7.3 Mitmachen in der deutschen Gesellschaft, Politik und Wirtschaft

Wo und wie in der Gesellschaft mitmachen (können)?

Wo und wie in der Gesellschaft mitmachen (können)?

Mir sind 2,4 Millionen Russlanddeutsche bislang in Deutschland gar nicht aufgefallen. Ich frage mich: Wie leben russlanddeutsche Menschen in der deutschen Gesellschaft. Sind sie zurückgezogen oder engagieren sie sich?

1. Arbeiten und eigenständig sein – ein starkes Bedürfnis russlanddeutscher Spätaussiedler

Entwicklung der Arbeitslosenquote der Russlanddeutschen in NRW (2001-2009)
Tobias Arendt, Institut für digitales Lernen
Arbeitslosenquote Russlanddeutsche in NRW
CC 4.0 BY-SA

Die Spätaussiedler kommen meistens mit einer hohen Motivation nach Deutschland. Das bedeutet, sie sind sehr stark daran interessiert, eine Arbeit zu finden, Geld zu verdienen, anerkannt zu werden sowie sich und ihren Familien ein gutes Leben aufzubauen.

Dafür nehmen sie auch schwierige Umstände in Kauf und versuchen, Probleme zu lösen. Welche Probleme sind das? Zum Beispiel werden die in der Sowjetunion oder ihren Nachfolgestaaten erworbenen beruflichen Abschlüsse von Russlanddeutschen in Deutschland oftmals nicht anerkannt. Viele Menschen müssen also umschulen, neue Berufe erlernen und in andere Branchen wechseln. Um arbeiten zu können, nehmen viele Russlanddeutsche auch weite Arbeitswege in Kauf. Die Arbeitslosenquote unter Russlanddeutschen ist niedriger als im deutschen Durchschnitt.

'Häuslebauer': hoher Familienzusammenhalt, Organisationstalent und Anpassungsfähigkeit führen zum Erfolg

Nicht immer finden die Russlanddeutschen in ihrer Umgebung Verständnis. Manchmal werden ihnen Sozialbetrug und illegale Geschäfte unterstellt. Auch wenn solche Unterstellungen nicht zutreffen, tauchen sie immer wieder auf. Warum? Das kann man zum Beispiel mit dem Hausbau erklären: Viele Spätaussiedler beginnen schon bald nach ihrer Ankunft in Deutschland, ein Haus für ihre Familien zu bauen. Einheimische Familien der Nachbarschaft wundern sich oft darüber, denn sie sparen sehr lange, ehe sie einen Hausbau beginnen. Hohe Verschuldung und lange Abzahlung des Kredits sind ebenfalls 'normal'.
Wie machen das die Spätaussiedler? Ganz einfach: Sie haben einen hohen Zusammenhalt in der Familie, legen ihre Ersparnisse zusammen, bauen selbst oder helfen mit, statt Firmen bauen zu lassen. Sie nutzen also alle Möglichkeiten, um preiswert bauen zu können und Unterstützungen zu bekommen.

Darin zeigt sich eine typische Eigenschaft von Russlanddeutschen: Sie sind gewohnt, auch in schwierigen Situationen Lösungen zu finden und viele Arbeiten selbst zu machen. Sie bauen Werkzeuge selbst, nutzen die kostengünstige Arbeitskraft von Familie und Freunden usw. Diese Eigenschaft ist in Mangelgesellschaften weit verbreitet. Man kann sie auch bei Menschen aus der ehemaligen DDR beobachten.

Darstellung 1

Ein Artikel über deutschen Neid auf russlanddeutsche Häuser

Der Zeitungsbericht hebt zunächst hervor, dass es in der deutschen Gesellschaft mitunter Neid auf die Unterstützung der Spätaussiedler durch den Staat gibt:

Und Neid ist [...] überall zu spüren. Neid auf die Rentner, die ein Leben lang gearbeitet, aber nie in die deutsche Rentenkasse einbezahlt haben; Neid auf die Fahrräder der Aussiedlerkinder; Neid auf die schmucken Eigenheime, die sich viele Rußlanddeutsche schon nach kurzer Zeit errichten: "Woher haben die Russen denn das Geld zum Bauen?" zetern die Stammtische.

