5.1 Blütezeit der russlanddeutschen Kultur

Blühende Landschaften – selbst gebaut?

Blühende Landschaften – selbst gebaut?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
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CC 4.0 BY-SA

Die zweite Hälfte des 19. Jahrhundert war das goldene Zeitalter der deutschen Kolonisten an der Wolga. Durch harte Arbeit verwandelten sie die Steppe in fruchtbares Ackerland, bauten ihre Dörfer aus, errichteten Kirchen und Schulen und schufen sich so eine neue Heimat. Zusätzlich zu dem Wohlstand, den sie für sich erwirtschafteten, genossen sie auch über die meiste Zeit das Wohlwollen der russischen Regierung. Sie hatten aus einem unsicheren Grenzland einen Teil des russischen Staates gemacht. Sie zahlten Steuern, trieben Handel und trugen zur Entwicklung der ganzen Gegend bei.

1. Strenge Disziplin und blühende Landschaften

Galerie: Blühende Landschaften

Nach ihrer Ankunft hatten die Kolonisten mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen. Das Klima an der Wolga und am Schwarzen Meer war anders als zu Hause: Im Sommer war es sehr heiß, im Winter bitterkalt. Die Steppenlandschaft war völlig unbebaut und musste erst tauglich für die Landwirtschaft gemacht werden. Nach einer unterschiedlich langen, schwierigen Anfangszeit entwickelten sich die Kolonien der deutschen Siedler aber sehr positiv. Ab Beginn des 19. Jahrhunderts stiegen die Einwohnerzahlen stark an und der Reichtum der Dörfer wuchs. Dieser Wohlstand wuchs in den deutschen Dörfern in erheblich stärkerem Maß, als in den nicht-deutschen Dörfern der Umgebung. Woran lag das?

Sicher hatten die Deutschen mit ihren Privilegien gute Startbedingungen (siehe Kapitel 2.3). Sie waren frei (keine Leibeigenen), bekamen Land zugeteilt, hatten ihre Selbstverwaltung und mussten ihre Söhne nicht zum Militärdienst schicken. Aber der Erfolg der deutschen Siedler hatte auch etwas mit der Organisation ihrer Dörfer zu tun. Als Fremde in einem großen, oft unwirtlichen Land entwickelten die Siedler innerhalb ihrer Dörfer ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Sie schotteten sich nach außen ab und passten aufeinander auf bzw. kontrollierten sich. Die deutschen Dörfer wurden von gewählten Schulzen geleitet, die darauf achteten, dass alle Bewohner fleißig und sittsam waren. Verschwendung von Eigentum wurde nicht geduldet. Und wer es an Arbeitseifer fehlen ließ, musste sich dafür vor der Dorfgemeinschaft rechtfertigen. Durch harte Regeln und strenge Kontrolle zu Fleiß und Sparsamkeit angetrieben, waren die Siedler wirtschaftlich schnell erfolgreicher als ihre Nachbarn.

Quelle 1

Bericht eines russischen Generalstabsoffizier über die Russlanddeutschen im Jahr 1863

Die Kolonisten sind unsere Amerikaner, die die wüste Steppe in herrliche Dörfer mit Gärten und Fluren verwandeln, unsere kapitalistischen Landwirte, die von Jahr zu Jahr reicher werden und immer mehr Land einnehmen und ihm Wert zumessen und den Preis der Arbeit durch ihre außergewöhnliche Nachfrage erhöhen.

Die völlige Überzeugung von der Notwendigkeit der Arbeit, der Einfachheit des Lebens, die bis zum Stoizismus reicht, das Bewusstsein des sozialen Vorteils gegenseitiger Unterstützung und der Pflichten gegenüber der Regierung kennzeichnet sie.

Detlef Brandes, Von den Zaren adoptiert, München 1993, S. 454.

