6.5 Russlanddeutsche Sowjetbürger

Russlanddeutsche im sowjetischen Kartenspiel: ewige Fremde?

Russlanddeutsche im sowjetischen Kartenspiel: ewige Fremde?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
CC 4.0 BY-SA

Kriege fordern von Menschen eine große körperliche und seelische Anstrengung. Sie bedeuten eine ständige Ausnahmesituation. Und immer bedroht der Krieg das Leben – durch Waffengewalt, Hunger oder Seuchen. Wenn Kriege vorbei sind, atmen die Menschen auf. Sie hoffen, dass wieder ein normales Leben möglich wird.
Mich interessiert am Beispiel der Russlanddeutschen, ob es eine solche Normalisierung gab und wie sie genau aussah. Aber, konnte es ein normales Leben unter den Verhältnissen der sowjetischen Diktatur überhaupt geben?

1. Unterdrückung der Russlanddeutschen nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs

Galerie: Gefangene, Vertriebene und Politik nach dem Zweiten Weltkrieg
Bundesarchiv, Bild 146-2005-0141 / Wolf, Helmut J.
Köln-Wahn, Rückkehr Konrad Adenauer aus Moskau
CC 3.0 BY-SA

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hofften viele deportierte Russlanddeutsche auf eine rasche Verbesserung ihrer Lebensumstände. Diese vollzog sich allerdings nur sehr langsam. Die Verpflichtung zur Arbeit unter militärischen Bedingungen in der Trudarmee wurde erst Ende 1946 aufgehoben. Damit gewannen die 'Arbeitssoldaten' aber keineswegs die Freiheit zur eigenständigen Gestaltung ihres Lebens. Ihre Arbeitsplätze durften sie nicht verlassen, allerdings wurde ihnen erlaubt, eine eigene Unterkunft in der Nähe zu suchen. Sie mussten sich in regelmäßigen Abständen bei der Geheimdienst-Kommandantur melden und wurden auch auf anderen Wegen überwacht. 
Im Jahr 1948 beschloss der Oberste Sowjet, die Deportation nicht rückgängig zu machen. Die vertriebenen Deutschen und Angehörige anderer Völker sollten also dauerhaft im Gebiet ihrer 'Sondersiedlungen' bleiben.

1949 zählte das NKWD 1.035.701 deutsche 'Sondersiedler'. Ihre Zukunft war ungewiss. Viele lokale Partei- und Verwaltungsbehörden der Sowjetunion misstrauten ihnen noch lange und wollten auf die billige Arbeitskraft der vielen Unterdrückten auch nicht verzichten.

Im März 1953 starb J. Stalin. Im September 1955 führte die bundesdeutsche Regierung unter Konrad Adenauer Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung über eine erste Normalisierung ihrer Beziehungen. Im Ergebnis der Verhandlungen durften die letzten deutschen Kriegsgefangenen nach Deutschland zurückkehren. Über die Ausreise von etwa 130.000 (verschleppten) Zivilpersonen wurde im Zusammenhang mit den Verhandlungen ebenfalls gesprochen, diese kam aber nicht zustande.
In der Folge durften immer nur kleine Gruppen Deutscher nach Deutschland ausreisen. Das Schicksal der Russlanddeutschen fand als Folge der Verhandlungen jedenfalls wieder mehr Beachtung.

Ende 1955 wurde in der Sowjetunion das Kommandantursystem aufgehoben. Die Russlanddeutschen durften die "Sondersiedlungen" verlassen und nach ihren Angehörigen suchen. In ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete durften sie jedoch immer noch nicht zurückkehren.

