5.3 Deutschland und Russland sind Nachbarn

Deutsche und Russen als direkte Nachbarn: Wie war das?

Deutsche und Russen als direkte Nachbarn: Wie war das?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
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Im 19. Jahrhundert waren Deutsche und Russen Nachbarn. Preußen, Russland und Österreich hatten zwischen 1772 und 1795 das zwischen ihnen liegende Polen unter sich aufgeteilt. Es sollte erst 1918 wieder ein eigenständiger Staat werden. Bis zum Ende des Ersten Weltkrieges gab es also zwischen den Städten Memel (Klaipeda) im heutigen Litauen und Kattowitz (Katowice) im heutigen Polen eine preußisch-russische Grenze. 
Wie bei Hausnachbarn, so ist es auch bei Ländernachbarn: Man kann sich ablehnen oder befreundet sein, aber man kann sich nicht ignorieren. Im privaten Leben bekommt man mit, was auf der anderen Seite des Zauns passiert, wenn der Nachbar laut im Garten feiert oder den Gehweg nicht streut. Und Politiker eines Landes erfahren, wenn im Nachbarland Heere aufgestellt und Kriege geführt werden. Was im Nachbarland passiert, berührt immer die Menschen diesseits und jenseits der Grenze.
Ich möchte in diesem Kapitel nach den deutsch-russischen Beziehungen in der Zeit der direkten Nachbarschaft fragen. Was kann man daraus für heute lernen?

1. Russland, der 'Retter Europas vor Napoleon'

Galerie: Ein europäischer Held?

Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Russen zunächst die Helden der Deutschen. Infolge der Französischen Revolution, die 1789 begonnen hatte, war in Frankreich nicht nur die feudale Ordnung umgewälzt worden; der revolutionäre Gedanke breitete sich auch in ganz Europa aus. Napoleon Bonaparte, der 1799 als Alleinherrscher an die Macht gekommen war, trug die Umwälzung mit seinen Soldaten in viele andere Länder.

1806 brach das Heilige Römische Reich deutscher Nation nach mehreren Kriegen gegen das revolutionäre Frankreich durch den siegreichen Vormarsch der französischen Armee zusammen. Die deutschen Länder waren nun von Napoleon abhängig, viele Teile des Landes besetzt. Die Deutschen mussten Napoleon Abgaben zahlen und seine Kriege unterstützen. Als Napoleon mit seinem Heer 1812 nach Russland zog, um das russischen Zaren zu stürzen, mussten auch tausende deutsche Soldaten diesen Krieg auf der Seite Frankreichs mitmachen.

Aber die Russen schlugen die Franzosen nicht nur zurück, sie verfolgten sie auf ihrem Rückzug auch über die russische Grenze hinaus. Napoleon und seine Armee wurden aus Deutschland herausgedrängt. Die russische Armee leistete einen großen Beitrag dazu, Napoleons Vorherrschaft über Europa und damit auch über Deutschland zu beenden. Dafür wurde Russland in Deutschland von vielen Menschen als Befreier von der demütigenden französischen Besatzung gefeiert. 1815 schlossen der König von Preußen, der Zar von Russland und der Kaiser von Österreich die 'Heilige Allianz'. Mit diesem Bündnisschluss versprachen sie sich gegenseitige Unterstützung und Hilfe, um eine erneute Bedrohung ihrer monarchischen Macht zu verhindern. Auf der politischen Ebene sah nach 1815 also alles nach einer langen und guten Nachbarschaft zwischen Deutschland und Russland aus.

Quelle 1

Auszug aus dem Gedicht 'Kosacken-Erinnerungen' des preußischen Dichters Friedrich de la Motte Fouqué

Einer:
Wißt ihr´s noch? Als wir in dichten Schaaren
Hielten auf dem Plan, weit um den Hügel her?
Fern vom Don, vom Ural hergefahren,
Allbereit zum Krieg, ein unabsehbar Heer?

Alle:
Freilich! Und der Platoff ritt,
Der Vater auf und nieder.
Frischer Glaubensmuth kam mit,
Und fuhr in Herz und Glieder
[…]

Einer:
Wißt ihr´s noch? Wie dann die braven Preussen
Standen Mann an Mann, zu heiterm Sieg erwacht?
Nicht umsonst reimt Preussen sich auf Reussen,
Reuss´ und Preusse focht wie eins in mancher Schlacht.

Alle:
Freilich! Und Kosacki schwang
Den Speer nach alter Sitten,
Und so sind wir, Gott sey Dank!
Bis nach Paris geritten.

