6.3 Die 'Neue Ökonomische Politik' und die Vernichtung der traditionellen Dorfgemeinschaft

Verlust der kulturellen Traditionen und Gewohnheiten: Was bedeutet wolgadeutsch noch?

Verlust der kulturellen Traditionen und Gewohnheiten: Was bedeutet wolgadeutsch noch?

Im Kommunismus galt die klassenlose Gesellschaft als das große Ziel. Was das bedeutet? Die Kommunisten träumten von einer Gesellschaft, in der alle Menschen gleich sind. In der es keine Gruppe von reichen Fabrik- und Landbesitzern mehr gibt, die besitzlose Arbeiter und Bauern ausbeuten können.
Russlanddeutsche Bauern aber hatten einen gewissen Landbesitz. Sie passten daher nicht in das politische System. Deswegen wurden die Russlanddeutschen enteignet. Und welche Folgen hatte das für ihr Leben?

1. Die Neue Ökonomische Politik rettet die Bolschewiki

Die NÖP ermöglichte einen leichten Aufschwung der privaten Landwirtschaft. Einige Bauern konnten sich nun auch einen Traktor zu legen, wie hier im deutschen Dorf Dolinsk (Gouverment Samara).

Russlands Wirtschaft war zu Beginn der 1920er Jahre durch die Kriege und die Maßnahmen zur Verstaatlichung von Banken und Firmen zerrüttet. Für die russlanddeutsche Landwirtschaft hatte das Dekret über den Grund und Boden verheerende Folgen gehabt. Das Recht zu privatem Landbesitz wurde stark eingeschränkt. Bauern durften statt durchschnittlich 60 höchstens noch 16 Dessjatinen Land besitzen. Und dieses Land mussten sie hauptsächlich im staatlichen Interesse bewirtschaften. Eine private Landwirtschaft durfte nicht über den eigenen Bedarf hinausgehen. Der freie Markt war abgeschafft worden. Hinzu kam die Willkür des sogenannten Kriegskommunismus. Die enormen Zwangsabgaben ließen die Bauern unruhig werden. Vielerorts rebellierten sie. Als 1921 noch eine Hungersnot drohte, musste Lenin reagieren, da der Fortbestand des revolutionären Russland gefährdet war.

Er entschied sich, seine Politik der Verstaatlichungen abzuschwächen. Dazu wurde das Konzept eines Staatskapitalismus unter der Bezeichnung 'Neue Ökonomische Politik' (NÖP) entworfen. Durch die begrenzte Zulassung einzelner Elemente einer freien Wirtschaft versuchte er, die Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen. Dabei setzte er eine Hoffnungen auch auf die wirtschaftsstarken deutschen Siedlungsgebiete. Den Bauern war es nun wieder erlaubt, mehr Land zu besitzen und die Erträge auf dem freien Markt zu verkaufen. Die Abgabenlasten wurden reduziert.

Diese Maßnahmen kamen jedoch viel zu spät, um die Hungerkatastrophe von 1921/22 noch zu verhindern. Erst nach weiteren Zugeständnissen begann sich die Wirtschaft langsam zu erholen, was zu einem baldigen wirtschaftlichen Aufblühen der Wolga- und Schwarzmeerregion führte. Für die russlanddeutschen Dörfer kamen bessere Jahre. Viele Russlanddeutsche glaubten auch an eine bessere Zukunft. Sie täuschten sich.

Zusammenfassung 1

Neue Ökonomische Politik

  • Einführung berechenbarer Steuern anstatt Pflichtablieferungen
  • Senkung der Abgabenlast
  • Ende der Beschlagnahmungen
  • Förderung der Privatinitiative
  • Zulassung des privaten Handels
  • Einführung einer Grund- und Bodenpacht
  • Ermöglichung der Einstellung bezahlter Arbeitskräfte 
Benjamin Pinkus und Ingeborg Fleischhauer, Die Deutschen in der Sowjetunion. Geschichte der nationalen Minderheit im 20. Jahrhunderts, in: Osteuropa und der internationale Kommunismus, hg. von Karl Heinz Ruffmann, Baden-Baden 1987, S. 100.

Quelle 1

Lenin über die Neue Ökonomische Politik: "Wir gehen zurück und zurück und zurück, um vorwärtszukommen."

