6.2 Autonome Arbeitskommune und Wolgadeutsche Republik

Autonomie: Erfüllung aller Hoffnungen?

Autonomie: Erfüllung aller Hoffnungen?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
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CC 4.0 BY-SA

Nach der Oktoberrevolution bekommen die Russlanddeutschen tatsächlich ihre eigene Republik. Mich interessiert, welche Ziele die Deutschen, aber auch die Russen mit der Autonomie eines russlanddeutschen Gebiets verfolgen. War das Wolga-Gebiet der Russlanddeutschen tatsächlich autonom? Und wie lebten die Menschen in ihrer Republik? War es überhaupt eine Republik?

1. Zwei Konzepte: das 'Wettrennen' um die autonome Wolga

Galerie: Bürgerkrieg

Bürgerlich-liberale Vertreter der Wolgadeutschen trafen sich im Februar 1918 zu einem großen Kongress in Warenburg (Wolga-Gebiet). Sie wollten die deutschen Siedlungen an der Wolga schützen. Die Bolschewisten hatten sich nämlich nicht als freundliche Revolutionäre erwiesen. Erst hatten sie das Dekret über die Verstaatlichung von Grund und Boden erlassen und dann die Kornspeicher beschlagnahmt. Ein Bürgerkrieg war ausgebrochen. Der Kampf zwischen Roter und Weißer Armee – also zwischen Anhängern und Gegnern der kommunistischen Revolution – führte zu Chaos und Plünderungen in den Dörfern. Die Wolgadeutschen sahen sich stark bedroht.
Delegierte des bürgerlichen Kongresses brachen deshalb im April 1918 nach Moskau zu Verhandlungen mit der neuen Regierung auf. Sie wollten einen Entwurf für eine innerrussische, autonome Wolgadeutsche Republik unterbreiten. Diese Republik sollte von den russischen Kreis- und Bezirksverwaltungen befreit und direkt der Moskauer Regierung unterstellt sein. 
Doch der Volkskommissar für Nationalitätenfragen Josef Stalin (1878-1953) war über den Besuch der Delegation nicht sehr erfreut. Als bürgerliche Demokraten hatten die Mitglieder der Delegation bei den kommunistischen Führern in Moskau kaum eine Chance auf ernsthafte Verhandlungen.

Währenddessen traf eine zweite Delegation im Kreml ein. Ihre Mitglieder kamen vom Bund deutscher Sozialisten und traten ebenfalls für eine Autonomie ein. Nach ihren Vorstellungen sollte diese aber nicht im Sinne der Warenburger Konferenz organisiert werden. Die Sozialisten konnten Josef Stalin ihre Pläne vortragen. Sie plädierten für eine sozialistische Machtergreifung an der Wolga, um eine nationale Selbstverwaltung innerhalb der Sowjetunion zu errichten. Stalin war durchaus angetan und stimmte schließlich einem solchen Projekt zu.

Quelle 1

Telegramm Josef Stalins an die sozialistischen Vertreter der Wolgadeutschen über den Ausgang der Verhandlungen (25. April 1918)

An das Komitee deutscher Sozialisten des Saratover Gouvernements. […] Ich halte es für meine Pflicht, Ihnen bezüglich der Erklärung Ihrer Delegation, vertreten durch die Genossen Klinger, Emrich und Köhler, gegenüber dem Volkskommissariat für Nationalitätenangelegenheiten mitzuteilen, dass die Regierung erfreut sein kann über das Erwachen der deutschen werktätigen Massen, die sich endlich entschieden haben, den Aufbau ihres Volksschulwesens und der gesamten Selbstverwaltung des Volkes auf Grundlage der Rätebildung in die eigenen Hände zu nehmen. Die Regierung vertraut darauf, dass die deutschen Arbeiter und armen Bauern, zusammengeschlossen in Deputiertenräten, die Macht in ihre Hände nehmen und Schulter an Schulter mit den russischen Werktätigen zum Sozialismus voranschreiten werden. Wir zweifeln nicht daran, dass Ihr Komitee alle Kräfte einsetzen wird, um gemeinsam mit den zu Ihnen delegierten bewährten Genossen Reuter und Petin in Ihrem Tätigkeitsbereich den endgültigen Triumph des Sozialismus herbeizuführen.
Der Volkskommissar für Nationaliätenangelegenheiten
J. Stalin.

Telegramm: schnelle Übermittlung von Nachrichten durch einen Telegrafie-Gerät, das über leitende Kabel elektrische Signale sendet
Rätebildung: Statt demokratisch gewählte Abgeordnete strebten die Kommunisten die Bildung von Arbeiter- und Soldatenräten an. Diese sollten die Entscheidungen der sozialistischen Partei durchsetzen und damit ihre Macht stärken.
Depurtiertenräte: Als Deputierte werden hier die Mitglieder eines Rates bezeichnet. Diese bilden den Rat.

