7.2 Spätaussiedler in Deutschland

Bindestrich-Deutsche im Bindestrich-Bundesland?

Bindestrich-Deutsche im Bindestrich-Bundesland?

Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Header: Spätaussiedler in Deutschland
CC 4.0 BY-SA

Was sind Spätaussiedler? Wo leben eigentlich russlanddeutsche Spätaussiedler in Nordrhein-Westfalen? Und was machen sie da, wo sie leben? Fühlen sie sich wohl oder haben sie Probleme mit ihrem Leben im heutigen Deutschland?

1. Aus russischen und kasachischen werden deutsche Staatsbürger

Galerie: Erstaufnahmeeinrichtungen

Die Aussiedler kamen nach ihrer Ankunft in Deutschland zunächst in Aufnahmelagern unter. Dort wurde von deutscher Seite überprüft, ob die Eingereisten die Voraussetzungen erfüllten, um als anerkannte Spätaussiedler die deutsche Staatsangehörigkeit erhalten zu können. Die Eingereisten mussten nachweisen, dass sie sich in ihren Herkunftsländern 'zum deutschen Volkstum' bekannt und als Deutsche gegolten hatten. Außerdem mussten sie über deutsche Sprachkenntnisse verfügten, die in der Familie vermittelt waren. Dann erhielten sie und ihre Familienmitglieder die deutsche Staatsangehörigkeit und einen deutschen Pass.

Darstellung 1

Rechtliche Stellung von Spätaussiedlern in der Bundesrepublik Deutschland

Seit Ende des Zweiten Weltkrieges werden Vertriebene, Aussiedler und auch Spätaussiedler auf der Grundlage von Artikel 116 Abs. 1 des Grundgesetzes in Deutschland aufgenommen. Sie haben somit den Status von Deutschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit. Mit der endgültigen Feststellung des Spätaussiedlerstatus [...] und Ausstellung der Spätaussiedlerbescheinigung [...] erwerben Spätaussiedler die deutsche Staatsangehörigkeit. Eine Einbürgerung, wie sie bis zum Jahre 2000 noch erforderlich war, ist somit nicht mehr notwendig. Dasselbe gilt für die Ehegatten und Abkömmlinge von Spätaussiedlern, die zuvor vertriebenenrechtlich in den Aufnahmebescheid von Spätaussiedlern einbezogen waren.“

Der Integrationsbeauftragte der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und der Landesbeirat Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen (Hg.), Deutsche aus Russland. Wer sie sind. Woher sie kommen. Was sie mitbringen, 3., überarbeitete Auflage, Düsseldorf 2009, S. 15 (http://www.landesbeirat.nrw.de/publikationen/Deutsche_aus_Russland.pdf [3.6.2016]).

Quelle 1

Auszug aus dem Bundesvertriebenengesetz (BVFG), §15

  1. Das Bundesverwaltungsamt stellt Spätaussiedlern zum Nachweis ihrer Spätaussiedlereigenschaft eine Bescheinigung aus. [...] Bei Personen, die das 16. Lebensjahr vollendet haben, beteiligt das Bundesverwaltungsamt vor Erteilung der Bescheinigung den Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz, den Militärischen Abschirmdienst, die Bundespolizei, das Bundeskriminalamt und das Zollkriminalamt, wenn dies zur Feststellung von Ausschlussgründen [...] geboten ist. Die Entscheidung über die Ausstellung der Bescheinigung ist für Staatsangehörigkeitsbehörden und alle Behörden und Stellen verbindlich, die für die Gewährung von Rechten oder Vergünstigungen als Spätaussiedler nach diesem oder einem anderen Gesetz zuständig sind. Hält eine Behörde oder Stelle die Entscheidung des Bundesverwaltungsamtes über die Ausstellung der Bescheinigung nicht für gerechtfertigt, so kann sie nur ihre Änderung oder Aufhebung durch das Bundesverwaltungsamt beantragen.
  2. [...]
  3. [...]
  4. Eine Bescheinigung kann mit Wirkung für die Vergangenheit nur zurückgenommen werden, wenn sie durch arglistige Täuschung, Drohung oder Bestechung oder durch vorsätzlich unrichtige oder unvollständige Angaben, die wesentlich für ihre Ausstellung gewesen sind, erwirkt worden ist. Die Rücknahme mit Wirkung für die Vergangenheit darf nur bis zum Ablauf von fünf Jahren nach Ausstellung der Bescheinigung erfolgen. [...]
www.gesetze-im-internet.de/bvfg/__15.html [4.6.2016].

