5.2 Die Deutschen sollen Russen werden

Alle tanzen nach Alexanders Pfeife: Aus Russlanddeutschen müssen Russen werden!

Alle tanzen nach Alexanders Pfeife: Aus Russlanddeutschen müssen Russen werden!

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Header: Die Deutschen sollen Russen werden
CC 4.0 BY-SA

Katharina die Große hatte die Deutschen nach Russland geholt, damit sie das Land bearbeiteten, Reichtum erwirtschafteten und dadurch auch das Russische Reich wirtschaftlich voranbrachten. Dass die Deutschen dabei irgendwann zu Russen werden würden, war nicht vereinbart worden.
Diese Abmachung funktionierte, wie wir gesehen haben, über lange Zeit sehr gut. Die Deutschen erfüllten ihren Teil und die russische Regierung ließ sie dafür weitgehend in Ruhe. Katharinas Nachfolger, Alexander II. und Alexander III., änderten nun aber die Abmachung einseitig. Warum taten sie das, und welche Auswirkungen hatte das für die deutschen Siedler?

1. Alexander II. erkennt: Wir sind rückständig!

Galerie: Alexanders Reformen

Mitte des 19. Jahrhunderts bemerkten viele Politiker und Militärführer in Russland, dass ihr Land gegenüber den anderen europäischen Großmächten ins Hintertreffen zu geraten drohte. Auslöser für diese Erkenntnis war der für Russland ungünstig verlaufene Krimkrieg (1853-1856). Die Rückständigkeit beschränkte sich nicht nur auf das Militär. Während sich andere Mächte, wie Frankreich und Großbritannien, zu modernen Nationalstaaten entwickelt hatten, war Russland teilweise noch von mittelalterlichen Verhältnissen geprägt. Die Bauern waren unfreie, von ihren adeligen Landbesitzern abhängige Leibeigene und die Städte entwickelten sich nur langsam. Außerdem empfanden sich die Russen nicht als Russen. Sie sahen sich als Untertanen des Zaren und ihrer Fürsten, aber sie hatten – anders als beispielsweise die Franzosen – nicht das Gefühl, das einheitliche Volk eines einheitlichen russischen Staates zu sein. Sie sahen in einem solchen Staat keinen besonderen Wert, für den sie kämpfen und im Notfall auch sterben wollten. Der Zar Alexander II. wollte daran etwas ändern.

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Was ist eine Elite?

Das Wort Elite bedeutet Auswahl. In Gesellschaften werden oftmals die Führungsschichten in Wirtschaft, Politik, Kulturleben und Militär als Elite bezeichnet. Angehörige dieser Führungsschicht sind jedoch keineswegs immer die Besten oder Fähigsten.

Darstellung 1

Was ist eigentlich das Besondere an einem Nationalstaat?

Heute erscheint uns das ganz normal und selbstverständlich: Es gibt Staaten und in diesen Staaten leben Bürgerinnen und Bürger, die sich alle als gleichberechtigte Mitglieder der Bevölkerung empfinden. Sie erwarten gewisse Dinge von diesem Staat, z.B. Schulbildung und Sozialversorgung. Und sie akzeptieren, dass der Staat Dinge von ihnen erwartet, z.B. Steuern oder Wehrdienst.

So ist es aber noch nicht sehr lange. Die Idee eines solchen Nationalstaats hat sich im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert entwickelt.

Vor der Erfindung dieses Nationalstaats lebten die Menschen in persönlichen Beziehungen und Abhängigkeiten, z.B. in der Feudalordnung. In der Feudalordnung hat jeder Mensch ganz konkrete Personen, die für ihn zuständig sind, auf die er achten muss, die sein Leben bestimmen. Ein Bauer ist von seinem Grundbesitzer abhängig, dieser hat über sich einen höher gestellten Adeligen, und über diesen ist dann vielleicht der König gestellt. Herrschaft wird zwischen diesen Personen ausgeübt. 

In einer solchen Ordnung konnte eine Herrscherin wie Katharina II. natürlich auch sagen: 'Die deutschen Siedler hole ich ins Land und unterstelle sie direkt mir selbst und meinen Beamten. Ich lege fest, welche Rechte und Pflichten sie haben und das hat mit den anderen Bauern meines Landes nichts zu tun, denn ich entscheide. Und für die anderen Bauern sind ja deren Adlige zuständig.'