Gebiete, in denen Russlanddeutsche nach 1945 lebten.
Robert Trautmannsberger, Institut für digitales Lernen
Die Russlanddeutschen in der Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg
CC 4.0 BY-SA

Quelle 1

Bundeskanzler Adenauer über die Verhandlungen mit der sowjetischen Regierung

Ich ging in die Moskauer Verhandlungen ohne Illusionen. Einer der stärksten Beweggründe, die Reise anzutreten, war mein Wunsch, die Befreiung der in der Sowjetunion noch zurückgehaltenen Deutschen zu erreichen. Zehn Jahre nach Beendigung des Krieges war die Freilassung der deutschen Kriegsgefangenen und Zivilinternierten in der Sowjetunion eine Frage des elementarsten Menschenrechts und mir persönlich ein sehr ernstes Anliegen. Alle Bemühungen der Bundesregierung und der Westmächte um ihre Freilassung waren bisher gescheitert. Ich hoffte, die Regierung der Sowjetunion würde sich darüber im klaren sein, daß das ganze deutsche Volk eine Regelung dieser Frage nunmehr erwartete. Die Frage der Freigabe dieser Deutschen würde für mich maßgebend sein bei der Entscheidung, diplomatische Beziehungen zur Sowjetunion aufzunehmen oder nicht.

Konrad Adenauer, Erinnerungen 1953-1955, Stuttgart 1984, S. 492.

Quelle 2

Dekret des Obersten Sowjets über die Dauerhaftigkeit der Deportationen (1948)

Zwecks Festigung des Siedlungsregimes für die [...] während des Krieges zwangsausgesiedelten Tschetschenen, Karatschaer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutschen, Krimtataren und anderen sowie in Anbetracht der Tatsache, daß bei ihrer Verschickung die Geltungsdauer ihrer Aussiedlung nicht bestimmt worden ist, wird festgelegt, daß die obengenannten Personen in diese fernen Regionen auf ewig ausgewiesen sind, ihnen wird das Recht auf Rückkehr in die früheren Siedlungsorte  aberkannt. – Für den eigenmächtigen Wegzug (Flucht) aus den Orten ihrer Pflichtansiedlung sind die Schuldigen zur strafrechtlichen Verantwortlichkeit zu ziehen. Als Strafzumessung [...] sind zwanzig Jahre Zwangsarbeit anzusetzen.

Regime: Das Wort meint hier die Überwachung und Unterdrückung der Zwangsumgesiedelten an ihren neuen Orten.
Tschetschenen, Karatschaer, Inguschen, Balkaren, Kalmücken, Deutsche, Krimtataren: Völker, die sich auf dem Gebiet der Sowjetunion befanden und die ganz oder teilweise aus ihrer Heimat deportiert worden waren

Alfred Eisfeld und Victor Herdt (Hg.), Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, Dok. 307, S. 311f.

Quelle 3

Dekret des Obersten Sowjets über die Aufhebung der Kommandantur-Aufsicht

Es wird festgestellt, daß die Aufhebung der durch die Sondersiedlung bedingten Einschränkungen für die Deutschen nicht die Rückgabe des Vermögens, das bei der Verschickung konfisziert worden ist, zur Folge hat und daß [die Deutschen] nicht das Recht haben, in die Orte zurückzukehren, aus denen sie ausgesiedelt worden sind.

Alfred Eisfeld und Victor Herdt (Hg.), Deportation, Sondersiedlung, Arbeitsarmee. Deutsche in der Sowjetunion 1941 bis 1956, Köln 1996, Dok. 399, S. 454f.

Aufgabe 1

  1. Fasse den Inhalt der Quellen 2 und 3 stichwortartig zusammen.
  2. Vermute die Wirkungen dieser Dekrete auf die in 'Sondersiedlungen' lebenden Menschen.
  3. Finde Gründe dafür, dass die sowjetische Regierung den Russlanddeutschen auch nach Ende des Zweiten Weltkrieg die Rückkehr in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete verweigerte und ihnen Menschenrechte vorenthielt.

2. Anpassung und bessere Lebenschancen

Galerie: Begrenzter Wandel in der Sowjetunion unter Chruschtschow

Nach dem Tod des Diktators Stalin 1953 und mit der folgenden Entstalinisierungspolitik in der Sowjetunion verbesserte sich Stück für Stück auch das Leben der Russlanddeutschen. Dazu trug auch die wirtschaftliche Modernisierung des Landes in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bei. Russlanddeutsche lebten nun in jenen neuen Gebieten Sibiriens, Kasachstans oder Kirgisiens, in die sie die Deportation verschlagen hatte.

