie erst auf Seiten der Letten, warum fielen sie ihnen später in den Rücken?
  2. Stell dir vor, du wärst der lettische Präsident im Jahr 1920. Verfasse eine Rede, in der du dich nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges an das lettische Volk wendest. Beschreibe in deiner Rede, wie du dir die Zukunft Lettlands vorstellst und welche Rolle die Baltendeutschen in der lettischen Gesellschaft ab jetzt haben sollen.  

5. Von Deutschland erzwungener Auszug – das Ende der Deutschen im Baltikum

Trotz des Verlustes ihrer alten Privilegien und gesellschaftlichen Machtpositionen, blieb die Situation für die Deutsch-Balten in Lettland und Estland zunächst durchaus erträglich. In den neuen Regierungen gab es immer wieder auch deutsch-baltische Minister. Sie erkannten die Deutschen als nationale Minderheit an und gewährten ihnen ein gewisses Maß an kultureller Eigenständigkeit. So durften die Deutschen eigene Schulen mit Deutsch als Unterrichtssprache eröffnen und betreiben.

Das Ende der Deutschen im Baltikum wurde später nicht von Letten oder Esten, sondern von Deutschen besiegelt. 1939 teilten Hitler und Stalin in geheimen Verhandlungen Osteuropa untereinander auf. In diesem sogenannten Hitler-Stalin-Pakt sollte das gesamte Baltikum an die Sowjetunion fallen. Was sollte aber dann mit den Deutsch-Balten geschehen? Die deutschen Nationalsozialisten beschlossen, ihnen ein besonderes 'Angebot' zu machen. Im Herbst 1939, als die sowjetische Besetzung des Baltikums bereits begonnen hatte, wurden alle Deutsch-Balten, die dies wollten, von deutschen Schiffen abgeholt und ins Deutsche Reich gebracht. Wer dies allerdings nicht wollte, dem drohten die Nationalsozialisten mit dem Verlust der Zugehörigkeit zum deutschen Volk. Vor diese Wahl gestellt, entschieden sich die meisten Deutsch-Balten für die Auswanderung. Die wenigen Übriggebliebenen flohen entweder 1944, als die Rote Armee das Baltikum nach dem Rückzug der deutschen Wehrmacht erneut eroberte, oder sie wurden später von Stalin nach Sibirien deportiert. Ihnen erging es dann wie den Wolgadeutschen (siehe Kapitel 6.4).

Sprecherin: Dorothea E. Wolfsberger; IDL
Lettland2
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Die deutschbaltin Brigitte Zimmer erinnert sich an ihre Umsiedlung (vorgetragen von einer professionellen Sprecherin)

Darstellung 4

Die baltendeutsche Brigitte Zimmer erinnert sich an ihre Umsiedlung

In diesen letzten Tagen vor der endgültigen "Umsiedlung" kam Tante Erna ganz aufgelöst aus Libau zu uns gefahren. Der Libauer Kriegshafen war schon von den Russen besetzt worden. Tante Ernas Mann, Onkel Karl, hatte vor lauter Angst vor der sowjetischen Bedrohung, einen Herzschlag erlitten, worauf er bald gestorben war. Tante Erna fragte uns, ob wir fahren würden – sie selbst und Tante Alice könnten sich nicht dazu entschließen, obschon bekannt war, dass die zurückbleibenden Baltendeutschen alle Minderheitsrechte verlieren würden. Sie blieb bei ihrem Entschluss, und so nahmen wir schweren Herzens Abschied voneinander. [...]

Die Umsiedlung begann im Oktober 1939. Große Passagierdampfer kamen die Düna herauf, um die Deutschbalten "Heim ins Reich" zu befördern. [...]

Tante Wally war mit unter den Ersten, die Riga verließen. Sie fuhr mit der "Steuben", welche mit ihr an Bord an der Dünamündung im Sand stecken blieb, wie wir durch die Nachrichten erfuhren. Damals machten wir uns noch heimlich darüber lustig und meinten, das wäre nur wegen Tante Wallys Leibesfülle passiert. [...]

Am zehnten November um acht Uhr morgens war es dann auch für uns so weit. [...] Wir wurden zunächst am Hafenschuppen durch den provisorisch eingerichteten Zoll geschleust. Überall sah man Menschen mit bekümmerten und sorgenvollen Gesichtern. Nachdem alle Formalitäten erledigt waren, wurde noch das Handgepäck kontrolliert. Erst danach wurde der Weg zum Schiff freigegeben. [...] Am späten Nachmittag wurden die Anker gelichtet und die Schiffstaue eingezogen. Das vollbeladene Schiff nahm langsam Fahrt auf.

Als wir dann, die Düna abwärts fahrend, auf die offene See zusteuerten, empfanden wir Kinder zum ersten Mal den Abschiedsschmerz. Wann würden wir wieder zurückkehren – so fragten wir uns.Ganz spontan fing jemand an zu singen: "Dievs sveti Latviju, mus dargo teviju ..." (Gott segne Lettland, unser teures Vaterland ...) Immer mehr Menschen fielen in den Gesang der lettischen Hymne ein. Kaum ein Auge blieb trocken, als das Panorama von Riga mit seinen markanten Türmen langsam an uns vorbeizog: St. Peter, der Dom, die Jakobi-, die Anglikanische- und die Jesuskirche. Die gelbe Mauer des alten Ordensschlosses leuchtete in der Abendsonne golden auf und grüßte zu uns herüber. Ein brausender Chor schallte zu den sich unaufhaltsam entfernenden Ufern der Düna hinüber. Als letztes winkte uns noch der Lotse, der uns ins Fahrwasser gebracht hatte – dann nahm uns das offene Meer auf. [...]

Vor der Abreise hatten alle ihre Pässe abgeben müssen, dafür war die Schiffskarte ausgehändigt worden. Was waren wir nun eigentlich? – Balten? – Reichsdeutsche? – baltische Reichsdeutsche? – Staatenlose? Damals als Kinder begriffen wir noch nicht die Tragweite des unwiederbringlichen geschichtlichen Ereignisses, in das wir mit hineingezogen worden waren. [...] Um 24 Uhr meldete sich das Bordradio: "Achtung – Achtung! Wir verlassen Lettland und befinden uns jetzt auf deutschen Hoheitsgewässern!" Danach ertönte das Deutschlandlied und das uns damals noch unbekannte "Horst Wessel-Lied."

Brigitte Zimmer, Heim ins Reich, Spiegel Online, 22.10.2007, www.spiegel.de/einestages/umsiedlung-der-deutschbalten-a-949843.html [13.11.2016].

Aufgabe 3

Verbinde dein Wissen über den Nationalsozialismus und den Zweiten Weltkrieg mit den Informationen dieses Kapitels über das Schicksal der Deutsch-Balten. 

  • Markiere dazu in den Texten des Abschnitts 5 "Von Deutschland erzwungener Auszug – das Ende der Deutschen im Baltikum" solche Passagen, die für dich schwer verständlich sind.
  • Füge diesen Passagen die passenden Teile deines Wissens über NS-Herrschaft und Zweiten Weltkrieg hinzu.
  • Schreibe Ergänzungen zum Abschnitt 5. Entscheide dich dabei, ob du einen Autorentext, eine Darstellung oder eine Quelle erstellen möchtest.