Arkadij Hermann, Wie die Arbeitskommune (das Autonome Gebiet) der Wolgadeutschen gegründet wurde, in: Die Russlanddeutschen. Gestern und heute, hg. von Boris Meissner, Helmut Neubauer und Alfred Eisfeld, Bd. 6: Nationalitäten- und Regionalprobleme in Osteuropa, Köln 1992, S. 163.

Quelle 2

Der Schriftsteller und Zeitzeuge Georg Löbsack (1893-1936) über die deutsche Autonomie im Jahr 1936

Da konnte die parteilose Intelligenzija nichts anderes tun als versuchen, das wolgadeutsche nationale Bewusstsein innerhalb der Sowjetautonomie durch die Pflege unserer Volkskultur zu stärken, wo und wie immer es möglich ist.
Uns schwebte vor, einen nationalkulturellen Kern in dieser Autonomie nicht nur zu erhalten, sondern ihn auch für die wahre wolgadeutsche Selbstverwaltung zu entwickeln, die einmal kommen werde. Denn dass Russland früher oder später vom Bolschewismus frei werden würde, das glaubten wir fest, und nur dieser Glaube hielt uns im Innern noch beisammen.

Intelligenzija: Das russische Wort bezeichnet die gesellschaftliche Gruppe der höher gebildeten Menschen, die ein Studium absolviert haben und in Berufen arbeiten, für die es vor allem auf die geistigen Fähigkeiten ankommt (zum Beispiel Künstler, Lehrer, Professoren usw.)

Georg Löbsack, Einsam kämpft das Wolgaland. Ein Bericht aus 7 Jahren Krieg und Revolution, Leipzig 1936.

2. Die Errichtung der Arbeitskommune

Der Bund deutscher Sozialisten hatte also den ungleichen Wettkampf mit den bürgerlichen Vertretern des wolgadeutschen Kongresses gewonnen. Der wahre Sieger war jedoch die Moskauer Regierung. Sie bestimmte den Weg zur Autonomie der Wolgadeutschen. Ein Stalin unterstelltes 'Kommissariat für wolgadeutsche Angelegenheiten' wurde geschaffen, das die Einzelheiten der Autonomie ausarbeiten und kontrollieren sollte.

Den Vorsitz dieses Kommissariats erhielten die treuen Sozialisten Ernst Reuter und Karl Petin. Beide waren ehemalige Kriegsgefangene. Reuter war ein Deutscher, der während des Weltkriegs als kaiserlicher Soldat in russische Kriegsgefangenschaft geraten war und Petin ein Österreicher, der Mitglied der Kommunistischen Partei Russlands geworden war.

Das Kommissariat überlies nichts dem Zufall: Im Siedlungsgebiet der Russlanddeutschen an der Wolga wurden umgehend alle bürgerlichen Institutionen aufgelöst. Die sozialistischen Kommissare trieben die gesellschaftliche Umgestaltung im Sinne der Bolschewiki mit allen Mitteln voran. Sie setzten zum Beispiel Dorf- und Gebietssowjets ein. Am 19. Oktober 1918 verkündete der Rat der Volkskommissare für innere Angelegenheiten das 'Dekret über die Autonomie des Gebietes der Wolgadeutschen' und rief die 'Arbeitskommune des Gebietes der Wolgadeutschen' aus. An deren Spitze standen neben Ernst Reuter und Karl Pentin auch Arthur Ebenholz. Die Wolgadeutschen hatten nun eine Art eigene Republik, die Moskauer Regierung aber behielt die Kontrolle in der Hand.

Quelle 3

Dekret über die Gründung der Arbeitskommune des Autonomen Gebiets der Wolgadeutschen (Oktober 1918)

1. Die Ortschaften, die von den deutschen Kolonisten des Wolgagebietes besiedelt werden [...] bilden in Anwendung des Artikel 11 des Grundgesetzes der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik eine Gebietsvereinigung mit dem Charakter einer Arbeitskommune, in deren Bestand die entsprechenden Teile der Territorien der Kreise Kamyschin und Atkarsk des Gouvernements Saratow und der Kreise Nowousensk und Nikolajewsk des Gouvernements Samara eingegliedert werden. [...]

3. In genauer Übereinstimmung mit Artikel 11 des Grundgesetzes wählt der Kongreß der Deputiertensowjets [...] ein Exekutivkomitee, das Zentrum der sozialistischen Sowjetarbeit unter der werktätigen deutschen Bevölkerung ist, die richtige Durchführung der Dekrete und Verfügungen der Sowjetmacht überwacht und diesbezüglich der erforderlichen Anordnungen an die Orte erteilt.