Aufgabe 1

  1. Überlege mit Deinen Mitschülern, was mit folgender Passage des Gesetzes aus Quelle 1 gemeint sein könnte:
    "Bei Personen, die das 16. Lebensjahr vollendet haben, beteiligt das Bundesverwaltungsamt vor Erteilung der Bescheinigung den Bundesnachrichtendienst, das Bundesamt für Verfassungsschutz, den Militärischen Abschirmdienst, die Bundespolizei, das Bundeskriminalamt und das Zollkriminalamt, wenn dies zur Feststellung von Ausschlussgründen [...] geboten ist.“
    Welche solcher Ausschlussgründe, die verhindern, dass man die deutsche Staatsbürgerschaft bekommt, könnte es geben? Notiert eure Vermutungen schriftlich.
  2. Sieh dir über folgenden Link die in § 5 des Bundesvertriebenengesetzes genannten Ausschlussgründe an.
  3. Vergleiche deine Vermutungen mit den tatsächlichen Ausschlussgründen.

Zusammenfassung 1

Wer ist ein Spätaussiedler?

  • Abstammung von mindestens einem deutschen Elternteil
  • Bekenntnis zum deutschen Volkstum (Eintragung "Deutscher" im Ausweis/Pass des Landes, aus dem man kommt)
  • einfache deutsche Sprachkenntnisse (nicht im Sprachunterricht erlernt, sondern in der Familie während Kindheit und Jugend. Sprachtest vor Einreise bei einer deutschen Vertretung im Ausland [Botschaft])
  • Ehepartner, Kinder und Enkel müssen ebenfalls Grundkenntnisse der deutschen Sprache haben (seit 1. Januar 2005)
Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

2. Spätaussiedler in Deutschland

Regal mit russischen Spezialitäten in einem Supermarkt in Detmold

Ein deutscher Pass ist wichtig, aber er garantiert einem Neuankömmling in Deutschland nicht, in der deutschen Gesellschaft anzukommen und angenommen zu werden. Dafür benötigt es noch andere Dinge, z.B. einen Arbeitsplatz oder die Möglichkeit, sich selbst und die eigene Familie zu ernähren. Sehr wichtig sind auch Freunde, Nachbarn und Kollegen, die einen kennen, schätzen und akzeptieren. In Deutschland leben heute über 2,5 Millionen Russlanddeutsche, über 500.000 in Nordrhein-Westfalen. Sind sie in Deutschland angekommen?

Diagramm 1

Altersstrukturvergleich zwischen der einheimischen deutschen Bevölkerung und Spätaussiedlern in Prozent (2005)

Vergleichszeitraum Kalenderjahr 2005, Bundesverwaltungsamt Köln http://www.landesbeirat.nrw.de/publikationen/Deutsche_aus_Russland.pdf [3.6.2016].

Darstellung 2

Der Aussiedlerbeauftragten Pfarrer Edgar Born über die Generationenunterschiede bei Russlanddeutschen

1. Die verschwundene Generation:
Während einer Tagung im Institut für Kirche und Gesellschaft, in dem ich arbeite, sagte eine Soziologin im Blick auf die Integration der Russlanddeutschen: 'die … Generation der Spätaussiedler, also diejenigen, die als kleine Kinder kamen oder schon hier geboren wurden, ist aus der öffentlichen Aufmerksamkeit ganz verschwunden.' Zweifellos war das als Kompliment gemeint, oder meinte sie: die sind integriert, weil sie keine erkennbaren, auffälligen Probleme mehr machen? [...]