Diese Politik wird als Neue Ökonomische Politik bezeichnet, weil sie eine Schwenkung zurück vornimmt. Wir gehen jetzt zurück, treten gleichsam den Rückzug an, wir tun das jedoch, um erst zurückzugehen, dann aber einen Anlauf zu nehmen und einen um so größeren Sprung vorwärts zu machen. Nur unter dieser einen Bedingung sind wir bei der Durchführung unserer Neuen Ökonomischen Politik zurückgegangen. Wo und wie wir uns jetzt umgruppieren, anpassen, reorganisieren müssen, um nach dem Rückzug den hartnäckigen Vormarsch anzutreten, wissen wir noch nicht.

Wladimir Iljitsch Lenin, Werke, Bd. 33, ins Dt. übertragen nach der vierten russischen Ausgabe, Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED (Bearb.), Berlin 1971, S. 432.

Aufgabe 1

  1. Beschreibe den Unterschied zwischen der NÖP und der Grundidee des Kommunismus.
  2. Diskutiert in der Klasse die Gründe Lenins für die Einführung der NÖP. Notiert eure Ergebnisse.

Darstellung 1

Gegenseitige Wirtschaftshilfe: die deutschen Genossenschaften

Die NÖP entfachte den deutschen Unternehmergeist von Neuem. Da aber ein effizientes Wirtschaften wegen der Reduzierung der Anbaufläche nicht immer möglich war, schlossen sie sich die Deutschen zu Genossenschaften zusammen. Im Sinne der gemeinsamen landwirtschaftlichen Produktion und Wiederaufbauarbeit hielten sie auch landwirtschaftliche Kurse ab, bestellten Versuchsfelder, organisierten Viehausstellungen, Untersuchungen und Impfungen der Rinder und betrieben Meiereien, Käsereien, Buttereien und Pferdezuchten. Das Konzept war erfolgreich und hob sie über die russische Bauernschaft weit hinaus. Bereits 1926 befand sich die Mehrheit der Kolonisten in den Genossenschaften. [...] Dieses "Treiben" und der bescheidene Wohlstand, den die Genossenschaftler allgemein erzielten, fand in Kreml keine Freunde. Vielmehr galten den Bolschewisten diese Vereinigungen als Horte des verhassten "Kulakentums". Das Ende ereilte sie mit der Zwangskollektivierung Anfang der 1930er Jahre.

effizient: wirksam, leistungsfähig
Meierei: landwirtschaftliches Gut
Kulakentum: Dieser Begriff wird in den nachfolgenden Unterkapiteln erklärt.

Hans Neusatz und Dietrich Erka, Ein deutscher Todesweg. Authentische Dokumente der wirtschaftlichen, kulturelle und seelischen Vernichtung des Deutschtums in der Sowjetunion, in: Die Notreihe, Fortlaufende Abhandlung über Wesen und Wirken des Bolschewismus, hg. von I. Iljin, N. Constantin, H. Neusatz, R. Cramer (Heft 1 und 2), Berlin 1930, S. 32-35.

Aufgabe 2

Die deutsche Minderheit war auch unter der kommunistischen Ideologie erfolgreich. 
Finde Gründe dafür, warum der Erfolg für die Russlanddeutschen zum Problem wurde.
Lies dir dazu die Darstellung 1 aufmerksam durch und beziehe auch den Dialogtext in deine Überlegungen ein.

2. Der 'Kulak' – Feindbild der Bolschewiki

Der Beweis für den Verrat der 'Kulaken'? Bauern verstecken ihr Getreide (November 1930)

Kulak – das war in Russland schon im 19. Jahrhundert eine Bezeichnung für reichere Bauern. Nicht selten wurde diesen wohlhabenderen Bauern auch vorgeworfen, mit unfairen Mitteln reich geworden zu sein. 
Die Bolschewiki erklärten seit Ende der 1920er Jahre die wohlhabenden Bauern zu Feinden der kommunistischen Ordnung. Damit fanden sie einen Sündenbock für die anhaltenden Versorgungsprobleme in der Sowjetunion. Für Stalin waren die 'Kulaken' die Schuldigen, denn sie verkauften nicht alle Erträge und boten sie auch zu großen Teilen auf dem Schwarzmarkt an. Dort konnten sie höhere Preise erlangen.

Die Ursache des Verhaltens der Bauern lag allerdings in der kommunistischen Wirtschaftsordnung: Der Staat zahlte als Aufkäufer schlecht für das Getreide. Die Bauern strebten nach höheren Preisen und pünktlicher Bezahlung, weil sie nur so ihre Höfe vor dem Bankrott bewahren konnten. Stalin aber änderte nichts an der Zahlungsmoral der staatlichen Verwaltungen oder den Preisen. Vielmehr warf er den wohlhabenderen Bauern vor, dem Volk bewusst schaden zu wollen. Sie seien Ausbeuter und Rebellen. Die Bolschewiki begannen die 'Kulaken' als die angeblich Schuldigen an der Krise zu bekämpfen. Beispielsweise sollten sie durch hohe Steuerforderungen in die Knie gezwungen werden.