In ihrem Umfeld begegnete man ihnen einerseits mit Misstrauen, weil sie Deutsche waren und die Sowjetunion im Weltkrieg von Deutschland angegriffen worden war, andererseits wurden sie wegen ihrer Arbeitsamkeit und Verlässlichkeit auch immer mehr geschätzt. In der Kasachischen Sozialistischen Sowjetrepublik bemühten sich die kommunistischen Machthaber sogar um russlanddeutsche Bürger, weil sie deren Fähigkeiten bei der Gestaltung des Landes nutzen wollten.

Im Jahr 1955 wurde im Altai-Gebiet die erste deutsche Zeitung nach dem Krieg zugelassen. Seit 1957 gab es eine landesweite, deutschsprachige Wochenzeitung der Russlanddeutschen, die 'Neues Leben'. Wie alle Veröffentlichungen oder kulturellen Veranstaltungen in der Sowjetunion wurde aber auch diese Zeitung kontrolliert und gezwungen, die staatliche Propaganda zu verbreiten. Zur Lockerung der Politik gegenüber den Russlanddeutschen gehörte zudem die Zulassung deutscher Rundfunksendungen, Theatervorführungen und die Erlaubnis zur Eröffnung kultureller Einrichtungen.
Deutsche Schulen, wie sie die Russlanddeutschen sich gewünscht hätten, wurden nicht erlaubt. Im Jahr 1957 wurde jedoch muttersprachlicher Deutschunterricht für russlanddeutsche Schüler eingeführt. Im Jahr 1972 beschlossen die sowjetischen Machthaber sogar eine formale Bewegungsfreiheit für alle unterdrückten Minderheiten und Volksgruppen. Im alltäglichen Leben änderte sich dadurch jedoch kaum etwas, weil die Menschen umfangreiche Melde-, Pass- und Arbeitsgesetzgebungen zu beachten hatten, wenn sie ein Gebiet verlassen wollte.

Entschuldigt sich die Sowjetunion?

Im Jahre 1964 wurden die Russlanddeutschen durch einen Erlass des Obersten Sowjets der Sowjetunion teilweise rehabilitiert. Damit war der Generalverdacht gegen eine ganze Volksgruppe aufgehoben, die Sowjetunion verraten zu wollen und Anhänger der deutschen Nationalsozialisten zu sein.

Quelle 4

Rehabilitation der deutschen Bevölkerung?

Im Erlass des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 "Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben" wurden gegenüber großen Gruppen von deutschen Sowjetbürgern Anschuldigungen erhoben, den faschistischen deutschen Landräubern aktive Unterstützung und Vorschub geleistet zu haben. 
Das Leben hat erwiesen, dass diese pauschal erhobenen Anschuldigungen haltlos und Ausdruck der angesichts des Personenkults um Stalin herrschenden Willkür waren. In Wirklichkeit hat die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung in den Jahren des Großen Vaterländischen Krieges gemeinsam mit dem ganzen Sowjetvolk durch ihre Arbeit zum Sieg der Sowjetunion über das faschistische Deutschland beigetragen, und in den Nachkriegsjahren beteiligte sie sich aktiv am kommunistischen Aufbau.
Das Präsidium des Obersten Sowjet beschließt:

  1. Der Erlaß des Präsidiums des Obersten Sowjets der UdSSR vom 28. August 1941 'Über die Umsiedlung der Deutschen, die in den Wolga-Rayons leben' [...] wird in dem Teil aufgehoben, der pauschal erhobene Anschuldigungen gegen die deutsche Bevölkerung, die in den Wolga-Rayons lebte, enthält.
  2. In Anbetracht der Tatsache, dass die deutsche Bevölkerung in ihren neuen Wohngebieten auf dem Territorium einer Reihe von Republiken, Regionen und Gebieten des Landes fest integriert ist, und die Rayons ihres früheren Wohnsitzes besiedelt sind, werden die Ministerräte der Unionsrepubliken zwecks einer weiteren Entwicklung der Rayons mit deutscher Bevölkerung beauftragt, der auf dem Territorium dieser Rayons lebenden deutschen Bevölkerung auch weiterhin Hilfe und Unterstützung beim wirtschaftlichen und kulturellen Aufbau unter Berücksichtigung ihrer nationalen Eigenart und ihrer Interessen zu gewähren.