2. Die mitgenommene Generation:
Vielleicht als Schüler gekommen, womöglich sogar während der Pubertät. Diese Generation hatte eine doppelte Identitätskrise zu bewältigen gehabt: die natürliche und die kulturelle Identitätskrise, die diejenigen erleiden, die die Wanderung zwischen den Kulturen zu einem Zeitpunkt absolvieren, in dem sie noch nicht vollends als Personen gefestigt sind. Manche haben das gut händeln können, andere hatten zu kämpfen – innerlich und äußerlich. Die Narben sind nicht sichtbar, aber spürbar. Oftmals aber – gerade durch die inneren Kämpfe – sehr vitale und flexible Zeitgenossen. [...]

3. Die verlorene Generation:
Zur 'verlorenen Generation' gehört die mittlere Generation, die Zwischlinge; gerade diejenigen, deren Diplome nicht anerkannt wurden, die sich in Leihfirmen verdingen mussten, die weit unter ihren Möglichkeiten beruflich tätig werden mussten, und denen nicht selten Altersarmut droht, weil die rentenkassenrelevanten Zeiten nicht ausreichen werden. Sie fühlen sich vielfach als die Verlierer der Aussiedlung, ohne dass sie – mit Rücksicht auf die anderen Familienangehörigen – davon viel reden. [...]

4. Die übersehene Generation:
Gerade zum 70. Jahrestag des UKAS des Präsidiums des Obersten Sowjets zur Deportation der Deutschen aus dem Wolgarayon (28.8.1941) wurde deutlich, dass noch Zeitzeugen leben, die sich mit ihren traumatischen Erlebnissen von Verschleppung, Zwangsarbeit, Entrechtung, gewaltsam zerrissenen Familien und umgekommenen Familienangehörigen ungehört, nicht wahrgenommen und übersehen fühlen. Ihre Erfahrungen aber müssen irgendwo verortet, beheimatet, integriert werden. Die Erfahrungen mit und in ihrer Heimat gehören zu den Heimatgeschichten aller Deutschen.

Hinweis: Edgar Born ist Aussiedlerbeauftragter der Evangelischen Kirche von Westfalen im Fachbereich Theologische und gesellschaftliche Grundfragen.

Edgar Born, Generationssensible Aussiedlerarbeit. Vortrag zur Fachtagung Aussiedlerarbeit 'Brücken zwischen Welten' am 26.-27.6.2015 in der Landjugendakademie Altenkirchen.

Aufgabe 2

  1. Arbeite die von Edgar Born in Darstellung 2 genannten vier Generationen durch. Markiere die zentralen Merkmale jeder Generation.
  2. Ordne dich selbst nach dem Alter einer der Gruppen zu.
  3. Ordne deine Eltern und Großeltern einer der Gruppen zu.
  4. Ist die Einteilung der Spätaussiedler in die vier Gruppen für dich überzeugend? Begründe deine Meinung.
  5. Nutze die Kommentarfunktion, um Verbesserungsvorschläge zur Beschreibung der Generationen einzufügen.
    Dabei kannst du auch neue Generationen definieren.

Darstellung 3

Spätaussiedler am deutschen Arbeitsmarkt (aus einer Studie des Arbeits-, Integrations-, und Sozialministeriums Nordrhein-Westfalen)

Zwar hatte ein Teil der Aussiedlerinnen und Aussiedler anfänglich Probleme, sich in der neuen Heimat zurechtzufinden, mittlerweile gelten Aussiedlerinnen und Aussiedler als gut integriert.