Viele russlanddeutsche Bauern waren ebenfalls wohlhabend. Der staatliche Druck sollte auch ihre Wirtschaftskraft einschränken und sie zu einem Eintritt in die vom Staat organisierten landwirtschaftlichen Genossenschaften (Kolchosen) zwingen. Auf deren Erträge hatte der Staat den direkten Zugriff. Und der Druck wurde immer höher: Wer seine Abgaben nicht leisten konnte, der wurde vom Haus und Hof verjagt oder eingesperrt. Viele Bauern mussten ihren Hausrat und das Vieh verkaufen, um die hohen Abgaben leisten zu können.

Quelle 2

Stalin behauptet, die NÖP Lenins nicht beenden und die Großbauern nicht vernichten zu wollen (1928)

Das Gerede darüber, dass wir angeblich die NÖP aufheben, die Ablieferungspflicht einführen, die Enteignung der Kulaken betreiben usw., ist konterrevolutionäres Geschwätz, gegen das ein entschiedener Kampf geführt werden muss. Die NÖP ist die Grundlage unserer Wirtschaftspolitik und wird es für eine lange geschichtliche Periode bleiben. Die NÖP bedeutet Warenumsatz und Zulassung des Kapitalismus unter der Bedingung, dass der Staat das Recht und die Möglichkeit behält, den Handel vom Standpunkt der Diktatur des Proletariats zu regulieren. Ohne dies würde die Neue Ökonomische Politik eine einfache Wiederherstellung des Kapitalismus bedeuten, was die konterrevolutionären Schwätzer, die von einer Aufhebung der NÖP reden, nicht begreifen wollen.

konterrevolutionär: gegen die Revolution der Bolschewiki und deren politische Ziele gerichtet

Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU (Hg.), J. W. Stalin, Werke, Band 11, 1928 - März 1928, Berlin 1954, S. 14.

Quelle 3

Stalin über die Getreidekrise und die 'Kulaken' auf einer Reise nach Sibirien (1928)

Sie [die Getreideeintreiber] sagen, der Plan der Getreidebeschaffung sei angespannt, er sei unerfüllbar. Wieso unerfüllbar, wie können Sie das behaupten? Ist es etwa nicht Tatsache, dass die Ernte bei Ihnen in diesem Jahr wirklich unvergleichlich gut ist? Ist es etwa nicht Tatsache, dass der Getreidebeschaffungsplan für Sibirien in diesem Jahr fast der gleiche ist wie im Vorjahr? Warum halten Sie dann den Plan für unerfüllbar?
Sehen Sie sich die Kulakenwirtschaften an: Dort sind die Speicher und Scheunen voll von Getreide, das Getreide liegt, da keine Speicherräume mehr da sind, in offenen Schuppen, in den Kulakenwirtschaften gibt es Getreideüberschüsse von 50000 bis 60000 Pud je Wirtschaft, nicht gerechnet die Vorräte für Saatzwecke, Ernährung, Fütterung des Viehs, und da sagen Sie, der Getreidebeschaffungsplan sei unerfüllbar. Woher dieser Pessimismus bei Ihnen? Sie sagen, dass die Kulaken das Getreide nicht abliefern wollen, dass sie auf eine Erhöhung der Preise warten und es vorziehen, eine hemmungslose Spekulation zu treiben. […] Es gibt aber keine Garantie, dass die Kulaken die Getreidebeschaffung nicht auch im nächsten Jahr sabotieren werden. Mehr noch, man kann mit Sicherheit sagen, dass, solange es Kulaken gibt, auch die Getreidebeschaffung sabotiert werden wird. Um für die Getreidebeschaffung eine mehr oder weniger befriedigende Grundlage zu schaffen, sind andere Maßnahmen notwendig. Was sind das nun für Maßnahmen? Ich meine die Entfaltung des Aufbaus von Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften.

Pud: russisches Gewichtsmaß (16,36 kg)
Pessimismus: Erwartung des Negativen
Kollektivwirtschaften und Sowjetwirtschaften: Landwirtschaftsbetriebe, in die die Bauern ihr Land, ihr Vieh, ihre Gebäude und Geräte einbrachten, um gemeinsam zu arbeiten. Sie waren dann wie Angestellte. Auf diese Betriebe hatten die Kommunisten einen leichteren Zugriff. Die Bauern traten meistens nicht freiwillig diesen Wirtschaften bei. Das Wort Kollektiv bedeutet 'Zusammensetzung'

Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU (Hg.), J. W. Stalin, Werke, Band 11, 1928 - März 1928, Berlin 1954, S. 2-4.