pauschal: allgemein, alle betreffend, nicht auf den Einzelfall bezogen
Personenkult: übertriebene Verehrung einer Person; in der Politik: die Betonung der Wichtigkeit einer politischen Führungsfigur, der sich Menschen unterwerfen sollen
Willkür: unberechenbares Verhalten Einzelner, die die Macht haben, Entscheidung zu treffen, die von Gesetzen nicht gedeckt sind

Petra Ferdinand-Storb, Russlanddeutsche in der Bundesrepublik Deutschland. Identität und Anpassung im Kontext der Integrations- und Migrationsforschung, Hamburg 2014, S. 40-41.

Aufgabe 2

  1. Arbeite die in dem Erlass des Obersten Sowjets angegebenen Gründe für die Besserstellung der Deutschen in Russland heraus.
  2. Beurteile die 'Rehabilitierung' der Russlanddeutschen durch den Erlass des Obersten Sowjets.
    Nutze bei der Beurteilung begründet eine oder mehrere der folgenden Formulierungen:

    • volle Gleichstellung der Russlanddeutschen
    • Entschuldigung für erlittenes Unrecht
    • teilweise Entschuldigung für erlittenes Unrecht
    • vorgetäuschte Wiedergutmachung
    • Propaganda des Obersten Sowjets

Diagramm 1

Russlanddeutsche 'Mischehen' (1920er - 1990er)

Eheschließungen zwischen Russlanddeutschen und Menschen anderer Nationalitäten
Tobias Arendt, Institut für digitales Lernen
Diagramm 'Mischehen' in der UdSSR 1920er-1990er
CC 4.0 BY-SA

3. Fallstudie: Der Erfolg des russlanddeutschen Bauern Jakob Hering in der Sowjetunion

Darstellung 1

Das Leben Jakob Herings: erfolgreicher Russlanddeutscher oder Vorzeige-Kommunist?