4. Alle Macht an den Orten innerhalb der Grenzen, die durch Artikel 61 des Grundgesetzes in dem gemäß Punkt 1 vereinigten Territorium bezeichnet sind, liegt beim Exekutivkomitee, [...].

7. Das kulturelle Leben der deutschen Kolonisten: der Gebrauch ihrer Muttersprache in den Schulen, in der örtlichen Verwaltung, im Gericht und im öffentlichen Leben unterliegt gemäß der Sowjetverfassung keinerlei Einschränkung.

Der Rat der Volkskommissare bringt seine Gewißheit zum Ausdruck, daß bei Verwirklichung dieser Grundsätze der Kampf für die soziale Befreiung der deutschen Arbeiter und der deutschen Dorfarmut im Wolgagebiet keinen nationalen Hader hervorrufen, sondern, im Gegenteil, die Annäherung der deutschen und der russischen werktätigen Massen fördern wird, deren Zusammenschluß das Unterpfand für ihren Sieg und für Erfolge in der internationalen proletarischen Revolution ist.

Der Vorsitzende des Rats der Volkskommissare, W. Uljanow (Lenin)

Der Sekretär des Rats der Volkskommissare, L. Fotijewa

Moskau, Kreml, 19. Oktober 1918 

Quelle 4

Allgemeines Statut des Kommissariats für wolgadeutsche Angelegenheiten (1918)

1. Das Kommissariat ist der geistige Mittelpunkt der sozialistischen Arbeit unter der deutschen arbeitenden Bevölkerung.
2. Das Kommissariat überwacht die Durchführung der Dekrete und Verfügungen der Sowjetregierung.
3. Das Kommissariat hilft der Vereinigung der arbeitenden Massen der deutschen Kolonien in Bezirksräten, mit Rücksicht auf die besonderen Bedingungen ihrer Sprache, Sitte und Gebräuche. Die Vereinigung wird durchgeführt im Einvernehmen mit den örtlichen Gouvernementsräten, wenn die deutschen Räte einen diesbezüglichen Wunsch äußern.
4. Beschlüsse der Bezirks- und Gouvernementsräte, die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung der deutschen Kolonien berühren, werden nur mit Wissen und Einverständnis des Kommissariats für deutsche Angelegenheiten im Wolgagebiet durchgeführt.

Hinweis:
Wenn du dir das Statut im Original ansehen möchtest, kannst du das hier tun. Unter diesem Link findest du auch noch andere interessante Quellendokumente aus der ersten Zeit der wolgadeutschen Republik.

Zitiert nach: Manfred Langhans-Ratzeburg, Die Wolgadeutschen. Ihr Staats- und Verwaltungsrecht in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin und Königsberg 1929, S. 167.

Darstellung 1

Das Gebiet der Arbeitskommune

Die Arbeitskommune umfasste 214 Dörfer und die Verwaltungsbezirke Sellmann, Balzer und Katharinenstadt. Das entsprach einer Gesamtfläche von 19.624 km². Als Hauptstadt wurde zunächst Saratov bestimmt, im Mai 1919 trat es das Privileg an Katharinenstadt (ab 4. Juni 1919 Marxstadt) bereits wieder ab.

Viktor Krieger, Kolonisten, Sowjetdeutsche, Aussiedler. Eine Geschichte der Russlanddeutschen, Bonn 2015, S. 98.

Darstellung 2

Warum förderte Stalin die Gründung der Arbeitskommune als 'autonomes' Gebiet der Wolgadeutschen?

Josef Stalin war kein ehrlicher Mensch, soviel ist sicher, und selbstlos schon gar nicht. Einige seiner Autonomiemotive für das Wolgagebiet wurden bald für jeden spürbar: Die Rote Armee brauchte im Bürgerkrieg jeden Mann und jedes Getreidekorn, das sich irgendwie auftreiben ließ. Mit der Autonomie und der direkten Einflussnahme auf das Wolgagebiet erhielt er auf beides einen leichteren Zugang. So stand der Wolgadeutsche bald wieder auf dem Kriegsacker, doch diesmal im Kampf Russe gegen Russe, Rote Armee gegen Weiße Armee. Wieder waren die Deutschen zwischen die Fronten geraten, wieder litt die Landbevölkerung unter den übermäßigen und rücksichtslosen Lebensmittellieferungen. Hinzu kam die unsägliche Willkür des Kriegskommunismus, der für die Deutschen ein besonders hartes Brot sein sollte.