Aussiedlerinnen und Aussiedler sind seltener ohne allgemeinbildenden Abschluss als die Bevölkerung insgesamt. Der Anteil derer mit einer (Fach-)Hochschulreife entspricht dem der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. 56,5 % der Aussiedlerinnen und Aussiedler haben eine abgeschlossene Berufsausbildung in Form einer Lehre oder eines vergleichbaren Abschlusses und damit mehr als die Bevölkerung insgesamt. Allerdings haben sie seltener einen Hochschulabschluss und sind auch häufiger ohne beruflichen Abschluss als die Bevölkerung insgesamt.

Die Erwerbstätigenquote liegt mit 75,1 % deutlich höher als bei der Bevölkerung insgesamt, insbesondere Aussiedlerinnen weisen eine hohe Erwerbsbeteiligung auf. Die Erwerbslosenquote liegt mit 6,3 % auf dem Niveau der Bevölkerung insgesamt und somit niedriger als bei der Bevölkerung mit Migrationshintergrund. Dies zeigt, dass Aussiedlerinnen und Aussiedler Zugang zum Arbeitsmarkt gefunden haben. Allerdings sind gerade Männer überproportional oft in Arbeiterberufen tätig. Vergleichsweise ungünstig ist die Einkommenssituation der Aussiedlerinnen und Aussiedler. Dies gilt insbesondere für die Gruppe mit höherer Bildung. Hier deuten sich Probleme des Qualifikationstransfers an. Auch zeigt sich an den Unterschieden, die sich nach der Zuzugsperiode erkennen lassen, dass Aussiedlerinnen und Aussiedler keine homogene Gruppe sind.

Probleme des Qualifikationstransfers: Viele Aussiedler kamen in Deutschland mit abgeschlossenen Ausbildungen und Studienabschlüssen sowie jahrelangen Berufserfahrungen aus ihrem Leben in der Sowjetunion an. Diese Qualifikationen wurden in Deutschland aber oft nicht anerkannt. Das zwang viele Aussiedler dazu, in Deutschland Arbeit unter ihrer eigentlichen Qualifikation auszuüben und z.B als Ingenieur eine Hausmeisterstelle anzunehmen. 

Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen (Hg.), Integration der Aussiedlerinnen und Aussiedler
in Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf 2013, S.21.
http://www.landesbeirat.nrw.de/publikationen/131022_Integration.pdf

Darstellung 4

Eine Aussiedlerin in einem Zeitungsartikel über die Integration der Russlanddeutschen

Wir Russlanddeutschen galten in den Neunzigern als kriminelle Säufer, mindestens. [...] Heute, 25 Jahre später, werden wir als Teil einer gelungenen Integration gesehen, als Erfolgsgeschichte. Etwa drei Millionen Aussiedler kamen zwischen 1987 und 2005 aus der ehemaligen Sowjetunion und Osteuropa. Heute sagen die Statistiken: Wir Russlanddeutschen sind nicht häufiger arbeitslos als die anderen Deutschen und auch nicht viel öfter kriminell. Der größte Schlagerstar des Landes ist eine mit altertümlichem Namen, wie nur wir sie haben oder Kinder vom Prenzlauer Berg: Helene. Manchmal singt sie ein russisches Medley und tanzt den Kosakentanz. [...]

Helene: Gemeint ist die russlanddeutsche Sängerin Helene Fischer, die 1988 mit ihrer Familie von Sibirien nach Deutschland aussiedelte.

Viktoria Morasch, Angekommen, Die ZEIT Nr. 16/2016, 7. April 2016, www.zeit.de/2016/16/russlanddeutsche-kasachstan-integration-sowjetunion-aussiedler

Darstellung 5

Eine Russlanddeutsche berichtet über ihre Integrationsanstrengungen als Schulkind

Meine eigenen Listen würde ich heute keinem mehr empfehlen. Damals hatte ich Punkte wie diese aber eisern befolgt:

"Mehr Müsli essen": Dabei schien mir das deutsche Frühstück angemessener für Wellensittiche als für menschlichen Verzehr.