Quelle 4

Staatliche Maßnahmen gegen die 'Kulaken' (1928)

  1. Die Festsetzung der Höhe des mit der einheitlichen Landwirtschaftssteuer zu belegenden Einkommens im individuellen Verfahren wird bei den besonderen Einzelbauernwirtschaften durchgeführt, die durch ihren nichtwerktätigen Charakter und die Höhe ihrer Einkünfte aus der Gesamtmasse der Bauernwirtschaften der betreffenden Gegend hervorstechen. Zu den Kennzeichen, die den nichtwerktätigen Charakter der Wirtschaften und das Vorliegen nicht vollständig erfassbarer Einkünfte festlegen, gehören allgemein Aufkauf und Verkauf, Wucher, das Vorhandensein komplizierter landwirtschaftlicher Maschinen zu dem Zweck, aus ihrer Vermietung Gewinn zu erzielen, Führung der Landwirtschaft durch systematische Beschäftigung von Lohnarbeitern, das Vorhandensein eines gewerblichen Nebenbetriebs [...] usw.
  2. Die Gesamtzahl der Wirtschaften, deren Einkommen individuell festgelegt wird, soll insgesamt etwa 3 % für jede Unionsrepublik betragen.
Stephan Merl (Hg.), Sowjetmacht und Bauern. Dokumente zur Agrarpolitik und zur Entwicklung der Landwirtschaft während des "Kriegskommunismus" und der Neuen Ökonomischen Politik, Berlin 1993, S. 222.

Quelle 5

Bericht über die Folgen des Kampfes gegen die 'Kulaken' für deutsche Kolonisten in der Sowjetunion (Mai 1929)

Die deutschen Kolonisten leiden wirtschaftlich unter dem jetzigen System viel mehr als die Russen, da sie viel mehr zu verlieren hatten und an eine viel kultiviertere Lebenshaltung gewohnt waren. Der typische Kolonistenhof hatte vor der Revolution 8 bis 12 Arbeitspferde und 7 bis 8 Milchkühe; die Mennonitenhöfe waren noch besser gestellt. Heute hat der Normalhof von 16 Deßj. nur 2 Pferde und 1 Kuh. Der frühere Großbauer ist damit zum Kleinbauern herabgedrückt; trotzdem gilt er wegen seiner Vergangenheit vielfach noch als wohlhabend; er besitzt noch stattliche Gebäude, sein Hausrat ist ansehnlicher, er selbst hält sich besser, und dies alles macht die Steuerbehörde immer wieder geneigt, ihn bedeutend stärker zu belasten als den russischen Bauern. Dabei ist der Besitz größerer Gebäude für die auf einen Bruchteil zusammengeschrumpfte Wirtschaft zu einer, unverhältnismäßig großen Last geworden; während die russischen Bauern ihre Hütten annähernd so imstande halten können wie früher, ist dies dem deutschen Kolonisten unmöglich; je größer früher der Wohlstand war, um so ausgeprägter ist heute der äußere und innere Verfall der Häuser. [...] Bis 1927 glaubten die Kolonisten sich allmählich zu einer bescheidenen Höhe emporarbeiten zu können. Diese Hoffnung haben sie jetzt gänzlich verloren. Sie erkennen klar den Kurs der Regierung, der die Einzelbauern so herabzudrücken sucht, daß sie ihr Heil nur noch in der Kollektivierung erblicken. Die große Masse der deutschen Kolonisten lehnt indessen diesen Ausweg auf das Entschiedenste ab. Dem Selbständigkeitsbedürfnis des deutschen Bauern ist der Zwang der kollektivistischen Organisation unerträglich; ein kollektivistisches Gemeinschaftsleben würde er als Hölle empfinden. Zudem sind für ihn kollektivistische Wirtschaft und bolschewistische Gesinnung untrennbare Begriffe.

Hinweis: Der Bericht entstand auf einer Reise auf die Krim und den Bezirk Melitopol im Mai 1929.

Deßj.: Dessjatinen (1 Dessjatine=1,1 Hektar)

Otto Auhagen, Die Schicksalswende des Russlanddeutschen Bauerntum in den Jahren 1927 – 1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, hg. von E. Meyen, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, Leipzig 1942, S. 41f.

3. Entkulakisierung: "Nun aber weg mit Euch!"

"Weg mit den Kulaken aus den Kolchosen!" Wohin? Sie wurden ins Arbeitslager gebracht.