Wie solche Neidgeschichten Einheimischer entstehen, wird ebenfalls erklärt:

Gerüchte über enorme Begrüßungsgelder, billige Baukredite und ständige Schwarzarbeit zischeln durchs Dorf.

Und schließlich wird das schnelle Ankommen der Russlanddeutschen in der deutschen Gesellschaft auch erklärt:

Kaum einer der Sohrener will wissen, daß in den Aussiedlerhäusern mehrere Generationen unter einem Dach wohnen. Daß Verwandte und Bekannte mit Geld aushelfen und beim Bau kräftig anpacken. Daß die Rußlanddeutschen in der Fremde, der Heimat ihrer Ahnen, eng zusammenrücken.

Scott Mccormack, "Für mich sind das keine Deutschen", DIE ZEIT 11/1996, 8.März 1996, zitiert nach: www.zeit.de/1996/11/Fuer_mich_sind_das_keine_Deutschen [10.10.20016].

Darstellung 2

Ging es den Russlanddeutschen nach der Übersiedelung wirtschaftlich besser oder schlechter?

Wir können sagen: Angekommen in Deutschland ging es mehreren Russlanddeutschen hier wirtschaftlich viel besser als in der ehemaligen Sowjetunion, auch wenn sie dort angesehene Fachleute gewesen waren. Hier waren ihre beruflichen Positionen oft weniger angesehen. Das höhere Einkommen in Deutschland bedeutete für die Russlanddeutschen aber nicht, grenzlose kulturelle und soziale Vorteile ergriffen zu haben in der neuen alten Heimat.

Katharina Neufeld, Museum für russlanddeutsche Kulturgeschichte Detmold

Merkkasten 1

Subsistenzwirtschaft

Subsistenzwirtschaft ist eine Wirtschaftsform. Alle Arbeit dient in dieser Wirtschaftsform vor allem der Selbstversorgung. Überschüsse (Gewinne) werden nicht vorrangig angestrebt. Oftmals wird diese Wirtschaftsform auch von politischen, klimatischen oder geologischen Umständen erzwungen; Menschen müssen vor allem das reine Überleben sichern.
Dazu werden folgende Vorgehensweisen genutzt: Selbsthilfe ('Eigenbau'), Tauschhandel, Erschließung kostenloser natürlicher Ressourcen (Holz sammeln in Wäldern), Nachbarschaftshilfe, Herstellung und Verkauf einfacher handwerklicher Produkte usw.

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 1

  1. Wörtlich übersetzt bezeichnet Subsistenzwirtschaft eine Wirtschaft, die durch sich selbst bestehen bleibt.
    Erläutere den Begriff mit eigenen Worten und anschaulichen Beispielen.
  2. Beziehe den Begriff Subsistenzwirtschaft auf das Verhalten von russlanddeutschen Spätaussiedlern in Deutschland.
  3. Beurteile, inwiefern der Begriff auf das heutige Leben russlanddeutscher Spätaussiedler übertragen werden kann.

2. Russlanddeutsches Unternehmertum – ein Beispiel

Die 'Weiz Industrie- und Robotertechnik' ist eine Firma, die ihren Sitz in Kürten im Rhein-Bergischen Kreis hat. Der Firmeninhaber Waldemar Weiz ist Russlanddeutscher und hat in Nordrhein-Westfalen ein Industrieunternehmen aufgebaut, das Spezialteile für robotergesteuerte Produktionsanlagen herstellt. Die Firma hat vielfältige Kontakte nach Russland und Kasachstan und verkauft einen großen Teil seiner Produkte nach Osteuropa.

Es gibt auch einen Unternehmerverband der Deutschen aus Russland, dem gegenwärtig 35 Mitglieder angehören. 70 Prozent dieser Mitglieder sind Selbständige. Sie sind in vielen Branchen tätig, vom E-Commerce bis zur Medizintechnik, vom Handel bis zum Baubetrieb.