Einer:
Seht ihr´s nun durch viel befreite Gränzen
Ziehn wir wieder heim in unser Land.
Bräutchen flicht uns Blumen schön zu Kränzen,
Wir, wir bringen ihr manch blankes Siegespfand.

Mechthild Keller (Hg.), Russen und Rußland aus deutscher Sicht. 19. Jahrhundert: Von der Jahrhundertwende bis zur Reichsgründung (1800-1871), München 1992, S.298.

Quelle 2

Auf dem Wiener Kongress erinnerte Zar Alexander I. an seine 'Heldentaten' für Europa

Hinweis: Der folgende Text stammt aus dem Tagebuch des in Wien anwesenden Diplomaten Heinrich Friedrich Karl vom und zum Stein (1757-1831). Der Diplomat vom und zum Stein war Deutscher. Auf dem Wiener Kongress war jedoch im Dienste Russlands.

5. November 1814: Er [der russische Zar] antwortete hierauf mit der Erzählung, was er für Europa getan, einen gefährlichen Krieg fortgeführt, sein Leben ausgesetzt, die Vergrößerung Öst[erreichs] in Italien zugelassen, Sachsen an Preußen überlassen; [...] nunmehr sehe er sich aber ein Gegenstand des Mißtrauens, der Eifersucht, und bestreite man ihm die billigsten Forderungen. Er bedürfe Krakaus und Thorns, um seine polnischen Besitzungen auf dem linken Weichselufer zu decken. Alles vereinige sich gegen ihn; England trete auf, das die Sache gar nichts angehe [...].

ausgesetzt: aufs Spiel gesetzt
Krakau und Thorn: polnische Städte, die der Zar für seine Herrschaft beanspruchte 

Max Lehmann, Tagebuch des Freiherrn vom Stein während des Wiener Kongresses, in: Historische Zeitschrift 60 (1888), S. 333.

Quelle 3

Aus der Urkunde über die Gründung der Heiligen Allianz (26. September 1815)

Im Namen der Allerheiligsten und Unteilbaren Dreieinigkeit. Ihre Majestäten der Kaiser von Österreich, der König von Preußen und der Kaiser von Rußland haben [...] die innige Überzeugung gewonnen, in ihren gegenseitigen Beziehungen den Verkehr auf die erhabenen Wahrheiten zu gründen, welche uns die unvergängliche Religion des göttlichen Heilandes lehrt [...].

Artikel 1:
Entsprechend den Worten der Heiligen Schrift, welche alle Menschen heißt, sich als Brüder zu betrachten, werden die drei Monarchen vereinigt bleiben durch die Bande einer wahren und unauflöslichen Brüderlichkeit, indem sie sich als Landsleute ansehen und sich bei jeder Gelegenheit und an jedem Ort Hilfe und Beistand leisten; indem sie sich ihren Untertanen und Heeren gegenüber als Familienväter betrachten, werden sie sie im Geiste der Brüderlichkeit lenken [...].

Artikel 2:
Infolgedessen wird als einziger Grundsatz, sei es zwischen den genannten Regierungen, sei es zwischen ihren Untertanen, gelten, daß sie [...] sich insgesamt nur als Glieder ein und derselben christlichen Nation betrachten, während die drei verbündeten Fürsten sich selbst nur als Beauftragte der Vorsehung ansehen, um drei Zweige ein und derselben Familie zu regieren.

Wilhelm G. Grewe, Fontes historiae iuris gentium, Berlin 1992, S. 107f.

Aufgabe 1

  1. Fasse die Botschaft des Gedichts 'Kosacken-Erinnerungen' (Quelle 1) mit eigenen Worten zusammen.
  2. Arbeite aus der Quelle 3 die Vereinbarungen der drei Monarchien heraus.
  3. Erläutere folgende, in Quelle 3 genutzte Begriffe:

    • "unteilbare Dreieinigkeit"
    • "Familienväter"
    • "ein und derselben christlichen Nation".

2. Die deutsche Sicht auf Russland im 19. Jahrhundert

Die deutschen Fürsten

Für die deutschen Fürsten – allen voran den preußischen König – war Russland im 19. Jahrhundert ein angenehmer Nachbar. Mit der gemeinsamen Grenze war man einverstanden. Niemand hatte vor, sich für Gebietseroberungen im Osten mit dem russischen Riesenreich anzulegen. Für die deutschen Fürsten gab es in dieser Zeit zwei Hauptgegner: die Franzosen und Teile der eigenen Bevölkerung. Frankreich galt als 'Erbfeind'. Die Zeit der Besatzung unter Napoleon war als Schmach empfunden worden. Ein neuer Krieg gegen Frankreich wurde für möglich gehalten. Manche wünschten ihn sich, um es den Franzosen heimzahlen zu können.
Dafür waren aber stabile und friedliche Beziehungen zu Russland nötig, denn für einen Krieg mit Frankreich, wie ihn Deutschland 1870/71 dann tatsächlich führte, war Ruhe an der russischen Grenze eine wichtige Bedingung.