Darstellung 1

Der Historiker György Dalos über die strengen Regeln in den deutschen Dörfer

Der Vorsteher oder Schulze verkörperte die absolute Autorität. Er hatte dafür zu sorgen, dass die Dorfbewohner "sittsam und für die Gemeinschaft nützlich" lebten und die Jugendlichen sich respektvoll und folgsam gegenüber ihren Eltern und den Alten verhielten. Diese wiederum sollten sie mit ihrem Vorbild zu Fleiß, Anstand, Zurückhaltung und friedlichem Zusammenleben in der Siedlung erziehen. "Müßiggang, Sauferei, Verschwendung und Radau" sollten verhindert werden, ebenso wie jeglicher Luxus, zum Beispiel, "wenn jemand maßlose Ausgaben in seinem Hause hat, häufige Ansammlungen von Gästen, all das, was zur Vergeudung des Besitzes führt. Verschwendung sind Karten- und andere Spiele um Geld oder Wertsachen, Verkauf des eigenen Viehs oder anderen Besitzes ohne Wissen des Schulzen uns ohne jede Notwendigkeit, Sauferei oder Befriedigung anderer Laster." Jeder Kolonist, der sich diesen ehernen Regeln widersetzte, musste mit öffentlichen Rügen und Geldstrafen rechnen oder wurde zu unbezahlten gemeinnützigen Arbeiten verpflichtet.

György Dalos, Geschichte der Russlanddeutschen, München 2014, S.26.

Darstellung 2

Der wirtschaftliche Erfolg russlanddeutscher Bauern im 19. Jahrhundert

Mit der Reform Zar Alexanders II. in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Land der Russlanddeutschen zu ihrem Eigentum. Das führte zu einer größeren Motivation, Besitz zu haben und die Landwirtschaft zu modernisieren. Viele Erfindungen und Neuerungen wurden gemacht:

  • eine regelmäßige Düngung mit vorhandenem Mist aus dem Stall; 
  • die Bewässerung im Gartenbau;
  • die Einführung der Kartoffel; 
  • die Konstruktion, Einführung und Verbreitung neuer Geräte (Egge mit eisernen Zähnen)
  • die Zucht von Merinoschafen 
  • die Züchtung der 'roten deutschen Kuh' durch Kreuzung der friesischen Kuh mit der ukrainischen Steppenkuh.

Allein die Kolonisten an der Wolga brachten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bis zu 320.000 Tonnen Getreide pro Jahr auf den Markt. Der in den Südkaukasus-Kolonien erzeugte Wein betrug vor 1914 ein Sechstel der gesamten Weinproduktion Russlands. Und die deutschen Handwerker in den Kolonien produzierten nicht nur für die deutschen Kolonisten, sondern auch für die russischen Nachbarn. Im Jahr 1852 bauten die Handwerker zum Beispiel im Schwarzmeergebiet 2.634 Pferdewagen. Diese wurden nicht nur von Landwirten, sondern auch vom russischen Militär gekauft.

Katharina Neufeld, Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold

Darstellung 3

Die Sicht der Russlanddeutschen auf ihre ukrainischen und russischen Nachbarn

Die Sonderstellung der Kolonisten prägte ihre Mentalität, indem sie von vornherein auf die russischen und ukrainischen Bauern herabsahen. Bis in 20. Jahrhundert bezeichneten sich die deutschen Kolonisten stolz als Musterbauern, deren Vorfahren einst von den Zaren ins Land gerufen worden waren. Der Standesunterschied zwischen den privilegierten Kolonisten und den leibeigenen russischen Bauern wurde zwar [...] durch die 1871 erfolgte Aufhebung des Kolonistenstandes und die Eingliederung der Kolonisten in die allgemeine Verwaltung beseitigt, blieb aber im Bewusstsein sowohl der Kolonisten als auch der anderen Bauern verankert.

Seit jeher achteten die Deutschen streng darauf, dass der geschlossene Charakter ihrer Dörfer erhalten blieb. [...] Neben der Konfession spielte der Kultur- und Entwicklungsunterschied eine große Rolle. Die Deutschen waren sich ihrer Überlegenheit in Bezug auf Wirtschaftsweise, Arbeitseinstellung und Schulbildung vollbewusst.

Mentalität: Ein Prägung, die das Denken und Fühlen von Menschen betrifft
Konfession: Eine Gruppe, Lehrmeinung innerhalb einer Religion

Dietmar Neutatz, Die "friedliche Eroberer" und ihr Nachbarn. Alltagsgeschichtliche Aspekte des Zusammenlebens von Deutschen, Ukrainern und Russen in der südlichen Ukraine, in: Referate der Kulturtagung der Deutschen aus Russland vom 15. Bis 17. Oktober 1993 in Würzburg, Stuttgart 1993, S. 57-58.

Darstellung 4

Die religiösen Überzeugungen der Kolonisten

Die deutschen Kolonisten hatten bei ihrer Übersiedlung nach Russland natürlich auch ihre heimatliche Religion mitgebracht. Diese war, je nach Herkunftsregion, vor allem evangelisch und katholisch. Damit unterschieden sich die Kolonisten von den sie umgebenden russischen Bauern, die fast alle der russisch-orthodoxen Kirche angehörten.