"'Wetten Dass...' gucken": Ich verbrachte viele Abende damit, Deutschen dabei zuzugucken, wie sie Fliegen mit offenem Mund fingen oder sich Maiskörner in die Nase schoben. Dabei hätte ich lieber die russische Sendung "Wo? Was? Wann?" geguckt, in der russische Superbrains knifflige Fragen beantworteten.

"Nicht das R rollen": In einem seltsamen Glauben, dass Russischsprechen meinen Akzent verstärken würde, habe ich mich für ein paar Monate ausschließlich auf Deutsch verständigt. Seitdem hat es sich eingebürgert, dass ich mit meinen Schwestern nur Deutsch spreche.

Ich lernte kohlensäurehaltiges Wasser zu lieben und russischen Pop zu hassen, effizient zu sein und der-die-das zielsicher anzuwenden. Einmal hatte ich mich sogar erkundigt, wie aufwändig ein Namenswechsel wäre. Ich wollte einen möglichst durchschnittlichen deutschen Vor- und Nachnamen, aber meine Eltern erlaubten es mir nicht. Auch sie hätte ich am liebsten umgetauscht, mit ihren peinlichen Akzenten und glänzenden Lederjacken, und stattdessen viel lieber eine deutsche Elternstandardausgabe mit Reihenhaus und Funktionsklamotten gehabt.

Wlada Kolosowa, Ich wollte so deutsch sein wie möglich, Jetzt-Magazin, 25.04.2016, http://www.jetzt.de/hauptsache-daneben/das-sechste-spicegirl

Aufgabe 3

  1. Finde Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen

    • der Liste der Integrationsbemühungen aus Darstellung 5 und
    • den Stereotypen zum 'Deutsch-Sein' in Kapitel 2.1.

  2. Passt sich die Autorin von Darstellung 5 an eine 'deutsche Leitkultur' an? Begründe deine Antwort.
  3. Verfasse einen kurzen Text, in dem du die Gründe dafür erläuterst, dass sich die Russlanddeutschen in den letzten 25 Jahren so gut in die deutsche Gesellschaft integriert haben.

3. Spätaussiedler aus Sicht der Mehrheitsgesellschaft

Russlanddeutsche klagen oft darüber, dass sie für die Russen immer 'Deutsche' gewesen wären und die Deutschen sie jetzt immer als die 'Russen' sehen würden. Wie sieht es mit der Integrationsbereitschaft der deutschen Gesellschaft aus? Hilft sie den Spätaussiedlern, anzukommen oder legt sie ihnen Steine in den Weg?

Diagramm 2

Wie sehen einheimische Jugendliche die Aussiedler?

Barbara Dietz und Heike Roll, Jugendliche Aussiedler – Porträt einer Zuwanderergeneration. Unter Mitarbeit von Georg Greiner, Frankfurt am Main/New York 1998, S. 143.

Darstellung 6

Freundschaften russlanddeutscher Aussiedler in Deutschland

Die Interviewstudie  belegt, daß die Mehrzahl der befragten jugendlichen Aussiedler in Deutschland soziale Beziehungen hat und pflegt, daß sich diese aber in erster Linie innerhalb der Gruppe der Aussiedler bewegen. Ihre Antworten auf die Frage, ob sie sich mehr Kontakte zu einheimischen Jugendlichen wünschten, zeigen jedoch, daß sie mit ihrer isolierten Situation nicht zufrieden sind: 70,4% der befragten Aussiedlerjugendlichen sagten, sie wünschten sich mehr Kontakt zu einheimischen Jugendlichen.

Barbara Dietz und Heike Roll, Jugendliche Aussiedler – Porträt einer Zuwanderergeneration. Unter Mitarbeit von Georg Greiner, Frankfurt am Main/New York 1998, S. 109.

Aufgabe 4

  1. Formuliere in einem Satz die Aussage des Diagramms 2.
  2. Formuliere in einem Satz die Aussage der Darstellungen 3 und 4.
  3. Vergleiche beide Aussagen miteinander.
  4. Suche nach Gründen für die Unterschiede zwischen dem Diagramm 2 und den Darstellungen 3 und 4.