Große Teile der deutschen Bevölkerung aber hatten sich seit der Französischen Revolution mit den Vorstellungen von Freiheit, Mitbestimmung und demokratischer Verfassung 'angesteckt'. Das war den Fürsten ein Dorn im Auge, und sie unterdrückten Bestrebungen nach mehr Freiheit, wo sie nur konnten. Hier war der russische Zar ein enger Verbündeter, denn er hatte mit seinem Volk dasselbe Problem.

Quelle 4

Aus einer Rede des deutschen Reichskanzlers Otto von Bismarck (1874)

Am allermeisten aber achten wir die Meinung der uns seit einem Jahrhundert und noch heute am intimsten unter den Mächten uns befreundeten, der russischen Macht [...].

No. 49. Provinzial-Correspondenz, zwölfter Jahrgang. 9. Dezember 1874, http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de/amtspresse/ansicht/issue/9838247/1936/1/ [15.11.2016].
Galerie: Unmut im Volk
Frank Schulenburg
Tod
PD

Die deutsche Bevölkerung


Die Teile der deutschen Bevölkerung, die im 19. Jahrhundert für mehr Freiheit kämpften, sahen Russland in einem schlechteren Licht. Für sie war der russische Zar ein Tyrann, der die eigene Bevölkerung unterdrückte und gemeinsame Sache mit den von ihnen abgelehnten Fürsten machte.
Hinzu kam, dass viele Deutschen im 19. Jahrhundert nicht nur freiheitlich, sondern auch national dachten. Sie forderten, dass jedes Volk einen eigenen Staat bekommen sollte. Diese Forderung richtete sich auch an das eigene Land: Deutschland war bis 1871 kein einheitlicher Nationalstaat, sondern ein Zusammenschluss von Fürstenstaaten und Städten - der Deutsche Bund.
Die Forderung bezog sich aber auch auf andere Völker, z.B. die Polen. Polen war im 19. Jahrhundert Teil des russischen Reiches. Damit waren die Polen sehr unzufrieden. Sie versuchten mehrfach, sich von Russland unabhängig zu machen. Ihre Aufstände wurden aber immer wieder von russischen Truppen niedergeschlagen. Darum galt der Zar bei den nationalgesonnenen Deutschen eben auch als Unterdrücker der tapferen Polen.

Quelle 5

Auszüge aus zwei politischen Gedichten des 19. Jahrhunderts

Der Journalist und Dichter Philipp Jakob Siebenpfeiffer schrieb in seinem Gedicht 'Der Deutsche Mai' 1832 über Russland, Polen und Deutschland:

Wir sahen die Polen, sie zogen aus,
Als des Schicksals Würfel gefallen;
Sie ließen die Heimat das Vaterhaus,
In der Barbaren Räuberkrallen:
Vor des Zaren finsterem Angesicht
Beugt der Freiheit liebende Pole sich nicht.

Auch wir, Patrioten, wir zeihen aus
In festgeschlossenen Reihen;
Wir wollen gründen ein Vaterhaus,
Und wollen der Freiheit es weihen:
Denn vor der Tyrannen Angesicht
Beugt länger der freie Deutsche sich nicht.


Der Dichter August von Platen schrieb in seinem 'Aufruf an die Deutschen' 1830:

Wenn der blut´ge Strauß beginnt,
Weiß ich, wer den Kranz gewinnt.
Wo Germane gegen Slave
Wo den Knecht bekämpft der Brave,
Sollte Freiheit unterliegen?
Deutsche siegen!

Aus Europa muss hinaus
Jeder absolute Graus!
Moskowiten oder Türken
Wollen uns entgegnwürken?
Kehrt nach Osten eure Taten,
Asiaten!

Robert F. Arnold und Ernst Volkmann (Hg.), Politische Dichtung, Bd. 3: Um Einheit und Freiheit 1815-1848, Leipzig 1936, S.109f.; Max Koch und Erich Petzet (Hg.), August Graf von Platens Sämtliche Werke in zwölf Bänden, Band 10, Leipzig 1910, S.209.