Natürlich hatte Stalin noch weitere Motive in der Hinterhand. So sollten andere Minderheiten mit dem wolgadeutschen Vorzeigeprojekt zum freiwilligen Verbleib im neuen Russland gebracht werden. Die Arbeitskommune des Gebietes der Wolgadeutschen war praktisch eine Werbeaktion für einen angeblichen kommunistischen Föderalismus.

Ebenso schwang bei Stalin die Hoffnung mit, dass endlich der "Flüchtlingsstrom" ins Deutsche Reich aufhören möge, der mit dem Frieden von Brest-Litowsk eingesetzt hatte. Lieber sollten die Russlanddeutschen zur Zusammenarbeit mit der Sowjetmacht gebracht werden.

Doch das stärkste Motiv war die Angst davor, dass das deutsche Kaiserreich mit seiner Werbung bei den Wolgadeutschen den Nerv treffen könnte. Das Deutsche Reich versuchte nämlich, die Wolgadeutschen an seine Politik zu binden. Um dies zu verhindern, ließ Stalin die deutsche Sprache und Kultur zu. Er erhoffte sich dadurch eine Erhöhung der Wirkung seiner eigenen Propaganda bei den deutschsprachigen Einwohnern in Sowjetrussland.

U.a. auf der Grundlage von Lydia Klötzel, Die Russlanddeutschen zwischen Autonomie und Auswanderung, in: Osteuropa-Studien, Bd. 3, hg. Margareta Mommsen, München 1998, S. 95 zusammengefasst von Michael Günther.

Quelle 5

Führende Kommunisten über die Motive zur Gründung einer Arbeitskommune und zu den Beziehungen des Deutschen Reiches zu den Russlanddeutschen

Kaum hatte der zwischenzeitlich siegreiche deutsche Imperialismus den Frieden von Brest-Litowsk diktieren können, wurde auch schon die honigsüße Kunde verbreitet, dass allen im ehemaligen Russland lebenden deutschen Kolonisten nicht nur umfassende Optionsrechte gewährt, sondern diese sogar zu deutschen Staatsbürgern erklärt würden. Allerdings erwiesen sich die werktätigen Wolgadeutschen als taub für Wilhelm und seine Generäle. Jedem war klar, dass die Bourgeoisie und Kulakentum der Wolgadeutschen diese historische Chance nur zu gerne ergriffen hätten, um sich und ihre geraubten Reichtümer auf diese Weise unter die schützende Hand des deutschen Imperialismus zu retten […].

Optionsrechte: Recht, mehrere Staatsbürgerschaften zu erwerben oder eine andere Staatsbürgerschaft annehmen zu können
Wilhelm: Kaiser Wilhelm II. von Deutschland, der zur Zeit der Gründung der Arbeitskommune in Deutschland noch die Macht hatte
Bourgeoisie: meist abwertende Bezeichnung der kommunistischen Lehre für das wohlhabende Bürgertum. Die Bourgeoisie hat die wirtschaftliche Macht, weil sie die Fabriken besitzt. Damit hat sie auch einen großen Einfluss auf die Politik.
Kulakentum der Wolgadeutschen: Bezeichnung für wohlhabende Bauern. Nach der Oktoberrevolution wurden die wohlhabenden Bauern in Russland und der späteren Sowjetunion bekämpft. Man warf ihnen vor, gegen die Revolution zu sein und ihr Land nicht für eine gemeinsame Bewirtschaftung in Produktionsgenossenschaften zur Verfügung stellen zu wollen.
Imperialismus: Absicht eines Staates oder seiner politischen Führungsschicht, andere Länder zu beherrschen. Das kann bedeuten, dass die anderen Länder erobert oder mit anderen Mitteln abhängig gemacht werden.

Deklaration des 3. Sowjetkongresses der ASSRdW, in: Victor Dönningshaus, Minderheiten in Bedrängnis. Sowjetische Politik gegenüber den Deutschen, Polen und anderen Diaspora-Nationalitäten 1937-1938, München 2009, S. 101.

Aufgabe 1

  1. Markiere in der Darstellung 2 und der Quelle 5 Motive dafür, dass führende Kommunisten die Gründung eines autonomen Gebiets der Russlanddeutschen unterstützten.
  2. Wie war das gleich mit Freiheit und Selbstbestimmung? Ich bin der Meinung, dass die Art und Weise der Gründung der Arbeitskommune ein Missbrauch des Dekrets über die Völker Russlands war (Quelle 9 im letzten Kapitel).
    Nimm zu dieser Beurteilung Stellung.