Kolonisten unterschieden sich aber auch untereinander. Zusätzlich zu den beiden Hauptkonfessionen evangelisch-lutherisch und katholisch, waren unter den Kolonisten auch Anhänger kleinerer evangelischer Glaubensströmungen, etwa Mennoniten. Sie waren meistens sehr gläubig. Oft waren sie gerade wegen ihres Glaubens nach Russland ausgewandert. Katharina die Große hatte den Siedlern ja religiöse Freiheiten versprochen, die sie daheim in Deutschland so nicht gehabt hatten.

Aus ihrer Religiosität leiteten viele Siedler ihre grundlegende Haltung zum Leben ab: Ein gottgefälliges Leben sollte aus innerer Frömmigkeit, harter Arbeit und Disziplin bestehen. Luxus, Trägheit und Verschwendung lehnten sie ab. Mit solchen Werten lebten viele Siedler aber nicht nur ein gottgefälliges Leben. Sie wirtschaften auch sehr erfolgreich. Die religiösen Überzeugungen der Kolonisten waren also einer der Gründe, warum sie in Russland wirtschaftlich oftmals erfolgreich waren.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Tabelle 1

Bevölkerungsentwicklung der Wolgadeutschen (1769-1834)

JahrAnzahl deutscher Siedler an der Wolga
176923.109
179839.193
1834108.251
Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Bonn 2015, S. 37.

2. Arbeit – Kirche – Schule: das Leben im Dorf

Galerie: Leben im Dorf

Sieht man sich den Plan einer wolgadeutschen Siedlung im 19. Jahrhundert an, so fallen einem mehrere Merkmale auf: Das Dorf bestand aus mehreren, ähnlich oder sogar völlig gleich gebauten Gehöften. Diese wurden von geraden, sich rechtwinklig kreuzenden Straßen miteinander verbunden. Am Dorfrand befanden sich einige für das Dorfleben notwendige Betriebe, zum Beispiel eine Mühle oder ein Sägewerk. Und im Dorfzentrum befanden sich immer zwei Gebäude: die Kirche und die Schule.

Diese Gestaltung der Dörfer zeigt gut, woraus das Leben auf den Dörfern bestand: Die Arbeit auf dem Feld, im Haus und in der Werkstatt nahm den größten Raum ein. Unterbrochen wurde der von den Tages- und Jahreszeiten vorgegebene Arbeitsrhythmus nur von Sonntagen und kirchlichen Feiertagen. Die meisten der deutschen Siedler waren sehr religiös. Daher baute jedes neu gegründete Dorf so schnell wie möglich eine eigene Kirche. Dank der ihnen zugesicherten Religionsfreiheit konnten sie dort ihren mitgebrachten (meistens evangelischen) Glauben praktizieren.

Den Siedlern war auch die Bildung ihrer Kinder sehr wichtig. Deshalb bezahlten sie Lehrer und schickten ihre Kinder zwischen dem 7. und 14. Lebensjahr zur Schule. Das Schuljahr dauerte von November bis März. In den anderen Monaten mussten die Kinder bei der Haus- und Feldarbeit mithelfen.

Quelle 2

Die deutschen Dörfer an der Wolga in einem Reisebericht

Ein spitzer Turm und Windmühlen – das ist eine deutsche Kolonie aus der Ferne. Kommt man näher, muß man durch einen halb ausgetrockneten Bach. Die Dorfstraßen sind wegen der Feuergefahr breit angelegt; die Zäune sind alle aus Weidenruten geflochten, denn Holz ist teuer. Nur spärliche Wälder verkrüppelter Eichen und Schlehen trifft man dann und wann.
Die Hauptpersönlichkeiten in einem Wolgadorfe, das manchmal über 1000 Einwohner hat, sind: der Pastor, der Obervorsteher, der Vorsteher, der Kolonieschreiber, der Küsterlehrer und der Lehrer. Dazu gehören wohl noch die Kaufleute und die Großwirte. [...]

Es ist geradezu wunderbar, wie rein sich dort die deutsche Sprache erhalten hat; zum Teil hört man sogar noch Mundarten, wie schwäbisch. In ihren Sitten sind die Kolonisten vollkommen deutsch geblieben.