Darstellung 1

Die Ermordung des August von Kotzebue 1819

Am 23. März 1819 wurde der Schriftsteller und Diplomat August von Kotzebue in Mannheim ermordet. Der Student Karl Ludwig Sand war ihm bis in seine Wohnung gefolgt und hatte ihn dort mit den Worten „... hier, du Verräter des Vaterlandes“ erstochen. Warum?
Kotzebue war ein konservativer Schriftsteller. Er hatte sich in seinen Büchern und Zeitschriftenartikeln oft über die Französische Revolution und ihre Werte lustig gemacht. Gespottet hatte er auch über die deutschen Studenten, die Anfang des 19. Jahrhunderts ein 'freies und vereinigtes Deutschland' forderten. In Kotzebues Augen war der Zustand Deutschlands nach Napoleon sehr zu begrüßen: ein wieder von deutschen Fürsten regierter Deutscher Bund. Endlich herrschten wieder Ruhe und Ordnung. Endlich war man diese aufmüpfigen Franzosen los, so dachte er. Und: Wer brauchte schon eine Verfassung oder einen geeinten Nationalstaat?
Schon diese Haltung machte Kotzebue bei Studenten wie Karl Ludwig Sand unbeliebt. Nun kam aber noch hinzu, dass Kotzebue als russischer Generalkonsul für den Zaren arbeitete. Und Russland lehnten Sand und viele seiner Mitstudenten ab. Sie hielten Russland für ein Reich von Sklaven, die von einem tyrannischen Zaren in Knechtschaft und Elend gehalten wurden.
In Sands Augen sah die Sache daher so aus: Kotzebue machte sich über die Freiheitsbewegung lächerlich. Sand hielt ihn zudem für einen Agenten des Zaren. Und der Zar wollte seiner Meinung nach in Deutschland dieselbe Knechtschaft und Unterdrückung fördern, wie in seinem russischen Reich. Ein solcher Verräter am deutschen Vaterland musste aus dem Weg geschafft werden.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

3. Die russische Sicht auf Deutschland

Galerie: Russische Sicht
Franz Roubaud (1856-1928)
Sewastopol Rundgemälde Detail
PD

Auch aus Sicht der russischen Zaren war Deutschland über weite Teile des 19. Jahrhunderts ein angenehmer Nachbar. Auch Russland hatte kein Interesse, die russisch-preußische Grenze gewaltsam nach Westen zu verändern. Der Deutsche Bund war ein Nachbar, der militärisch wenig schlagkräftig und politisch zu uneins war, um für Russland bedrohlich zu sein.

Das änderte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts. 1870 schlugen deutsche Truppen unter Führung Preußens Frankreich im Deutsch-Französischen Krieg. Und 1871 wurde das Deutsche Kaiserreich gegründet. Aus dem König von Preußen wurde der Deutsche Kaiser, aus dem Deutschen Bund wurde eine europäische Großmacht mit einer sehr schlagkräftigen Armee.

In der Mitte des Jahrhunderts kamen außerdem Zweifel an der Stärke Russlands auf. Im Krimkrieg, den Russland von 1853 bis 1856 gegen das Osmanische Reich, Großbritannien und Frankreich führte, hatte es eine demütigende Niederlage einstecken müssen. Nun wurde klar: Russland war riesengroß, es war aber auch dringend reformbedürftig. Seine Verwaltung war ineffizient, seine Bevölkerung größtenteils verarmt und ungebildet und sein Militär schlecht organisiert und ausgerüstet.

Während man also in Russland langsam begriff, dass man dringend etwas tun musste, um nicht den Anschluss an die europäischen Mächte zu verlieren, entwickelte sich vor der Haustür Deutschland zu einer führenden Industrienation und Militärmacht.

Quelle 6

Ausschnitt aus einem Brief des Zaren Alexander II. an den deutschen Kaiser Wilhelm I. (1879)

Verzeihen Sie, mein lieber Oheim, die Freiheit meiner Sprache, die auf Tatsachen beruht, aber ich halte es für meine Pflicht, Ihre Aufmerksamkeit auf die traurigen Folgen zu lenken, die [es] für unsere Beziehungen guter Nachbarschaft haben könnte, indem unsere beiden Völker [...] gegeneinander aufgereizt werden, wie es bei der Presse beider Länder bereits der Fall zu sein beginnt. - Ich sehe darin das Werk unserer gemeinsamen Feinde [...]. Ich verstehe vollkommen, daß Sie Ihre guten Beziehungen zu erhalten wünschen, aber ich sehe nicht ein, welches Interesse Deutschland haben könnte, das [Interesse] Rußlands zu opfern. - Ist es eines wahren Staatsmannes würdig, einen persönlichen Zwist mit auf die Wagschale zu legen, wenn es sich um das Wohl zweier großer Staaten handelt, die dazu geschaffen sind, in gutem Einvernehmen miteinander zu leben und von denen der eine dem andern im Jahre 1870 einen Dienst geleistet hat, den Sie nach Ihren eigenen Worten niemals zu vergessen erklärten? Ich würde mir nicht erlaubt haben, Sie daran zu erinnern, aber die Dinge nehmen eine zu ernste Wendung, als daß ich Ihnen die Befürchtungen verhehlen dürfte, die mich erfüllen und deren Folgen für unsere beiden Länder unheilvoll werden könnten. Möge Gott uns davor bewahren und Sie erleuchten!