  • Jakob Hering wurde am 29. Februar 1932 in Katharinenfeld, später Luxemburg, heute Bolnisi, in Georgien geboren.
  • Herings Eltern waren Bauern und Nachfahren schwäbischer Kolonisten. Sein Großvater war Bauingenieur und arbeitete auf Ölfeldern in Aserbaidschan, Iran und in Afrika.
  • 1938 wurde der Vater Jakobs, Herman Hering, während des Terrors der Stalin-Zeit verhaftet.
  • 1941 musste auch der junge Jakob Hering sein Heimatdorf verlassen. Der Krieg und Stalins Politik zwangen die Herings, von Georgien nach Kasachstan umzusiedeln.
  • Dort lebte und arbeite die Familie Hering gemeinsam mit anderen deportierten Landsleuten in der Stalin-Kolchose.
  • Jakob war ein aufgewecktes Kind: Bereits mit dreizehn Jahren war er für das Heizhaus einer Textilfabrik verantwortlich.
  • Mit 16 Jahren wurde Jakob in die sogenannte "Trudarmee" (Arbeitsarmee) einberufen. Er kam in die Kirow-Kohlengrube, die dem KarLAG, der Karagandaer Filiale des GULAG-Systems, unterstand.
  • Bis 1948 arbeitete der minderjährige Hering in der Kohlengrube unter schwierigsten Bedingungen. Es gab Grubenunglücke und viele Arbeiter starben. Sicherheitsvorkehrungen gab es kaum.
  • Er wurde verletzt und war gesundheitlich schwer beeinträchtigt. Daher musste er nach seiner Entlassung aus dem Lager ein ganzes Jahr lang im Krankenhaus liegen.
  • Er begann Schulstoff nachzuholen.
  • Nach dem Tod Stalins begann Hering am veterinärmedizinischen Technikum von Pawlodar ein Studium, das er 1956 erfolgreich beendete.
  • Als Tierarzt ging er in die Kolchose nach Konstantinowka und arbeitete dort unter dem Kolchosvorsitzenden Jakob Brecht als Zootechniker.
  • Er wurde zum Sekretär der Kommunistischen Jugendorganisation (Komsomol) des Kolchos gewählt.
  • 1959 wurde Hering vom Rayon-Komitee der Kommunistischen Partei zum Vorsitzenden der Kollektivwirtschaft mit dem Namen "30 Jahre Kasachische SSR" ernannt.
  • Hering war voller Tatendrang und wollte die Kolchose ausbauen. Er ließ nach Wasser bohren, weil es an Wasser fehlte, um die Produktion ausweiten zu können. Im Jahr 1960 stießen die Bohrungen auf Wasser. Mehrere Brunnen versorgten nun die Kolchose. Hering baute eine erfolgreiche und in der ganzen Sowjetunion bekannte Pflanzen- und Tierproduktion auf.
  • Er wurde als Deputierter in den Obersten Sowjet der Kasachischen SSR, später in den Obersten Sowjet der Sowjetunion gewählt. Auf Parteitagen der KPdSU vertrat er die Kasachische Republik. Im Jahr 1966 bekam er den Ehrentitel "Held der Sozialistischen Arbeit" für die erfolgreiche Entwicklung der Landwirtschaft Kasachstans. Hinzu kam mit dem "Goldenen Stern" die höchste Auszeichnung der Sowjetunion.
  • 1974 gründete Jakob Hering das erste deutsche Folklore-Ensemble nach dem Zweiten Weltkrieg in der Sowjetunion. Es hieß "Ährengold".
  • In Konstantinowka wurde auch ein Heimatmuseum eingerichtet, das u.a. Gebrauchsgegenstände der Bauernfamilien und die Geschichte der deutschen Einwanderung nach Kasachstan dokumentierte.
  • Die Kolchose Herings beteiligte sich jährlich an der Prämierung der besten literarischen Werke sowjetdeutscher Autoren mit Geldpreisen. Die Zeitung "Freundschaft", die seit 1966 für die deutsche Bevölkerung Kasachstans herausgegeben wurde, unterstützte Hering intensiv. Von den Bauern in Konstantinowka verlangte er sogar, die "Freundschaft" zu abonnieren, egal ob sie die deutsche Sprache verstanden oder nicht.
  • Jakob Hering starb im November 1984 an einem Herzanfall. Er wurde auf dem Dorffriedhof beigesetzt. Dessen Tor und Mauer hatte er erst zwei Monate vor seinem Tod errichten lassen. Das schwarze Tor hatte drei Kreuze. Die lutherische und zwei baptistische Gemeinden sangen am Sarg die Seelenmesse.
Verschriftlicht auf der Grundlage eines Gesprächs mit Katharina Neufeld (Museumleiterin des Museums für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold) von Marcus Ventzke.
Galerie: Jakob Hering - ein erfolgreicher Russlanddeutscher in der Sowjetunion
Foto: Museum für russlanddeutsche Kultur in Detmold
http://www.russlanddeutsche.de/
RDK

Darstellung 2

Der berufliche Erfolg Jakob Herings

Galerie: Der berufliche Erfolg Jakob Herings
Institut für digitales Lernen
CC 4.0 BY-SA

Um Konstantinowka herum entstanden Speicherseen und Teiche. Fisch- und Geflügelzuchtanlagen folgten. Das mineralhaltige Wasser wurde zugleich für die Errichtung einer Mineralwasserfabrik genutzt. Diese produzierte in ihren besten Zeiten bis zu vier Millionen Flaschen im Jahr. Dann folgten eine Wurstfabrik, eine Ziegelfabrik und Gewächshäuser, die Pawlodar mit Gurken, Tomaten und Blumen versorgten. Auf Initiative des Kolchosvorsitzenden begannen die Deutschen in Konstantinowka auch Kamele zu züchten, deren Wolle und besonders deren heilkräftige Milch in Kasachstan sehr gefragt sind.