Als Josef Stalin 1929 die Zahlen zur jährlichen Wirtschaftsplanerfüllung vorgelegt wurden, war er unzufrieden. Die Industrialisierung schritt ihm zu langsam voran. Und auch die Landwirtschaft wurde aus seiner Sicht zu langsam kollektiviert. Nur acht Prozent aller Bauern befanden sich in den Kolchosen. Insgesamt war Stalin die Sowjetunion noch zu wenig auf dem Weg zu einer kommunistischen Wirtschaftsordnung. Stalin wollte nun schnelle und rücksichtslose Veränderungen in der Landwirtschaft.

Daher bestimmte er, bis 1934 über 80 Prozent der Bauernwirtschaften in Kollektive zu überführen. Die russlanddeutschen Bauern in der Wolga-Region sollten bis 1930 alle in Kolchosen eingetreten sein. Um diese Ziele zu erreichen, wurden Zwang und Gewalt eingesetzt. Es gab Verhaftungen und Erschießungen. Die Zwangskollektivierung der Bauern bedeutete die wirtschaftliche Vernichtung der 'Kulaken'.

Für die Verfolgungen wurde eine 'Kulakenliste' erstellt. Diese enthielt keine Namen von 'Schuldigen', sondern Gesamtzahlen von 'Schuldigen' in allen Regionen. Die Liste bestimmte zum Beispiel, dass 60.000 "konterrevolutionäre Kulakenbauern" verhaftet und in Arbeitslager gebracht werden mussten. Außerdem sollten 150.000 "Kulakenaktivisten" in unwirtliche Gegenden ausgesiedelt werden. Darüber hinaus wurden noch Enteignungen angeordnet. Insgesamt betrafen die Kollektivierung und die Entkulakisierung eine Million Bauernhöfe mit ca. fünf Millionen Bauern. Unter den Opfern dieser Maßnahmen waren auch sehr viele russlanddeutsche Bauern. Heutige Schätzungen gehen von 700.000 russlanddeutschen Opfern aus.

Die brutale Umgestaltung der Landwirtschaft konnte nicht folgenlos blieben. Wieder gab es eine Hungerkatastrophe. Als die Machthaber in der Sowjetunion am 8. Mai 1933 die erfolgreiche Vernichtung der 'Kulaken' und den Sieg der Kollektivwirtschaften (Kolchosen) verkündeten, waren schon Millionen Menschen gestorben.

Quelle 6

Stalin über die Vernichtung der 'Kulaken' (27. Dezember 1929)

Der charakteristische Zug der Arbeit unserer Partei im letzten Jahr besteht darin, dass wir als Partei, als Sowjetmacht:

a) an der ganzen Front zur Offensive gegen die kapitalistischen Elemente des Dorfes übergegangen sind und dass

b) diese Offensive bekanntlich überaus greifbare positive Resultate gezeitigt hat und weiter zeitigt.

Was bedeutet das? Das bedeutet, dass wir von der Politik der Einschränkung der Ausbeutertendenzen des Kulakentums übergegangen sind zur Politik der Liquidierung des Kulakentums als Klasse. Das bedeutet, dass wir eine der entscheidenden Wendungen in unserer gesamten Politik vollzogen haben und auch weiter vollziehen.

Liquidierung: Hier ist mit dem Wort Liquidierung Vernichtung gemeint.

Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der KPdSU (Hg.), J. W. Stalin, Werke, Band 12, April 1929 - Juni 1930, Berlin 1954, S. 146.

Quelle 7

Keine wolgadeutsche Autonomie, kein Schutz der wolgadeutschen Bauern

Aus einem Bericht des deutschen Diplomaten und Professors Otto Auhagen vor dem Hauptausschuss des Vereins für das Deutschtum im Ausland (7. Juni 1930):

Auch vor dem Siege des Bolschewismus hat es Perioden gegeben, in denen sich die deutschen Kolonisten in Russland national und kulturell bedrückt fühlten, doch unvergleichlich viel schlechter ist ihre Lage in der Gegenwart. Zwar scheint die Verfassung des Rätebundes die nationalen Minderheiten zu respektieren, es gibt eine "autonome" Wolgarepublik, und auch in den übrigen Gebieten der Union, die zusammen an deutschen Kolonisten das Anderthalbfache der Wolgadeutschen zählen, sind der deutschen Bevölkerung ebenso wie anderen nationalen Minderheiten Sonderrechte eingeräumt.
Bei genauer Betrachtung schrumpft indessen diese Privilegierung auf sprachliche Duldung zusammen. In jeder sonstigen Hinsicht, wirtschaftlich, sozial, kulturell ist die Politik des Rätebundes absolut zentralistisch; gleiche Schablone gilt für sämtliche Nationalitäten. Der neue Radikalismus, der seit Ende 1927 herrscht, ist geeignet, die deutsche Kultur in den Wurzeln zu töten. Eine Tragödie sondergleichen spielt sich seitdem in den deutschen Siedlungen ab.