Zusammenfassung 2

Hilfen zur Integration

Im Land Nordrhein-Westfalen gibt es ein 'Kompetenzzentrum für Integration', das von der Bezirksregierung in Arnsberg betrieben wird. Das 'Kompetenzzentrum für Integration' bewilligt u.a. Fördermittel für Integrationsprojekte und vermittelt Wissen über die Integration von Zuwanderern.

Noch nie gesehen? Geh mal auf folgende Internetseite.

4. Exkurs: Der 'Fall Lisa' – Wie deutsch sind Russlanddeutsche?

Russlanddeutsche sind überwiegend sehr gut in die deutsche Gesellschaft integriert. Ihre Aufnahme hat sich als eine Erfolgsgeschichte erwiesen. Ihre Aktivität, ihr Willen, die deutsche Gesellschaft mitzugestalten, auch ihre Sprachkenntnisse sind eine wertvolle Bereicherung der deutschen Gesellschaft. 
Dass viele Russlanddeutsche natürlich Russland und andere Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion sehr gut kennen und auch die russische Sprache verstehen, wollen sich russische Medien und Politiker manchmal jedoch auch zu Nutze machen. Der Erfolg solcher Einflussnahmeversuche war bislang nicht groß. Anfang 2016 sorgte jedoch der 'Fall Lisa' für Schlagzeilen.

Darstellung 7

Russlanddeutsche als Spielball russischer Propaganda?

Im Jahr 2015 setzte ein großer Flüchtlingszustrom nach Deutschland ein. Aus den Kriegs- und Krisenregionen im Nahen Osten und Afrika kamen viele Menschen nach Deutschland, also zum Beispiel aus Syrien, dem Irak und einigen nordafrikanischen Ländern. Dies geschah in sehr kurzer Zeit; etwa 1 Million Menschen im Jahr 2015. Diese Menschen sind überwiegend Moslems. Die Propaganda der staatlich kontrollierten Medien Russlands nutzte diese Situation aus, um in Europa und Deutschland Anhänger für die eigene politische Position zu finden, Menschen zu verunsichern und gegen die demokratischen Regierungen ihrer Länder aufzuwiegeln. Dies gelang auch bei einem kleinen Teil der Russlanddeutschen. Sie demonstrierten gegen eine angeblich steigende Kriminalität und Unsicherheit. Auslöser war die angebliche Vergewaltigung einer russlanddeutschen Jugendlichen (Lisa) in Berlin durch muslimische Flüchtlinge. Diese Geschichte war frei erfunden, führte aber trotzdem zu Demonstrationen einer kleinen Gruppe von Russlanddeutschen, die gegen die deutsche Flüchtlingspolitik protestierte. Der russische Außenminister bezeichnete das angebliche Vergewaltigungsopfer als "unsere Lisa". Beteiligt an der Vorbereitung dieser Demonstrationen war auch ein Verein, der sich 'Internationaler Konvent der Russlanddeutschen' nennt. 

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Darstellung 8

Radio-Feature über fremdenfeindliche Demonstrationen Russlanddeutscher 2016

Hör dir hier den Radio-Beitrag des Westdeutschen Rundfunks über fremdenfeindliche Demonstrationen Russlanddeutscher Anfang 2016 und die Integration der Russlanddeutschen in die deutsche Gesellschaft an. 

Darstellung 9

Der kirchliche Aussiedlerbeauftragte Edgar L. Born über Versuche rechtsradikaler Gruppen, junge russlanddeutsche Männer für sich zu gewinnen

Das beobachte ich schon länger, dass sich diese Gruppen vor allem um Männer im mittleren und jüngeren Alter bemühen. Die Liebe zu ihrer Urheimat, zu einer besonderen Sorte des Deutsch-seins wird da angesprochen. Es ist fatal, dass das Aufnahmeverfahren auf Grundlage des Bundesvertriebenengesetzes von 1953 gerade darauf abhob: nachzuweisen, dass man die deutsche Abstammung hat, sich lückenlos zum deutschen Volkstum bekannt hat, die deutsche Sprache, deutsche Kultur und deutsche Erziehung gepflegt hat. Begriffe, die allesamt übrigens aus dem Sprachgebrauch der Nazizeit stammen. Ihnen wurde suggeriert, dass in der Bundesrepublik alles auf diese Deutschtümelei hinausläuft. Nun finden die Aussiedler solche Begriffe am rechten politischen Rand wieder und denken, es wäre in Ordnung.