Hering holte begabte Ingenieure, Ärzte, Agronomen und andere Spezialisten nach Konstantinowka. Dort bekamen sie hohe Gehälter, attraktive Wohnungen und kolchoseigene Autos zur privaten Nutzung. Die Versorgung mit preiswerten Lebensmitteln war gesichert. Dazu wurden neue Wohnsiedlungen errichtet. Die Kolchose betrieb auch Kindergarten und Schule. 

Die Kolchose "30 Jahre" wurde berühmt. Presse und Fernsehen berichteten über sie. Über die landwirtschaftlichen Erfahrungen mit der Bewässerung von Ackerflächen ließen sich viele Kolchos-Vorsitzende aus dem ganzen Land informieren. Reisende bewunderten die Wirtschaft, die Pfauen in den Volieren und die Tiere im Dorfzoo. Jakob Hering wurde mit seinen Kamelen und Bären sogar zu einem sowjetischen Filmstar. Drei Dokumentarfilme wurden über Konstantinowka gedreht, darunter ein Streifen mit dem Titel: "Wozu braucht ein Kolchos Bären?"

Katharina Neufeld, Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold

Aufgabe 3

  1. Arbeite die Galerie 'Jakob Hering - ein erfolgreicher Russlanddeutscher in der Sowjetunion' sowie die Darstellungen 1 und 2 durch.
  2. Beantworte folgende Fragen:

    • Weshalb konnte Hering unter den Bedingungen der sowjetischen Diktatur als Russlanddeutscher so erfolgreich werden?
    • Welche Bedeutung hatte die kommunistische Ideologie bei den Entscheidungen Herings?
    • Welche Vorwürfe hätte ein Kritiker Herings ihm zu seinem Lebensweg und seinen Entscheidungen machen können?

4. Deutsche in der Sowjetunion der 1980er Jahre: Freiräume, Assimilation, eine multikulturelle Zukunft?

Das Leben der Russlanddeutschen wurde auch in den 1980er Jahren von den Entwicklungen in der Sowjetunion bestimmt. Nach dem Tode Leonid Breschnews (1906-1982), der die UdSSR von 1964 bis 1982 geführt hatte, geriet die Sowjetunion immer mehr in eine politische Krise. Die Entwicklung der Wirtschaft stagnierte. Sie fiel im internationalen Wettbewerb immer mehr zurück. Gleichzeitig verschlangen die Hochrüstung und die Aufrechterhaltung der sowjetischen Weltmachtposition jedoch Unsummen.

Das Lager Friedland blieb auch in den 80er und 90er Jahren das zentrale Aufnahmelager für Spätaussiedler. Das Bild zeigt eine Familie aus der Sowjetunion, die nach Deutschland übersiedelte (1988).
unbekannt, Bundesarchiv, B 145 Bild-F079036-0007
Lager Friedland, Familie aus Tadschikistan
CC 3.0 BY-SA

Den Russlanddeutschen, die in unterschiedlichen Regionen der Sowjetunion lebten, ging es graduell in den 1960er bis 1980er Jahren besser. Sie wurden nicht mehr prinzipiell verfolgt. Somit hatten sie die Möglichkeit, sich um ein Leben mit Familie, Bildung und Beruf zu bemühen, wie andere Sowjetbürger auch. Oft wurden sie jedoch unfair behandelt: Bei der Vergabe von Studienplätzen oder leitenden Stellungen wurden ethnische Russen meistens bevorzugt.Da eine politische Autonomie oder nationale Minderheitenrechte der Deutschen in der Sowjetunion im Laufe der Jahre immer unwahrscheinlicher wurden, resignierten viele Russlanddeutsche. Sie wollten das Leben in der Sowjetunion hinter sich lassen und bemühten sich um eine Ausreise nach Deutschland. Viele von ihnen gingen in einen der beiden deutschen Staaten.