Reisebericht des Oberlehreres J. Mühlbaum, zitiert nach: Theodor Baßler, Das Deutschtum in Rußland, München 1911, S. 20f.

Quelle 3

Antrag des Dorfes Wiesenmüller für den Bau einer Kirche im Jahr 1875

Seiner Hohen Exzellenz, Herrn Minister für Innere Angelegenheiten, General-Adjutanten, General der Kavallerie Alexander Jegorowitsch Timaschew

In der Vorstellung vom 23. Oktober 1875 [...] hat das General-Konsistorium den ordnungsgemäß bestätigten Plan und den Kostenvoranschlag für den Bau einer neuen hölzernen Kirche auf steinernem Fundament im Dorf Wiesenmüller/Gouvernement Samara vorgestellt und Ihre Exzellenz um Erlaubnis zum Bau gebeten. Ihre Hohe Exzellenz hatten dem General-Konsistorium mitgeteilt, dass Sie eine Erlaubnis zum Bau der benannten Kirche für vorzeitig zählen, bis eine positive Bestätigung vorliege, dass die für den Bau noch fehlende Summe aus dem Verkauf von Getreide beschafft werden kann.

In der Erfüllung dieser Empfehlung hat die Gemeinde von Wiesenmüller eine Bestätigung vom 2. Januar 1876 vorgelegt, aus der unter anderem hervorgeht, dass die zur Zeit für den Bau vorhandene Summe 17.147 Rubel und 30 ½ Kopeken beträgt, und dass die noch fehlende Summe von 3033 Rubel und 36 ½ Kopeken aus der Ernte vom Gemeinschaftsland für das Jahr 1876 gedeckt wird. Das General-Konsistorium seinerseits, ist [...] der Meinung, dass die Mittel für den Bau der Kirche ausreichend vorhanden sind, und hat die Ehre, bei Ihrer Hohen Exzellenz erneut die Erlaubnis für den Bau einer projektierten neuen Kirche im Dorf Wiesenmüller zu beantragen.

Alexander Muth, Die Geschichte des Dorfes Wiesenmüller, Horn Bad Meinberg 2012, S.44.

Darstellung 5

Pfarrer und Küsterlehrer – das religiöse Leben in den Dörfern

In der Regel hatte ein Pfarrer in den Kolonien mehrere Dörfer zu betreuen, in entlegenen Gebieten manchmal über 10 Dörfer [...]. Der Pastor besuchte die meisten kolonistendörfer etwa einmal im Monat. Während seiner Abwesenheit wurde er vom Lehrer vertreten. Diese Schulmeister, in den Schwarzmeerkolonien Küsterlehrer oder Kantor genannt, waren meist zugleich Küster und Organisten. Da sie nicht selbst Predigen durften, verlasen sie aus Predigtsammlungen eine Predigt und führten den liturgischen Teil des Gottesdienstes durch, ebenso Nottaufen und Beerdigungen. Sie unterrichteten die Konfirmanden und die 'Kinderlehre', die die Konfirmierten noch drei Jahre nach der Konfirmation besuchen mussten, führten die Kirchenbücher und besuchten die Kranken. [...] Lediglich die Trauung, die Konfirmation und die Abendmahlsfeier waren dem Pfarrer vorbehalten.

Stefanie Theis, Religiösität von Russlanddeutschen, Stuttgart 2006, S. 56

Darstellung 6

Eine Anekdote aus dem Dorfleben

Der gerechte Urteilsspruch

In Alexander-Höh [einer deutschen Siedlung im Wolgaggebiet] lebt in den achtziger Jahren des vorigen Jahrunderts eine Witwe namens Schorch. Ob das ihr Name oder nur ihr Beiname war, wusste kaum jemand. Sie wohnte in einem der Sonne zugewandten Lehmhäuschen, das am Ende des Dorfes stand. Schon jenseits der Siebzig, war sie immer noch kerngesund. Nur die Last des Lebens hatte ihren Rücken gekrümmt, ihren Körper altern lassen. Sie war arm und bat oft um einen Bissen Brot bei den Nachbarn. Eines Tages begab sie sich zur Windmühle, um zu erfahren, ob man ihr kleines Maß Weizen schon gemahlen habe. Als sie erfuhr, daß es noch nicht so weit war, begann sie den Müller zu beschimpfen. "No Wes Schorchen! Ihr könnt doch nix hamtrage!", versuchte er sich zu rechtfertigen. Sie verlangte, man solle ihr einen Sack Mehl auf die Schultern legen und sie wolle ihn nach Hause tragen. Tief Atem holend hob sich ihre verwelkte Brust, die schlaffen Muskeln begannen sich zu straffen. Auf den geblähten Backen verschwanden für Augenblicke die tiefen Runzeln.