Privilegierung: Ausnahme von der Regel, Bevorzugung
Radikalismus: extreme Einstellung, z. B. in der Politik oder in der Religion
Tragödie: schicksalhafte Entwicklung, die ein schlimmes Ende nimmt

Otto Auhagen, Die Schicksalswende des Russlanddeutschen Bauerntum in den Jahren 1927 – 1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, hg. E. Meyen, Leipzig 1942, S. 137.

Aufgabe 3

  1. Vergleiche Quelle 2 mit Quelle 6. Arbeite die Veränderung in den Positionen heraus und bewerte das Vorgehen Stalins.
  2. Setze dich mit der Formulierung "wolgadeutsche Autonomie" auseinander.

Zusammenfassung 2

Ziele der Entkulakisierung

  • klassenlose Gesellschaft
  • Vernichtung der Großbauernschicht
  • Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln
  • Schaffung von sozialistischen Großbetrieben
  • uneingeschränkte Zugriffsmöglichkeiten auf hergestellte Produkte
  • Beschleunigung der Industrialisierung
  • Verbreitung und Festigung der kommunistischen Ideologie auf dem Land 
Michael Günther, Institut für digitales Lernen

4. Die russlanddeutschen Reaktionen auf die 'Entkulakisierung'

Wer konnte, flüchtete und ließ alles zurück.

Wenn Regierungen ihr Volk oder eine Volksgruppe zu unterdrücken beginnen, versuchen viele betroffene Menschen, der Unterdrückung zu entkommen.
Mennonitische Siedler vor allen aus Sibirien dachten an Flucht. Sie hatten Kontakte nach Kanada und in die Vereinigten Staaten von Amerika. Die sowjetische Regierung wollte Landflucht verhindern und verbot den Bauern häufig die Ausreise. Proteste folgten. Diese mündeten zum Teil auch in Resignation und Gleichgültigkeit. Bald lagen den Behörden Berichte über brachliegende Felder und willentlich verendetes Vieh vor.

Diese Formen des passiven Protestes waren weit verbreitet. Manchmal gingen sie auch in aktive Aufstände über. So nahmen Protestierende beispielsweise Verwaltungsangestellte als Geiseln, um verhaftete 'Kulakenbauern' freizupressen. Manchmal führten die Protestaktionen auch zum Erfolg. Hier und da machten die örtlichen Behörden Zugeständnisse. Mitunter wurden auch Enteignungen zurückgenommen, damit Bauern in die Kollektivwirtschaft eintraten und wieder aktive Landwirtschaft betrieben. Dauerhaft waren solche Abmachungen aber nicht.

Quelle 8

Widerstand von Russlanddeutschen: "Haut ab Ihr Volksverhetzer"

Ende Januar [1930] kam es in der Nähe von Pokrowsk (Republik der Wolgadeutschen) zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und deutschen Kolonisten. Ein Kommunist, der eine Hetzrede gegen die deutschen Kolonisten hielt, wurde verprügelt und lebensgefährlich verletzt. Die GPU nahm daraufhin zahlreiche Verhaftungen vor. In Pokrowsk sind 620 sowjetische Kommunisten aus Leningrad eingetroffen, die einen großen Propagandafeldzug für die Auslöschung der individuellen Bauernwirtschaften führen sollen. Bei dem Eintreffen des Zuges mit den Kommunisten kam es zu erregten Szenen, da die deutschen Kolonisten gegen die Entsendung dieser Kommunisten Einspruch erhoben und forderten, dass die Kollektivierung der deutschen Bauernwirtschaften in der Wolgarepublik auf unbestimmte Zeit vertagt werde.

GPU: seit 1922 die Bezeichnung der Geheimpolizei der Sowjetunion

Hans Neusatz und Dietrich Erka, Ein deutscher Todesweg, Authentische Dokumente der wirtschaftlichen, kulturelle und seelischen Vernichtung des Deutschtums in der Sowjetunion, in: Die Notreihe. Fortlaufende Abhandlung über Wesen und Wirken des Bolschewismus, hg. von I. Iljin, N.Constantin, H. Neusatz, R. Cramer, Heft 1und 2, Berlin 1930, S. 87.