3. Hungersnot in den Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen

Winter 1921. Der Bürgerkrieg war zu Ende, die Nahrungsreserven auch. Der folgende Sommer brachte wegen einer Dürre kaum Ertrag. In den Landstrichen der Schwarzmeer- und Wolgadeutschen litten die Menschen unter einer schrecklichen Hungersnot, doch nicht nur dort.

Die Gedanken der Menschen drehten sich überall nur ums Essen. Die Nahrungsbeschaffung wurde zu einem Überlebenskampf. Auf der Suche nach Essbarem wurden die Menschen wieder zu Jägern und Sammlern. Der Höhepunkt der Hungersnot traf die Menschen im Frühjahr 1922. Das Motto jener Zeit war: 'Wenn Du nicht sterben willst, musst du essen, egal was!' Gerüchte über Kannibalismus kamen auf. Geld spielte keine Rolle mehr, denn zu kaufen gab es nichts. Stattdessen blühte der Tauschhandel.

Die Wenigen, die Brot hatten, nutzen die Lage für unwürdige Tauschgeschäfte aus. Insgesamt verhungerten bis 1923 in Russland etwa fünf Millionen Menschen, davon waren 47.777 Wolgadeutsche. Ohne internationale Hilfsorganisationen wären noch viel mehr Menschen gestorben. Sie versorgten täglich Millionen, bewahrten ganze Dörfer vor dem Aussterben. Menschen, die eine Möglichkeit sahen, das Land zu verlassen, flohen aus dem Elend. So verlor das Siedlungsgebiet der Deutschen an der Wolga weitere 74.000 Einwohner. Sie gingen innerhalb Sowjetrusslands in Gegenden, in denen die Not nicht so groß war oder verließen das Land in Richtung Deutschland.

Darstellung 3

Ursachen und Folgen der Hungerkatastrophe

Ursachen:

  • 'Kriegskommunismus':
    - Bevorzugung der Roten Armee und der kommunistischen Verwaltungen bei der Versorgung
    - Einsatz von Gewalt zur Durchsetzung wirtschaftlicher Ziele durch die Kommunisten
    - Enteignung des Privateigentums an Produktionsmitteln (Landbesitz, Industrieanlagen, Banken usw.)
  • Bürgerkrieg:
    - Plünderungen durch die Kriegsparteien, Verwüstungen durch Banden
    - Beschaffungskommandos beschlagnahmten rücksichtslos alle Lebensmittelreserven, oftmals auch das Saatgut für den Kampf der Roten Armee gegen die Weiße Armee der Anhänger des Zarenreichs.
    - Den Bauern wurden trotz der Missernte unerfüllbar hohe Abgabenlasten auferlegt. Wer wenig lieferte musste mit Bedrohung oder grausamer Bestrafung rechnen (Verhaftungen, Geiselhaft der Familienmitglieder, Scheinerschießungen, Schläge). 
    - Die russlanddeutschen Bauern am Schwarzen Meer und an der Wolga litten besonders, da sie im Vergleich zu anderen Minderheiten doppelt so viele Abgaben zu erbringen hatten.
  • Dürre in weiten Teilen Russlands vom Winter 1920 bis zum Sommer 1921:
    In den Siedlungsgebieten der Russlanddeutschen an der Wolga und der Ukraine verdorrte das Getreide. Es folgte eine katastrophale Missernte.
  • kommunistische Enteignungspolitik:
    Das 'Dekret über den Grund und Boden' führte zu einer starken Beschneidung des privaten Ackerbesitzes. Für die landwirtschaftliche Bestellung stand nun plötzlich viel weniger Anbaufläche zur Verfügung, weil die kollektiv organisierte Landwirtschaft nicht in Gang kam. Das führte zu einer Ertragskrise der russischen Landwirtschaft.

Folge:
Im Winter 1921/22 setzte eine große Hungersnot ein. Schätzungsweise 25 Millionen Menschen mussten in Russland hungern. Im Gouvernement von Saratov war die Katastrophe am schlimmsten. Hier wohnten 2.9 Millionen Menschen. Zum Jahreswechsel 1921/22 litten von diesen etwa 2.1 Million Menschen an Unterernährung.