Nur so zum Spaß legte ihr der Müller einen Sack Mehl auf die Schultern, wobei er Anstalten machte, den Sack aufzufangen, wenn dieser die alte Frau niederdrücken würde. Einstige, schon längst schlummernde Jugendkräfte durchströmten plötzlich den alten Körper. Mit gemessenen Schritten und festen Tritten trug sie den schweren Sack Mehl bis vor ihre Haustür und warf ihn ab. Ihre trüben, flackernden Augen weiteten sich. Dann traf ihr Blick verachtungsvoll den verdatterten Müller. Dieser starrte und glotzte fasziniert auf den Sack Mehl. Verblüfft schüttelte er den Kopf. Innerlich von Freude und Glück erfüllt jauchzte das Herz der Alten, was in lauten Freudenrufen zum Ausdruck kam. Sogar die Dorfstille wachte aus ihrem Schlaf auf. Alsbald war die gute Laune der Witwe jedoch vorbei. Nach Schweigeminuten bat sie gefaßt und entschlossen, man solle ihr noch einen Sack Mehl schultern ...!

Der Müller, der ihr zuerst versprach, den Sack Mehl zu schenken, wenn sie ihn nach Hause tragen würde, wollte das Mehl zurücknehmen, weil er angeblich nur gespaßt habe. Die Angelegenheit kam zur Entscheidung vor den Dorfvorsteher Georg Herdt. Mein Urgroßvater fällte das Urteil: "Das Mehl, ehrlich verdient, gehört der Wes Schorch!"

Karl Herdt, Die Namengebung zweier Wolgadeutscher Dörfer, Selbstverlag 1983, S.94f.

Aufgabe 1

  1. Finde heraus, was eine Anekdote ist.
  2. Fasse die Geschichte mit eigenen Worten zusammen.
  3. Was soll die Geschichte und das Urteil über die Gemeinschaft im russlanddeutschen Dort sagen?

Nachbau eines typischen russlanddeutschen Hauses

Große Stube

Hauptwohnraum der Familie und Gästezimmer, das Sofa oben links ist ausziehbar für Übernachtungsgäste, in manchen Häusern stand hier auch ein Himmelbett für die Gäste.

Elternschlafzimmer

Hier schlafen die Eltern und die kleinen Kinder.

Sommerstube

Hier schlafen die Söhne der Familie. Der Raum ist als einziger der Wohnräume nicht mit dem zentralen Ofen des Hauses verbunden. Die Türe nach draußen (hier nach oben) wird im Winter oft zugemauert um soviel Wärme wie möglich im Haus zu halten.

Küche

Hier wird während der kalten Monate das Essen zubereitet. Der Ofen versorgt auch die anderen Wohnräume mit Wärme. Während des Sommers wird meistens in der 'Sommerküche' einem kleineren Bau auf dem Hof gekocht.

Kleine Stube

Hier schlafen die Töchter der Familie, tagsüber ist die Stube ein Raum für Handarbeiten. In der Wand zur großen Stube (Nr. 1) befindet sich ein Ofen, der mit der Kochstelle in der Küche verbunden ist. Über diesen Ofen werden kleine Stube, große Stube und Elternschlafzimmer geheizt.

Werkstatt

Hier arbeitet der Vater und bildet die Söhne in seinem Handwerk aus.

Tür zum Stall

An dieser Seite des Hauses schließt sich der Stall an. Dort werden, je nach Reichtum der Familie, Kühe, Pferde, Schafe, Schweine und Hühner gehalten.

Vorratskammer

Hier wurden Vorräte gelagert. Die Stiege rechts führt zum Speicher, wo beispielsweise Mehlsäcke aufbewahrt wurden. Oft gab es noch eine Treppe in den Keller, wo im Sommer verderbliche Waren (Fleisch und Milchprodukte) aufbewahrt wurden. Auch in Fässern eingelegtes Gemüse wurde im Keller aufgehoben, zum Beispiel Tomaten, Gurken oder Weißkohl. Man lagerte auch Wassermelonen für den Verzehr im Winter ein.