Quelle 1

Waldemar Weiz über sich als russlanddeutscher Unternehmer

Es ist eigentlich egal, ob man Russlanddeutscher oder anderer Herkunft ist. Unternehmer zu sein, ist die Hauptsache. Durch eigenes Handeln übernimmt man die Verantwortung für sich und auch für die Familie und das Umfeld. Allerdings ist die Selbständigkeit keine Selbstverständlichkeit für Menschen mit Migrationshintergrund. Viele unserer Landsleute kommen aus kleinen Dörfern in Russland und Kasachstan (genau so wie ich). Und die Tatsache, dass diese Menschen Fuß im neuen Land fassen und den Schritt in die Selbständigkeit wagen, ist eine große Herausforderung und ein großer Erfolg. Das fasziniert mich an unseren Unternehmern.“

Simon Schütt, "Dann kommt da eben oft nichts mehr." Waldemar Weiz über die Geschäfte russlanddeutscher Unternehmer mit Russland in der Krise, in:
Moskauer Deutsche Zeitung. Unabhängige Zeitung für Politik, Wirtschaft und Kultur, 3.8.2015, zitiert nach: http://www.mdz-moskau.eu/russlanddeutsche-unternehmer/ [5.6.2016].

3. Mitmachen in der Politik

Russlanddeutsche sind auch Teil der deutschen Politik geworden. Man kann es etwa an Heinrich Zertik sehen, der seit 2013 erster russlanddeutscher Angeordneter des Deutschen Bundestages ist. Sein Wahlkreis ist Höxter-Lippe. Zertik wurde 1957 in Kastek, in der früheren Sowjetunion (Kasachische Sozialistische Sowjetrepublik) geboren und kam mit seiner Familie 1989 nach Deutschland. Seine Fachgebiete sind Aussiedler- und Minderheitenpolitik, Menschenrechte, Kultur und Medien.
Viele Russlanddeutsche sind auch in der Kommunalpolitik engagiert. Sie kümmern sich um Jugendarbeit, Schulpolitik, Wirtschaftsansiedlungen u.ä.

Hier ist ein Link zur Homepage von Heinrich Zertik.

Julia Iwakin ist Vorsitzende des Jugend- und Studentenrings der Deutschen aus Russland e. V. (JSDR e. V.). Der Verein veranstaltet Kinder- und Jugendsommerfreizeiten, bietet Sport- und Freizeitangebote an, dazu zählen auch Maßnahmen zur politischen Bildung. Der Jugend- und Studentenrings der Deutschen aus Russland hält auch engen Kontakt zu Vereinen in Russland und Kasachstan.

Institut für digitales Lernen, Sprecherin: Iwakin
Interview: Julia Iwakin, Über ihr politisches Engagement
CC 4.0 BY-SA

Aufgabe 2

  1. Werte die Interviews mit Julia Iwakin und Heinrich Zertik aus.

    • Was ist ihnen besonders wichtig?
    • Was war entscheidend für ihren Weg in Deutschland?

  2. Sammle weitere Geschichten, die das Engagement Russlanddeutscher in der deutschen Gesellschaft zeigen.
  3. Bereite mit diesen Informationen einen Vortrag zum Thema 'Russlanddeutsche gestalten die deutsche Gesellschaft mit' vor.

Darstellung 3

Die Herausforderungen bei der Integration

Die ehemaligen russlanddeutschen Kolonisten, die jetzt in Deutschland leben, stehen in erster Linie vor der Aufgabe, sich die deutsche Sprache anzueignen und sich an die Umgebung zu assimilieren, unter anderem auch deswegen, weil die für sie charakteristischen Züge (Konservatismus, ein gewisser Provinzialismus, in der Sprachkompetenz: eine archaische Mundart oder Russisch) von der Umgebung negativ beurteilt werden. Sie streben nach dem Monolinguismus (Standarddeutsch) und möchten ihre besondere Identität als Russlanddeutsche aufgeben, was ihnen nicht immer gelingt. [...] Danach verändert sich ihr Selbstverständnis, was in den Selbstbezeichnungen 'Deutsche aus Russland', 'Russlanddeutsche', 'Russen-Deutsche' oder 'rusaki' zum Ausdruck kommt.