Michael Günther, Institut für digitales Lernen

Quelle 6

Aus einem Brief von Wolgadeutschen an den deutschen Gesandten in Moskau über eine kommende Hungersnot (1918)

Die Lage der deutschen Kolonien an beiden Ufern der mittleren Wolga [...] wird von Tag zu Tag schlimmer. Die terroristischen Überfälle von Seiten der bolschewistischen Roten Gardisten, die seit Dezember 1917 stattfinden, nehmen Dimensionen an, die zur Annahme nötigen, als sei es auf die Vernichtung der Kolonien abgesehen. Unter dem Vorwande der Requisition wird den Leuten das letzte Mehl und Korn, Pferde und Kühe weggeführt, Schafe und Rinder abgeschlachtet. Viele Bauern sind dadurch der Möglichkeit, ihre Felder zu bestellen und die Frühjahrsaussaat zu besorgen, beraubt. Wer sein Gut zu verteidigen sucht, wird hingemordet.
Beispiele: In einem Dorfe, namens Schaffhausen, sind über hundert Männer, Frauen und Kinder hingemordet und ist fast alle Habe der Leute weggeführt und zerstört worden. Ein ähnliches Schicksal erreichte die Kolonien Basel, Zärig, Bettinger (russisch = Baratajewka), Glarus und andere. Den einzelnen Kolonien werden "Kontributionen" von vielen Millionen auferlegt, die besten Männer als Geiseln ins Gefängnis geworfen. [...]
Da die deutsche Regierung die deutschen Kolonisten, die zurückwandern wollen in die alte Heimat und deren Vermögen laut dem Brester Friedensvertrag [...], geschützt wissen will, können die so schwer Heimgesuchten nur von Deutschland Schutz und Hilfe erwarten. Diese Hilfe, um die die bedrängten Kolonisten dringend bitten, muss bald geschehen, wenn nicht ihr ganzes von hunderten von Millionen zählendes Vermögen und viele kostbare Menschenleben zugrunde gerichtet werden sollen.

Kontributionen: Geldzahlungen oder andere Abgaben, die von der Bevölkerung eines Landes in Kriegszeiten zur Unterhaltung einer Armee (sehr oft einer gegnerischen Besatzungsarmee) geleistet werden sollen. Diese Zahlungen werden in vielen Fällen mit Gewalt erzwungen.
Brester Friedensvertrag: Friedensvertrag von Brest-Litowsk zwischen dem Deutschen Reich und Sowjetrussland vom 3. März 1918. In einem Zusatzvertrag zu diesem Friedensvertrag wurde denjenigen Russlanddeutschen, die nach Deutschland auswandern wollten, Schutz versprochen. Siehe dazu Darstellung 5 im letzten Kapitel.

Alfred Eisfeld, Deutsche Kolonien an der Wolga 1917-1919 und das Deutsche Reich, in: Veröffentlichungen des Europa-Institutes München, Reihe Geschichte, Bd. 53, hg. Edgar Hösch, Wiesbaden 1985, S. 149f.

Quelle 7

Das Grauen an der Wolga: Auszug aus dem Bericht einer staatlichen Kommission über die Folgen des Hungers

Augenblicklich ernährt sich die Bevölkerung mit verschiedenen Gräsern, Kräutern, Zwiebeln, Knoblauch, Hunden, Katzen, Ratten, Fröschen, Zieselmäusen, Igeln und an der Wolga gesammelten toten Fische. Ein kleiner Prozentsatz der Bevölkerung verzehrt noch die letzten Reste seines Milch- und Arbeitsviehes. Die Kommission hat einzelne Fälle festgestellt, wo ganze Familien hilflos, nicht mehr imstande sich zu bewegen, in den Häusern umherlagen, wo und wie es der Zufall wollte, ohne jegliche Aufsicht und Pflege, ihre eigenen Exkremente unter sich hervorholten und mit den Händen in den Mund schleppten. […] In einem anderen Hause wurden Kinder von 7-17 Jahren beim Benagen der Knochen eines geschlachteten Hundes angetroffen. Der Zustand der genannten Kinder, vier an der Zahl, war traurig, alle waren angeschwollen, abgemagert, und entkräftet, unfähig eine selbstständige Bewegung zu machen.

Exkremente: menschliche Ausscheidungen (Kot, Urin)

Johannes Schleuning, In Kampf und Todesnot. Die Tragödie des Russlanddeutschtums, Berlin 1930, S. 158f.

Darstellung 4

Der deutsche Außenminister über deutsche Hilfe für die Hungernden in Russland (1922)

Hinweis: Der deutsche Außenminister Walther Rathenau (1867-1922) sprach sich gegenüber dem deutschen Reichskanzler am 1. März 1922 für Hilfsleistungen aus. Er verband damit folgende Überlegungen:

Als Absatzgebiete für unsere landwirtschaftliche Industrie und für die Zukunft als Quelle reicher exportfähiger Bodenerzeugnisse können wir uns Südrußland nur sichern durch sofortige Linderung seiner Notlage, indem wir die Bevölkerung instand setzen, am Platze zu bleiben und das Land zu bearbeiten.

Linderung: Erleichterung

Juri Felschtinsky, The legal Foundations of the Immigration and Emigration Policy of the USSR 1917-27, in: Soviet Studies 34/3 (1982), S. 327-348, hier S. 336-343.