In einem Nationalstaat sollten sich die Menschen aber nicht auf einen einzelnen Adligen oder den König beziehen, sondern sich als Teil einer großen einheitlichen Gemeinschaft fühlen und handeln.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

2. Die deutschen Siedler sollen Russen werden

Galerie: Mennoniten und Militärdienst
unbekannt, Gerhard Lohrenz, Heritage Remembered, p. 240.
Heritage-240-1.jpg
PD

In dem Russland, dass sich Alexander II. wünschte, war für deutsche Siedler, die auch gerne ihre kulturellen deutschen Eigenarten und Privilegien behalten wollten, kein Platz. Die russische Regierung wollte einen einheitlicheren Staat schaffen. Daher galt: Wer an der Wolga sein Land bestellte und Gewerbe trieb, der sollte Russe sein. Und wenn er das noch nicht war, musste er es schnell werden.

Zunächst wurden den Siedlern ihre von Katharina zugesicherten Privilegien gestrichen. Ihre Dörfer wurden in die russische Verwaltung eingegliedert, ihr Schul- und Kirchenwesen durften sie nicht mehr unabhängig, sondern nur noch in Absprache mit den russischen Behörden gestalten. An die Schulen wurden russische Lehrer geschickt. Diese sollten dafür sorgen, dass die Siedler die russische Sprache lernen. Das hatten sie in der Vergangenheit nur selten getan.

Besonders hart traf die Siedler aber der Beschluss von 1874, in dem festgelegt wurde, dass sie von nun an auch Dienst in der russischen Armee zu leisten hatten. Das bedeutete, sechs Jahre lang irgendwo in Russland beim Militär zu dienen und danach neun Jahre lang als Reservist im Kriegsfall jederzeit wieder eingezogen werden zu können. Für jede Bauernfamilie war es ein schwerer Schlag, die Arbeitskraft ihrer Söhne für so lange Zeit zu verlieren. Eine Katastrophe war diese Entscheidung für die strenggläubigen pazifistischen Mennoniten unter den Siedlern. Sie lehnten jede Form von Militärdienst aus religiösen Gründen ab. Und nach Russland waren sie gekommen, weil ihnen Katharina II. die Befreiung von jeglichem Militärdienst zugesichert hatte.

Quelle 1

Beschwerde des Kommandanten des Moskauer Militärbezirks über die russlanddeutschen Rekruten (1901)

Die in den Truppenteilen meines Militärbezirks einberufenen deutschen Kolonisten zeichnen sich durch völlige Unkenntnis der russischen Sprache aus, die sie auch während ihrer Dienstzeit sehr mäßig studieren. Dies wirkt schädigend auf die Ausbildung der jungen Soldaten. Selbst Tscheremissen sprechen besser russisch als die deutschen Kolonisten. Es wäre recht wünschenswert, dass die lokale Verwaltung dem Studium der russischen Sprache mehr Aufmerksamkeit schenkt. Viele von diesen bestehen seit mehr als hundert Jahren in Russland, aber die Kolonisten wollen sich keineswegs die Sprache unserer Heimat aneignen, die ihnen eine solch großartige Gastfreundschaft gewährt hat.

György Dalos, Geschichte der Russlanddeutschen, München 2014, S. 42.

Darstellung 2

Die Russlanddeutschen verlieren ihre Sonderrechte

Durch das Gesetz vom 16. Juni 1871 wurde die Selbstverwaltung der Kolonien aufgehoben und diese der allgemeinen Verwaltung unterstellt. Am 1. Januar 1871 wurde von Alexander II. die Wehrpflicht für alle Bürger Russlands auf Grund der allgemeinen Wehrpflicht eingeführt. Jetzt hatten die Kolonisten nicht nur ihren Kolonistenstand verloren, sondern auch alle ihre früheren Rechte, wie Wehrlosigkeit und Selbstverwaltung. 1891, in der Regierungszeit von den Kaiser Alexander III., wurde die russische Sprache als Unterrichtssprache Pflicht. In den Kirchenschulen dürften nur noch Lehrer unterrichten, die das russische Lehrerexamen ablegten.

Alfred Eisfeld, Die Russlanddeutschen, München 1992, S. 46-48.

Darstellung 3

Ein Bericht über die Änderungen in den deutschen Schulen

Bei den Kirchenschulen trat in den 90er Jahren insofern eine neue Lage ein, als sie der Oberaufsicht der Geistlichen entzogen und unter die Aufsicht der russischen Schulinspektion gestellt wurden. Neben dem deutschen "Schulmeister" wurde jetzt überall zwangsweise ein russischer Lehrer eingeführt, den die Gemeinde zu bezahlen hatte, was aber den heftigsten Protest der Kolonisten, die sich keinen "Russenlehrer" aufzwingen lassen wollten, hervorrief. Es ist nicht selten zu Gewalttätigkeiten gegen diese "Eindringlinge" gekommen, so daß die Maßnahmen in vielen Dörfern nicht durchgeführt werden konnten.