Andreas Pankratz, „Man ist bereit, das Skurrile eher zu glauben". Viele Russlanddeutsche vertrauen deutschen Behörden und Medien nicht. Warum, erklärt ein Kenner der russlanddeutschen Community, in: fluter. Magazin der Bundeszentrale für politische Bildung, 8.2. 2016
(http://www.fluter.de/man-ist-bereit-das-skurrile-eher-zu-glauben [30.5.2016]).

Quelle 2

Die Düsseldorfer Erklärung der Deutschen aus Russland

Hinweis: Als Reaktion auf die Demonstrationen und das Presseecho gaben offizielle Vertreter und Verbände der Russlanddeutschen im Februar 2016 diese Erklärung heraus.

Die überwiegende Mehrheit der Deutschen aus Russland in Nordrhein-Westfalen sind gesetzestreue Mitbürgerinnen und Mitbürger, gut integriert und schätzen es sehr, dass wir in einem freiheitlichen, demokratischen Rechtstaat leben. Wir lehnen jeglichen Verstoß gegen die Werte unseres Grundgesetzes und andere Rechtsvorschriften ab. Wir treten deshalb entschieden jeglicher Form von Hetze, Hass und Gewalt gegen Ausländer einschließlich der "neuen" Flüchtlinge entgegen. Dies schließt im Besonderen die Ablehnung der unsäglichen Propaganda über russische Medien, das Internet und soziale Netzwerke ein. Wir verurteilen jegliche Form der Zusammenarbeit mit rechtsradikalen Kräften. [...]

Es fehlt uns an Anerkennung für unseren Beitrag zur politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung unseres Landes. Die Gesellschaft möge anerkennen, dass wir fleißige, anständige und hilfsbereite Mitbürgerinnen und -bürger sind, die sich auch bei der Integration der "neuen Flüchtlinge" engagieren. Es ist notwendig, dass nicht nur wir auf andere zugehen, sondern, dass auch auf uns zugegangen wird.

Düsseldorfer Erklärung der Deutsche aus Russland im Landesbeirat für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen Nordrhein-Westfalen; Mitglieder der Landesvorstände der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, LMDR e.V., VIRA e.V. und des Jugendverbandes JSDR e.V. sowie von weiteren Funktionsträgern der Deutschen aus Russland in Nordrhein-Westfalen, 5. Februar 2016, online einsehbar unter: http://www.landesbeirat.nrw.de/materialien/LBR3.pdf.

Aufgabe 5

  1. Erkläre die Ursachen für die Demonstrationen von Russlanddeutschen im Jahr 2016 gegen die muslimischen Flüchtlinge. Beziehe dafür alle Informationen dieses Kapitels ein.
  2. Führt in der Gruppe ein Streitgespräch zu folgender Frage: "Sind die russlanddeutschen Demonstranten von 2016 gut in die deutsche Gesellschaft integriert?"

Aufgabe 6

  1. Drehe ein kurzes Handy-Video, in dem du deine Zukunftswünsche und -pläne beschreibst.
  2. Zeige dieses Videos in der Gruppe.
  3. Diskutiert in der Gruppe über eure Wünsche und Pläne.
  • Was ist an euren Wünschen und Plänen realistisch?
  • Was benötigt ihr, um eure Wünsche und Pläne umsetzen zu können?
  • Was muss sich in der deutschen Gesellschaft in Zukunft dringend ändern?