8. Methode: schriftliche Quellen

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Methodenseite Schrift
CC 4.0 BY-SA

Durch schriftliche Hinterlassenschaften können wir erfahren, was Menschen in der Vergangenheit erlebt und getan haben. Seit Tausenden von Jahren schreiben und lesen Menschen. Für nahezu jeden Zweck wurden und werden schriftliche Aufzeichnungen genutzt. Aus ihnen wissen wir, wenn Menschen erfolgreich waren, verliebt waren oder große Angst empfanden.
Diese Methodenseite soll dir helfen, schriftliche Quellen zu untersuchen. Solche Untersuchungen gehen weit über das Durchlesen und Herausschreiben von Informationen hinaus. Manchmal gleicht die Entschlüsselung von Quellen fast einer Detektivarbeit.

1. Arbeit mit schriftlichen Quellen und Darstellungen: eine eigene Geschichte erzählen oder die Geschichte anderer verstehen

Texte, Texte, überall Texte! Bleib ganz ruhig! Es ist gar nicht so schwer, mit den vielen unterschiedlichen Arten von Texten umzugehen. Alles hängt davon ab, welche Frage du an Geschichte stellst. Es gibt zwei Möglichkeiten: Möchtest du wissen, wie andere Menschen, zum Beispiel Historiker, über die Vergangenheit gedacht haben oder möchtest du etwas über die Vergangenheit wissen und sie dir selbst erschließen?

Du siehst: Geschichte beginnt mit einer Frage. Also: Stelle eine Frage an die Geschichte/Vergangenheit und denke dann über das Ziel dieser Frage nach. Dann kannst du nämlich auch die Materialien auswählen, mit denen du deine Frage beantworten kannst:

In den violetten Darstellungskästen deines mBooks findest du z.B. Geschichten über das Geschehen der Vergangenheit. Wenn du feststellst, dass sich deine Frage auf einen solchen Text bezieht, dann kannst du erfahren, was den Autor antreibt, seine Geschichte genauso zu schreiben: Welche Standpunkte nimmt er ein? Wie wertet er? Welche Botschaften möchte er vermitteln? 

In den grün gefärbten Quellenkästen deines mBooks findest du hingegen Quellen, die aus der Zeit stammen, auf die sich das Thema des Schulbuchkapitels bezieht. Wenn es etwa um einen Krieg geht, sind es beispielsweise Briefe von Soldaten. Dann stellen sich andere Fragen: Welche Informationen enthält der Text? Welche Personen, Ereignisse und Handlungen werden genannt? Welche Begründungen werden für einen Vorgang angegeben?

Merkkasten 1

Unterscheidung von 'Darstellungen' und 'Quellen'

Texte lassen sich grundsätzlich in zwei Gruppen einteilen: Darstellungen und Quellen. 

  • Darstellungen: Darstellungen sind Texte, die meistens später über ein Geschehen in der Vergangenheit geschrieben wurden. Die Autoren dieser Texte wollen mit ihnen auf die Leser ihrer Zeit einwirken: z.B. zum Nachdenken anregen.
  • Quellen: Quellen sind Texte, die aus der Zeit des Geschehens selbst stammen. Aus ihnen kann man erfahren, was damals geschehen ist, wie sich Dinge abgespielt haben und was Menschen über das Geschehen gedacht haben.
Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

Merkkasten 2

Unterscheidung schriftlicher Quellen in 'Tradition' und 'Überrest'

Schriftliche Quellen sind sehr vielfältig. Sie umfassen ganz unterschiedliche Textsorten, zum Beispiel Briefe, Urkunden, Gesetzestexte, Rechnungen, Verwaltungsakten, Zeitungen, Reiseberichte oder auch Geschichtsbücher.
Grundsätzlich kann man Quellen nach ihren Absichten in zwei Gruppen unterscheiden:

  • Traditionsquellen: Das sind Hinterlassenschaften von Menschen, die mit der Absicht entstanden sind, eine bestimmte Botschaft zu übermitteln. Diese Botschaft kann an bestimmte Personen (z.B. der Brieffreund oder die Untertanen) oder eine unbestimmte Personengruppe (z.B. die Nachwelt) gerichtet sein. Beispiele hiefür sind Briefe, Flugblätter, Memoiren (Lebenserinnerungen), Inschriften, Chroniken oder Sagen.
  • Überrestquellen: Das sind Hinterlassenschaften von Menschen, die ohne Absicht zu irgendeiner dauerhaften Nachwirkung entstanden sind. Meistens haben diese Quellen einen konkreten Zweck im Leben der Menschen. Es sind z.B. Rechnungen oder Kassenbons.
Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen
Galerie: Tradition und Überrest
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Kassenzettel
CC 4.0 BY-SA

2. Äußere Quellenkritik: von geschöpftem Papier, Überlieferungswegen und Druckorten

Kriegserklärung Kaiser Wilhelms II. vom 31. Juli 1914

Quellen werden in zwei Schritten untersucht.

Man prüft zunächst ihr Äußeres, also das Aussehen, die Größe und den Zustand der Quelle. In diesem Schritt wird auch danach gefragt, wer an wen geschrieben hat und auf welchem Wege die Quelle überliefert wurde.

Methode 1

Zu ermittelnde Informationen bei einer äußeren Quellenkritik

  1. Art der Quelle 
    Handelt es sich z.B. um eine Urkunde, einen Brief, ein Tagebuch, eine Zeitung oder eine Verwaltungsakte?
  2. Informationen zum Autor 
    Wer ist der Autor? Was wissen wir über ihn (Beruf, Geschlecht, Alter, öffentliche Funktion usw.)?
  3. Adressat der Quelle 
    An wen richtet sich die Quelle?
  4. Zeitliche Einordnung 
    Wann ist die Quelle entstanden? Was sind die Lebensdaten des Autors? 
  5. Bezug des Schreibers zum Inhalt/berichteten Ereignis 
    War der Autor der Quelle z.B. Verursacher, Zeitzeuge, Betroffener, Beobachter oder Bearbeiter des berichteten Geschehens?
  6. Überlieferungsgeschichte der Quelle aufklären
    Wer hat sie gefunden? Wo wurde sie aufbewahrt (Archiv, Bibliothek, Dachboden usw.)? 
  7. Verständnis des Textes herstellen 
    Alle unklaren Begriffe im Quellentext nachschlagen (Duden, Lexika, Wörterbücher)
Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen

3. Innere Quellenkritik: von Informationen, Argumenten und Botschaften

Liste der Wannseekonferenz 1942 über die in Europa lebenden Juden

Nach dem ersten Schritt (äußere Quellenkritik) möchte man bei der inneren Quellenkritik die Inhalte einer Quelle verstehen. Warum wurde sie geschrieben? Was wollte der Autor mitteilen? Es müssen also die Informationen und Botschaften erkannt und, wenn nötig, entschlüsselt werden.

Methode 2

Zu ermittelnde Informationen bei einer inneren Quellenkritik

  1. Informationen über die Vergangenheit erfassen:
    Welche Personen, Daten, Orte und Ereignisse werden genannt?
  2. Argumentationsgang des Autors erkennen:
    Welche Aussagen zu den Personen, Daten, Orten und Ereignissen werden gemacht? Wie wird das Geschehen geschildert?
  3. Interessen, Perspektiven und Standpunkte des Autors ermitteln:
    Welche Meinungen zum Geschehen vertritt der Autor?
    Welche persönlichen Meinungen lässt er in den Text einfließen?
  4. Wirkungsabsicht des Autors ermitteln:
    Warum wird das Geschehen in dieser Art und Weise dargestellt?
    Was wird ausgelassen?
  5. Interpretation und persönliche Bewertung der Quelle durch den Bearbeiter:
    Welche weiteren Informationen müssen eingeholt werden, um das Geschehen der Vergangenheit besser verstehen zu können?
    Überzeugt mich die Schilderung des Geschehens in der Quelle?
    Wie bewerte und beurteile ich die Schilderungen des Autors der Quelle?
Marcus Ventzke, Institut für digitales Lernen