8.1 Anders deutsch: Russlanddeutsche Erfahrungen und Identitäten

Man muss die nationalen Brillen absetzen...

Man muss die nationalen Brillen absetzen...

Oft werden die Russlanddeutschen von der einheimischen deutschen Bevölkerung gesehen wie andere Einwanderer, die nach Deutschland kommen. Ich frage mich, was die Russlanddeutschen von anderen Einwanderern unterscheidet? Was bedeuten die Erfahrungen, die sie in der Vergangenheit gemacht haben, für die deutsche Gesellschaft, für Russland und für Europa?

1. Russlanddeutsche – Menschen mit besonderen Erfahrungen

Russlanddeutsche: Meister der Anpassung? ('to adapt' = engl. 'sich anpassen')

Was ist die Besonderheit der Russlanddeutschen? Sie haben Erfahrungen mit unterschiedlichen Kulturen gesammelt, weil sie ihre Heimat verlassen haben oder ihre Lebensorte unter Zwang wechseln mussten. Ursprünglich hatten sie sich auf den Weg gemacht, weil sie ein besseres Leben suchten. Sie nahmen im 18. Jahrhundert ihre Sprache, ihre Gewohnheiten, ihre Eigenschaften und Werte nach Russland mit.

Schon seit dem späten 19. Jahrhundert wurden die Russlanddeutschen immer öfter angefeindet, weil sie eben keine Russen waren und deshalb verdächtig erschienen. Ihre Kultur haben sie daher immer öfter verstecken müssen. Sie wurde wie in eine Kapsel eingeschlossen. Und der Kern dieser Kapsel war der Umgang von Eltern mit ihren Kindern: Die Mütter gaben z. B. ihre Sprache an die Kinder weiter, wenn sie deutsche Lieder sangen oder etwas vorlasen. Das blieb auch in den ganzen harten Zeiten der Verfolgung und Deportation so.

Seit den späten 1980er Jahren kamen viele Russlanddeutsche in das Land ihrer Ahnen zurück. Dieses Land aber hat sich grundlegend gewandelt: Im Deutschland von heute lernt niemand mehr Deutsch mit der Bibel Martin Luthers. Das Deutschland von heute ist weltoffen, kulturell gemischt und garantiert allen Religionen ihre Freiheit. Die deutschen Rückkehrer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion mussten sich also erneut mit neuen Lebensgewohnheiten der Menschen ihrer Umgebung auseinandersetzen, sich auch anpassen und in ein neues Leben finden.

Darstellung 1

Menschengruppen als 'Völker', 'Nationen', 'Klassen', 'Mannschaften', 'Vereine' ... – Was soll das?

Menschen leben nicht allein. Sie schaffen sich Gemeinschaften, zu denen sie gehören wollen. Das hat Vor- und Nachteile.

Vorteile: Wenn man einer Gruppe angehört, gewinnt man Freunde. Man kann sich über gemeinsame Eigenschaften und Erfahrungen austauschen und von anderen Gruppen abgrenzen. Das alles verschafft Menschen das gute Gefühl, irgendwo 'dazuzugehören'.

Nachteile: Manchmal werden Menschen aber auch gezwungen, einer bestimmten Gruppe anzugehören und sich zu ihr zu bekennen. Oder sie werden mit Zwang oder Gewalt aus bestimmten Gruppen entfernt. In Diktaturen ist dies immer wieder der Fall. Alleinherrscher, die ihre Macht sichern wollen, schaffen z.B. Parteien oder andere Gruppen, zu denen nur ausgewählte Menschen zugelassen werden. Dazu müssen sie sich beispielsweise zur Ideologie der Herrschenden bekannt haben. Oder sie müssen einer bestimmten Volksgruppe oder sozialen Schicht angehören. (In kommunistischen Diktaturen war es etwa die Zugehörigkeit zur sogenannten Arbeiterklasse, die Menschen Vorteile verschaffte. Im Nationalsozialismus wurden in Deutschland Menschen jüdischen Glaubens zur Gruppe der 'Juden' zusammengefasst und vom normalen Leben im Staat völlig ausgeschlossen.)

Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Aufgabe 1

  1. Beschreibe ein Beispiel für eine Gruppe von Menschen, der du angehörst.
    Welche Vorteile hat es, dieser Gruppe anzugehören?
    Welche Nachteile hat es, dieser Gruppe anzugehören?
  2. Äußere Deine Meinung zur deutschen Nation.