Quelle 9

Fluchtbewegungen

Der deutsche Diplomat Otto Auhagen gibt einen Bericht für den Sommer 1929 wieder, der die Auswanderungsbewegung aufgrund der Entkulakisierung und Kollektivierung schildert:

Die Hoffnung auf bessere Zeiten schwinden im Volk immer mehr. Reichsdeutsche Kolonisten, die seit Jahrzehnten in Russland wohnen, Schweizer, die im Kaukasus an der Hebung der Milchwirtschaft wirkten, verlassen scharenweise das Land, und überaus groß ist die Zahl nicht nur der fremdstämmigen, sondern auch der russischen Bürger der Union, die lieber heute als morgen Abwandernden folgen würden.

In einem weiteren Bericht vom 27. März 1930 heißt es:

Die deutschen Bauern erblicken überall ihre einzige Rettung in der Auswanderung […]. Verzweiflungsaktionen größeren Maßstabes wird voraussichtlich dadurch noch Vorschub geleistet werden, daß im Frühjahr in vielen Bezirken Hungersnot eintreten wird. Die Furcht vor großen Unruhen trägt dazu bei, reichsdeutsche Kolonisten zur Rückwanderung zu bestimmen.

Otto Auhagen, Die Schicksalswende des Russlanddeutschen Bauerntum in den Jahren 1927 – 1930, in: Quellen und Materialien zur Erforschung des Deutschtums in Osteuropa, Bd. 6: Sammlung Georg Leibbrandt, hg. E. Meyen, Leipzig 1942, S. 44 und 119.

5. Hungersnot als Folge der 'Entkulakisierung'

Die Hungersnot wütete am heftigsten in der Ukraine. Das Bild zeigt eine Straße in Charkiw (1933).

Sommer 1932 waren viele deutsche Dörfer völlig verändert: Alle Wirtschaften waren kollektiviert worden und die Bauern hatten kein eigenes Land mehr. Die ehemaligen Großbauern und jene, die man für Großbauern gehalten hatte, waren vertrieben oder ermordet worden. Manche hatten auch fliehen können.

Die eilig geschaffenen Kolchosen waren wirtschaftlich nicht erfolgreich. In vielen landwirtschaftlichen Betrieben herrschte Chaos statt einer planvollen Bewirtschaftung der Felder. Vor den tödlichen Folgen der Zwangskollektivierung hatten auch führende Kommunisten gewarnt. Als 1931 eine Missernte das Land heimsuchte, geriet die Sowjetunion in eine weitere verheerende Versorgungskrise. Stalin wich jedoch nicht von seinem Wirtschaftsplan ab, sondern forderte immer höhere Getreideabgaben. Diese wurden mit Gewalt eingetrieben. Die rücksichtslose Beschaffung von Getreide machte selbst vor dem Saatgut nicht halt.

Dieses Bild (Ähren) von Kurt Hein thematisiert die damalige Hungersnot.
Kurt Hein (1999)
Ähren
RDK

Schließlich kam es wie es kommen musste, die Sowjetunion wurde 1932/33 von einer fürchterlichen Hungernot heimgesucht. Erneut wütete sie am schrecklichsten in diesen ertragreichsten Gegenden des Landes. Stalin hatte nichts von der vergangenen Hungernot gelernt! Schlimmer noch, das Ausland sollte nichts von der Not der Bevölkerung und der Schwäche des 'überlegenen' Kommunismus erfahren, denn die Getreideexporte waren nicht zu gefährden. Schließlich drangen die Nachrichten über die Grenzen, so das Stalin mit gemischten Gefühlen und unter internationalen Druck die Einfuhr von internationalen Hilfspaketen und die Arbeit von Hilfsorganisationen zu ließ. Doch die Angst vor der mitgelieferten Propaganda erwies sich bald größer als die Sorge um das hungernde Volk. So wurden die Hungerhilfen überwacht und nach kurzer Zeit strengstens limitiert.