Darstellung 5

Die Anfänge des kommunistischen Staates in Russland: ein hoher Blutzoll

In der Zeit von 1917-1922 starben in Russland und Sowjetrussland 13 Millionen Menschen: 

  • 2,5 Millionen Menschen wurden Opfer des Bürgerkriegs.
  • 1,5 bis 2 Millionen wanderten aus.
  • 2 Millionen Menschen starben an Epidemien.
  • 1 Millionen Menschen starben durch Terror und Bandenüberfälle.
  • 300.000 Menschen wurden Opfer von Pogromen gegen Juden.
  • 5 Millionen Menschen fielen der Hungersnot der Jahre 1921/1922 zum Opfer.

Die russlanddeutsche Bevölkerung verringerte sich in den Jahren von 1919 bis 1926 von 1,621 Millionen auf 1,238 Millionen Menschen.

Auf der Basis der Informationen von Jochen Oltmer, Migration und Politik in der Weimarer Republik, Göttingen 2005, S. 186 zusammengefasst von Michael Günther.

4. Gründung der Wolgadeutschen Republik

Galerie: Wolgadeutsche Republik
unbekannt, Staatsarchiv der Wolgadeutschen (GIANP) (Engels)
Die erste Regierung der deutschen Autonomie
PD

Im Herbst 1923 ging es dann endlich wieder aufwärts für die Arbeitskommune an der Wolga. Die schreckliche Hungersnot schien mit der guten Ernte von 1923 überwunden zu sein und auch politisch tat sich etwas für die Wolgadeutschen. Die Regierung in Moskau war endlich bereit, ihnen ihre eigenen Republik zu geben.

Das Ziel der Regierung war es weiterhin, sich die Deutschen Siedler gewogen zu machen und sie für den Kommunismus zu gewinnen. So hoffte sie, dass die Wolgadeutschen zu einer Revolution im sowjetischen Sinne in der Weimarer Republik beitragen könnten. Die im Jahr 1923 von den deutschen Kommunisten ausgehenden politischen Unruhen in Deutschland hatten den Traum der Bolschewiki von einem 'Sowjetdeutschland' wieder entfacht.

Die Hoffnung auf die baldige Weltrevolution und die Annahme, dass die internationalen Finanzzahlungen somit erhalten bleiben würden, gaben den Ausschlag für eine Ausweitung der wolgadeutschen Autonomie. Am 6. Januar 1924 riefen die Bolschewiki die Autonome Sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen (ASSRdWD) aus.

Quelle 8

Der Zeitzeuge Edgar Groß über die Bedeutung der Wolgadeutschen Republik

Das Interesse an der Wolgarepublik als einem autonomen Staatsgebilde wächst im Westen, und von den Werktätigen selbst, so wie von ihren Leitern hängt es ab, die Republik zu einer wirklichen Bauernrepublik zu machen, in der die aus dem Westen kommenden Bauerndelegationen auf jeden Schritt den Beweis der Überlegenheit und der Vorteile des Sowjetsystems auch für das kultivierte westliche Bauerntum finden.

Hinweis: Edgar Groß war Vertreter der ASSRdW, also der Republik der Wolgadeutschen beim Moskauer Zentralexekutivkomitee. Sein Bericht stammt aus dem Jahr 1926.

Zentralexekutivkomitee: Es handelt sich um das oberste, die politischen Entscheidungen ausführende Organ. Es wurde gebildet aus der Versammlung aller Abgeordneten der Arbeiter- und Bauernräte (Sowjet = dt. Rat).

Alfred Eisfeld, Die Russlanddeutschen, München 1992, S. 103.

Quelle 9

Das Wappen der Wolgadeutschen Republik: eine Erläuterung (1929)

Das Wappen der wolgadeutschen Republik in der Sowjetunion (1937), farbige Rekonstruktion

Das Staatswappen der ASRR der Wolgadeutschen besteht aus einer Abbildung auf rotem Grund von Sichel und Hammer in den Strahlen der Sonne, die kreuzweise angebracht sind, der Handgriff nach unten mit der Aufschrift auf dem oberen Teile "RSFSR" und unten "ASRR d. W.-D." von einem Kranz aus Weizenähren umgeben, mit Bändern umbunden und der Aufschrift auf der rechten Seite "Proletarier aller Länder vereinigt euch" und auf der linken "Proletarii wesch stran sojedin jaites!"

Manfred Langhans-Ratzeburg, Die Wolgadeutschen. Ihr Staats- und Verwaltungsrecht in Vergangenheit und Gegenwart, Berlin 1929, S. 183.