Johannes Schleuning, Die deutschen Siedlingsgebiete in Rußland, Würzburg 1955, S. 34.

Aufgabe 1

  1. Beziehe die Darstellung 2 auf die im Lehrtext "Die deutschen Siedler sollen Russen werden" geschilderten Maßnahmen.
    Erläutere den Zusammenhang der beiden Texte.
  2. In der Galerie "Mennoniten und Militärdienst" wird das Schicksal der Mennoniten nach Einführung der Wehrdienstpflicht geschildert.
    Vergleiche die Informationen der Galerie mit denen des Lehrtextes im Abschnitt "Die deutschen Siedler sollen Russen werden".
  3. Formuliere diejenigen Sätze, die sich im Lehrtext auf die Mennoniten beziehen, neu.

3. Die erste große Auswanderungswelle

Galerie: Auswanderung nach Übersee
March 20, 1875, issue of Leslie’s magazine (New York) depicts temporary quarters for Volga Germans in central Kansas.
Volga-Germans-US.jpg
PD

Manche der Siedler, gerade die strenggläubigen Mennoniten, wollten sich dem Militärdienst nicht beugen. Sie hatten Deutschland verlassen, um nicht Soldaten werden zu müssen. Nun fassten viele den Entschluss, auch Russland zu verlassen. Der Zar wollte sich nicht mehr an die Zusagen seiner Vorgängerin Katharina II. halten, also sahen auch sie keinen Grund mehr, weiter unter russischer Obrigkeit zu leben.

Einige von ihnen suchten in Zentralasien, etwa in Kirgisistan und Usbekistan, eine neue Heimat. Andere wanderten nach Übersee, vor allem nach Argentinien, Paraguay, Brasilien und Kanada aus. Dort gründeten sie neue Kolonien, die teilweise bis heute bestehen.

Die russische Regierung war gegen diese Auswanderungen. Trotz der Reformgesetze zur Steigerung der Leistungsfähigkeit Russlands und der nationalen Identität seiner Bewohner wollten die Behörden die Siedler im Land halten. Immer noch waren sie für die Modernisierung Russlands wichtig. So versicherten die Behörden den Mennoniten bald, dass sie in der Armee keine Waffen tragen müssten, sondern lediglich als Handwerker oder Sanitäter eingesetzt werden würden.

Darstellung 4

Ein Film über die Nachfahren mennonitischer Auswanderer in Paraguay

Über diesen Link findest du einen kurzen Film über die Nachfahren mennonitischer Auswanderer in Paraguay.

Darstellung 5

Ein Auswandererlied der Mennoniten aus dem 19. Jahrhundert

Auswandererlied

Hier in Russland ist nicht zu leben,
Weil wir müssen Soldaten geben,
Und als Ratnik müssen wir stehn –
Drum wollen wir aus Russland gehen.

In Saratow du deutsch Kontor,
Bring uns lauter Deutsche vor,
Hin nach dem brasilischen Ort,
Keinen Winter gibt es dort.

Was wir haben uns erspart,
Kostet's uns auf dieser Fahrt
Hin nach dem brasilischen Ort,
Keinen Winter gibt es dort.

Wenn wir nach Stadt Hamburg kommen,
wird uns unser Geld genommen,
Wenn wir fahren bis ans Meer,
werden unsere Säcklein leer.

Wenn wir auf dem Wasser fahren,
Schickt uns Gott einen Engel dar.
Gott, streck aus deine milde Hand,
Daß wir kommen an das Land.

Wenn wir von dem Schiff absteigen,
Ziehen wir in Gottes Namen;
Wenn wir auf dem Wagen fahren,
Werden wir wilde Schwein gewahr.

Trauben wachsen hinter Zäun,
Hutzeln an den hohen Bäum,
Aepfel, Feigen, die sind rot –
Hilf uns Gott aus aller Not!

Ingrid Bertleff und Eckhard John, Vexierbilder der Erinnerung. Lieder zur russlanddeutschen Brasilien-Auswanderung, in: Elisabeth Fendl, Tilman Kasten u.a. (Hg.), Auf nach Übersee! Deutsche Auswanderung aus dem östlichen Europa, Münster 2013, S. 69f.

Aufgabe 2

  1. Im Abschnitt "Die erste große Auswanderungswelle" wird von einer russischen Identität gesprochen. Setze dich mit diesem Begriff unter Heranziehung der Inhalte des Kapitels 3 in diesem Buch auseinander.
  2. Beurteile die Bemühungen der russischen Regierung um eine nationalstaatliche Modernisierung des Landes.