Hinweis:
Der Brief des russischen Zaren an den deutschen Kaiser spiegelt die Enttäuschung des Zaren darüber, dass Deutschland sich während des Berliner Kongresses von 1878 nicht stärker für die russischen Interessen eingesetzt hatte. Zuvor hatte Russland einen erfolgreichen Krieg gegen das Osmanische Reich geführt und sich große, dauerhafte Geländegewinne und Machtzuwächse im östlichen Mittelmeerraum und auf dem Balkan erhofft.
Während des Berliner Kongresses hatten die anderen europäischen Mächte diesen Machtzuwachs Russlands jedoch zu großen Teilen verhindert. Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck hatte zugesagt, auf dem Kongress als Vermittler aufzutreten. Die russische Regierung hatte sich jedoch statt einer Vermittlung eine Unterstützung von der deutschen Seite erhofft.

Johannes Hohlfeld (Hg.) Dokumente der Deutschen Politik und Geschichte, Bd.1, Berlin 1951, S. 378ff.

Darstellung 2

Kriege im 19. Jahrhundert

Das 19. Jahrhundert in Europa wurde geprägt von fünf großen Mächten: Frankreich, Großbritannien, Preußen (ab 1871 dem Deutschen Reich), dem Kaiserreich Österreich und dem Kaiserreich Russland.

Alle diese Mächte sahen sich als Konkurrenten und potentielle Kriegsgegner. Daher beobachteten sie sich gegenseitig argwöhnisch. Jeder Macht- und Gebietszuwachs einer Macht konnte für die anderen Mächte gefährlich sein. Aus diesem Grund nahmen sich die europäischen Mächte auch das Recht zur Einmischung in alle möglichen Konflikte in anderen Ländern und Weltgegenden.

Das geschah auch im Krimkrieg, der eigentlich mit einem Angriff Russlands auf das Osmanische Reich begann. Frankreich und Großbritannien griffen in diesen Krieg ein, weil sie einen Gebietszuwachs Russlands verhindern wollten. Deshalb belagerten britische und französische Truppen die russische Stadt Sewastopol auf der Halbinsel Krim. Frankreich und Großbritannien mischten sich ein, weil sie Russland eine Lektion erteilen wollten. Sie wollten die Krim nicht für ihre Länder erobern wollten.

Weil die Mächte sich ständig überall einmischten, wurde es auch als ein politisches Signal angesehen, wenn sie darauf verzichteten. Der russische Zar sah es daher als ein Freundschaftssignal an, dass sich Preußen nicht am Krimkrieg beteiligte. Und im 19. Jahrhundert erwarteten die Herrscher für solche Nichtbeteiligungen oder Beteiligungen noch eine gewisse Dankbarkeit, wenn andere Herrscher davon profitiert hatte.

Der Brief Zar Alexanders II. an den deutschen Kaiser Wilhelm I. (Quelle 6) drückt seine Verärgerung über den deutschen Kaiser über eine fehlende Dankbarkeit aus: Wilhelm I. habe sich nicht dankbar dafür gezeigt, dass der Zar im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 nicht auf Seiten der Franzosen eingegriffen hatte.

Lukas Kneser, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 2

  1. Arbeite die Quelle 6 und die Darstellung 2 durch.
  2. Beziehe die Informationen der Darstellung 2 auf die Quelle 6.
    Interpretiere folgende Passage aus der Quelle:
    "[...] wenn es sich um das Wohl zweier großer Staaten handelt, die dazu geschaffen sind, in gutem Einvernehmen miteinander zu leben und von denen der eine dem andern im Jahre 1870 einen Dienst geleistet hat, den Sie nach Ihren eigenen Worten niemals zu vergessen erklärten?"

Aufgabe 3

Bereite einen Vortrag zur Veränderung des deutsch-russischen Verhältnisses während des 19. Jahrhunderts vor. Nutze dazu alle Informationen des Kapitels 5.3.