3. Vom Bauern zum Industriellen

Galerie: russlanddeutsche Industrie

Selbstverwaltung, großer Landbesitz, harte Arbeit und Sparsamkeit: Diese Kombination führte bei den Russlanddeutschen schnell zu wachsendem Wohlstand. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hatten die meisten ihre Schulden beim russischen Staat abbezahlt, die sie für den Umzug nach Russland aufgenommen hatten. Nun fragten sich einige: Wohin mit dem Geld?

Übermäßiger Konsum und Luxus passten nicht zu ihren religiösen Überzeugungen. In den Dörfern hätte ein solches Verhalten auch niemand geduldet. Was also mit dem Geld anstellen? Hinzu kam das Bedürfnis der Siedler, ihre Landwirtschaft technisch zu verbessern. Geräte wie verbesserte Pflüge, Mähmaschinen u.ä. waren in ihrer russischen Umgebung aber nicht zu bekommen. Man musste sie also entweder teuer in Deutschland kaufen und in die Siedlungen transportieren lassen oder man stellte sie vor Ort selber her.

Genau dabei half das angesammelte Kapital: Viele Russlanddeutschen gründeten Industriebetriebe, nicht nur zur Herstellung von Landmaschinen, sondern auch zur Produktion von anderen Gebrauchsgegenständen. Mit ihren Produkten versorgten sie nicht nur die anderen Siedler, sondern bald auch die russische Bevölkerung. 1911 kam beispielsweise die Hälfte der in Russland gebauten Landmaschinen aus russlanddeutschen Betrieben.

Tabelle 2

Beschäftigung von Russlanddeutschen und Russen im Vergleich (nach russischer Volkszählung im Jahr 1897)

BeschäftigungRusslanddeutsche (Angaben in %) Russen (Angaben in %)
Agrarbereich77,9178,61
Handwerk, Industrie12,857,56
Handel, Banken2,332,62
Verwaltung0,590,93
Kirche0,160,64
Viktor Krieger, Kolonisten Sowjetdeutsche, Aussiedler, Bonn 2015, S. 55.

Darstellung 7

Der Historiker Viktor Krieger über die wirtschaftliche Entwicklung an der Wolga

Ab den 40er-Jahren des 19. Jahrhunderts traten unternehmerische Familien wie die Schmidts, Reineckes, Borells oder Seiferts hervor, die nicht nur in ihren Heimatsiedlungen, sondern in zunehmenden Maß in den Wolgastätten Saratow, Kamyschin, Wolsk, Balaschowo, Zarizyn, Pokrowsk, Samara u.a. Handelshäuser betrieben, zahlreiche Mühlen erwarben oder neu bauten. Vor allem in den 1870er-Jahren leiteten sie die Umstellung auf Dampfmühlen. [...]

Den umsatzstärksten Industriebetrieb in den Wolgakolonien stellte indes die 1880 gegründete "Fabrik landwirtschaftlicher Maschinen und Geräte des Handelshauses F. F. Schäfer mit Brüdern & Co" in Katharinenstadt dar, die zu einem der größten Produktionsorte ihrer Art im Südosten des Russischen Reiches gehörte. 1913/14 produzierte die Fabrik mit ihren 300 Arbeitern 2042 Worfelmaschinen, 2080 Pflüge, 308 Wasserwagen, 290 runde Eggen und eine Vielzahl anderer Geräte sowie 40.000 Pud Gusseisen und führte darüber hinaus umfangreiche Reparaturen durch. Ein weitverzweigtes Netz von Vertriebskontoren in Samara, Saratow, Moskau, Nishni Nowgorod bis nach Omsk und Taschkent sorgte für einen guten Absatz der schäferschen Erzeugnisse.

Worfelmaschine: Eine Worfelmaschine trennt die sprichwörtliche 'Spreu vom Weizen'. Nachdem Getreide vom Feld geerntet wurde, wird es zuerst gedroschen, um die Getreidekörner aus ihren Hüllen zu lösen. Übrig bleiben die leeren Hüllen (die Spreu) und die Körner. Eine Worfelmaschine siebt die Spreu aus und lässt nur die Körner übrig.
Pud: russische Gewichtseinheit, entspricht 16,36 Kilogramm

Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler, Bonn 2015, S. 59f.

Aufgabe 2

Erläutere den Zusammenhang zwischen den Wertvorstellungen der Russlanddeutschen und ihrem wirtschaftlichen Erfolg.
Bereite dazu eine Präsentation vor.