Galerie: Deutsches Theater in Kasachstan
Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte, Detmold
http://www.russlanddeutsche.de/
RDK

Quelle 5

Misstrauen sowjetischer Funktionäre gegenüber Russlanddeutschen (1975)

Hinweis: Die folgende Mitteilung sendeten Funktionäre der Kommunistischen Partei aus Kasachstan im Jahr 1975 an führende Stellen nach Moskau. Sie bezieht sich auf die verstärkten Bemühungen von Russlanddeutschen um Kontakte in die Bundesrepublik Deutschland (hier: BRD) und eine Ausreise.

Ein Teil der Sowjetdeutschen führt eine breite Korrespondenz mit den im Westen lebenden Verwandten. Besondere Aufmerksamkeit ist der Entlarvung der aufhetzenden Tätigkeit der westdeutschen Wühlzentren sowie mit diesen verbundenen ideologischen Organen der BRD zu widmen.

Zitiert nach: György Dalos, Von Heimat zu Heimat, in: Die Zeit. Geschichte, 7. November 2015 (= http://www.zeit.de/zeit-geschichte/2015/03/russlanddeutsche-auswandern-erster-weltkrieg-perestroika [12.10.2016]).

Darstellung 3

Über das Leben der 'sowjetdeutschen' Natalya Gellert

In den achtziger Jahren wurde Natalya Gellert, eine aus Kasachstan stammende Traktoristin, Mitglied des Zentralkomitees der KPdSU und Abgeordnete des Obersten Sowjets der UdSSR, zur 'sowjetdeutschen' Symbolfigur stilisiert. Mit einem Kasachen verheiratet, war sie als Mutter von drei Kindern, die dreisprachig – deutsch, russisch und kasachisch – aufwuchsen, leuchtendes Vorbild für andere: 'Ich bin stolz darauf, in dieser einträchtigen multinationalen Familie unter so großartigen Menschen aufgewachsen zu sein.'

Peter Hilkes und Gerd Stricker, Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Gerd Stricker (Hg.), Deutsche Geschichte im Osten Europas. Rußland (= Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1997, S. 236.

Darstellung 4

Assimilation oder Ausreise: Die Russlanddeutschen sehen in Russland immer weniger eine Zukunft

Hinweis: Trotz mancher Normalisierungen des Lebens sahen viele Russlanddeutsche in den 1970er und 1980er Jahren in der Sowjetunion keine Zukunft mehr. Ihre Hauptanliegen, nämlich als freie Menschen anerkannt zu werden, ihre Kultur ohne Bevormundung leben und in ihre ursprünglichen Siedlungsgebiete zurückkehren zu können, schienen dauerhaft unerreichbar.

Allmählich machte sich Resignation unter den Deutschen in der Sowjetunion breit; viele sahen nun in der Ausreise nach Deutschland ihre einzige Hoffnung. Zwischen 1970 und 1983 stieg im Zuge der Familienzusammenführung die Zahl der Ausreisen in die Bundesrepublik Deutschland auf über 70.000 an, mit einem Spitzenwert von 9.704 Ausreisen im Jahre 1976. Infolge sowjetischer Restriktionen sank die Zahl in den Jahren 1984, 1985 und 1986 auf insgesamt 2.131, wobei 1985 der Tiefpunkt mit 460 Ausreisen erreicht war.

Einleitung: Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen
Darstellungstext: Peter Hilkes und Gerd Stricker, Die Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg, in: Gerd Stricker (Hg.), Deutsche Geschichte im Osten Europas. Rußland (= Deutsche Geschichte im Osten Europas), Berlin 1997, S. 235.

Merkkasten 1

Russlanddeutsche oder Sowjetdeutsche?