Der Abtransport des Getreides durch 'Rote Züge' im Oblast Charkiv (1932). Rote Züge nannte man die Wagenzüge, mit denen das Getreide der Bauern abtransportiert wurde.
unbekannt, Central State Audiovisual Archives of Ukraine.
"Red Train" of carts from the "Wave of Proletarian Revolution"
PD

Quelle 10

Das Ende von Onkel Paul

Otto Dreit, 1921 in Saratov geboren, erinnert sich an den letzten Besuch seines Nachbarn während der schrecklichen Hungerkatastrophe von 1932/33:

In unserem Hinterhaus wohnte der Hausmeister, ein Deutscher. Mit seiner Frau, einer Russin, hatte er vier Kinder. Wir Jungs nannten ihn immer nur Onkel Paul. Ausgangs des Hungerwinters, wohl so im März, kam er früh in unsere Wohnung. Ich hätte ihn fast nicht erkannt. Fahlbleich, abgemagert zum Skelett mit tief liegenden Augen stand er in unserer Küche und bat meine Mutter mit leiser, zitternder Stimme um ein Stück Brot. Mutter fragte ihn gleich nach der Frau und den Kindern. Weinend erzählte er, dass Gott sie zu sich genommen habe. Seit drei Tagen hätte er nichts mehr gegessen, er könnte es nicht mehr aushalten. Obwohl ich noch ein Kind war, bemerkte ich sehr deutlich, wie er sich des Bettelns wegen schämte. Unsere Essenration war auch äußerst knapp. Mutter teilte jedem ein kleines Stück Brot am Morgen zu, für den älteren Bruder, der arbeiten ging, hatte sie die Ration im Schrank verschlossen. Wortlos ging sie nun, als sie das Elend des Hausmeisters sah, und schnitt für ihn die Hälfte des für den Bruder bestimmten Brotes ab. Onkel Paul dankte mit Tränen in den Augen. Den angebotenen Tee lehnte er ab. Er wankte, sich mit der Hand an der Wand haltend, auf den Hof. Wenig später ging ich zur Schule und sah ihn am Tor auf der Bank sitzend. Einen Bissen Brot hatte er noch im Mund, das restliche hielt er fest in der Hand. Vor Entkräftung war er eingeschlafen. Als ich am Mittag aus der Schule nach Hause zurückkam, saß er noch immer so da, mit dem Brotkrumen im Mund. Nur das Stückchen Brot war ihm inzwischen von einem anderen Hungrigen aus der Hand genommen worden. Ich stand eine Weile vor ihm, ohne zu begreifen, was passiert war. Schließlich sah ich Insekten über sein Gesicht laufen, erst da erkannte ich: Der Hungertod hatte auch Onkel Paul ereilt.

Institut für digitales Lernen
Getreideexporte der Sowjetunion 1928-1933
CC 4.0 BY-SA

Darstellung 2

Hungerhilfe aus Deutschland und was daraus gemacht wurde

Die Hungersnot rief erneut für internationale Hilfeaktionen hervor, die für die Russlanddeutschen besonders aus Deutschland kamen. In Deutschland organisierte der sogenannte Reichsausschuss 'Brüder in Not' die Hilfsaktivitäten. Als Hitler im Jahr 1933 in Deutschland an die Macht kam, wurden die Hilfsleistungen eingeschränkt und die deutschen Empfänger in der Sowjetunion eingeschüchtert. Die sowjetische Presse verbreitete zum Beispiel, dass die Pakete aus Deutschland 'Hitlerhilfen' und deren Empfänger Agenten der nationalsozialistischen Regierung in Deutschland seien. [...] Verhaftungen, die allein auf der Annahme von deutschen Paketen beruhten, folgten und galten oftmals als Beweis der Spionage.

Erarbeitet von Michael Günther u.a. auf der Grundlage von: Viktor Krieger, Kolonisten – Sowjetdeutsche – Aussiedler, Bonn 2015.

Merkkasten

Der Fünfjahresplan in der Sowjetunion und seine Auswirkungen

Stalin hatte sich für den schnellen Aufbau eines Industriestaat und gegen einen Agrarstaat ausgesprochen. Fünf Jahre, von 1928 bis 1934, gab er seinen Land Zeit für den Umbau. Die Kollektivwirtschaften (Kolchosen) sollten die Ernährungsgrundlage sichern. Von diesen Kolchosen gab es jedoch Ende der 1920er Jahre noch sehr wenige.

Als der Fünfjahresplan in Rückstand geriet, griff Stalin mit Gewalt nach den privaten Bauernhöfen, um sie mit Zwang zu kollektivieren. Die Großbauern sollten ganz entfernt werden. Der harte Eingriff in die ländlichen Strukturen führte zu einer Hungersnot. Letztlich wurde die Industrialisierung in der Sowjetunion tatsächlich beschleunigt. Der Preis dafür waren die Zerstörung der traditionellen Landwirtschaft und 13 Millionen Todesopfer.

Michael Günther, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 4

  1. Ordne die Informationen aus dem Diagramm 'Getreideexporte der Sowjetunion 1928-1933' in die Zeit der Entkulakisierung und ihrer Folgen ein.
  2. Bewerte die politische Ordnung der Sowjetunion.