2. Was ist russlanddeutsche Identität heute in Deutschland?

Wenn du denkst, diese Frage ließe sich leicht und eindeutig beantworten, haben wir als Autoren in Kapitel 3 etwas falsch gemacht. Aber auch wenn man auf diese Frage nicht die eine Antwort finden kann, lohnt es sich doch, einmal darüber nachzudenken. Ich werde in ein paar Vorschläge machen, woraus sich russlanddeutsche Identität heute zusammensetzen könnte.

Der Header des mBook Russlanddeutsche Kulturgeschichte visualisiert Stereotype über Deutsche.
Wie schwer es sein kann, wirklich als deutsch anerkannt zu werden, haben wir in Kapitel 2.1 gezeigt.
Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Typisch deutsch!, Header Mentalität und Kultur
CC 4.0 BY-SA

Deutsch sein

Das klingt banal, ist es aber nicht. Für Deutsche ohne Migrationshintergrund ist das Deutschsein oft etwas nebensächliches, eher ein Randaspekt der eigenen Identität. Russlanddeutsche haben zum Deutschsein einen anderen Bezug. Über lange Zeit wurden sie (oder ihre Eltern und Großeltern) für ihr Deutschsein diskriminiert, verfolgt und manchmal getötet. Und seit ihrer Ankunft in Deutschland müssen sie darum kämpfen, als Deutsche anerkannt zu werden. Nicht als deutsche Staatsbürger - das sind sie. Aber dafür, von ihren Mitmenschen nicht länger als 'Russen', sondern als Deutsche wahrgenommen zu werden.

Der Header des mBooks Russlanddeutsche Kulturgeschichte verbildlicht Stalins Terror gegen Deutschstämmige in Russland.
Vor allem zur Zeit des Stalinismus waren die Russlanddeutschen Opfer von Verfolgung und Terror (siehe Kapitel 6.4).
Günther Herrler, Institut für digitales Lernen
Header Stalin Terror
CC 4.0 BY-SA

Opfer sein

Ein Identitätsaspekt für viele Deutsche ist es, Nachkomme von Tätern - Nationalsozialisten, Kriegstreibern, Völkermördern - zu sein. Die Russlanddeutschen zählten nun aber nicht zu den Tätern, sondern zu den Opfern der großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts (siehe Kapitel 6). Es ist aber nicht leicht, in Deutschland über deutsche Opfer etwa des Zweiten Weltkriegs zu sprechen. Das heißt, dass russlanddeutsche Erinnerungen und Erfahrungen nur selten mitgeteilt und gehört werden.

Das eigene Haus aus eigener Kraft gebaut – ein Grund, stolz zu sein.

Stolz auf Eigenleistung

Russlanddeutsche sind ein lebendiges Beispiel dafür, wie Länder von Migration profitieren können: Vor 250 Jahren haben sie durch Arbeit, Zähigkeit und Innovationsbereitschaft mitgeholfen, Russland zu modernisieren. Jetzt sind sie als Spätaussiedler in Deutschland erneut überdurchschnittlich fleißig, ehrgeizig und zielstrebig. Die Russlanddeutschen erreichen oft hohe Bildungsabschlüsse, sind selten arbeitslos und schaffen als selbstständige Unternehmer Arbeitsplätze. Sie helfen sich gegenseitig bevor sie den Staat um Hilfe bitten.

Anders als die anderen zu sein, kann auch eine Chance bedeuten.

Anders/Besonders sein

Die Erfahrung, anders als die Mitschüler, Kollegen oder Freunde zu sein, wird von Russlanddeutschen häufig gemacht. Das Mittagessen zu Hause, der Dialekt der Eltern, das Fernsehprogramm im Wohnzimmer - all das können Merkmale sein, durch die man sich von den anderen Deutschen unterscheidet. Im besten Fall kann dieser Unterschied aber auch positiv gedeutet werden: man ist etwas Besonderes. Man spricht vielleicht eine Sprache, die in Deutschland nur wenige beherrschen, man hat Erfahrungen gemacht, die andere nicht gemacht haben.

Aufgabe 2

  1. Ordne zu: Welche der im Text genannten Aspekte treffen auf alle Migrantengruppen zu, welche sind speziell russlanddeutsch? Begründe deine Entscheidungen.
  2. Finde Beispiele für die Altersabhängigkeit der oben genannten Identitätsaspekte. Warum sind manche Merkmale für einen 80-jährigen Russlanddeutschen wichtiger und andere für einen 16-jährigen?
  3. Sucht gemeinsam nach weiteren möglichen Identitätsaspekten, die spezielle russlanddeutsch sind.

Darstellung 2

Eine ältere Russlanddeutsche über ihr Leben in Deutschland

Unter den Suchbegriffen 'Russlanddeutsche Oma' findest du auf YouTube ein Interview mit einer älteren Russlanddeutschen über ihr Leben in Deutschland.

Quelle 1

Helene Fischer über ihre russlanddeutsche Herkunft

Helene Fischer stammt aus einer russlanddeutschen Familie. Ihre Großeltern lebten ursprünglich an der Wolga und wurden 1941 nach Sibirien deportiert. Dort, in Krasnojarsk, wurde Helene Fischer am 5. August 1984 geboren. Ihr Vater, Peter Fischer, arbeitete als Sportlehrer, ihre Mutter, Maria Fischer, war Ingenieurin. Im Jahr 1988 siedelte Helene Fischer mit ihrer Familie nach Deutschland über. Sie ist heute die erfolgreichste Künstlerin der Unterhaltungsmusik in Deutschland. In diesem Interview erzählt sie kurz ihre Geschichte.

Darstellung 3

Was sind 'Bleibehilfen' für Minderheiten?

Um den Zustrom von Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion und anderen Ländern des ehemaligen Ostblocks zu verringern, hat die deutsche Regierung unterschiedliche Maßnahmen beschlossen. Sie sollen dazu führen, dass Menschen in ihren Siedlungsgebieten bleiben und sich dort eine Zukunft aufbauen können, wo sie geboren wurden – in Russland, in der Ukraine, in Kasachstan usw. Dabei kann man zwei Phasen der Hilfe unterscheiden:

  • In den 1990er Jahren wurden wirtschaftliche Projekte und Siedlungsbau unterstützt. Dabei wurden z.B. Firmengebäude, Wohnungen, Sozialeinrichtungen und Krankenstationen errichtet sowie Maschinen und Ausrüstungen gekauft.
  • In der Gegenwart wird das Geld vor allem für die Unterstützung von Vereinsgründungen, den Unterhalt von Begegnungsstätten, die Förderung von Sprachenkursen, Sport, Kultur und Jugendarbeit ausgegeben. Auch Ausbildungsprogramme und Städtepartnerschaften werden gefördert. 
Auf der Basis von: Grundlagendossier Migration, 15.3.2005, http://www.bpb.de/gesellschaft/migration/dossier-migration/56395/aussiedlermigration [23. Mai 2016].

3. Die Sache mit dem Deutsch-sein

Die Russlanddeutschen kommen nach Deutschland und alles ist anders als sie gedacht haben. Die Kultur und Gesellschaft sind verwirrend vielfältig. Altes deutsches Brauchtum - Trachten, Lieder, Tänze - wird von vielen Deutschen belächelt oder gar als antiquiert und nationalistisch abgelehnt. Es gibt Menschen die türkische und vietnamesische Namen haben und dennoch behaupten, deutsch zu sein und die deutsche Staatsangehörigkeit besitzen. Das soll Deutschland, die Heimat der Vorfahren sein?

Die Russlanddeutschen kommen nach Deutschland und die deutsche Gesellschaft ist verwirrt. Da kommen Menschen mit einen seltsamen Dialekt, die untereinander oft russisch sprechen, aber beleidigt reagieren, wenn man sie Russen nennt. Menschen, die darauf bestehen, anders als die anderen Migranten zu sein, weil sie ja deutsch sind. Die sich aber ähnlich verhalten wie die anderen Migranten: Sie bleiben gern unter ihresgleichen, haben ihre eigenen Läden, ihr eigenes Essen, ihr eigenes Fernsehen. Wenn die wirklich deutsch sind, warum sind die dann so anders?

Die Lösung dieses Problems liegt vielleicht darin, anzuerkennen, dass es viele Arten und Möglichkeiten gibt, deutsch zu sein. Oder, wie es Dr. Katharina Neufeld im Interview unten ausdrückt: "Wir sind anders, das ist aber nicht schlimm."

Quelle 2

Düsseldorfer Erklärung der Deutschen aus Russland

Die überwiegende Mehrheit der Deutschen aus Russland in Nordrhein-Westfalen sind gesetzestreue Mitbürgerinnen und Mitbürger, gut integriert und schätzen es sehr, dass wir in einem freiheitlichen, demokratischen Rechtstaat leben. Wir lehnen jeglichen Verstoß gegen die Werte unseres Grundgesetzes und andere Rechtsvorschriften ab. Wir treten deshalb entschieden jeglicher Form von Hetze, Hass und Gewalt gegen Ausländer einschließlich der "neuen" Flüchtlinge entgegen. Dies schließt im Besonderen die Ablehnung der unsäglichen Propaganda über russische Medien, das Internet und soziale Netzwerke ein. Wir verurteilen jegliche Form der Zusammenarbeit mit rechtsradikalen Kräften. [...]

Es fehlt uns an Anerkennung für unseren Beitrag zur politischen, wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Entwicklung unseres Landes. Die Gesellschaft möge anerkennen, dass wir fleißige, anständige und hilfsbereite Mitbürgerinnen und -bürger sind, die sich auch bei der Integration der "neuen Flüchtlinge" engagieren. Es ist notwendig, dass nicht nur wir auf andere zugehen, sondern, dass auch auf uns zugegangen wird.

Quelle: Düsseldorfer Erklärung der Deutsche aus Russland im Landesbeirat für Vertriebenen-, Flüchtlings- und Spätaussiedlerfragen Nordrhein-Westfalen; Mitglieder der Landesvorstände der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland, LMDR e.V., VIRA e.V. und des Jugendverbandes JSDR e.V. sowie von weiteren Funktionsträgern der Deutschen aus Russland in Nordrhein-Westfalen, 5. Februar 2016, online einsehbar unter: http://www.landesbeirat.nrw.de/materialien/LBR3.pdf.

Quelle 3

Was ist heute in Deutschland 'typisch deutsch'? Der Showmaster Thomas Gottschalk und der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn Rüdiger Grube unterhalten sich

Thomas Gottschalk:
Ich bin durch und durch typisch deutsch. Auch wenn ich teilweise in Kalifornien lebe, würde ich mich nie zu einem Weltbürger hochstilisieren. Im Gegenteil. Ich halte die deutschen Tugenden, so es sie noch gibt, für wertvoll. Die besten Deutschen sind allerdings die, die länger im Ausland gelebt haben und sich dort den preußischen Drill und protestantischen Ernst etwas abgeschliffen haben. Ich kenne einen alten Maler und Anstreicher, der heißt Horst und ist Berliner, 81 Jahre alt und arbeitet immer noch. Als Lehrling hat er die Ziffern der Turmuhr auf dem Schöneberger Rathaus vergoldet. Davon schwärmt er heute noch. Man spürt den deutschen Handwerkerstolz, der ist ihm wichtig, der bleibt. 

Rüdiger Grube:

Ich lebe nach Werten. Ein Grundsatz, den wir uns immer wieder zu Herzen nehmen sollten, ist mir dabei besonders wichtig: 'Behandle andere, wie du selbst behandelt werden willst.' Nur so schafft man es auch, auf dem Teppich zu bleiben.

Deutschland, was ist aus dir geworden?, in: DB mobil, 10 (2015), S. 13.

Darstellung 4

Wer ist ein Deutscher? Jugendliche aus russlanddeutschen Familien und einheimische deutsche Jugendliche im Vergleich

Mehr als die Hälfte (57,3%) aller befragten Aussiedlerjugendlichen gaben auf die Frage, wer ihrer Beurteilung nach Deutscher sei, unter anderem die Antwort, deutsch sei, wer deutsche Vorfahren habe. [...] Die Herkunft aus einer Familie mit deutschen Vorfahren hat für die ausgesiedelten Jugendlichen in Deutschland einen hohen Stellenwert, vor allem für die Gruppe, deren Eltern beide deutsch sind [...]. Dies kann damit zusammenhängen, daß für viele jugendliche Aussiedler die deutschen Vorfahren zur Legitimation werden, um ihren Aufenthalt in Deutschland zu rechtfertigen, vor sich selbst und ihrer Umwelt – eine Legitimation, die ihnen auch von staatlicher Seite vorgegeben wird. Gleichzeitig wenden sie das ethnisch definierte Identifikationsmuster, das sie selbst erfahren, auf andere Gruppen an. Es kann als Abgrenzung gegen Immigranten ohne deutsche Vorfahren, z.B. türkische Jugendliche, greifen und ist somit auch eine soziale Ausgrenzungsstrategie, die die Jugendlichen bereits aus eigener Erfahrung aus Kasachstan, Mittelasien und manchmal auch Rußland kennen. [...]

Nach dem Befragungsergebnissen favorisiert die Mehrheit der Interviewten einheimischen Jugendlichen ein republikanisches Konzept, d.h. für sie ist deutsch, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt (41,1%) oder wer in Deutschland aufgewachsen ist (41,1%). Nur 18,6% der Befragten nannten deutsche Vorfahren als ein Kriterium zur Beurteilung deutscher Zugehörigkeit, wobei fast alle Befragten dieser Einschätzung zusätzlich ein kulturelles oder staatsbürgerliches Merkmal hinzufügten. Das angeführte Merkmal 'in Deutschland aufgewachsen sein' kann als Ausschlusskriterium gegen Aussiedler gewendet werden, da diese ja in Kasachstan oder in Rußland geboren sind, schließt aber in Deutschland geborene ausländische (z.B. türkische oder italienische) Jugendliche ein.

Barbara Dietz und Heike Roll, Jugendliche Aussiedler - Porträt einer Zuwanderergeneration, Frankfurt am Main/New York 1998, S. S. 47f.

Aufgabe 3

  1. Markiere in den Texten der Quelle 4 die dort genannten Merkmale für typisches Deutschsein.
  2. Lege eine vierspaltige Tabelle an, in die du diese Merkmale von T. Gottschalk und R. Grube stichwortartig einträgst.
  3. Überlege dir, was für dich heute 'typisch deutsch' ist. Trage deine Merkmale in die dritte Spalte der Tabelle ein.
  4. Befrage deine Eltern danach, was für sie 'typisch deutsch' ist. Notiere deren Antworten in der vierten Spalte.
  5. Vergleiche die Angaben in den vier Spalten. Stelle dazu Gemeinsamkeiten und Unterschiede fest.

Darstellung 5

Zwei russlanddeutsche Gedichte über die Zweisprachigkeit

Nelly Wacker (1919-2006): Zwei Muttersprachen

Als seltnen Reichtum hat das Leben
zwei Muttersprachen mir gegeben:
Bei Mutter ich die eine fand,
die andre spricht mein Vaterland

Ich trank der beiden Sprachen Ton
in meiner frühsten Kindheit schon
wie Muttermilch, um dann zu bauen
aus ihren Klängen das Vertrauen
zum Leben. Meiner Mutter Liebe
ist in dem Klange mir verblieben...
Und beider Wort, vom Lied umschlungen,
ist oft mir tief in Herz gedrungen...
Wie hat das Märchen Poesie
und trauter Verse Melodie
mich oftmals himmelhoch geschwungen!

Durch dunkle Jahre lang und bang
behüte ich ihren Klang...
Sie waren beide immer wieder
für mich Begleiter, Freund, Behüter...

 

 

Johann Warkentin (1920-2012): Verkehrte Welt

Für alles, alles fand sich Zeit!
Den Führerschein noch irgendwie zu machen,
ein Haus zu kaufen oder zu verschachern;
Belege mussten her? - Kein Weg zu weit!

Ja, Zeit für alles - nur nicht für die Sprache!
Das schaffe ich mit links, die Kleinigkeit
Erledige ich drüben, später, nachher:
"M´r sein jo Deitsche!" ... und jetzt kommt das Leid.

Und kommt auch die moralische Entrüstung:
Was hier im Ausweis steht will keiner wissen
– Sie wollen Deutsch von mir, nicht Russisch hören!

Dort war mein gutes Russisch für die Katz
– Die Pass-Inschrift war aller Dinge Maß.
Wie soll man sich da, sag mir, nicht empören.

Nelly Wacker, Zwei Muttersprachen, zitiert nach: Hans Christoph Graf von Nayhauss, Aspekte russlanddeutscher Literatur nach 1990, in: Manfred Durzak und Nilüfer Kuruyazici, Die andere Deutsche Literatur. Istanbuler Vorträge. Würzburg 2004, S. 193
Johann Warkentin, Verkehrte Welt, zitiert nach: Valentina Zaretchneva, Johann Warkentin, Vermittler zwischen Kulturen, in: Manfred Durzak und Nilüfer Kuruyazici, Die andere Deutsche Literatur. Istanbuler Vorträge. Würzburg 2004, S. 198 f.

4. Die Rück-Rückkehrer

'Menschen befugt sind zu leben wo immer sie wollen', Willkommenssäule vor einem Flüchtlingswohnheim in Bremen.

Nach der Ankunft in Deutschland standen nicht wenige Russlanddeutsche vor großen Schwierigkeiten. Neben den Problemen des Neuanfangs erlebten viele Spätaussiedler auch Einsamkeit und Isolation. Andere merkten, dass ihnen die kasachischen oder russischen Herkunftsgebiete mehr ans Herz gewachsen war, als sie gedacht hatten.

Auf einmal erschien daher manchen Spätaussiedlern das frühere Leben gar nicht so schlecht, mitunter sogar einfacher und gemeinschaftlicher. Mit dem Ersparten aus Deutschland konnte man in Russland oder anderen Nachfolgestaaten der Sowjetunion vielleicht sogar ein kleines Haus bauen oder einen Betrieb gründen – so ihre Hoffnung.

Manche Russlanddeutschen entscheiden sich, nach Russland oder Kasachstan zurückzukehren. Wie viele Menschen das tun, ist nicht genau zu sagen. Es handelt sich in jedem Fall um eine kleine Gruppe. Fest steht aber, dass seit einiger Zeit in den russischen und kasachischen Herkunftsgebieten der Spätaussiedler wieder russlanddeutsche Rückkehrer eintreffen. Und sie wollen bleiben.

Darstellung 6

Ein Bericht über russlanddeutsche Rück-Rückkehrer

Hier von russlanddeutschen Rückkehrern nach Russland berichtet. Dabei werden einzelne Personen und ihre Beweggründe dargestellt.

Marina Wilms hat erst vor kurzem über ihre Zukunft entschieden. Seit zwei Jahren lebt sie wieder [...] in einem sibirischen Dorf. [...] Ihr Dorf Protassowo liegt in der [Umgebung] von Halbstadt, dem Zentrum des Deutschen Nationalrajons im Altai [...]. Die Lebenswege der russlanddeutschen Heimkehrer ähneln sich, gespeist aus ihrer kollektiven Geschichte: Weltkrieg und Vertreibung nach Sibirien, die Aussiedler-Welle nach der Wiedervereinigung, das Pulsieren zwischen zwei grundverschiedenen Ländern.

Zuvor hatte Marina 21 Jahre in Gütersloh gelebt. Nun übersetzt sie beim Forum in Omsk für Gäste aus Deutschland. Auch die 36-Jährige spricht von "Herzgefühl, Heimat und der Mentalität der Leute", wenn sie nach den Gründen für ihre späte Rückkehr gefragt wird. Die Entscheidung sei gemeinsam gefällt worden. Und das auf gut Glück - jetzt müssen sie sich und ihren Kindern ein neues Leben aufbauen. [...]

Marina ist nicht enttäuscht von Deutschland: "Ich bereue es nicht, 20 Jahre meines Lebens dort verbracht zu haben. Aber die Heimat hat gerufen." Wie [andere Russlanddeutsche] hatte Marina es schwer, eine Arbeit zu finden. Erst seit September dieses Jahres hat sie eine Stelle in der Dorfverwaltung, leitet nebenbei den deutschen Kulturverein im Nachbardorf. Ein besseres Leben hätten ihre Eltern einst in Deutschland gesucht. Marina glaubt jetzt, dass sie es in Sibirien gefunden hat.

Bojan Krstulovic, Sterne in der Steppe. Zu Besuch bei Russlanddeutschen, die ihr Glück wieder in Sibirien suchen, Moskauer Deutsche Zeitung, 4.12.2014 (www.old.mdz-moskau.eu/sterne-der-steppe/ [23.11.2016]).
Auswandern nach Russland - Von Deutschland nach Sibirien
https://www.youtube.com/watch?v=jVATXHtV5Co

Aufgabe 4

  1. Suche nach Gründen dafür, dass russlanddeutsche Spätaussiedler entweder Deutschland oder Russland/Kasachstan etc. als Heimat ansehen. 
    Beziehe dabei das Kapitel Kapitel 3.3 ein.
  2. Erstelle eine Tabelle mit zwei Spalten. Die eine Spalte erhält die Überschrift: 'deutsche Heimat', die andere Spalte: 'russische/kasachische Heimat'.
    Trage die Gründe in die Tabelle ein.
  3. Diskutiert in der Gruppe folgende Fragen: 
  • Hört ein Russlanddeutscher irgendwann auf, ein Russlanddeutscher zu sein? 
  • Ist man irgendwann nur noch russisch oder nur noch deutsch? Diskutiert in Kleingruppen und vergleicht eure Ergebnisse.