Larissa Naiditsch, Die deutsche Sprache als identitätsstiftender Faktor der Russlanddeutschen. Ein historischer Überblick, in: Hans-Werner Retterath (Hg.), Russlanddeutsche Kultur: eine Fiktion? Referate der Tagung vom 22./23. September 2003 (= Schriftenreihe des Johannes-Künzig-Instituts, Bd. 7), Freiburg i. Br. 2006, S. 159-188, hier S. 184.

Quelle 2

(Russlanddeutsche) Politiker über die Integration der Russlanddeutschen in NRW

Rund 620.000 Spätaussiedler sind in Nordrhein-Westfalen beheimatet und gehören zu unserem Land. Hinter der Zahl stehen in großer Mehrheit gut integrierte Russlanddeutsche sowie Deutsche aus den früheren GUS Gebieten. Das kulturelle Zusammenleben und die zu würdigende Lebens- und Integrationsleistung förderten die Weiterentwicklung unseres Landes, vor allem in den Bereichen der Kultur und der Wirtschaft.

Pressemitteilung des Landesvorsitzenden der Ost- und Mitteldeutschen Vereinigung (OMV) der CDU NRW Heiko Hendriks MdL, des stellvertretenden Landesvorsitzenden Heinrich Zertik MdB und das Bundesvorstandsmitglied der OMV der CDU Werner Jostmeier MdL zur Integration der Russlanddeutschen in Nordrhein-Westfalen, 10.3.2016, zitiert nach: http://lmr-nrw.com [30.5.2016].

Darstellung 4

Was macht Russlanddeutsche für die deutsche Gesellschaft so wertvoll?

Erbringen Spätaussiedler besondere Leistungen für die Gesellschaft? Spätaussiedler bringen ein hohes Maß an sozialer Kompetenz, insbesondere im Zusammenleben mit Menschen anderer Sprache, Kultur und Religion mit, sowie die Bereitschaft eines Engagements bei Wirtschaftsunternehmen mit osteuropäischen Tätigkeitsfeldern. Viele von ihnen sind bereits im Herkunftsland ausgebildete Fachkräfte und sind somit ein wertvolles Potential für die hiesige Wirtschaft. Die Leistungsbereitschaft und -fähigkeit von Russlanddeutschen im Sport wurde bei Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften (wie zum Beispiel im Frauenfußball oder in diversen Kampfsportarten) mit zahlreichen Medaillen belohnt.

Spätaussiedler sind durchschnittlich jünger als die deutsche Wohnbevölkerung. Dadurch leisten sie langfristig einen positiven Beitrag zur demographischen Entwicklung. Aufgrund der günstigen Altersstruktur zahlen sie mehr in die sozialen Sicherungssysteme ein, als sie diesen entnehmen.

Deutsche aus Russland. Wer sie sind. Woher sie kommen. Was sie mitbringen, hg. vom Integrationsbeauftragten der Landesregierung Nordrhein-Westfalen und vom Landesbeirat Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen, 3., überarbeitete Auflage, Düsseldorf 2009, S. 20, zitiert nach: http://www.landesbeirat.nrw.de/publikationen/Deutsche_aus_Russland.pdf [3.6.2016].

Aufgabe 3

  1. Sammelt in der Gruppe negative Erfahrungen Russlanddeutscher in der deutschen Gesellschaft.
  2. Worin liegen die Ursachen für diese negativen Erfahrungen?
  3. Können politische Regelungen etwas dazu beitragen, diese negativen Erfahrungen zu verhindern? Verfasst einen Brief an den Landtagsabgeordneten eures Wahlbezirks und stellt darin Forderungen auf, die aus eurer Sicht das Leben von Menschen russlanddeutscher Abstammung in Deutschland erleichtern können.