Darstellung 6

Wissenswertes über die Verfassung der Wolgadeutschen Republik aus dem Jahr 1926

Staatsverfassungen ansehen? Vielen Menschen erscheint das zunächst langweilig. Und doch bekommt man bei Lesen von Verfassungen immer einen guten Eindruck davon, wie ein Staat so tickt, was er über sich und seine Werte zu sagen hat.
Das ist auch bei der Verfassung der ASSRdW der Fall. Die Wolgarepublik hatte ab dem 1. Januar 1926 endlich eine Verfassung.

  • Das Text zeigt deutlich, dass auch die Republik wie die Arbeitskommune keine wirkliche Autonomie besaß: Die Republik wurde nicht als Staat bezeichnet. Sie hatte auch kein Gesetzgebungsrecht.
  • Die Wolgadeutschen durften lediglich um eine Abänderung oder Aufhebung der Dekrete der Zentralregierung in Moskau bitten. Forderungen durften die Wolgadeutschen praktisch jedoch nicht stellen. Die Regelung zur Aufhebung oder Abänderung von Dekreten sollte daher nur den Anschein erwecken, die Wolgadeutschen könnten ihr Leben mitgestalten.
  • Für die Verwaltung der Finanz- und Wirtschaftsaufgaben waren sogenannte vereinigte Volkskommissare für Finanzen und Arbeit, die Arbeiter- und Bauerninspektion und der Volkswirtschaftsrat zuständig. Diese waren den jeweils gleichnamigen Behörden in Moskau unterstellt.
  • Die Volkskommissare für Innere Angelegenheiten, Justiz, 'Volksaufklärung', Gesundheit, Landwirtschaft, Sozialversicherung waren ebenso zentralen sowjetischen Instanzen gegenüber rechenschaftspflichtig.
Michael Günther, Institut für digitales Lernen

Darstellung 7

Gebiet und politischer Charakter der Wolgadeutschen Republik

Die Gesamtfläche der Republik betrug bei der Gründung 25.447 km². Hier lebten insgesamt 454.358 Deutsche, was einem Bevölkerungsanteil von 67,9 Prozent entsprach. Traditionell war das Gebiet der Republik landwirtschaftlich geprägt. In der Republik gab es nicht weniger als 91.000 Bauernwirtschaften.

Vertreten wurden die Menschen der Republik vom wolgadeutschen Rätekongress, zu dem 300 Deputierte aus den örtlichen Dorfsowjets berufen wurden. Aus ihnen rekrutierte sich alljährlich das 65 Mitglieder umfassende Zentralvollzugskomitee.

Zusammenfassung von Michael Günther auf der Grundlage der Informationen bei: Johannes Schleuning, Das Deutschtum in Sowjetrussland, in: Taschenbuch des Grenz- und Auslandsdeutschtums, hg. von R. C. von Loesch, Heft 24, 1927, S. 12f.; Benjamin Pinkus und Ingeborg Fleischhauer, Die Deutschen in der Sowjetunion. Geschichte der nationalen Minderheit im 20. Jahrhunderts, in: Osteuropa und der internationale Kommunismus, hg. Karl Heinz Ruffmann, Baden-Baden 1987, S. 87.

Quelle 10

Liste deutschsprachiger Orte der Wolgadeutschen Republik

Hier kannst du dich genauer über das Gebiet der wolgadeutschen Republik und die deutschsprachigen Orte auf dem Gebiet der Republik informieren.

Darstellung 8

Rechte der Wolgadeutschen in der Wolgadeutschen Republik

  • Mitsprache- und Mitbestimmungsrechte (nicht in der Realität)
  • Deutsch als Amtssprache
  • Unterricht in Deutsch
  • kulturelle Einheit und Unabhängigkeit (nicht in der Realität)
  • Unterhaltung wirtschaftlicher Beziehungen zum Deutschen Reich (bis 1933 und zwischen 24. August 1939 und 22. Juni 1941)
Michael Günther, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 2

  1. Untersuche das Wappen der ASSR der Wolgadeutschen. Stelle in einem kurzen Vortrag die politischen Ansichten dar, die das Wappen deiner Meinung nach zum Ausdruck bringt.
  2. Charakterisiere die Wolgadeutsche Republik aus politischer Sicht.

    • Beziehe dich dabei auf die Quellen 8 bis 10 sowie die Darstellungen 6 bis 8.
    • Wähle für die Charakterisierung aus der folgenden Wortliste diejenigen aus, die dir geeignet erscheinen:
      Freiheit, Autonomie, Betrug, Vortäuschung, Ehrlichkeit, Sozialismus, neue Gesellschaft, Fortschritt, Rückschritt, Demokratie, Diktatur, Gerechtigkeit, deutsche Sprache