Der Begriff Russlanddeutsche bezeichnet jene Deutschen, die im Laufe der Zeit in das Russische Reich auswanderten, sich dort ansiedelten und heimisch wurden. Er trifft also zum Beispiel auch auf jene Siedler zu, die nach der Einladung der Zarin Katharina II. im 18. Jahrhundert nach Russland gingen. Deutsche Auswanderer lebten im Russischen Reich jedoch nicht nur an der Wolga, sondern auch in anderen Regionen.

Der Begriff Sowjetdeutsche ist eine Bezeichnung der kommunistischen Ideologie der Sowjetunion. Nach dieser Ideologie gab es zwar in der Sowjetunion unterschiedliche Völker und nationale Minderheiten wie z. B. die Georgier, Ukrainer, Kasachen, Kirgisen usw. Diese hatten formal oftmals auch eigene sozialistische Republiken.
Die Menschen auf dem Gebiet der Sowjetunion sollten gemäß der kommunistischen Ideologie in der Zukunft aber keine nationalen oder sozialen Unterschiede mehr aufweisen. Der Kommunismus sollte ihr oberstes Ziel sein, nicht nationale oder kulturelle Unterschiede. Auch die Deutschen wurden von der kommunistischen Partei in diese Ideologie einbezogen. Es ist sehr zweifelhaft, wie viele Menschen sich dieser Ideologie aus Überzeugung anschlossen.

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 4

Bildet eine Gruppe und entwerft Spielszenen zum Leben unterschiedlicher Personen in der Sowjetunion nach 1945.
Bezieht beispielsweise folgende mögliche Situationen ein:

  • Russlanddeutsche resignieren und wollen die Sowjetunion verlassen.
  • Russlanddeutsche sind in der Sowjetunion erfolgreich und steigen beruflich oder gesellschaftlich auf.
  • Russlanddeutsche wollen nur noch Sowjetbürger sein und sich assimilieren.


Dabei könnt ihr etwa folgende Situationen gestalten:

  • Streit in der Schule über die Verwendung der deutschen Sprache
  • Ablehnung einer Zulassung zum Studium
  • Ernennung zu einer höheren Funktion in der kommunistischen Partei
  • Heirat mit einem russischen Lebenspartner
  • Versuch zu einer Kontaktaufnahme mit der bundesdeutschen Botschaft in Moskau (wegen einer Ausreise)
  • Diskussion in der Familie über die Frage, ob man die Sowjetunion verlassen oder bleiben soll

Hinweis

Spielszenen vorbereiten, durchführen und auswerten: Wie macht man das?

Zur Vorbereitung von Spielszenen müsst ihr an folgende Punkte denken:

  • Entwerft einen Konflikt ('Soll ich die Beförderung annehmen, wenn ich dafür in die kommunistische Partei eintreten muss?'; 'Soll ich aufhören, die deutsche Sprache zu nutzen?'; 'Soll ich die Sowjetunion verlassen oder soll ich bleiben?')
  • Entwerft Rollen für die Spielszene ('kommunistischer Lehrer'; 'russlanddeutscher Schüler'; 'Vorgesetzter'; 'Freund, mit dem man sich beraten kann' usw.)
  • Weist die Rollen bestimmten Mitgliedern eurer Gruppe zu.
  • Skizziert Aussagen der Rollen/Personen, in denen ihre Position deutlich.

Bei der Vorführung des Spiels solltet ihr an folgende Punkte denken:

  • Achtet auf Ruhe.
  • Beobachtet die Spielszenen anderer Gruppen. 
  • Notiert den jeweiligen Konflikt und die Positionen der Spieler in den Rollen. 

In der Auswertungsphase solltet ihr das Folgende tun:

  • Die Spieler haben die Möglichkeit, sich über die Rolle und ihr Spielerlebnis zu äußern.
  • Die Beobachter teilen mit, wie sie das Spiel empfunden haben und welche Konflikte sie erkannt haben.
  • Alle Schülerinnen und Schüler der Klasse diskutieren über die Konflikte, Rollen und deren Begründungen.
  • Nachfolgend beurteilt und bewertet ihr die Rollen.
Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen