7. Methode: Zeitzeugen

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Methodenseite Zeitzeuge
CC 4.0 BY-SA

Bei einem Kriminalfall befragt man vor Gericht Zeugen des Tathergangs. Kann jemand besser wissen wie sich etwas ereignet hat, als derjenige, der dabei war? Im Fernsehen werden bei historischen Dokumentationen auch sehr oft Zeitzeugen befragt.
Wenn wir also ganz genau wissen wollen, wie es in der Vergangenheit war, müssen wir einfach nur Leute befragen, die dabei waren, oder? Dass es leider nicht so einfach ist, werde ich dir in diesem Kapitel zeigen.

Ein Zeitzeugeninterview wird gefilmt.
Florian Sochatzy, Institut für digitales Lernen
Zeitzeugeninterview
CC 4.0 BY-SA

Die Erinnerung von Menschen ist von vielen unterschiedlichen Dingen abhängig. Erinnerungen verändern sich im Laufe des Lebens. Menschen versuchen z.B. sehr oft, die Erlebnisse ihres Lebens so in die Geschichten, die sie über sich erzählen, einzufügen, dass eine erfolgreiche Lebensgeschichte entsteht. Das tun sie meistens gar nicht bewusst, sondern es passiert einfach im Laufe der Zeit.

Andere Menschen verändern ganz bewusst bestimmte Episoden in ihrem Leben. Je öfter sie diese 'neue' Geschichte erzählen, desto 'wahrer' wird sie. Am Ende glauben sowohl Erzähler als auch Zuhörer diese Geschichte.

Zudem können Zeitzeugen immer nur an einem ganz kleinen Ausschnitt der Vergangenheit teilgenommen haben. So können sie eine Ausnahmesituation erlebt haben, die für die meisten anderen Menschen nicht zutrifft. Eine kurze Zusammenfassung der 'Stolpersteine bei der Arbeit mit Zeitzeugen' findest du im Merkkasten 1. 

Merkkasten 1

Stolpersteine bei der Arbeit mit Zeitzeugen

  • Im Laufe der Zeit gehen Erinnerungen verloren, sie werden vergessen.
  • Zeitzeugen haben meist nur einen Ausschnitt des Geschehens an einem bestimmten Ort und in einer bestimmten Rolle erlebt. 
  • Das Gedächtnis verändert sich ständig, um gewandelte Lebensumstände  und neue Erfahrungen in die eigene Lebensgeschichte einzubauen. 
  • Erfahrungen anderer Menschen werden mit der Zeit oftmals als eigene Erfahrungen empfunden und ausgegeben. 
  • Geschichten werden in den jeweiligen Kulturen nach bestimmten Erzählmustern erzählt. Die eigene erlebte Geschichte wird an solche Muster angepasst und damit verändert. 
  • Zeitzeugen haben eigene Absichten, sie wollen oftmals der nächsten Generation 'etwas mitgeben'. Der Zeitzeuge erzählt also seine Geschichte heute und für Menschen, die heute leben. 
  • Zeitzeugen gelten als besonders glaubwürdig. Ihre Aussagen müssen aber genauso kritisch untersucht werden wie andere Quellen und Darstellungen.
  • Interviewer von Zeitzeugen fragen oftmals nicht kritisch nach, weil sie das als unhöflich empfinden.
  • Zeitzeugengespräche sind sowohl Quellen aus der Vergangenheit, als auch Darstellungen über die Vergangenheit. Die Erlebnisse der Zeitzeugen sind Quellen, ihre Geschichten sind die Darstellung dieser Erlebnisse.
Florian Sochatzy, Institut für digitales Lernen

Methode 1

Durchführung einer Zeitzeugenbefragung

Folgende Hinweise beziehen sich auf eine Zeitzeugenbefragung, die ihr in der Gruppe vorbereitet und durchführt.

Vorbereitung:

  • Wählt einen zum Thema passenden Zeitzeugen aus.
  • Legt das Ziel des Interviews fest: Was wollt ihr erfahren? Wie lautet eure Fragestellung?
  • Vereinbart einen Termin und bereitet euch technisch (Kamera, Ton, Beleuchtung usw.) und inhaltlich (Erarbeitung eines Fragenkatalogs) gründlich vor.
  • Übt mit euren Mitschülern die Interviewsituation sowohl technisch als auch inhaltlich. 

Fragenkatalog: 

  • Beginnt mit einfacheren Fragen. Stellt eure wichtigen, komplexeren Fragen nicht ganz am Anfang.
  • Ermittelt Angaben zur Person des Interviewpartners (Name, Geburtsort und -datum usw.).
  • Vermeidet Suggestivfragen (z.B.: "Sie glauben doch auch, dass...?").
  • Stellt Fragen nach den Gründen ("Warum meinen Sie, dass...?").
  • Geht vom Allgemeinen zum Konkreten (Trichterverfahren).
  • Fragt nach der Meinung eurer Gesprächspartner.

Gesprächsverlauf:

  • Hört aufmerksam zu.
  • Entwickelt aufgrund der Antworten neue Fragen. Haltet euch nicht sklavisch an euren Fragenkatalog. Verliert bei neuen Fragen aber nicht euer Ziel aus den Augen. 
  • Fragt bei unklaren Antworten und Begriffen nach. 
  • Je konkreter die Frage, desto konkreter die Antwort.
  • Lasst den Gesprächspartner aussprechen. Stellt nicht sofort eine neue Frage sobald ihr denkt, der Zeitzeuge sei mit seiner Antwort fertig. Oftmals kommen interessante Antworten erst nach etwas Bedenkzeit. Keine Angst vor Gesprächspausen.
  • Im Ausnahmefall könnt ihr das Interview unterbrechen, wenn ihr merkt, dass ihr immer weiter von eurem Ziel abkommt (z.B. "Kommen wir wieder zu unserer Frage zurück.").
Waltraud Schreiber, Institut für digitales Lernen

Darstellung 1

Der Autor Thomas Brussig über die Erinnerung

Wer wirklich begreifen will, was geschehen ist, der darf sich nicht den Erinnerungen hingeben. Die menschliche Erinnerung ist ein viel zu wohliger Vorgang, um das Vergangene nur festzuhalten; sie ist das Gegenteil von dem, was sie zu sein vorgibt. Denn die Erinnerung kann mehr, viel mehr: Sie vollbringt beharrlich das Wunder, einen Frieden mit der Vergangenheit zu schließen, in dem sich jeder Groll verflüchtigt und der weiche Schleier der Nostalgie über alles legt, was mal scharf und schneidend empfunden wurde. Glückliche Menschen haben ein schlechtes Gedächtnis und reiche Erinnerungen.

Groll: Zorn, der lange anhält
Nostalgie: positive Hinwendung zur Vergangenheit ('Ach, früher war alles besser.')

Thomas Brussig, Am kürzeren Ender der Sonnenallee, Berlin 1999, S. 156-157.